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09.10.2015 - „Mistcapala“ bei der Ottobeuren Herbstzeitlosen


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Immer wenn die großen Basilikakonzerte vorüber sind, beginnt die Saison der „Ottobeuren Herbstzeitlosen“. 2015 mit im Programm: Mistcapala aus Landsberg, ein Ensemble, das das Publikum aus dem „grauen Alltag“ holt.

„Ist das eigentlich immer dieselbe Flasche? Das wird alles aufgezeichnet von der Presse. Das kommt alles in die Zeitung!“ Ensemblemitglied und Schauspieltalent Tom Hake reagiert spontan, als zum vierten Mal lärmend eine Flasche umfällt. Und gab damit dem Kritiker des Abends gleich den Titel für seinen Artikel vor („Und immer rollte die Flasche“, Memminger Zeitung vom 17.10.2015, S. 33). Einbezug des Publikums, witzige Texte mit ausgefeilten Dialogen, die aber nicht einstudiert wirken, gewürzt mit Lokalkolorit („Das ist sehr schön, dass Sie es so zahlreich hier in unsern festlich geschmückten kleinen Kursaal geschafft haben.“), hervorragend gespielte Musik, Slapstick und schwarzer Humor, kurzum: Die Gruppe hat das Publikum von Anfang an im Griff und hält ihr Versprechen („sprühende Lebensfreude, außergewöhnliche Instrumente und allerfeinstes Musikkabarett“) auf einen kurzweiligen Abend, der den Alltag vergessen lässt. Zu den kleinen Tricks der Kabarettisten gehört es, sich vorab mit dem lokalen Umfeld zu befassen. Das erzeugt von Anfang an eine Vertrautheit im Publikum, auch wenn es sich bei den Lokalreferenzen um blanken Unsinn handelt:

Wir waren sogar schon mal weiter weg. Wir haben schon mal gespielt in Ding, in Goßmannshofen! Vor allen Dingen: Landsberg - Goßmannshofen, das sind ja dann schon wirklich Entfernungen, wo wir auch mal übernacht bleiben können. So was mieten wir ja nicht überall: So Hotelzimmer mit payTV und allem drum und dran. Die haben immer ganz anderes Fernsehen als in Landsberg. Ich habe zu Hause mit der Satellitenschüssel schon rumgedreht, aber ich krieg sowas nicht rein!

Die Stücke sind teils schon sehr lange im Programm: Frau von Basedow bannt ihre Fotos von Schoßhündchen Pepita („Merke: Den Pepitahündchen schlägt nur allzugern das Stündchen. Rattengroß, hier liegt die Tücke, wirken sie wie Schappi-Stücke auf den großen starken Hund. Tja, denn Schappi ist gesund!“) noch immer auf analogen Film, die Schweiz hat zwar seit Ende 2008 keine Grenzkontrollen zum Schengen-Raum mehr, leistet eben diesem aber immer noch erbitterten Widerstand (zum Dudelsack: „Tierkadaver dürfen Sie nicht einführen in die Schweiz!“), im Howard Carpendale-Verschnitt gibt es „Ente à la Biolek“ (öffentlich kocht er schon seit 2006 nicht mehr), Rudolf Schock ist gar seit 1986 tot, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Es ist mehr ein Hinweis auf die Zielgruppe des Abends.
Die Themen der 17 Musiktitel werden mit großem Bogen vorbereitet. Mit Überzeugungskraft, wechselnden Dialekten und ausladender Geste wirken selbst einfach gestrickte Passagen („Immer nach dem Motto: zuschütten, entspannen, nachschenken. Oder wie hat der andere Vogel gesagt: Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein, aber ich geh' halt auf Nummer sicher.“) lustig.

In Humor verpackt werden jedoch auch ernste gesellschaftskritische Inhalte. Das Lachen könnte einem im Halse stecken bleiben, aber Überzeichnung und die Bühnenshow halten einen auf dem schmalen Grad. Wenn „Karl-Heinz“ in prekärer Abhängigkeit im Disneypark als Goofy selbst noch im Sterben den schönen Schein wahrt („Als er kurz drauf den Disneypark im Plastiksack verlässt, wird René, der Parkplatzwächter in den Goofy reingepresst.“) oder der Jagdpräsident (alias Kontrabassist Tobias Klug) militärisch zackig einen Jagdkameraden (Akkordeonist Armin Federl) ankündigt, der in monotonem Tonfall – aber derben Versen – ein „Frühlingsgedicht“ rezitiert.
Nach der Zurschaustellung der Jagdtrophäe im Wohnzimmer geht es zum Saufen und es bleibt ein fahler Nachgeschmack. Fast möchte man meinen, die Gruppe gehöre zu den Peta-Aktivisten. Es sind derbe Verse wie: „Gar hastig eilt der braune Bär zum Scheißen in den Wald, es ist das letzte, was er tut, weil meine Büchse knallt. Der Jäger geht ins Stammlokal, der Hirsch bezahlt die Zeche.“ Vom Grundprinzip könnten es Verse eines Heinz Erhardt sein, auf den zumindest angespielt wird: „Heinz Erhardt kann heute Abend leider hier nicht unter uns sein, da er in Memmingen noch eine Jagdhornfabrik einweihen muss ...“ Er ist also doch unter uns!

Die musikalischen Wurzeln von Mistcapala (angeblich „althochdeutsch für Mistgabel“) reichen 30 Jahre zurück und gründen in der mittelalterlichen Musik. Inhaltlich gehen die vier Kabarettisten an die Grenze, wenn sie auf den 1942 in Auschwitz ermordeten Künstler Peter Hammerschlag Bezug nehmen und daraus einen Rap entwickeln, die „Unlustknaben 2015“, der sexuelle Ausbeutung („Ganz billig steh'ns beim Türkenshop im Katalog; da lasst er sich weiche komman, gar koa Frog.“) thematisiert. Wer sich mit solchen Themen befasst, der hat mehr auf dem Kerbholz als nur Slapstick. Der Bogen vom 1942 in Auschwitz verschollenen Hammerschlag zu Kaiser Tiberius (besonders der Abschnitt „Alterssitz auf Capri“) und seinen „200 Stück Unlustknaben“ ist gewagt. So wie auch Tom Hakes SM-Outfit. Aber der Text – eine Mischung aus Heinz Erhardt und eben Peter Hammerschlag – passt: „Die Unlustknaben verteilte man nun in des Palastes Bezirken. Dort hatten sie gar nichts anderes zu tun als bloß abstoßend zu wirken.“
Die Musik bricht unvermittelt ab („Sind diese österreichischen Sachen. Die sind dann auf einmal aus.“). Fast schießt Tom Hake in seiner Moderation etwas übers Ziel hinaus, denn selbst ein Germanistik- oder Philosophiestudium böte noch keine Garantie, sich mit österreichischem Kabarett der 1930er Jahre auszukennen. („Das Stück ist halt schwierig, ist ja auch schon alt, eine kleine musikalische Antiquität, von anno dazumals.“) Es ergibt sich jedoch ein Anlass, mit den „Unlustknaben 2015“ die Sache noch weiter zu treiben. Thematisch wie musikalisch: ein Rap zum Thema sexuelle Ausbeutung („Ganz billig steh'ns beim Türkenshop im Katalog; da lasst er sich weiche komman, gar koa Frog.“). Den schwarzen Humor könnte man auch gleich für eine Bildunterschrift hernehmen: „Diese phantastische Kapelle können Sie im Anschluss an die Veranstaltung buchen. Zu Kindergeburtagen und Beerdigungen kommen's gern ins Haus und für an Hunderter dean's a übernochten.“

Das „Liebeslied“, das Gitarrist Vitus Fichtl gegen den vermeintlichen Widerstand seiner drei Musikerkollegen anstimmt, endet beklemmend im Vorwurf der sexuellen Nötigung, untermauert von einem Anwaltsschreiben, in nüchtern-sachlichem Tonfall vorgetragen:

Ihre Verhaltensweise erfüllt den Tatbestand der sexuellen Nötigung und verletzt das Persönlichkeitsrecht meiner Mandantin erheblich. Ich fordere Sie deshalb auf, die als Anlage beigefügte Unterlassungserklärung bis spätestens 14.10. unterschrieben an mich zurückzusenden.
Sollte dies nicht geschehen, werde ich meiner Mandantin anraten, Strafanzeige zu erstatten und die ihr zustehenden Ansprüche geltend zu machen.
Der Spuk löst sich etwas mit einer Referenz zu den Beatles (aus „Eight days a Week“): „Nimm mich, hab' mich, ich brauch' nichts als Liebe, acht Tage lang.“

Trotz des ernsten Themas schaffen es die Vier gleich im Anschluss in die Eisdiele [Cortina] am Lechwehr ihrer Heimatstadt Landsberg. Die kennen sogar einige Ottobeurer. Es ist ein „Vergnügen ohne Reue“, wenn der gebürtige Dresdner Tobias Klug Probleme mit der Aussprache der vielen Eissorten hat – wo es zu DDR-Zeiten doch nur Vanille, Erdbeer und „Schöhkö“ gegeben hat. („Wasse meinst du, sage, was du wiellst, du musse sage, danne kriegst du, ganze einfach.“ Strakezatella. „Wasse, Stratze, Sesamstraße“?)

Und spielen Musikstücke wie Ravels „Boléro“ in einer Version für Kontrabass, Klarinette und Dudelsack. Es soll nicht vergessen werden, dass das Vergnügen im Fokus steht.
Gegen Ende des Programms geht es erneut in die Heimat um Landsberg. Mistcapala spielt noch ein Stück, dass von einer Gestalt handelt, die zwischen Landsberg und dem Ammersee daheim ist: vom Wurzelmännchen „Goggolore“ („eine Art Robin-Hood vom Ammersee“).
Von diesem Lied mit seinem sehr positiven, rhythmischer Sound, durften wir im Rahmen eines kleinen Medleys einen kurzen Ausschnitt ins virtuelle Museum stellen.

Die Begeisterung ist groß. Und so will denn das Publikum am Ende gar nicht mehr gehen. („Sie klatschen sich ins eigene Fleisch. Und vor allem, wenn Sie dann feststellen, dass auch in Ottobeuren die letzte U-Bahn weg ist.“). Als erste Zugabe spielt Mistcapala noch ein Harfenstück „zum mit nach Hause nehmen. Quasi ein Harfenstück to go“. Es folgt der obligatorische Hinweis auf die CD des Ensembles. Doch selbst diese Eigenwerbung ist gut verpackt in Humor: „Sie müssen bedenken, dass 5 Euro von jeder CD für einen guten Zweck gespendet werden für benachteiligte Landsberger Kinder, deren Väter sehr häufig mit Musikinstrumenten unterwegs sind.“

Es schließt sich die Ankündigung auf einen weiteren Auftritt im Unterallgäu an. Am 9. Januar 2016 wird Mistcapala in Holzgünz (im „HoSchMi-Stadel“) auftreten („Also, wenn Sie heute etwas nicht verstanden haben, dann ist das eine gute Gelegenheit, etwas aufzufrischen.“). Erst mit der zweiten Zugabe läutet Tom Hake das Ende ein: „Ist das jetzt ein sprachliches oder ein inhaltliches Problem?
Now listen, what I have to say. Take the exit, go away! Ich sag', nun steh'n Sie endlich auf
und gehen Sie da naus. Da, da, da ...“

Bild 1
(siehe auch die Reiter unten; Downloads jeweils auch in Druckqualität möglich)
an der schweizer Grenze
„Wenn Sie glauben, ein schweizer Grenzorgan auf seine Humorfähigkeit hin überprüfen zu müssen, dann wird das schweizer Grenzorgan erst einmal dieses Fahrzeug auf die Rechtmäßigkeit der Ladung hin überprüfen.“ Die „Basskontrolle“ an der schweizer Grenze endet in einem „Grenzkonzert“– für unterfränkischen Dudelsack und sehr kleines Orchester. Der Grenzer über den Dudelsack: „Tierkadaver dürfen Sie nicht einführen in die Schweiz. Die Einfuhr einer toten Ziege kostet 500 Franken!“
Link Bild 1

Bild 2

Schwarzer Humor: „Diese phantastische Kapelle können Sie im Anschluss an die Veranstaltung buchen. Zu Kindergeburtagen und Beerdigungen kommen's gern ins Haus und für an Hunderter dean's a übernochten.“
Link Bild 2

weitere Bilder

Gesamtfoto (von links: Tobias Klug, Armin Federl, Vitus Fichtl, Tom Hake)
Link Gesamtfoto

Vitus Fichtl und Tom Hake
Link Fichtl - Hake

dito
Link Fichtl - Hake2

Fotomontage: Tom Hake solo im Hausmeister-Outfit („Man verblödet wirklich bei lebendigem Leibe.“)
Link-Hake-Hausmeister

Armin Federl liest das „Frühlingsgedicht
Link-Federl-Gedicht

Tom Hake als Howard Carpendale, der sein „Baby“ anmacht. Allerdings ohne großen Erfolg, sein Date platzt, denn: „Auf dem Plattenteller oh, je, drehte sich die Howard-Carpendale-LP.“
Link-Carpendale-Bild

Tobias Klug und Vitus Fichtl
Link Klug-Fichtl

Vitus Fichtl und Armin Federl
Link Fichtl-Federl

dito
Link Fichtl-Federl2

Link zu einem Bericht über die Herbstzeitlose 2013.

Nachdem Berichte über Musik nur Schall und Rauch sind, abschließend ein GEMA-freier Zusammenschnitt von drei Stücken, die an diesem Abend live so gespielt wurden: der Bolero, ein Zwiefacher und der Goggolore. Mistcapala vielen Dank für die Genehmigung zum Einstellen der mp3-Datei! Sie hat knapp fünf Minuten; ca. 6 MB:
Mistcapala-Medley_09-Okt-2015

Bitte beachten: Der Flyer des Gesamtprogramms der Ottobeurer Herbstzeitlosen 2015 (Cover-Zeichnung: Josef Schropp; knapp 6 MB) enthält (teils) urheberrechtlich geschütztes Material! Zitate aus dem Mistcapala-Programm sind als solche zu kennzeichnen.

Recherche, Texte, Tonbearbeitung und Fotos: Helmut Scharpf, 10/2015