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08-1937 - Ritter von Pitrof veröffentlicht ein Buch über das Freikorps Schwaben und die Niederschlagung des Spartakusaufstandes


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Pitrof Daniel: Gegen Spartakus in München und im Allgäu, Verlagsanstalt Carl Gerber, München, 1937, 222 S., 1 Karte

Bezieht man die Zahl der „Freikorpskämpfer“ auf die Einwohnerzahl, so stellte Ottobeuren bei der Niederschlagung des Spartkausaufstandes in München - und anschließend auch in Kempten - mit über 100 Mann das größte Truppenkontingent. Ein einmaliges Zeitdokument ist das Bild aus dem Feuerwehrarchiv, das momentan noch unter Mobilmachung des Landsturmes 1914 läuft, das aber tatsächlich den Moment kurz vor dem Abmarsch der Truppe im April 1919 vor dem Ottobeurer Rathaus zeigt. Zunächst ging es nach Memmingen und von dort aus weiter nach München.

Der Autor war selbst Kommandeur des „Freikorps Schwabens“ und veröffentlichte 1937 die sehr detaillierte Beschreibung der damaligen Vorgänge. Es sei darauf hingewiesen, dass bei Pitrof der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung herrschende Zeitgeist durchschlägt. Sein Werk ist für die Geschichtsschreibung Ottobeurens - und nicht nur für diese - dennoch von besonders großem Interesse. Das Bild vom Abmarsch ist ebenso abgedruckt wie auch Bilder, die die Ottobeurer in München zeigen. Die Teilnehmer sind am Ende des Buches sogar namentlich aufgelistet.

Daniel Ritter von Pitrof (*14.02.1873 in Ochsenfurt, †27.10.1960 in Hechendorf) war 1921 noch in Ansbach (Feuchtwanger Str. 53) gemeldet. Er war Oberst der Landespolizei, von 1944 bis 1. August 1951 war er Ordensarchivar als „Großkanzler vom Militär-Max-Joseph-Orden“. Im Geschichtsprojekt ist außerdem die Seite 40 aus dem sog. Goldenen Ehrenbuch abgedruckt, die ihn für besondere Verdienste im 1. Weltkrieg als Träger des Ritterkreuzes ausweist.
Den späteren Wohnort München verließ die Familie während des 2. Weltkrieges, da die Gefahr der Bombardierungen stieg und zog in das 1931/32 erworbene Wochenendhaus in Hechendorf am Pilsensee, wo Pitrof 1953 seine letzte Publikation veröffentlichte:
Das Königlich Bayerische 15. Infanterie-Regiment König Friedrich August von Sachsen im Weltkrieg 1914-1918, ohne Verlagsangabe, Hechendorf, 1953, 286 S.

Pitrof hatte vier Kinder (Gerald, Ilse, Rainer, Gudrun), alle sind bereits gestorben; seine Frau Irene von Pitrof (1888-1973, geb. Groeschel) starb mit 95 Jahren, die letzte Tochter Gudrun starb 2012. Das Grab der Pitrofs in Hechendorf (heute ein Ortsteil der Gemeinde Seefeld) ist bereits aufgelöst worden. Einige biografische Angaben müssen noch zusammengetragen werden. Seine Schulzeit verbrachte Pitrof bis zum Abitur in München, die Militärzeit begann in Neuburg an der Donau, es folgten zwei Jahre in China, ab 1908 war er in Kempten, von wo aus er auf Manövern auch mit Ottobeuren in Berührung kam, wie ein Bild von 1913 dokumentiert. Im Zuge der Demobilisierung und Verkleinerung der Armee nach dem 1. Weltkrieg bekam er eine Stelle als Polizeichef von Ansbach, die er bis zu seiner Pensionierung 1928 innehatte. Anschließend erfolgte der Umzug nach München. In seinem Nachlass finden sich über 600 Seiten zu seinem Werdegang. In Bilderalben fanden sich bislang erst zwei bei Ottobeuren entstandene Fotos, die 1913 bei einem Manöver entstanden. Die im Buch abgedruckten Bilder sind bislang leider noch nicht aufgetaucht.
Über seine militärische Laufbahn gibt das sogenannte „Zwanziger Blatt“ Auskunft. Die vierseitige Ausgabe vom Januar 1939 (Blatt 99) befasst sich praktisch ausschließlich damit. Literaturzitat:
Traditionsverband des ehemaligen Bayerischen 20. Infanterieregiments „Prinz Franz“ (Hrsg.): Zwanziger Blatt, Blatt 99, Buchdruckerei M. Greska, München, Januar 1939, 4 S., Format 24 x 16
Es ist hier (bzw. Reiter unten) als pdf abrufbar, eine textdurchsuchbare Fassung folgt erst noch. Der letzte Absatz auf Seite vier gibt noch einen Hinweis zur Gleichschaltung des Vereins. Es heißt hier:

„Durch Führer[an]ordnung im Parole-Buch Nr. 44 vom 30. Oktober 1938 hat der Reichskriegerführer Reinhard, SS-Gruppenführer, Generalmajor a. D. den Traditionsverband des ehem. Bayer. 20. Infanterie-Regiments „Prinz Franz“ errichtet und mich zum Verbandsführer des Traditionsverbandes ernannt.
Ludwig Kellner, München 38, Romanstraße 100.
NB. [Nota bene = beachte] Der Landesverband hat mit dem 30. Sept. [1938] zu bestehen aufgehört und ist in den Traditionsverband aufgegangen.“
Auch Wilhelm Reinhard war 1919 - wie Pitrof - als Truppenführer für die Niederschlagung des Spartakusaufstandes (in seinem Falle in Berlin) verantwortlich.

Die politische Lage um 1918/19:
Gegen Ende des 1. Weltkriegs und vor allem danach kam es im Deutschen Reich überall zu politischen Unruhen. Auf Wikipedia heißt es dazu:
In der Umbruchzeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bildeten sich nach dem Vorbild der Russischen Sowjetrepublik auch in Österreich, Ungarn, Deutschland und andernorts spontan Arbeiter- und Soldatenräte, zuerst am 4. November 1918 in Kiel (→ Kieler Matrosenaufstand, Novemberrevolution). Bereits im Dezember 1918 beschlossen die Räte aus ganz Deutschland im Reichsrätekongress Wahlen zu einer verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung abzuhalten und entschieden sich somit mehrheitlich für eine parlamentarische Demokratie und gegen ein Rätesystem.
Nach dem Spartakusaufstand unter Führung der KPD im Januar 1919 stieg deren Zahl in Deutschland jedoch weiter an – nun gab es Arbeiter- und Soldatenräte auch in Berlin, München, Hamburg, Bremen und dem Ruhrgebiet. Mit der Idee der Räterepublik verbunden war das Ziel der Sozialisierung der Schlüsselindustrien (Kohle, Eisen und Stahl, Banken) im Sinne von Marx und teilweise nach dem sowjetrussischen Modell. Im Frühjahr 1919 wurden nach dem Vorbild von Sowjetrussland in Bremen, Mannheim, Braunschweig, und wenige Wochen nach dem tödlichen Attentat auf Kurt Eisner 1919 in Bayern (München, Augsburg, Fürth, Rosenheim, Würzburg u.a.) offiziell Räterepubliken proklamiert. Vorangegangen war eine heftige Streikwelle in ganz Deutschland, die die Nationalversammlung mit rätedemokratischen Forderungen konfrontierte.
Die deutsche Wirtschaft bekämpfte diese Bewegung mit nationalistischer Propaganda und Geldspenden. Bei einer Versammlung der höchsten Spitzen der deutschen Unternehmerschaft und ihren Verbänden am 10. Januar 1919 im Berliner Flugverbandshaus Blumeshof wurde der Antibolschewistenfonds gegründet. Zu dessen Unterstützern, die je fünf Millionen Reichsmark beisteuerten, gehörte auch Hugo Stinnes. Mit den Geldern wurde antikommunistische Propaganda und die Freikorps finanziert, Privatarmeen, die an den Grenzen und zur Bekämpfung kommunistischer Aufstände eingesetzt wurden.

Auch in Pitrofs Buch geht die Finanzierung des Freikorps durch Banken hervor. Die Bauern hatten sich nicht mit den Arbeitern solidarisiert. Es war gelungen, die Angst vor der Roten Gefahr, vor den Bolschewiken zu schüren und motivierte damit Freiwillige, die selbst nach den Erlebnissen im 1. Weltkrieg noch bereit waren, erneut als Soldaten in München und Kempten zu kämpfen. Aus einigen Ausgaben des „Ottobeurer Volksblatts“ von 1919 geht hervor, dass sich auch bei uns kurzzeitig ein Rätesystem etablieren konnte.

Ein wertvoller Augenzeugenbericht wird im virtuellen Museum übrigens auch durch den von 1933-35 amtierenden Ottobeurer Bürgermeister Johann Fickler abgegeben, der in München selbst dabei war und darüber in seinen 1942 verfassten Memoiren berichtete.

Das vorliegende - seltene - Buch konnte seitens der Marktgemeinde Ottobeuren antiquarisch beschafft werden und wurde in München digitalisiert. Die vorliegende pdf-Datei hat 215 MB und ist auch textdurchsuchbar. Es bietet sich an, das Buch vor dem Lesen mit einem Rechtsklick erst lokal abzuspeichern!
Frau Margarethe Stahl (Landsberg) sei für die Zustimmung zur Veröffentlichung herzlich gedankt. Sie stellte auch die privaten Bilder zur Verfügung, u.a. ein Portrait Ritter von Pitrofs, das ihn 1953 im Alter von 80 Jahren zeigt.

Dr. Johannes Timmermann (27.04.1929 - 01.05.2012) setzte sich als Historiker insb. mit Pitrofs Werk sehr kritisch auseinander. Eine Klärung, ob wir diesen 1997 entstandenen Artikel hier veröffentlichen dürfen, läuft gerade.
Timmermann Johannes: Die Entstehung der Freikorpsbewegung in Memmingen und im Unterallgäu, S. 173-180, in: Baumann Reinhard und Hoser Paul, Memminger Forum für schwäbische Regionalgeschichte (Hrsg.): Die Revolution von 1918/19 in der Provinz, Reihe Forum Suevicum 1, Universitätsverlag Konstanz, 01.02.1997, 192 S., ISSN 1431-9993, ISBN 3-87940-588-3.

Recherche, Zusammenstellung, digitale Restaurierung: Helmut Scharpf (01/2015)