Marktgemeinde Ottobeuren
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1904 - kompletter Jahrgang des Ottobeurer Wochenblatts


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Auf 156 Ausgaben brachte es der Jahrgang 1904 des Ottobeurer Wochenblatts. Sie erschienen immer dienstags, donnerstags und samstags, unter der Woche mit vier, am Wochenende mit sechs Seiten.

Ein paar Fundstellen in den Ausgaben bis Ende März:
Für die hiesige Sektion des „deutschen Flottenvereins“ präsentierte der praktische Arzt Dr. Aigner „persönlich aufgenommene Photographien von einer Reise nach Japan und China“, die durch eine Laterna magica vergrößert wurden. Die Mitgliederzahl konnte Aigner - selbst Vorstand - auf über 50 steigern.

Die „Stammtischgesellschaft der Gemütlichen“ hielt im goldenen Engel ihre Versammlung ab.
In Ollarzried
verletzten sich mehrere Schüler beim Schlittenfahren so schwer, dass sie mit den hl. Sterbesakramenten versehen wurden.

Am 21.01.1904 fand im goldenen Stern ein „Preis-Pereat-Rennen“ statt, wozu auch „Nicht-Pereatspieler“ eingladen waren. (Wer weiß, was es damit auf sich hatte?)

Bürgermeister Frey macht bekannt, dass die Gemeinde beabsichtigt, „die Trinkwasserleitung Kaltenbrunn in eine Hochdruckleitung mit Wasserreserve umzubauen, um auf diese Weise den ganzen Markt mit genügend Wasser auf jahrelang hinein zu versehen.“ (Am 15.03. erfolgte dann der Beschluss des Gemeinderates zum Bau.)

Die Bäckerei von Franz Epple bot erstmals das patentierte „Dauer-Frisch-Brot“ an. Er hatte das „alleinige Recht der Herstellung für Ottobeuren“ erworben. Die „Bötin Babette Sieber“ aus Attenhausen warb hingegen für ihren „Alleinverkauf des berühmten Landsberger Brotes“ auf dem donnerstags stattfindenden Ottobeurer Wochenmarkt.

Das Englische Institut Klosterwald warb für die Theatervorstellung „Gottes Wege sind wunderbar“. Aber: „Nur den Angehörigen der Mitglieder und Zöglinge wird etwas verabreicht.“
Auch die „Zöglinge der Erziehungsanstalt“ spielten Theater: „Der gescheidte Nazl“ oder „Schuster bleibt bei deinen Leisten.“ Die Zeitung schrieb anschließend:

Und die kleinen Akteurs habe ihre Sache ... so vortrefflich gemacht, daß alle Zuschauer, die kleinen und die großen, ihre helle Freude an den Vorführungen hatten. Die sehr gut einstudierten Gesänge, Solo- und Chorgesang, wurden durch die hellen Knabenstimmen ganz ausgezeichnet vorgetragen, und das Spiel wurde so natürlich wiedergegeben, daß man sich wohl nicht Besseres hätte wünschen können. Deshalb kargte man auch mit dem Beifall nicht, und es freut wohl alle Zuschauer schon wieder auf die nächste Gelegenheit, wo man im Institut wieder Theater spielt.

Auch das Spiel in Klosterwald - es handelte „von der wundersamen Heilung einer blindgeborenen Fürstentochter an der Gnadenstätte zu Lourdes“ - wurde „mit hoher Befriedigung“ aufgenommen.

Am 14. Februar erreichte den Markt die Nachricht vom „großen Unglück an der Zugspitze, bei dem auch ein gebürtiger Ottobeurer [Max Meier] ums Leben kam“.

Ernst hingegen liest sich diese Meldung vom 19. Februar: Vor etlichen Tagen wurde der Sägwerkbesitzerssohn Johann Fickler von einem gefährlichen Individuum in den Unterleib gestochen. Wäre die Hauptwucht des Stiches an Ficklers Brieftasche nicht gebrochen worden, so wäre dieser jedenfalls getötet worden.
Fickler hat in der Nähe Münchens ein Gut mit großem Waldbestand gekauft. Er arbeitet den Wald  in einem eigens er­bauten Sägwerk auf. Er kam mit seinen Arbeitern in Lohnstreitigkeiten. In der Nacht lauerte ihm einer der verwegenen Gesellen auf und richtete ihn mit dem Messer übel zu.
Lesenswert ist dazu jedoch eine Art Gegendarstellung Ficklers in der Ausgabe 23 vom 25.02.1904 (S. 2). Hier geht es passenderweise zu den Memoiren des späteren Bürgermeisters (1933-35) Johann Fickler.

Einem heutigen Naturschützer würde es die Zornesröte in die Augen treiben, würde ein Jäger auf die Idee kommen, Waldschnepfen zu schießen. Es gibt sie zwar auch bei Ottobeuren noch, aber sie sind extrem selten anzutreffen. Am 5. März 1904 hingegen hieß es:
Morgen haben wir Okuli, den Ankunftstag der „Vögel mit dem langen Gesicht," der Waldschnepfen. Die Waidmänner können den Schnepfenstrich beginnen und die Feinschmecker in Freude schwelgen ob der Aussicht, nun bald mit einem hochgeschätzten Leckerbissen den verwöhnten Gaumen kitzeln zu können. Die Schnepfe gehört zu den Sumpf- oder Waldvögeln und führt gleich dem Reiher, Storch und Kranich im Herbste und im Frühjahr größere Wanderungen aus. Ihre eigentliche Heimat hat sie in den nordischen Ländern Europas.  Im Oktober geht sie in den Süden. Ihre Frühlingswanderung ist für den Jäger die Zeit der Wonne, denn im März streicht die Schnepfe wieder nach Norden, wobei sie in der Abend- oder Morgendämmerung der Vorfrühlingstage zur willkommenen Jagdbeute wird.

Folgender Unfall ereignete sich am 8. März 1904:
Ein Dienstknecht aus Moosbach brachte gestern in die Sternwirtschaft dahier eine mächtige Dogge mit. Das bissige Tier suchte, ohne daß es geneckt wurde, einen Gast anzufallen. Der Knecht des Bauern Joseph Schwank von Schrallen suchte den Hund am Beißen zu hindern, wobei ihm von dem bösen Tiere ein Finger vollständig abgebissen wurde. Der Hund wurde von seinem Besitzer getötet. — Die Ortspolizeibehörden mögen das Mitnehmen von Hunden in Wirtschaften strengstens ver­bieten und auch daraus dringen, daß alle frei umherlaufenden großen Hunde mit zweckmäßigen Beißkörben versehen sein müssen.

Der komplette Jahrgang (Ausgabe 1 vom 02.01.1904 bis Ausgabe 150 vom 31.12.1904) kommt auf insg. 726 Seiten und ist hier als textdurchsuchbare pdf (OCR-Scan) abrufbar. Da die Datei über 44 MB hat, bitte erst auf Ihren lokalen Rechner herunterladen (im Vorschaufenster kommt aufgrund der Größe eine Fehlermeldung - deshalb auf den Link hier klicken (Rechtsklick).
Der vorliegende Jahresband wurde von Hans und Heidi Kraft zur Verfügung gestellt und von der Firma Pixelprint in München bitonal gescannt.