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25.02.1940 - Pläne zur Internierung der in Schwaben verbliebenen Juden in Ottobeuren


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In einem Schreiben der Gestapo Augsburg wurde vorgeschlagen, die 1222 in Schwaben verbliebenen Juden („Semiten“) im Kloster Ottobeuren unterzubringen. Auf diese Weise sollte Wohnraum für „Volksdeutsche“ geschaffen werden.

Die Wohnungsnot gerade in Augsburg war erheblich, zum einen wegen des Ausbaus der Kriegsindustrie (Messerschmitt-Werke, die Maschinenfabrik Augsburg/Nürnberg, MAN), zum anderen wegen großer Firmen (Keller & Knappich, die Augsburger Zahnräderfabrik, die großen Textilwerke). Der Verfasser des Schreibens wörtlich: „Der Zustand auf dem hiesigen Wohnungsmarkte ist somit geradezu beängstigend und es darf keineswegs damit gerechnet werden, daß sich dieser Zustand nach Beendigung des Krieges rasch bessern werde.“ Darüber hinaus seien die Fliegerhorste Gablingen und Lagerlechfeld „ein geeignetes Betätigunsfeld der Semiten für event. dunkle Bemühungen aller Art“. Ein weiterer Zuzug von Juden nach Augsburg sei deshalb „unerwünscht und bedenklich“.
Der unbekannte Verfasser schreibt in seinem sechseitigen Brief an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, dass „hier immer noch eine erhebliche Zahl von Juden in schönen und großen Wohnungen saß, während Volksgenossen in großen Massen nicht nur auf 'schönes' Wohnen verzichten, sondern zum Teil sogar primitive Ansprüche neuzeitlicher Wohnungskultur als unerfüllbar ansehen mußten“.
Zur Beschleunigung der Auswanderung war im Februar 1939 die „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ gegründet worden. Das im vorliegenden Schreiben angeschriebene Reichssicherheitshauptamt (hier: Abteilung II B „Weltanschauliche Gegnerforschung“, darunter vermutlich II B 2: „Judentum“) hatte nur vier Monate später (im Juni 1940) eine ganz andere Variante ausgearbeitet: den „Madagaskarplan“.
Schon kurz nach Kriegsbeginn kam es laut dem vorliegenden Dokument zwischen Beauftragten der Partei, der Stadtgemeinde Augsburg, des Sicherheitsdienstes RF-SS (Sicherheitsdienst Reichsführer-SS) und der Stadtpolizeistelle zu mehreren Treffen, bei denen das Für und Wider der Einrichtung eines Ghettos abgewogen wurde.
Zur im Betreff erwähnten „Entschließung vom 12.2.1940 des RSHA“ konnte (noch) nichts herausgefunden werden, an just diesem Tag (und bis zum 15.2.1940) kam es allerdings erstmals zu Deportationen 1000 deutscher Juden in die Nähe von Lublin im besetzten Polen, da „Wohnraum benötigt“ würde. (s. Berlin.de)

Die Zahl der verbliebenen Juden in unserem Bezirk wird mit 547 in Augsburg sowie 675 im übrigen Schwaben angegeben, zusammen 1222, die meisten davon stark überaltert. Wörtlich:

Die Zahl der noch jugendlichen Semiten liegt bei rund 10%, die derjenigen im Alter von 18 bis 65 Jahren bei 65% und der Rest von 25 vom Hundert sind Juden mit mehr als 65 Lebensjahren. Dabei ist zu berücksichtigen, daß von den 65% Juden im Alter bis zu 65 Jahren kaum mehr als 35 bis 40% noch zu einem Arbeitseinsatz Verwendung finden können und daß von den 1222 Semiten 739 Frauen sind. (...)
An der Spitze der Landkreise steht der Zahl vorhandener Juden nach der Landkreis Günzburg mit 187, die alle in dem Städtchen Ichenhausen ansässig sind; ihm folgen die Kreise Nördlingen mit 115, Augsburg mit 92, Memmingen mit 85, Wertingen mit 59 und weitere 4 Landkreise mit 20 bis 30 Juden.

Die meisten davon würden gar nicht ans Auswandern denken. Nicht wenige würden „immer noch über ein ansehnliches Vermögen“ verfügen. Im Dezember 1938 mussten Juden ihre Führerscheine und KFZ-Zulassungspapiere abgeben. Zynisch merkt die Gestapo dennoch an:

Sie haben also ihren Lebensunterhalt finanziell gesichert und da sie bisher in ihrer Bewegungsfreiheit nicht besonders stark beengt wurden, erscheint es vielen von ihnen nicht notwendig, baldmöglichst auf die Gastfreundschaft des Reiches zu verzichten. Vermutlich werden nicht wenige von der Absicht geleitet, ihr Vermögen soweit im Reich zu verbrauchen, daß, wenn sie wirklich einmal auswandern, nichts mehr vorhanden ist, sie also nichts mehr zurücklassen brauchen. Schon aus diesen Erwägungen erscheint es wünschenswert, den Juden ein weniger angenehmes und sorgenfreies Leben innerhalb der deutschen Grenzen zu bereiten.

Als Lösung des Wohnungsproblems fällt die Umsiedlung in Baracken an der Augsburger Schertlinstraße aus, denn dann müssten die bisher dort lebenden von anderen Hausbesitzern aufgenommen werden. Und hier fällt der Verfasser ein sehr abwertendes Urteil über seine deutschen Volksgenossen, denn dieser Personenkreis gehöre „mit ganz wenigen Ausnahmen nicht zur Klasse anständiger Menschen“.

Neben einer Umsiedlung nach Ichenhausen kommt der Vorschlag auf eine Konzentration aller Juden im Kloster Ottobeuren (damals 2700 Einwohner). Das Kloster sei Staatsärar (= Fiskus, Staatsvermögen) „und bringt bei den bekannten niederen Mietschillingen, die die Klöster in Bayern bekanntlich bezahlen müssen, dem Staat fast keine Eingänge.“ Ein Gebäudeflügel sei mit Kriegsbeginn als Hilfslazarett für 5-600 Personen umgebaut worden, es komme für diese Zwecke aber nicht mehr in Frage. „Juden könnten in diesen Räumen ganz selbstverständlich noch mehr untergebracht werden, wenn die ganze Angelegenheit mit etwas militärischem Charakter aufgezogen werden sollte.“

Einschränkend sei festzustellen, dass das Kloster zwar unter Denkmalschutz stehe. Der Verfasser wiederum wörtlich:

Ich bin aber überzeugt, daß die zu schützenden Werte durch eine derartige Maßnahme keinen Schaden nehmen würden, zumal diese Regelung ja über eine kürzere oder längere Zeitspanne einer anderen Zwecklösung dann Platz machen könnte, wenn die Zahl der Juden in Deutschland merklich abgenommen haben wird. Im übrigen sind in Bayern und auch im Regierungsbezirk Schwaben noch eine Reihe von Klöstern, die für solche Zwecke herangezogen werden könnten. Ottobeuren freilich wäre zweifellos hierfür am besten geeignet, zumal beabsichtigt ist, in Kempten, das nicht allzuweit von Ottobeuren entfernt liegt, eine Außenstelle der Staatspolizeistelle Augsburg zu errichten. Damit wäre auch die Möglichkeit gegeben, die sicherheitspolizeilichen Belange in ausreichendem Maße zu wahren.

Das Originalschreiben ist hier in verminderter Auflösung (150 dpi) eingepflegt. Die Rechte liegen beim Staatsarchiv Augsburg, das die Nutzung für das virtuelle Museum aber dankenswerterweise genehmigt hat (Signatur „NSDAP Gau Schwaben – Gauleitung Schwaben 1/22“; Aktenzeichen 5051.5 – 1078/1 v. 28.09.2015).
Der Text ist hier auch als Abschrift in moderner Schrift (aber originaler Orthographie) abrufbar. Der Zeilenumbruch wurde verändert, der Seitenumbruch wurde jedoch original beibehalten. (Abschrift: Helmut Scharpf, 16.10.2015)

Die Ottobeuren-Pläne wurden nicht verwirklicht. In einem weiterführenden Schreiben vom 23.04.1941 erfahren wir noch mehr über die Situation der Augsburger Juden. Die hier verlinkte pdf leitet zu einem Bericht über das Beispiel gebende Projekt „Schule und Archiv“ des Staatsarchivs Augsburg (Dr. Claudia Kalesse) mit dem St.-Anna-Gymnasium Augsburg (Dr. Renate Weggel) aus dem Schuljahr 2005/06. Das Gestapo-Schreiben von 1941 ist im Bericht auf den Seiten 9 - 12 abgebildet.

Ein zusätzliches „Stimmungsbild“ vom November 1938, kurz nach der Pogromnacht: In Ottobeuren gab kurz vor Kriegsbeginn keine jüdischen Mitbewohner. Aber sollte einmal ein Jude nach Ottobeuren kommen, dann dürfe dieser lt. Bürgermeister Josef Hasel bei uns weder bewirtet werden noch übernachten. (Link hier)

Über 100 Jahre früher war das Kloster Ottobeuren übrigens tatsächlich einmal als Internierungslager genutzt - für die Franzosen unter Napoleon.

Hinweis: Die Abb. erfolgen als zeitgeschichtliche Dokumente, eine missbräuchliche Nutzung ist untersagt! Zeitgeschichtliche Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus werden nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungs- feindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder der Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens gezeigt und sind in keiner Weise propagandistisch, insbesondere im Sinne des § 86 bzw. 86a StGB zu benutzen.