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16.07.1911 - Festfeier zur Enthüllung und Einweihung der Veteranen-Ehrentafel


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Ein ganz besonderes Ereignis ist hier gleich in dreifacher Form dokumentiert: Zur Festfeier der Einweihung der Veteranen-Ehrentafel gibt es nicht nur ein geniales Bild, sondern - dazu passend - auch zwei Zeitungsartikel aus dem Ottobeurer Volksblatt (sowie zwei Ankündigungs-Annoncen einschließlich Festprogramm) und aktuelle Bilder vom Friedhof Ottobeuren, denn die Ehrentafel ist dort (auf der Westseite in der Mauer) auch heute noch (2014) erhalten.

Die Bildperspektive irritiert zunächst, denn heute sieht die Luitpoldstraße doch recht verändert aus. Das Foto wurde vermutlich vom ersten Stock des heutige Nanu gemacht. Erhalten ist noch das Wohnhaus Baron (Luitpoldstr. 17), bei dem großen Gebäude dahinter handelt es sich entweder um die Brauerei Hafner oder die Viehgroßhandlung Hafner. Heute steht hier die Hafner-Villa mit seinem Angebot an betreutem Wohnen. Zu sehen sind die festlich herausgeputzten Besucher des Festzuges, der sich von der Abteikirche über die Luitpold- und dann Ludwig (bzw. Eldernstraße) bis zum Friedhof erstreckte. Im Vordergrund sind die dekorierten Veteranen des Krieges 1870/71 gegen Frankreich zu sehen, dahinter die Geistlichkeit. Ganz rechts steht das Vorläuferhaus vom Baugeschäft Mayer (seit 19.07.2014 das neu erbaute Versicherungsgebäude Luitpoldstr. 29 der Eheleute Christian und Danuta Elisabeth Czogalla, die eine bayernweite Kundschaft betreuen; siehe Kurier vom 16.07.2014, S. 6f.)

Die Ereigniskarte ging an den Schutzmann Matthäus Drexel in der Ringseisstraße 3 / 1. Stock in München. Der Kartentext geht auf das Ereignis ein:

Ottobeuren, den 22. Juli 1911.
Werther Herr Schwager und Schwager Mutter,
Ich sende Euch eine Karte vom Veteranenfest. Neben der Fahne ist der Vater. Gesund wir alle. Gruß von Bruder Wahlerich. Gruß an alle u. Frau Rauh.
Gruß von uns allen, Nikolaus und Dori Dreier.

Über die Festfeier zur Einweihung der Veteranen-Ehrentafel auf dem Friedhof am 16.07.1911 erschienen in Ausgabe 76 vom 13. Juli (pdf-Datei, S. 358) erstmals zwei Annoncen mit der Ankündigung (nochmals in Ausgabe 77 vom 15.07. mit den gleichen Annoncen), der ausführliche Bericht von Kasimir Raith wurde zur Hauptschlagzeile in Ausgabe 78 vom 18.07.1911. mit zweiseitiger Fortsetzung in Nummer 79 vom 20.07.1911 (s. 369 f. der Datei).

Ausschnitte aus dem Zeitungstext:
Nachdem sich der Festzug vor demselben aufgestellt hatte und in die nachströmende Menschenmenge etwas Ruhe gekommen war, sang der Männergesangsverein Körners Gebet vor der Schlacht: „Vater ich rufe Dich!“ Dieses schöne, mit vielem Gefühl vorgetragene Lied machte tiefen Eindruck. Und als hierauf der Vorsitzende des Festkomitees Herr Adolf Fergg in seiner Festrede mit begeisterten Worten auf die Entstehung und Bedeutung des Denkmals hinwies und auf die unsäglichen Strapazen und Entbehrungen, welche die Soldaten im Feld zu ertragen, auf Krankheiten und Wunden, die sie erduldet, und wie nun ihre Namen der Vergessenheit entrissen, einst nach ihrem Tod hier auf dieser Ehrentafel auch den kommenden Geschlechtern überliefert werden sollen, da zuckte es in manches Veteranen wetterhartem Angesichte und eine Träne der Rührung rann in den grauen Bart. Und als auf ein Wort des Redners unter Kanonendonner und den Klängen des Präsentiermarsches die Hülle von dem Denkmal fiel und dieses sich zum ersten Male zeigte in seiner ganzen Pracht vor aller Augen, da zog ein bewunderndes Staunen durch die große Volksmenge und aller Herzen schlugen freudig beim Anblicke des herrlichen Werkes.
In der Mitte des fast fünf Meter hohen Denkmals zeigt sich in erhabener, kunstvoll in Kupfer getriebener Arbeit ein Friedensengel halb stehend, halb schwebend, in edler, majestätischer Haltung das Haupt erhoben, die Rechte segnend ausbreitend, in der Linken einen mächtigen Palmzweig haltend. Im Hintergrunde erblickt man Ottobeuren, über dem sich als Zeichen des Friedens ein Regenbogen wölbt. Diese Darstellung schließt nach vorn ein Fries mit stilisierten Blumen ab, unter dem sich die Worte befinden: Gott war mit uns, ihm sei die Ehre. Dieses Kupferreliéf hat eine Höhe von fast dritthalb Meter. Zu beiden Seiten desselben sind zwei große Platten aus rötlichem Salzburger Marmor, auf denen die Namen der hiesigen Veteranen eingegraben sind, beziehungsweise es nach ihrem Tode noch werden. Über der Kupferplatte ist unter dem geschweiften Giebel der das Ganze umschließenden Mauer ein aus Kupfer getriebenes Eisernes Kreuz. Unter derselben steht auf einer breiten Marmorplatte die Widmung:

Dem Gedächtnis
der heimgekehrten und auf dem Friedhofe
ruhenden Krieger
der Feldzüge 1866 und 1870/71
die dankbare Pfarrgemeinde Ottobeuren.

Die Darstellung des Friedensengels ist nach einem Modell von dem Münchner Künstler A. Kaindl von X. Abt in Mindelheim getrieben. Die Marmorplatten und die Schrift sind von den beiden hiesigen Steinmetzen gemacht.

Auch den Franzosen - die damaligen Gegner - wurde der Respekt bezeugt. Im Zeitungstext heißt es dazu:
Damit war eigentlich der Festakt auf dem Friedhofe zu Ende, aber im Festprogramm war noch eine weitere Feier vorgesehen. Auf unserem Gottesacker ruhen bei 40 französische Soldaten, die von den im Jahre 1871 hier internierten Kriegsgefangenen damals starben. Auch sie sollten heute nicht ohne besondere Ehrung bleiben. Und so setzte sich der ganze große Festzug wieder in Bewegung, um bei dem langen Reihengrab der Franzosen zu halten. Der Grabstein – er war bald nach dem Kriege aus Frankreich hier eingetroffen – ist zwar immer mit Blumen geschmückt, aber so fein, so schön wie heute war er doch noch nie geziert. Fast übertraf sein Kranz-, Blumen- und Kranzschmuck den der Veteranen-Ehrentafel. Herr Beigeordneter D. Schropp, ebenfalls Veteran, legte einen Kranz am Grabe nieder und hielt eine ungemein zu Herzen gehende Ansprache, in der er ausführte, daß wenn auch das Grab hier vielleicht von den Franzosen vergessen sei, es in Ottobeuren nie vergessen werde. Auch die hier Ruhenden starben für ihr Vaterland. Den Herrn Redner, der 1870 selbst in Gefangenschaft geriet und mehrere Monate in derselben zubrachte, übermannte fast die Rührung. Auch hier wurde ein Gebet verrichtet.

Neben der Bronze des Friedensengels sind 95 Namen der zwischen 1872 und 1938 verstorbenen Veteranen auf drei Tafeln eingraviert. Auf dem hier ebenfalls abrufbaren Bild (vom 29.05.2014) der Tafel des Kriegerdenkmals an der Klostermauer (Nähe Basilikaparkplatz), das die gefallenen Kriegsteilnehmer  von 1870/71 auflistet, sind acht Männer genannt:
Theodor Hölzle, Alban Karrer, Max Madlener, Sebastian Müller, Mathias Petrich, Andreas Raith, Michael Wittwer und Johann B. Wölfle.

Bei dem ganz rechts abgebildeten Gebäude handelte es sich um das Baugeschäft von Baumeister Johann Mayer. Die Errichtung eines Baugeschäfts gab er im Februar 1897 bekannt (Ausgabe 5 des Ottobeurer Wochenblatts). Es hieß dort u.a.
Empfehle mich daher zur Übernahme aller in das Baufach einschlagenden Arbeiten, insbesondere zur Anfertigung von Plänen & Kostenvoranschlägen, von Neubauten, sowie zur Übernahme der letzteren unter Zusicherung gewissenhafter und rechtzeitiger Ausführung.

Das Bild des Umzuges (Sammlung von Helmut Scharpf) wurde von Walter Buchmiller digital restauriert. Die Abschrift des Artikeltextes wurde von Kathrin Merz erstellt. Das Vergleichsbild der Luitpoldstraße wurde am 10.05.2014, die Bilder vom Denkmal selbst am 06.05.2014 gemacht. Die Jahresausgabe der Zeitung ist hier abrufbar.