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20.06.1887 - Eisenbahnraub in Texas; Dr. Dodel berichtet fürs Ottobeurer Wochenblatt


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Der philatelistische Beleg wäre allein schon sammelwürdig, doch dann gab die Textseite zusätzlich den Einblick frei, wie das Ottobeurer Wochenblatt 1887 zu seinen Artikeln kam.

Die Postkarte ist am 21. Juni 1887 in San Francisco gestempelt und erreichte am 10. Juli - also nur 19 Tage später - Ottobeuren. Bereits am 14. Juli (in Ausgabe 28) erschien der Kartentext 1:1 auf Seite 4 des Ottobeurer Wochenblatts. Man hat also nicht einfach irgendeine Münchner oder Stuttgarter Zeitung kopiert, sondern verfügte in Kalifornien über einen eigenen Korrespondenten. „Dr. Dodel“ taucht z.B. auch in Ausgabe 25 auf, für die er einen Artikel über „Amerikanische Millionärinnen“ verfasst hatte. Ansonsten beschränken sich Nachrichten aus dem Ausland meist auf Europa. Der Text zum Eisenbahnraub lautet:

Eisenbahnraub in Texas (Amerika). San Francisco, 20. Juni. Am 18. ds. gegen 3 Uhr Morgens wurde der nach Osten gehende Schnellzug der südl. Pacific Bahn (mit dem ich im April vorigen Jahrs von New Orleans nach San Francisco fuhr) 95 Meilen östlich von San Antonio in Texas, nahe Antonia durch 2 Leute angehalten und der Postwaggon ausgeplündert. Die Beiden stiegen mit gezogenen Revolvern auf die Locomotive und zwangen den Zugführer auf die Prärie zu fahren, wo 10 Leute mit Wiechester [Winchester] Gewehren seiner harrten. Die Post, Expreß und Passagier-Waggons wurden in aller Eile ausgeplündert und die Räuber erbeuteten circa 60,000 Mark. Die Passagiere befanden sich fast sämmtlich schlafend und leisteten keinen Widerstand als die Banditen sie ausplünderten. Der Postconducteur warf seine Schlüssel fort und aus Rache hiefür schlugen die Räuber ihn mit ihren Revolvern auf den Kopf und zerschnitten ihm die Ohren. Sie fanden die Schlüssel wieder, öffneten den Geldschrank und stahlen ungefähr 40,000 Mark. Alsdann wurden die Passagiere beraubt und mehrere derselben bewußtlos geschlagen. Fast jeder der Passagiere erhielt erhebliche Verletzungen. Die Behörden und viele Freiwillige sind zur Verfolgung der Räuber aufgebrochen. Das letztemal wurde derselbe Zug am 17. April ausgeraubt. Ich benützte diese Bahn das letztemal hin und zurück nach Texas im Nov. 1886 ohne daß etwas passirte.  Dr. Dodel.

Der Verfasser stammt aus der Wolfertschwendener Linie der Familie Dodel. Für 1884/85 ist die Auswanderung des Arztes Dr. Franz Xaver (1855-1938) und seines Bruders Johann Baptist („Hans“) Dodel (1858-1931) nach San Francisco bekannt. Von 1880-90 wanderten etwa 1,8 Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten aus, knapp 10% davon stammten aus Bayern.

In einem Kurzführer (Haus der Bayerischen Geschichte) von 2004 über Auswanderung findet sich sogar ein Bild von Franz Xaver und Hans Dodel (Link hier). Deren Biographie ist im Ausstellungskatalog (Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg) abgedruckt. Die Ausstellung selbst fand von 24. Juni bis 7. September 2004 in der Alten Schranne in Nördlingen statt, anschließend vom (9.12.2004 - 6.3.2005) im Lokschuppen in Rosenheim und nochmals (vom 26.11.05 - 19.03.2006) in Schloss Johannisburg in Aschaffenburg. Von den beiden gibt es keine Nachfahren mehr. (In Arizona wohnen Nachfahren von Attenhausener Dodels - die sich heute „Dottel“ schreiben.)

Literaturzitat:
Hamm Margot, Dodel Max: Auswanderung als Weg aus einer persönlichen Krise. Die Brüder Hans und Xaver Dodel aus Wolfertschwenden in San Francisco, S. 102f, in: Hamm Margot, Henker Michael, Brockhoff Evamaria (Hrsg.): Good bye Bayern - Grüß Gott America. Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683, Kessler, Bobingen, 2004, 320 S., ISBN 3896785222

Aus dem Artikel (Hamm/Dodel) gehen folgende biographischen Angaben hervor:
Nach seiner Ausbildung zum Apotheker hatte sich Hans Dodel zum Militär gemeldet, war dort wegen Schwindsucht und eines Herzleidens jedoch abgelehnt worden. Sein Bruder betrieb in München eine Arzpraxis und riet ihm zu einem Aufenthalt im milden Kalifornien, lehnte eine Begleitung aber ab, da seine Frau gerade ihr erstes Kind erwartete. Im Herbst 1883 starben Frau und Kind kurz hintereinander und so kam es, dass auch Franz Xaver nach Kalifornien reiste. Die Brüder heirateten dort 1895 die aus dem Raum Augsburg stammenden Schwestern Mathilde und Bertha Egger. Xaver praktizierte als Arzt, Hans betrieb eine Apotheke; beide meldeten Patente an (Xaver den „Dodel Elevator“, ein Zahnhebel, und Hans den „Oil heater“, ein Gerät „gegen das Rauchen und Riechen des Automobils“), wenn auch ohne großen wirtschaftlichen Erfolg. Immerhin besaß Franz Xaver bereits 1909 ein Auto.
Das große Erdbeben vom 18.04.1906 war für die Brüder auch ein großer finanzieller Einschnitt, eine Rückkehr ins Allgäu kam dennoch zunächst nicht in Frage. Der Bruder Josef - 33 Jahre Bürgermeister und Betreiber der Gastwirtschaft „Dodel-Wirt“ samt Brauerei und Postagentur - war 1922 gestorben - ebenso seine Frau - und so kehrten Xaver und Hans 1923 dann doch zurück nach Wolfertschwenden, um ihren Lebensabend in Deutschland zu verbringen. Ihr gesamtes Geld hatten sie in die alte Heimat überwiesen - und fast alles durch die Inflation verloren. Franz Xaver hatte immerhin in die Hirsch-Brauerei in Ottobeuren investiert. Über den vierten Bruder - Ludwig - ist nichts bekannt.
Mathilde Dodel konnte sich nicht ins Leben des kleinen Allgäuer Dorfes einfügen und ging mit Xaver zurück nach San Francisco, Hans und Bertha blieben. Sie wohnten zunächst in Memmingen; Hans arbeitete bis zu seinem Tod 1931 als Angestellter einer Apotheke in Legau.
Beide Ehepaare blieben kinderlos.

Von einer Tätigkeit fürs Ottobeurer Wochenblatt ist zwar nicht die Rede, es war damit möglicherweise ein kleiner Nebenverdienst für Franz Xaver Dodel verbunden, wahrscheinlicher ist aber einfach der Kontakt mit der alten Heimat als Motivation zu sehen.
Die Zeitungen aus der Zeit werden noch nach weiteren Artikeln von ihm durchforstet! Mit etwas Glück erlangen wir außerdem die Erlaubnis der Autoren zum Abdruck der beiden Seiten aus dem Ausstellungskatalog samt Bilder (aus dem Privatarchiv von Max Dodel, Neu-Ulm).

Von den Dodel-Brüdern sind Briefe erhalten (Sammlung Max Dodel), von denen auf ca. 20 Seiten einige veröffentlicht wurden in:
Maidl Peter (Bearb.), Pankraz Fried (Hrsg.): „Hier ißt man anstadt Kardofln und Schwarzbrodt Pasteten ...“ Die deutsche Überseeauswanderung des 19. Jahrhunderts in Zeitzeugnissen, Bd. 1, Reihe 9, Historische Migrationsforschung in Bayerisch-Schwaben, Wißner Verlag Augsburg, 2000, 340 S.

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Frankiert ist die Postkarte mit einer 1 Cent „Franklin Banknote“ auf einer eingedruckten 1 Cent „Brown Jefferson“. Sie wurde im Juni 2016 über eine belgischen Auktionsplattform bei einem amerikanischen Händler ersteigert, ging also jetzt bereits das dritte Mal „über den großen Teich".

Spaßeshalber ist hier auch eine Ansicht in Farbumkehr eingepflegt. Recherche, Abschrift und Sammlung: Helmut Scharpf, 07/2016.
Die Seite aus dem Wochenblatt wird noch gescannt; hier zunächst nur eine mäßige Fotografie ...