Marktgemeinde Ottobeuren
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28.04.1919 - Aufstellung des Ottobeurer Truppenkontingents zum Freikorps Schwaben (Mobilmachung des Landsturmes in Ottobeuren)


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Gemessen an der Einwohnerzahl stellte Ottobeuren mit ca. 130 Mann das größte Truppenkoningent zur Bildung des Freikorps Schwaben. Das Foto zeigt genau den Moment der Aufstellung am Rathaus Ottobeuren am 28.04.1919 vor dem Abmarsch Richtung Bahnhof zur Fahrt nach Memmingen.

Dem Aufruf an die Ottobeurer waren ungwöhnlich viele Freiwillige gefolgt. Das Ottobeurer Tagblatt berichtete am 26.04.1919 (Nr. 96, S. 4, pdf 383):
Freikorps Schwaben. Bis heute haben sich in Ottobeuren 94 Mann zum Freikorps Schwaben eingezeichnet. Seit dem Versammlungsabend haben sich nochmals 27 Mann gemeldet, sodaß heute noch die goldene Zahl von 100 erreicht werden dürfte. Alle Hochachtung!

Die Stimmung bzw. Motivation wird in einem Artikel über die Situation in Memmingen (auf derselben Seite) deutlich:
Memmingen im Zeichen des Freikorps Schwaben. Nur wenige Tage hat es gebraucht, um hier den Ausgangspunkt schwäbischen Willens gegen Münchener Terror zu schaffen. Allenthalben, wohin man schaut, sieht man das allbekannte Grau, das diesmal „leider“ ganz besondere Aufgaben zu bewältigen hat. Äußerlich wird die Zugehörigkeit zur Schwabenwehr durch das silberne Edelweiß auf grünem Spiegel links und rechts der Kragens gekennzeichnet. Die Disziplin beruht nicht in gedankenloser Unterordnung unter den Willen der Vorgesetzten, sondern der alles durchdringende Geist zur Bekämpfung des Bolschewismus läßt die Angehörigen, gleich welchen Grades, miteinander wetteifern in selbstloser Aufopferung, eingedenk der Pflicht, Bayern und seine rechtmäßige Regierung in der Stunde der höchsten Gefahr nicht entrechten und verderben zu lassen.
Wir sehen in den Straßen und besonders vor dem Stabsgebäude (der Hallhofschule) ameisenhaftes Leben und Treiben. Den ganzen Tag über rasseln Autos und Motorräder. Radfahrer, Meldeläufer u. Ordonnanzen — alles rennet, — um zu retten, bevor's zu spät ist.
Hier in der Hallhofschule ist auch die Waffenzentrale für ganz Schwaben. Wer Waffen will, richtet seinen Antrag dorthin. Natürlich nicht auf eigene Faust, sondern durch die Gemeinde. Bald wird auch das zu einer vollkommen feldmarschmäßigen Ausrüstung gehörige Gerät beisammen sein, und dann ....... dann wünschen wir aus tiefstem Herzen euch allen, die ihr für den Erhalt unserer Heimat euer Leben einsetzt, viel, viel Glück auf den Weg. Mögen eure Erfolge gekrönt und getragen werden durch den Dank eurer Heimat.

Ottobeurens 2. Bürgermeister (= Beigeordneter) Max Pfalner (pdf S. 391; Memminger Volksblatt vom 29.04.1919, S. 3) hielt vor dem Rathaus eine Ansprache, die Zeitung berichtete mit großem Pathos:

Ottobeuren
o. Freikorps Schwaben. Gestern vormittag haben wir eine Stunde von so schwerem Ernste erlebt, wie es wohl in der bald 800 jährigen Geschichte Ottobeurens nicht oft der Fall war. Das Vaterland ruft in größter Not seine Söhne zu Hilfe und Rettung vor drohendem Untergange. Und diesem Rufe haben hier viele jungen Leute und auch ein großer Teil der Bürgerschaft Folge geleistet. Freiwillig verlassen sie Haus und Geschäft und viele von ihnen Frau und Kinder, um hinauszuziehen zum Kampfe für Ordnung und Ruhe im Laude. Bei 130 Mann waren es, die sich, teilweise schon in voller Ausrüstung, auf dem Marktplatze unter dem Kommando des Herrn Oberleutnant Raich aufstellten. Vor dem Abmarsch zum Bahnhof sprach ihnen Herr Beigeordneter Max Pfalner den Dank der Gemeinde aus für das große Opfer, das sie für das Vaterland bringen, versicherte sie, daß ganz Ottobeuren sie mit Segenswünschen begleite, und drückte den Wunsch aus, der liebe Gott möge sie alle recht bald und gesund wieder zurückführen. Auf dem Bahnhofe, wohin sie eine große Menschenmenge begleitete, gab es noch manche rührende Abschiedsszene, wenn auch im allgemeinen guter Humor die Oberhand behielt. Hoffen wir, daß sich die Lage in Bayern bald so bessern möge, daß ein blutiger Zusammenstoß verhütet wird.

Am 02.05.1919 (Titelschlagzeile: „Die Regierungstruppen unter schweren Kämpfen in München eingedrungen. Rosenheim ebenfalls in der Hand der Regierungstruppen. Gandorfer und Kübler als Kommunistenführer in Rosenheim verhaftet“) hieß es auf Seite 3 (pdf 399)
Freikorps Schwaben. Der erste Transport des Freikorps Schwaben verließ Mittwoch abend die Stadt. Es wird trotz der bereits gemeldeten teilweisen Einnahme Münchens noch genügend Arbeit zu leisten sein, da die, im ganzen Lande verbreiteten Spartakistennester noch der Aushebung bedürfen. Auch ist die Aufstellung von örtlichen Volkswehren (Stadtwehren) in den meisten Fällen von einer vorherigen Besetzung durch Regierungstruppen abhängig. Daher ergeht weiterhin die ernste Mahnung zum Beitritt ins Freikorps Schwaben.
Freikorps Schwaben. Nachdem bereits ein Bataillon des Freikorps zu den Operationen gegen die Münchener Rebellen abgestellt werden konnte, wird es interessieren, welche Orte bisher hauptsächlich die Mannschaften zum Freikorps gestellt haben. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hat weitaus die meisten Mannschaften Ottobeuren abgestellt. Memmingen und Kempten sind selbstverständlich mit größerer Zahl vertreten. Doch steht diefe noch keineswegs im entsprechenden Verhältnis zur Einwohnerzahl. Gut vertreten sind aber die
Gemeinden Blaichach, Benningen, Markt Erkheim, Frickenhausen, Holzgünz, Haitzen, Hawangen, Kimratshofen, Lengenwang, Lachen, Lautrach, Lauben bei Memmingen, Legau, Markt Oberdorf, Niederrieden, Nesselwang, Niederdorf, Obergünzburg, Oberstdorf, Ollarzied, Schlegelsberg, Sontheim und
Westerheim.
Sonst sind viele Orte des Allgäu und des, südlichen Schwaben durch einzelne Mannschaften vertreten. Es sollte aber der Ehrgeiz einer jeden Gemeinde sein, zu den gut Vertretenen zu gehören. Möge das gegebene Vorbild von Ottobeuren und den anderen obengenannten Landgemeinden seine Wirkung nicht verfehlen.
Von der Gemeinde Ottobeuren haben sich 7 Prozent der Bevölkerung dem Freikorps Schwaben zur Verfügung gestellt. Fürwahr ein herrliches Beispiel vaterländischen Opfermutes, das zur Nachahmung nur dringendst empfohlen werden kann. Wenn man solche Zahlen liest, sollte man es nicht für möglich halten, daß einzelne Gemeinden gar keine Leute stellen oder doch nur in so geringer Anzahl, daß nicht einmal ½ Prozent der Bevölkerung erreicht wird.

Wie lange sich das Thema Räterepublik selbst nach der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes noch hinzog, belegt der sogenannte „Memminger Hochverratsprozess“ vom Februar 1920. Die Abschrift der Zeitungsberichte hierzu ist seit April 2018 im virtuellen Museum abrufbar.

Der bisherige Beitrag zur Mobilmachung des Landsturms am 21.08.1914 wurde aufgrund des Bildes vom 28.04.1919 nach unten geschoben und erhält demnächst eine eigene Seite ...

Eigentlich sollten Landsturm und Landwehr laut Verfassung des Kaiserreichs nur dann mobilisiert werden, wenn der Feind im eigenen Land steht. Am 21. August wurden dennoch sowohl der Landsturm des ersten Aufgebots sowie - altersbedingt - die gedienten Teile des zweiten Aufgebots einberufen.

Diejenigen, die nicht mehr mobilmachungspflichtig waren, wurden aufgerufen, sich freiwillig zu stellen. Das Äquivalent zum Landsturm des Weltkriegs findet sich zwischen 1939 und 1945 in den Landwehr- und Landsturmeinheiten, die im damaligen Sprachgebrauch als „Landesschützen“ bezeichnet wurden. Nicht verwechseln darf man Landsturm und Landwehr mit dem sog. „Volkssturm“ von 1944/45.

Zu sehen sind etwa 110 Männer in Uniformen, die vor dem Rathaus angetreten sind und von den Angehörigen verabschiedet werden. Das Bild ist nicht datiert, die Uniformen haben jedoch keine Schulterklappen, die erst im Zuge einer Vereinheitlichung der Kennzeichnungen eingeführt wurden. Links ist ein berittener Soldat mit Stahlhelm zu sehen, das Gros der Männer trägt ein Gewehr.

Nähere Informationen zu Landsturm und -wehr finden sich hier:
www.altearmee.de/hilfe/landsturm/index.htm
www.altearmee.de/hilfe/landsturm/index2.htm

Das Bild aus dem Archiv der Feuerwehr Ottobeuren (Bearbeitung: Walter Buchmiller) wurde in zwei Versionen eingepflegt, in 300 dpi und - etwa 12,5 MB groß - mit 800 dpi.

Das Ottobeurer Tagblatt machte die Einberufung des Landsturms am 24.08.1914 zur Titelschlagzeile. Dort wurde sie wie folgt begründet:

Da wir nicht an einer Front, sondern nach drei Fronten kämpfen, ist die nächste große Aktion, dafür Sorge zu tragen, daß unser Feldheer in seiner (keiner?) Weise durch Abkommandierungen von Wacht- und Transportkommandos geschwächt wird. Ganz abgesehen davon, liegt es aber auf der Hand, daß es falsch sein würde, die mächtige Kraft, die in unserem Landsturm liegt, ungenutzt zu lassen, oder sie erst dann einzusetzen, wenn sie nötig sein sollte. Die beste Politik ist die, unangenehmen Lagen vorzubeugen. Ein Abwarten würde heißen, daß wir die gewaltige Volkskraft des Reiches tropfenweise einsetzen würden, statt sie in ihrer ganzen Gewalt zu benutzen, um den Sieg unserer Waffen so rasch und so gründlich wir möglich zu sichern. Ein tropfenweises Einsetzen der vorhanden Kräfte ist in der Kriegsgeschichte aller Zeiten verhängnisvoll gewesen, und wir haben die Berechtigung, uns glücklich zu preisen, daß unsere Heeresleitung in diesen Fehler nicht verfällt. Das Aufgebot ist bisher unterblieben, nicht weil wir zu viel Leute gehabt hätten, sondern lediglich, weil die Schnelligkeit der Mobilmachung durch das Aufgebot des Landsturmes bei dem vorhandenen gewaltigen Menschenmaterial gelitten haben würde. Jetzt ist die Bahn frei. Unsere Mobilmachung des Heeres verlief vorzüglich, und die Maschinerie für die Mobilmachung des Landsturms kann ihre Arbeit beginnen. Noch einmal: Nicht Unsicherheit der Lage zwang zu dem Aufgebot, sondern die Pflicht, das Erwachsen einer unsicheren Lage unmöglich zu machen.