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21.09.2014 Basilikakonzert mit der Missa Solemnis von Franz Xaver Schnizer (1740 - 1785)


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Im Rahmen eines Konzertsonntages erklang am 21.09.2014 erstmals das Werk eines lokalen Komponisten. Unter Ton Koopman (*02.10.1944) kam neben dem Magnificat von Johann Sebastian Bach auch die Missa Solemnis in C von Franz Xaver Schnizer (manchmal auch falsch: Schnitzer) zur Aufführung, die zur Einweihung der barocken Abteikirche 1766 uraufgeführt worden war.

Zum 200-jährigen Jubiläum der Einrichtung der Pfarrei 2005 wurde vom Verlag Dr. J. Butz (St. Augustin / Bonn) - unterstützt von der Katholischen Pfarrkirchenstiftung St. Alexander und Theodor sowie der Vereinigung der Freunde der Benediktinerabtei e.V. - die handschriftlichen Einzelstmmern (Signatur MO52) transkribiert und in Partituren zusammengefasst und als Neudruck (Verlagsnummer 1913) herausgegeben; Probeseiten (das Kyrie und Teile des Gloria) vom Verlag gibt es hier. Im Begleittext der Ausgabe schrieb Friedrich Hägele:
Schnizers Schaffensperiode fällt in die Blütezeit des Ottobeurer Musiklebens, die etwa von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Säkularisation 1803 andauerte. Diese Epoche wurde entscheidend geprägt von Abt Honorat Göhl, der seit 1767 als Abt des Klostes amtierte. Göhl föderte die Kirchenmusik nachhaltig, und zwar sowohl was die Ausübung des Chorgesangs und der Vokalpolyphonie im 'stile antico' Palestrinas betraf, als auch zeitgenössische sakrale Musik, die auf neapolitanische, venezianissche und oberitalienische Vorbilder zurückzuführen war. (...)

Umfangreich ist Schnizers musikalische Hinterlassenschaft. Darunter sind mehrere Messen, Marianische Antiphone, Hymnen, Vesperpsalmen, Gradualien, Kantaten, Bühnekompositionen für weltliche Anlässe und Sonaten. Sein Kompositionsstil ist durch die traditionelle kontrapunktische Setzweise geprägt, doch spürt man auch (das) Bemühen um einfache klare Melodik und Harmonik.

Zu Schnizer schrieb das Ottobeurer Volksblatt in Ausgabe 55 vom 8. Mai 1913 auf S. 3:
Dem Gedächtnis des Componisten Franz Schnitzer. Morgen jährt sich, wie uns mitgeteilt, wiederum der Todestag (1785) des hier verstorbenen Componisten Franz Schnitzer. Am 13. Dezember 1740 zu Wurzach geboren, trat er in noch jungen Jahren in das hiesige Benediktinerkloster, wurde 1766 Priester und dann Chorregent und Küchenmeister des Klosters. Von seinen Compositionen ist nur wenig gedruckt; sie bestehen in 15 Singspielen, mehreren Messen, 1 Vesper, 6 Sonaten und den 4 Antiphonen bei der Fronleichnamsprozession. Auch änderte er die bisher üblichen einstimmigen Choral-Antiphonen für die Festtage des Jahres in schöne vierstimmige Gesänge um.

Auch die Straßenschilder machen die Verwirrung um die richtige Schreibweise mit: Die Schnizer-Straße in Ottobeuren (im Südbau) ist auf der Nord- und Südseite mit „z“, an der Einmündung der Peter-Dörfler-Straße mit „tz“ geschrieben.

Zur Aufführung mit dem Amsterdam Baroque Orchestra und Chor unter Ton Koopman schrieb Markus Noichl am 22.09.2014 (Seite: „Allgäu-Kultur“) in der Memminger Zeitung unter dem Titel „Lehrreiche Musikstunde“:
Warum die Traversflöten nur im Benediktus (hier aber sehr schön) zum Einsatz kommen? Warum im „Passus“ die übliche absteigende Chromatik (hinabgestiegen in das Reich des Todes) durch eine schlichte Tonleiter ersetzt wird? Warum Schnizer sich das versammelte Solisten-Quartett zwar fürs Finale, fürs „Dona nobis pacem“ aufspart, dann die Sänger aber gar nicht gemeinsam loslegen dürfen und sofort wieder verschwinden müssen? Das sind Regiemängel, die sich auch nicht mit den damals üblichen Personalsorgen begründen lassen. Sei's drum - es ist ein sympathischer, menschlicher Zug, einem Musikschöpfer aus heimischen Reihen diese Ehre angedeihen zu lassen. Richtig loslegen konnten die bis hierher unterforderten Musiker und Sänger dann in Bachs „Magnificat“.
(...)
Lehrreiche 90 Minuten in der Basilika, hälftig aufgeteilt zwischen einem rechtschaffenen Tonsetzer, der in seiner Zeit für seinen Ort wirkte, und einem Weltmusiker, dessen Klänge wohl überdauern werden, so lange es Menschen gibt - und überdauern werden, solange es Ensembles wie Amsterdam Baroque gibt, die diese Töne so göttlich zum Blühen bringen.

Die herausragenden Solisten Esther Ebbinge (Sopran), Bogna Bartosz (Alt), Tilman Lichdi (Tenor) und Jasper Schweppe (Bass) blieben im Artikel unerwähnt, ebenso Frank Markowitsch, der für die Choreinstudierung verantwortlich zeichnete. Sie wurden am 18.09.2014 (S. 38) in der Konzertankündigung erwähnt.

Nachdem Abt Johannes diesmal nicht beim Konzert anwesend sein konnte, begrüßte Pater Alexander Hoppert die Konzertbesucher mit folgenden Worten:
Liebe Freunde von Ottobeuren,

ich darf Sie im Namen von Abt Johannes, der heute leider verhindert ist, herzlich hier begrüßen zu unserem letzten großen Basilikakonzert in unserem Jubiläumsjahr. Wir feiern mit der Abtei das 1250-jährige Jubiläum – eine stattliche Zahl – und wir wollen das Jubiläum heute mit diesem Konzert gleichsam auf den Höhepunkt bringen – den musikalischen Höhepunkt. Die Freude ist deswegen besonders groß, weil ein Werk auf dem Programm steht, dass von einem Mitbruder im 18. Jh. – von Xaver Schnizer – komponiert wurde. Im Jahre 1766 ist dieses großartige Gotteshaus zur baulichen Vollendung gekommen und geweiht worden. Und im selben Jahr hat Franz Xaver Schnizer, einer meiner Mitbrüder, der lange in der Vergangenheit Organist wurde und eine ganze Reihe geistlicher Werke hinterlassen hat, darunter anderem die Missa solemnis in C.

Zum Lobpreise Gottes – und was könnte zum Lobpreise Gottes besser passen, als das Magnificat Mariens, der Lobpreis Gottes schlechthin! Und so ist auch das Magnificat des großen Meisters Johann Sebastian Bach die ideale Ergänzung der Messe von Franz Xaver Schnizer.
Wir wollen diese beiden Werke zum Lobpreise Gottes hören und ich darf Sie zum Schluss bitten, wenn der letzte Ton verklungen ist, nicht zu applaudieren, sondern einfach die Glocken in unseren Lobpreis einstimmen zu lassen. Herr Koopman und seine Musiker nehmen unseren Dank gewissermaßen vorweg entgegen. Und wir wollen am Schluss mit den Glocken zusammen unseren Lobpreis singen. Vielen Dank!

In der Memminger Zeitung vom 20.09.2014 (S. 43) war ein kurzes Interview mit Abt Johannes Schaber abgedruckt, das Brigitte Unglert-Meyer geführt hatte. Darin fragte sie, was das Besondere an diesem Konzert sei. Abt Johannes antwortete:
Erstmals kommt im Rahmen der großen Basilika-Konzerte eine heimische Messe zur Aufführung. Der Ottobeurer Pater Franz Xaver Schnizer hat sie in einer Zeit komponiert, da Musikpflege hier einen sehr hohen Stellenwert hatte. Es gab zwölf Mönche, die beispielsweise an der Schule Musik unterrichtet haben.

In einer weiteren Frage ging es darum, warum es so lange gedauert habe, bis ein Werk Schnizers ins Programm der großen Konzerte gekommen sei. Abt Johannes darauf:
Gerade in unserem Jubiläumsjahr sehe ich mit der Wiederbelebung der alten Tradition die Säkularisation ein Stück weit überwunden. Ich freue mich, (...) dass Ton Koopman uns sein Baroque Orchestra mit Chor uns diesen Wunsch mir ihrer Einstudierung erfüllen.

Die Bilder (Helmut Scharpf) zeigen Aufführung und Probe, den Komponisten (der sich im Gespräch mit Vertretern des Butz-Verlages befand), das Titelblatt der Noten, das Konzertpublikum sowie die Titelseite des Programms mit einer Abbildung eine originalen Notenblatts und der Totenbüste Schnizers.
Ob die Audioaufnahme des Konzerts in irgend einer Form - z.B. in kurzen Auszügen - hier veröffentlicht werden darf, werden Gespräche im Herbst 2014 ergeben.

Schnizer wird in Ottobeuren durchaus immer wieder aufgeführt, vom Kirchenchor oder z.B. am 27.09.2014, eine Orgelsonate, gespielt von Adalbert Meier (im Konzert für die Lepra-Hilfe mit dem Männerchor Wildpoldsried) .