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26.06.2014 - Sonderstempel „Grundton D., Benefizkonzert für die Sanierung der Klosterbibliothek“


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Ein in Ottobeuren bislang weitgehend unbekannter Sonderstempel, eine Konzertreihe namens „Grundton D.“, die Sanierung der Klosterbibliothek, eine Sendung des Deutschlandfunks, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der Stempelhersteller Müller aus Nürnberg und die Stempelstelle in Weiden, die Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB 108 von Anton Bruckner in der Basilika am 29.06.2014: Das alles waren Teile eines umfangreichen Recherche-Puzzles, um herauszufinden, wie es zu dem Stempel kam, was es mit dem „Benefizkonzert“ auf sich hatte und inwiefern damit eine Förderung der Sanierung in der Abtei Ottobeuren verbunden war.

Begonnen hat die Recherche mit dem Fund der abgebildeten Ganzsache auf einer belgischen Auktionsplattform. Angeboten wurden drei Briefe mit einem Stempelabschlag vom 26.06.2014: Ottobeuren, Grundton D., Benefizkonzert für die Sanierung der Klosterbibliothek. Die Vermutung, dass es am Rande des Basilika-Konzerts vom 29.06.2014 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski in der Basilika oder der Abtei ein Sonderpostamt eingerichtet wurde, führte ins Leere. In Ottobeuren war die Aktion nicht bekannt. Erst Anrufe bei Frau Girbert von der Stempelstelle in Weiden/OPf. sowie beim Stempelhersteller (Fa. Geo Wulf Müller) in Nürnberg brachten erste Hinweise.
Den Ottobeuren-Stempel gab es ausschließlich in Weiden bei der Sonderstempelstelle der Deutschen Post AG (Franz-Zebisch-Straße 15 in 92637 Weiden). Über die Zahl der Abschläge wird nicht Buch geführt, für jeden Stempeltyp (Ersttagsstempel in Verbindung mit Neuausgaben von Postwertzeichen, Erstverwendungsstempel, Philatelistische Stempel, Werbestempel in Briefzentren, Tagesstempel) gibt es jedoch eine kleine Fangemeinde. Auch die Post AG hat im Fall des Ottobeurer Stempels auf die 230 € Einsatzpauschale verzichtet. Möchte eine Privatperson oder eine Kommune bzw. Firma einen solchen Stempel herstellen und einsetzen lassen, dann kostet das normalerweise 500 Euro. Sonderstempel kann man auch für die „Briefmarke individuell“ herstellen lassen. Die Stempel werden manuell abgeschlagen. Neben frankierten Ganzsachen ohne Beförderung (Mindestfrankatur 10 Ct) können auch Bedarfsbriefe verschickt werden, auch per Einschreiben. Weitere Kosten entstehen den Sammlern nicht, denn die Stempelungen sind über den Gegenwert der aufgeklebten Briefmarken abgedeckt. Die Stempelreihe „Grundton D.“ wird bereits seit 1991 aufgelegt, immer in Verbindung mit Konzerten des Deutschlandfunks.
Im Heft „Stempel & Informationen“ der Deutschen Post AG Philatelie, Ausgabe 12/2014, vom 06.06.2014, ist „unser Stempel“ auf Seite 11 abgebildet.
Der Stempel war also am Tag des Konzerts nicht in Ottobeuren erhältlich, sondern nur über die Stempelstelle in Weiden, dort 28 Tage lang.

Die Stempel-Firma „Geo Wulf Müller“ steht schon in vierter Generation in den Diensten der Post, der Urgroßvater des heutigen (2015) Firmeninhabers Wulf Müller hieß Georg. Nachdem der Name „Georg Müller“ in Nürnberg zu häufig war, kürzte man die letzten zwei Buchstaben weg. Das „Geo“ wurde auch von den Nachfahren beibehalten, jeweils ergänzt um den eigenen Vornamen. Wulf Müller hat den Ottobeurer Stempel selbst nach einer Bildvorlage entworfen. Nachdem die Benefizkonzert-Reihe nicht mehr mit den Stempeln begleitet werden sollte, sponsorte Herr Müller, der sich selbst als kunstinteressiert bezeichnet, den Ottobeurer Stempel. Ein attraktives Plakat (s. Downloads) wurde hergestellt, aber es kam in Ottobeuren letztlich nicht zum Einsatz.

Erlöse aus dem „Benefizkonzert“ sollten lt. Stempel in die Sanierung der Klosterbibliothek gehen. Die nächste Klärung sollte also in Erfahrung bringen, welchen Betrag das Konzert erlöste. Eine finanzielle Unterstützung des Sanierungsvorhabens würde sicherlich guttun:
Die Kosten für die dreijährige Sanierung bezifferte Rupert Lohr vom zuständigen Staatlichen Hochbauamt Kempten auf 540.000 Euro, für die statische Stabilisierung des Fußbodens und der Wände seien weitere 220.000 € veranschlagt. Selbst für den Laien sind die statischen Probleme erkennbar. Laut Frater Tobias Heim, der für alle Baumaßnahmen im Kloster zuständig ist, ruht das Gewicht der Galerie nicht auf den zahlreichen Säulen, denn viele seien nur Zierde. Die eigentlich tragenden Stichbalken in den Mauernischen sind morsch und drücken auf die Säulen, wodurch sich der Boden gesenkt hat. Dies wiederum betrifft auch den darunter liegenden großen Saal und das Refektorium. Zur Behebung der Probleme müssen die Balken ausgetauscht werden; diese sind aber nur zugänglich, wenn man die Regale ausbaut. Die Mauern selbst sind 80 cm stark. Um ein weiteres Auseinanderdriften der Wände zu verhindern, wird der Boden der Bibliothek mit Eisenträgern verstärkt. Eine Weimarer Firma erhielt den Auftrag zur Durchführung der Bohrarbeiten. 2014 wurden alle 11.000 Bände der Bibliothek von einem Spezialtrupp der Bayerischen Staatsbibliothek nach München verbracht. Die Sanierung beinhaltet auch eine klimatechnische Optimierung des Raumes (s. auch MMZ vom 07.11.2014).

„Grundton D.“ steht für „Grundton Denkmalschutz“. Die Konzertreihe begann 1990. Seither veranstalten der Deutschlandfunk und die private, in Bonn ansässige „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ („größte Bürgerinitiative für den Denkmalschutz“ mit 200.000 Föderern) die Konzertreihe gemeinsam. Beiden Institutionen kam nach der Wende eine „Brückenfunktion zwischen Ost und West“ zu. Benefizkonzerte finden in hilfsbedürftigen Baudenkmalen statt und der Erlös fließt direkt in deren Erhalt. Über die Ausstrahlung der Konzerte auch im Radio wird auch auf diesem Weg für den Gedanken der Denkmalpflege geworben. Der Sender begleitet seine Konzertübertragungen mit Interviews und Reportagen, die das Publikum über die Geschichte der Denkmale, ihre Gefährdung und Rettung informieren.

Um die Veranstaltungen in hilfsbedürftigen Gebäuden überhaupt möglich zu machen, ist so manches Mal der Einfallsreichtum von Denkmalbesitzern, Vereinen, Behörden, Musikern und Technikern gefordert. Das gilt freilich nicht für die Basilika, sondern für Gebäude in beklagenswertem Zustand.
Dank der Übernahme der Kosten durch den Deutschlandfunk flossen bisher viereinhalb Millionen Euro aus Eintrittsgeldern und Spenden in den Erhalt der mehr als 240 Veranstaltungsorte. Mit der anschließenden Sendung der „Grundton-D“-Konzerte lässt der Deutschlandfunk „Millionen von Hörern an einzigartigen Musikereignissen teilhaben und öffnet Augen und Ohren für die großartigen Räume, in denen sie erklingen“, so ein erklärender Text.

Normalerweise geht die Idee des Veranstaltungsortes von der Stiftung aus. Dr. Matthias Sträßner, der bis 28.2. Kultur- Hauptabteilungsleiter des Deutschlandfunk und für diese Konzertreihe direkt verantwortlich war, erklärte in einer Mail und telefonisch, dass es hierbei aber auch Ausnahmen von der Regel gibt:
Im Falle Ottobeuens kam die Idee vom Orchester selbst, weil das Gastspiel im Allgäu auf keinen Fall kostendeckend sein konnte: Sprich, das Honorar deckte und deckt nicht die Vollkosten des Orchesters (ca. 100 Leute Berlin - Ottobeuren, Transport, Übernachtungen, Dirigent etc.). Andererseits wollten Orchester und Dirigent aber unbedingt in den bekannten und angesehenen Basilikakonzerten von Ottobeuren vertreten sein und der Deutschlandfunk (als ein Programm von Deutschlandradio) wollte das Gastspiel unterstützen. Der Kartenverkauf diente dem Touristikamt in Ottobeuren wie üblich zur Deckung der Finanzierung der Honorare für die Konzertreihe. Es mussten weitere Mittel, die dem Orchester von seinen Trägern zufließen (der sog. „roc- GmbH“ mit Deutschlandradio, Bund, Land Berlin und rbb), herangezogen werden. Mit diesem Betrag aus dem Konzertetat „Grundton D“ konnte das Defizit bei den Vollkosten auf diese Weise deutlich minimiert werden. Um Senderechte geht es dabei nicht, denn diese stehen dem Sender als einem Träger des Orchesters automatisch zu.

Es wird deutlich, dass es im Falle des Ottobeurer Konzerts nicht – wie sonst meist üblich – Geld für einen konkreten Schutzzweck (wie die Sanierung der Klosterbibliothek) geflossen ist, sondern es sich bei der Ermöglichung des Konzerts vielmehr um eine allgemeinere Art der Förderung handelte. Und auch die ist für Ottobeuren natürlich von großer Bedeutung. Dr. Sträßner schrieb: „Im Ganzen denke ich, dass wir mit diesem Konzert sowohl dem Orchester wie Ottobeuren geholfen haben, ein weit beachtetes, aber schwierig zu finanzierendes Konzert durchzuführen. Es ist etwas anderes, ob Musiker aus Berlin anreisen oder aus München! In der Sendung vom 21. September [2014] werden wir auch nicht nur das Konzert übertragen, sondern auch auf das besondere Bauwerk hinweisen und dieses in den Mittelpunkt stellen.“ Die Sendung des Deutschlandfunks (21.05 - 22.00 Uhr) lief unter dem Titel „Konzertdokument der Woche - Grundton D 2014 - Konzert und Denkmalschutz (4)“. In der Ankündigung des Senders wurde auf die ideologische Vereinnahmung der 8. Sinfonie Bruckners in der NS-Zeit („Sinfonie des deutschen Menschen“) verwiesen, was dafür gesorgt habe, dass sie bis in den 1970er Jahren aus den Konzertsälen nahezu verschwunden gewesen wäre. Ottobeurens „spätbarocke Basilika“ wurde im Ankündigungstext nach „Oberschwaben“ verlegt.

Ziel der Konzertreihe war anfangs die finanzielle Unterstützung von Sanierungen an Spielorten in den neuen Bundesländern mit je zwei Konzerten pro Bundesland und Jahr. Seit dem 20. Jahr wurde das Projekt auf alle 16 Bundesländer ausgeweitet, wobei die Zahl der Konzerte auf zehn/a beibehalten wird. In den meisten Fällen handelt es sich bei den unterstützten Sanierungen um Projekte mit Beteiligung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (mit Sitz in Bonn), Ottobeuren bildete hier allerdings eine Ausnahme. In einem Satz aus der Beschreibung der Konzertreihe heißt es denn auch: „Die Erlöse aus den Konzerten kommen für gewöhnlich direkt den Bauwerken zugute, in denen sie stattfinden.“

Es finden zwischen dem Deutschlandfunk und dem Stempelhersteller keine Absprachen statt. Letzterer hat den üblichen Schutzzweck einfach angenommen und den Stempel aus reinem Idealismus zur Verfügung gestellt. Ottobeuren hat bundesweite Beachtung erfahren und am Ende vergrößert sich für einen bedeutenden Kulturstandort die staatliche Bereitschaft zur Finanzierung von Sanierungsarbeiten, wie die der Bibliothek.

Werbewirksam ist sicherlich der jährlich erscheinende Wandkalender (ein „Bildwandkalender“ mit 12 Monatsseiten) von „Monumente Publikationen“ (dem Verlag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz; Schlegelstraße 1, 53113 Bonn, Service-Hotline: 0228/9091-300), der 2015 auf die im letzten Jahr geförderten Orte hinwies: In dem 15seitigen Kalender wird die Vielfalt der Denkmale, die Klangräume für Grundton D-Konzerte des Deutschlandfunks sind oder waren gezeigt.
Literaturzitat:
Monumente Publikationen (Hrsg.): Klangräume 2015, Bonn, 17. Oktober 2014, ISBN: 978-3-86795-091-6, 19,50 € (jetzt 9,75), Format 32 x 46 cm, Artikelnummer NK0916
Der Wandkalender ist aus Kostengründen nicht über den Buchhandel oder über amazon erhältlich, sondern nur direkt beim Verlag. 2015 sind abgebildet:
die Krämerbrücke in Erfurt, St. Petri in Ratzeburg, St. Jacobi in Hamburg und die Weinbergkirche in Pillnitz, die Schlösser in Wolfshagen, Ulrichshusen und Bedheim und die Hundisburg, die Klöster Tempzin und Ottobeuren sowie die Glasmanufaktur in Baruth und das Schulschiff Deutschland.
Auch auf Facebook und in einer Pressemitteilung der Stiftung wurde für Ottobeuren geworben.

Allen Beteiligten (Wulf Müller, Frau Girbert, Dr. Matthias Sträßner, Simone Wien, Stiftungsmitarbeiter Thomas Mertz, Frater Tobias Heim, Pater Rupert Prusinovsky und Peter Kraus) sei für die Aufklärung des „Falles“ gedankt, Herrn Müller insb. für die Zurverfügungstellung des Plakats.
Ganzsache, Bildbearbeitung, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 08/2015.

P.S.: Die drei Stempel wurden nach Gebrauch vernichtet ...