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19.09.2014 - Kunstausstellung von Ercan Dündar: Briefe an die Heimat


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Briefe an die Heimat von Ercan Dündar ist eine sehr politische Ausstellung, die die Verhältnisse und Veränderungen in seinem Geburtsland Türkei thematisieren, Entwicklungen, die dem Künstler keine Ruhe lassen.

Ercan (sprich: Ertschan) Dündar lebt seit 1980 in der Bahnhofstraße 58 in Ottobeuren. Selten war eine Vernissage - traditionell vor einem Konzertsonntag im Kursaal (Haus des Gastes) - so gut besucht. Beppo Haller als Laudator gab in seiner Rede viele Einblicke in den Schaffensprozess des Künstlers und die treibende Kraft. Hier sein Redebeitrag:

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Gäste des Künstlers,
lieber Ercan!

Vor noch nicht allzu langer Zeit klingelte des Abends mein Telefon. Es war Ercan Dündar - und begleitet von viel Entschuldigungen sprach er von einem großen Wunsch: Er bat mich bei seiner heutigen Vernissage seiner Ausstellung die Laudatio zu übernehmen und wenn vielleicht auch noch möglich, sollte Achim - unser Sohn - zusammen mit Steffi Stiegeler den musikalischen Part übernehmen. Lange hätte er diesen Anruf hinausgezögert, es sei ihm peinlich und unangenehm gewesen diesen Wunsch zu äußern. Nun, wer Ercan in seiner maßlosen Bescheidenheit kennt, wundert sich darüber nicht.

Gerne habe ich ihm zugesagt, Sie heute mit den aktuellen Schaffensgedanken und mit dem hier ausgestellten Werk von Ercan Dündar vertraut zu machen.

In einem Interview mit dem freien Journalisten Dr. Klaus Wagner „Über Kunst und Asyl, Einsamkeit und Sehnsucht“ aus dem Jahre 2007 hat Ercan Dündar gesagt: „Der Ausgangspunkt für ein neues Bild ist keine Idee, sondern die Lust zu malen. Ich nehme mir eine Leinwand und fange einfach an, mich auszudrücken. Wie das fertige Bild aussehen soll, interessiert mich am Anfang nicht.“

Wir eröffnen heute eine Ausstellung mit Werken, bei denen diese Aussage meines Erachtens nur bedingt zutrifft. Diese Bilder sind von einem Geschehen besetzt, das den gesamten Schaffensprozess des Künstlers zielführend bestimmt hat und das für ihn schmerzhafte Parallelen aufzeigt:

Als Ercan Dündar 1980 als 23-Jähriger seine Heimat verließ und in Deutschland um Asyl ersuchte, stand die Türkei kurz vor einem Militärputsch (12.09.1980), der sein Land in ein autoritäres Regime verwandelte und damit Meinungs- und Geistesfreiheit abschaffte. Dies waren demokratische Werte und Grundvoraussetzungen, die für ihn und sein Leben unerlässlich waren; deshalb musste er seine Heimat verlassen.

In dem eben zitierten Interview sagte Dündar weiter, er sei bei seiner Malerei überhaupt nicht festgelegt. „Bei mir ist das Gefühl bestimmend. Ich arbeite aus dem Bauch heraus.“

Dieses Mal wurde sein Bauch maßgeblich von einem Artikel des „Spiegel“ vom Juni 2013 beeinflusst, den er mir zu Beginn unseres ersten Treffens zu dieser Ausstellung in die Hand gedrückt hat. „Lies das und Du verstehst, wie diese Bilder entstanden sind, warum sie entstanden sind und was ich damit ausdrücken will und muss! Sie zeigen meine Solidarität mit den Menschen auf dem Taksim-Platz in Istanbul, wenn ich die Demonstranten schon nicht vor Ort unterstützen kann.“ – Das sagt er aufgeregt, engagiert, mitleidend, als Türke, weiter seiner Heimat und seinen Landsleuten verbunden und seine Wurzeln bekennend.

Sehr geehrte Gäste,
diese Ausstellung trägt den Titel: „BRIEFE AN DIE HEIMAT“. Dündar schreibt diese Briefe auf seine Weise, er macht das, was er kann: Er malt seine Botschaft an die Türkinnen und Türken, aber auch an uns alle, uns Deutsche, alle Europäer.

Dort, wo die Sprache versagt, kann Kunst alternative Wege aufzeigen, wie Völkerverständigung gelingen und wie sich ein zerrissenes Volk wieder näher kommen kann.

Ercan Dündar ist diese Kommunikation so wichtig; das im Gespräch bleiben, im Gegensatz und Widerstreit der Positionen eine eigene und bestenfalls gemeinsame Vorstellung unserer Zukunft entwickeln. Das passt nicht zu Reglementierung, Verboten und Unterdrückung, die er bei seiner Flucht aus der Heimat schon einmal kennen gelernt hat.

Diese Ausstellung braucht eine zweite, nicht weniger wichtige Überschrift - das Motto der besagten Ausgabe des „Spiegel“:

Auf der Titelseite sehen wir eine Junge Frau; sie trägt ein Schild in der Hand auf dem steht: „BOYUN EGME!“ – Das heißt: „Beugt euch nicht.“

Dündars Bilder zeigen in dieser Schau nahezu ausschließlich aufrecht stehende Menschen; aufrecht stehende junge Menschen – Der Künstler sagt: Die Jugend ist die Zukunft des Landes; sie stehen heute - lautstark aber auch schweigend - auf dem „Taksim Meydani“, um für ihre Freiheit und Selbstbestimmung zu kämpfen. Sie wollen sich nicht von den undemokratischen Gesetzen ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterdrücken lassen.

Farbenfroh sind sie - Dündars Bilder - und damit strahlen sie Zuversicht, aber auch Entschlossenheit aus; … dass gegen Bestrebungen zur Wiedereinführung der Todesstrafe, gegen die verschärften Kontrollen des Internets und die Einschüchterungen der Presse nur der aufrechte Gang und ein starkes Rückgrat vieler Menschen hilft.

Und sie sind erotisch - erlauben Sie mir dazu meine eigene Interpretation - erotisch als Protest gegen die neuesten Versuche Erdogans nun auch noch gemischte Studenten-Wohngemeinschaften zu verbieten und staatliche Kontrolle innerhalb privater Wohnungen auszuüben.

Manchmal zeigen seine Bilder auch Menschen gebeugten Hauptes; sie symbolisieren die Unterdrückung, ganz besonders die Unterdrückung von Frauen, die - im wahrsten Sinn des Wortes - wieder verschleiert werden sollen. Schon deshalb malt der Künstler - in absichtlicher Negierung mancher Realitäten - seine Frauen grundsätzlich nicht verschleiert, sondern weltoffen bis hin zur völligen Nacktheit!

Unverschämt, unverbaut und respektlos vor jeglichem kunstakademischen Gehabe (ED ist ein leidenschaftlicher Autodidakt) verwendet Ercan Dündar alle Malmaterialien, die er finden kann und die er sich in seinem Atelier bereit gestellt hat. Wie er Multi-Kulti in seinem Wesen ist, so ist er Multi-Kulti in der Materialwahl und deren Kombination! Er braucht die Freiheit und nimmt immer wieder aufs Neue die Herausforderung von Acryl, Pigmenten, Pastellkreiden und Stiften an und lässt sie mit Spachtel, Pinsel, Finger und Hand am liebsten auf einem 120 x 120 Leinwandformat zur Gestalt werden!

Warum er sich der Ölmalerei verschließt, hat einen guten Grund: Er muss zu lange warten, bis er weiter malen kann, denn die Ölfarbe braucht zu lange, um zu trocknen und das würde seinen Schaffensdrang behindern, so sagt er selber - und er kann und will nicht warten, sondern seiner Ungeduld nachgeben.

Ercan Dündar kombiniert Farben und Formen, er experimentiert mit ihnen, er streicht und spachtelt, überlagert sie, ergänzt und unterstreicht sie mit grafischen Elementen. Filigrane Gewebe erinnern an orientalische Schriften und Koransuren. Dündar sucht in der Form die Figur und postuliert in dem bereits zitierten Interview: „Egal womit ich beginne, ich ende immer damit, dass ich Menschen male.“

In der Darstellung aufrechter und gebeugter Menschen führt uns Dündar die Spaltung der Gesellschaft seiner Heimat vor Augen. Die Spaltung in „weiße“ und „schwarze“ Türken, die guten und bösen, die religiösen und säkularen, die modernen und die konservativen, die Gläubigen und die Ungläubigen; er zeigt, wie diese Spaltung durch die derzeitige Regierung geradezu provoziert wird, wenn Demonstranten kriminalisiert und als Terroristen abgestempelt werden.

Sehr geehrte Gäste,
Sie sehen und erleben auch in meiner Rede hautnah: Die harte politische Debatte in der Türkei drängt das Werk von ED scheinbar immer wieder in den Hintergrund - jedoch nur scheinbar - in seinen Bildern bringt er sich und seine Anliegen selbst ganz vorne. An die Rampe der Bühne, in diesen Ausstellungsraum, zu uns Betrachtern.

Ercan Dündar, ein schüchterner und zurückhaltender Mensch, ein Arbeiter, der als Schweißer seinen Lebensunterhalt verdient und damit viel Zeit seines Lebens in der Werkhalle verbringt; Ercan Dündar, der Abends und am Wochenende, als Künstler, zum extrovertierten Intellektuellen wird und uns seine Botschaft zu übermitteln weiß und deutlich Stellung bezieht, uns zeigt, wo er steht.

Ercan Dündar, der seinen Landsleuten und uns seine besonderen Briefe schreibt, indem er sie uns zeichnet und malt - nicht immer ganz leicht zu erschließen und zu verstehen, denn Bilder erfordern Vorstellungskraft und die heilsame Erkenntnis, dass die Gedanken frei sind… Er will, dass wir uns mit seinen Darstellungen und Aussagen beschäftigen - er fordert es von uns vehement ein und zwingt uns damit zu einer persönlichen Positionierung im politischen, wie künstlerischen Kontext!

Folgen wir seiner Aufforderung und lassen wir uns auf diesen Prozess ein!

Die Bilder wurden mit Kunstlichtspots beleuchtet, die Fotos (Helmut Scharpf) können sich farblich dem Original nur annähern! Die Fotos als solche sind zwar gemeinfrei, die abgebildeten Werke jedoch urheberrechtlich geschützt. Die Ausstellung wurde durch das Touristikamt mit einem Plakat beworben.

Die 15 ausgestellten Bilder standen zum Verkauf, in der Regel zu Preisen zwischen 1200 und 1700 €. Drei Bilder wurden verkauft. Bis auf drei Bilder hatten alle einen Titel (von links nach rechts der Vorschaubilder):

Bild 10: Unsichtbare Vierte
Bild 13: ohne Titel
Bild xx: ohne Titel (?)
Bild xx: ??
Bild 01: Grenzenlos (nach dem Grubenunglück von Soma)
Bild 02: Charme
Bild 03: So nah - so fern
Bild 05: Wo War Er?
Bild 09: Geschwisterlich
Bild Beppo Haller (mit dem erwähnten Titel des Spiegel)
Bild von Ercan Dündar vor einem seiner Bilder
Bild der Besuchermenge

In der Memminger Zeitung vom 20.09.2014 erschien auf S. 43 ein Bericht von Brigitte Unglert-Mayer (Er malt, was ihn bewegt). Daraus einige wenige Zitate:
Seit 34 Jahren lebt er in Ottobeuren und nennt es fern von der Heimat. Er sei hier zwar gut integriert, sagt er. Trotzdem habe er jeden Tag Sehnsucht, wenn er beispielsweise türkische Leute reden höre oder die Entwicklung in der Türkei verfolge.
Die meisten Bilder seien nach den Unruhen wegen des Gezi-Parks in Istanbul entstanden. Ich male meine Eindrücke, was mich bewegt, was mich schmerzt, sagt er und zeigt auf Bilder mit modernen jungen Leuten in Jeans. (...)
Dündar bewegt ebenso die Zweiteilung der Gesellschaft in der Türkei zwischen Weltstadt und Lehmhäusern in den Dörfern, aber auch die Rolle der Frau.

Am 15.10.2014 meldete die Memminger Zeitung auf S. 31, dass Ercan Dündar mit bis zu 882 € von der Bürgerstiftung Ottobeuren unterstützt werden wird, um mit den Asylbewerbern ein Integrationsprojekt umzusetzen. Gestellt werden Material, Farbe und Leinwand. Die Stiftungseinlage betrug mit Stand 12/2013 59.000 Euro.

Weitere Infos zum Künstler finden sich hier. Kontakt: Bahnhofstr. 58, 87724 Ottobeuren, 08332/8539

Aktualisierung im Juli 2018: Ercan Dündar (*19.07.1957, nahe Ankara, † 21.07.2018, Ottobeuren) starb kurz nach seinem 61. Geburtstag an den Folgen eines Krebsleidens.