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27. und 28.03.1932 - Die Lichtspiele Ottobeuren zeigen den Film Tabu von Friedrich Wilhelm Murnau


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Dass sich das Aushangplakat der Lichtspiele Ottobeuren für den Film „Tabu“ erhalten hat, ist einem Zufall zu verdanken. Vielleicht hat Andreas Schober (*15.6.1887, gestorben am 20.04.1942), der in der Luitpoldstraße (Nr. 126 1/3, ab 1951 Haus Nr. 17) als Schneider arbeitete, den Film selbst gesehen. Er lief am Ostersonntag, den 27. und Ostermontag, den  28.03.1932. Das Plakat wurde jedenfalls in Stoff eingewickelt, der bei Familie Baron lagerte und kam 2017 bei Georg Scheller und seiner Frau Hedwig in der Nähe von Freising beim Auswickeln des Stoffes wieder zum Vorschein.

Es war ein ganz besonderer Film, der das Publikum in eine exotische Welt entführte: Gedreht wurde mit Laiendarstellern in der Südsee.
Der Perlentaucher Matahi begegnet auf Bora-Bora der schönen Reri und verliebt sich in sie. Dummerweise gehört es zur Religion der Insulaner, eine Frau als göttliche Jungfrau zu ernennen. Die derzeitige Jungfrau war gestorben, und der Häuptling von Fanuma, Oberhäuptling aller Inseln, hatte sich für Reri als ihre Nachfolgerin entschieden. Sie wird von Hitu nun mit einem Tabu belegt, womit sie den Göttern geweiht ist. Jeder Mann, der sie begehrt, ist des Todes. Hitu wurde damit beauftragt und steht mit seinem eigenen Leben dafür ein, Reri nach Fanuma zu bringen.
Wer die ganze Geschichte nachlesen will, kann dies auf der eigens angelegten Wikipedia-Seite tun. Den Film – er ist nach wie vor sehenswert – gibt es heutzutage übrigens auf DVD zu kaufen.

Die Filmindustrie bewegte sich 1931/32 an einem Scheidepunkt: Gedreht wurde Tabu als Stummfilm, er wurde allerdings mit Musik nachvertont. Ob die in Ottobeuren schon abgespielt werden konnte, ist unklar.
Nicht nur der Film hat aufgrund der unglücklichen Liebesgeschichte eine gewisse Tragik, auch das Leben des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau fand mit seinem Unfalltod bei Santa Barbara (Kalifornien) – nur eine Woche vor der Uraufführung (am 18. März 1931 in New York) – ein dramatisches Ende. In Deutschland kam der Film am 5. August 1931 in die Kinos.

Das Memminger Volksblatt kündigte den Film am 26.03.1932 wie folgt an:
Ottob., 26. März, Lichtspiele. Auf den So u. Mo. zur Vorführung gelangenden Film: „Tabu“ sei hiermit nochmals aufmerksam gemacht. Dieses letzte Werk Murnaus, des berühmten deutschen Regisseurs, wurde bisher überall mit begeistertem Beifalle aufgenommen. Von den meisten Kritikern wurde Tabu als der schönste Film bezeichnet, der in einem Lichtspieltheater zu sehen war.

Eine Nachbesprechung gab es in diesem Blatt zwar nicht, wohl aber im „Allgäuer Beobachter“, der parteinahen Zeitung der Nazionalsozialisten. Auch diese Zeitung zeigte sich weitgehend begeistert, es kommt allerdings durchaus die Rassen-Ideologie zum Vorschein.
Die Ausgaben vom 26.03.1932, 01.04.1932, vor allem aber vom 31.10.1932 (S. 6 +7) zur Besprechung der Memminger Aufführung, müssen erst noch abgeschrieben werden.

Dass der Film eine nachhaltige Wirkung hinterließ, macht eine weitaus spätere Referenz deutlich. In der Ausgabe 21.10.1934 (S. 13 ) des Beobachters hieß es im Zusammenhang mit einem anderen Film - über Grönland:
Lichtspiele. Donnerstag, den 1. November abends halb 8 Uhr spielen die hiesigen Lichtspiele den neuesten Kulturfilm der diesjährigen Ufa-Produktion, den Grönland-Film: „Palos Brautfahrt“. Kein reiner Naturfilm, sondern ein Film mit einer einfachen Spielhandlung, dargestellt von den Eingeborenen aus Angmagsalik, ein Natur- und Menschendrama, ein herrliches Heldenlied von Kraft und Liebe. Eine zauberhaft ferne Welt zeigt sich hier, eine grandiose Natur mit ihren vereisten Bergen, schroffen Klippen und brandenden Fluten, die Polarwelt mit ihrem ganzen Reichtum an Romantik. Es sei hier an dieser Stelle an den Film „Tabu“ erinnert, der seinerzeit so gut gefiel und dessen Hauptreiz auch darin bestand, daß die Spielhandlung von Eingeborenen gespielt wurde. — So vermittelt der Film einen wertvollen Einblick in das Leben eines fremden Volkes, zeigt unvergleichlich schöne Bilder einer uns fremden Welt und das alles in einer angenehmen und unterhaltenden Form. Dieser Grönlandfilm ist wirklich ein sehenswerter, ein interessanter, mit einem Wort ein künstlerisch herrlicher Film.

Geboren wurde Murnau am 28. Dezember 1888 als Friedrich Wilhelm Plumpe in Bielefeld; † 11. März 1931 ). Wäre eine Homosexualität schon damals ruchbar geworden, dann wäre der Film sicherlich anders aufgenommen bzw. verboten worden. Etwas mehr Details bietet die englisch-sprachige Website über Murnau.

Ein interessanter Beitrag findet sich auf der Website des Schwulen Museums Berlin, das dem Regisseur bis 10.03.2017 eine Ausstellung widmete:
Die eingeborenen Hauptdarsteller seines letzten Films, „Tabu“, den er auf Tahiti drehte, sind muskulös, aber weichhäutig und sensibel. Murnau schwärmte im Tagebuch von Matahi, einem „großartig gewachsenen Eingeborenen, eine Marathonfigur mit klassischem Kopf und klugem Gesichtsausdruck.“ Die Ausstellung zeigt aber auch seine Lebensgefährten: den expressionistischen Dichter Hans Ehrenbaum-Degele, der 1915 in Russland fiel und den Maler-Musiker Walter Spies, der 1923 nach Bali auswanderte. Murnau setzte ihn in seinem ausgestellten Testament zum Haupterben seines beträchtlichen Vermögens ein.

Zusammenstellung, Recherche, digitale Restaurierung des Plakats: Helmut Scharpf, 08/2017
Zum Film sind etwa 20 verschiedene Plakate entstanden:
Plakat 1 / Plakat 2 / Plakat 3 / Plakatsammlung /

Ein weiteres Filmplakat zu einem Film, der 1937 in den Lichtspielen gezeigt wurde, finden Sie hier.