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23.07.1918 - „Fressklub voller Magen Ottobeuren“ – Hamsterer und Kriegsgewinnler am Ende des 1. Weltkrieges


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Ein „Fressklub voller Magen“ inmitten schärfster Versorgungsengpässe – wie passt das zusammen? In Ottobeuren hatte bislang niemand eine Erklärung für das Bild, das am 23.7.1918 als Postkarte nach München ging. Die Geschichte erinnert an Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ oder Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“.
Eine Zeitungsnotiz aus der Wörishofener Rundschau (Nr. 757 vom 14.08.1918, S. 3) ergab einen ersten Hinweis:

Ottobeuren. Zum besseren Verständnis der Ausweisung zweier sächsischer Hamsterer muß man wissen, daß der Kaufmann Krause aus Leipzig die Geschmacklosigkeit gehabt hat, an der Spitze einer „Damen“-Gesellschaft einen Freund vom Bahnhof abzuholen und dabei von einem rotbefrackten Herrn eine Standarte voraustragen zu lassen mit der Inschrift: „Mast- und Freßklub Ottobeuren — Voller Magen!“ Wenn die einheimische Bevölkerung für solche Witze kein Verständnis aufbrachte, darf sich der Herr aus Sachsen nicht wundern.

Das Memminger Volksblatt ging in der Ausgabe Nr. 180 vom 06.08.1918 (pdf der Gesamtausgabe S. 127) recht ausführlich auf die Zustände mit den fremden Hamsterern ein:
Unerhörte Zustände in Ottobeuren.
Von besonderer Seite geht uns nachstehendes Eingesandt zu:
Hier in Ottobeuren verkehren vielfach Sachsen. — Ortsbekannt wird durch sein schon wochenlanges Hiersein ein gewisser Herr Krause aus Leipzig mit Anhang. Dieser Herr scheut sich nicht, in geradezu ärgerniserregender Weise auf offener Straße den Hanswursten zu spielen. Mit rotem Frack (ausgeputzt mit Schnüren in verschiedenen Farben) marschiert eine Gruppe vom Gasthaus „zum Engel“ mit Standarte nach dem Bahnhof, um einen Landsmann und guten Freund hinauszubegleiten oder abzuholen. Auf der Fahne hatten sie die Inschrift angebracht: „Mast- und Freßklub Ottobeuren – voller Magen“. Diese Inschrift wurde jedoch bald beseitigt, da ein paar Ottobeurer Herren sich dagegen verwahrten und von diesem schlechten Witz abrieten. Dieses Erzeugnis frecher Dreistigkeit stammte ebenfalls von diesem Herrn Krause unter großem „Halloh“ seines Anhanges, bestehend aus zwei bis drei Damen und noch einem Herrn.

Das sind die Folgen von Nichtstun und üppig leben. Untertags geht man in dis nächstgelegenen Weiler und Ortschaften zum Hamstern, abends lebt man flott bei Spiel und Tanz (!) und dann spielt man nach Verlauf von 4 Wochen nach einem erbärmlichen Katzenjammer vor dem Kgl. Bezirksamt Memmingen den kranken Mann, der noch weiter erholungsbedürftig ist! (?) Der Herr Bezirksamtmann läßt sich infolge des übermäßigen Redeschwalls schließlich erweichen und genehmigt einem solchen „Kranken“ (soll von Beruf Kaufmann sein) noch weitere 4 Wochen Erholungsurlaub bezw. Aufenthalt.
Der Gendarmerie hier wurde die Sache doch zu bunt, sie öffnete in Abwesenheit das Schlafzimmer des Krause und beschlagnahmte Butter, Eier und Käse. Die Fremden treiben es hier wirklich toll. Ein Selbsterlebtes: Am letzten Samstag beobachtete ich, wie ein Herr Schulrat in der „Bahnhofstraße“ mit seinem Rucksack in der Hand (also NB. in der frequentesten Straße) jedes Oekonomieanwesen abklopft und nach Butter und Eiern fragte. Ich rufe telephonisch den Gendarmeriewachtmeister zu mir und mache ihn auf diesen Mann aufmerksam, der sich nicht scheut, vor den Fenstern des Bürgermeisters im gegenüberliegenden Oekonomieanwesen seiner Hamsterlust zu fröhnen. Der Wachtmeister stellt ihn zur Rede und der Mann gibt zur Antwort, ich wollte nur ein Pfund (?) Butter hamstern. — Wer war der Mann? Ein Herr Schulrat, der in der hiesigen Bahnhofrestauration zur Sommerfrische weilt. —
Ein weiteres: Am selben Tage nachmittags gegen 4 Uhr passiert wiederum eine Dame mit hellrotem Rocke die Bahnhofstraße und macht das gleiche Manöver wie der Herr Schulrat. — Ein echtes Hamsternest war bisher die Bahnhofrestauration Ottobeuren, im Volksmunde schon seit 2 Jahren genannt: „Der sächsische Hof!“ — Diese Wirtin (Witwe) inserierte schon vor 2 Jahren, so auch dieses Jahr wieder, in einer großen Leipziger Zeitung und der Zuzug war enorm. Hier bekamen die Fremden die feinsten Leckerbissen und waren zum Essen stets abgesondert, damit ja kein Einheimischer Einblick bekommt in den Küchenzettel. — Die Wirtin „zur Sonne" machte dieses Beispiel des Ausschreibens in den Leipziger Zeitungen nach und auch hier meldeten sich die Fremden, in Masse und fanden so gut es ging, Aufnahme. — Im  Gasthof „zur Post" sollen oft 60 Fremde Mittag machen. Auf mein Befragen, wie das komme, heißt es, Ottobeuren sei Durchgangsverkehr und da kommen die Fremden von Memmingen, machen dort Mittag u. wandern dann zu Fuß oder per Bahn wieder zurück nach Memmingen. (Unerhört!) — So ist es im „Hirsch“ und im „Engel“. — Die Einheimischen bekommen für ihre paar Marken einmal in der Woche Fleisch und ½ Pfund Schinkenwurst und alles andere wandert in die Wirtschaften.

Vor ein paar Tagen wurde hier „erzählt“, daß Fremde in der Gemeinde Haitzen (Haitzen gehört nach Ottobeuren) 10 Pfund Butter aufgekauft haben um 100 Mark, 5 Gockel für je 10 Mark. — Das nebenbei; es wurde nur erzählt, allein es ist ganz glaubwürdig. Kurzum, wir hatten bisher schreckliche Zustände, aber die Fremden fanden nicht selten sogar bei den Einheimischen im geheimen Unterstützung. Was wurde nur an Ware fortgeschleppt nach dem Bahnhofe, sogar nach Sontheim und Memmingen trugen die Fremden die Koffer und Säcke, um der Kontrolle auf hiesigem Bahnhofe zu entgehen.
Hoffentlich wird die Sache jetzt anders. Das Bezirksamt hat endlich vor 4 Tagen neue Bestimmungen in der Zeitung erlassen, ob sie wohl beachtet werden? — Was sind hier in Ottobeuren mit dem kolossalen Zulauf 2 Gendarmen? — Oft müssen sie auswärts und sind nicht im Stande, die vielen Fremden zu kontrollieren.
Ich war letzten Samstag zufällig auf dem hiesigen Bahnhofe. Schwerbepackt stehen 50 - 60 Personen 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges da. Wer ist imstande, diese Leute zu kontrollieren? (Ein Gendarm ist in diesem Trubel soviel wie keiner. Wer will jetzt nach den neuen Verordnungen bezw. Bestimmungen die Kontrolle üben? Die Vorschriften bestehen, aber wo werden sie beachtet?) Hier gehört ein eigener Fremdenkontrolleur her, der die Wirtschaften und die Privatwohnungen strengstens bewacht und oft Nachschau hält. Sonst ist der gleiche Schlendrian wieder. (Das Bezirksamt hat inzwischen die Stelle eines Kontrollbeamten ausgeschrieben. Die Red.) 2 Gendarmen sind machtlos. Das Bezirksamt hat genehmigt, daß hier 50 Fremde privat wohnen dürfen. Hinaus sage ich mit diesen Bummlern, oft sind es Leute, meistens Damen mit 16 - 25 Jahren, die im Hilfsdienst oder in der Feldarbeit mitarbeiten könnten. Diese Fremden sind für uns süddeutsche Landbewohner der größte Krebsschaden der Jetztzeit.

Das Memminger Volksblatt ging in der Ausgabe Nr. 181 vom 07.08.1918, S. 3 (pdf der Gesamtausgabe S. 131) nochmals auf den Vorfall ein:
Nochmals unerhörte Zustände in Ottobeuren.
Wie uns vom K. Bezirksamte mitgeteilt wird, sind die in unserem gestrigen Artikel erwähnten Fremden: Kaufmann Krause – Leipzig und Schulrat Haupt aus Sachsen bereits aus dem Bezirk ausgewiesen. Ausweisungen von hamsternden Fremden erfolgen jedesmal sofort, wenn die nötigen Anhaltspunkte dafür gegeben werden. Das K. Bezirksamt bemerkt weiter, daß Krause vom Bezirksamt nicht eine Aufenthaltsverlängerung von 4 Wochen, sondern von 4 Tagen auf Grund ärztlichen (!!) Zeugnisses erlangt hatte. Nach Bekanntwerden seines Verhaltens wurde diese Genehmigung selbstverständlich widerrufen.

Ein weiteres Beispiel für das Hamstern:
Memminger Volksblatt, Ausgabe 264 vom 14.11.1918, S. 3 (pdf 483):
Ertappt. Daß der Schleichhandel bezw. Hamster-Unfug im Großen immer noch seine Blüten zeitigt, konnten wir gestern mittag wieder beobachten. Vor Abgang des Mittagzuges wurde durch Herrn Gend.-Vizewachtmeister Schinhammer einer Frau ein schwerbepackter Rucksack sowie eine große Pappschachtel abgenommen, deren Inhalt aus über einem halben Zentner Fleisch (durchweg Schweinefleisch) bestand. Das Fleisch war  von einem Metzgergehilfen auf die Seite gebracht worden und sollte durch die betreffende Frau nach München geschmuggelt werden.

Die Kurgäste bzw. Erholungsuchende sorgten schon seit Längerem für Unruhe; Beispiel Memminger Volksblatt Nr. 187 vom 14.08.1918, S. 3:
Lokales.
Fremdenverkehr! Von verschiedenen Seiten werden wir daraus aufmerksam gemacht, daß Wirte Schwabens durch Inserate in norddeutschen Blättern die Fremden anlockten. Sollte das noch der Fall sein, so muß gegen ein solches, allen Bestimmungen Hohn sprechendes Verhalten protestiert werden und die Gastwirte tun gut daran, einmütig dagegen Stellung zu nehmen, wenn sie noch Anspruch auf die Wahrung auch ihrer Interessen machen wollen.

Auch sonst wurde immer wieder versucht, sich an der Knappheit der Waren eine goldene Nase zu verdienen:
Memminger Volksblatt Nr. 231 vom 05.10.1918, S. 5 (pdf 337):
Schon lange hat sich der Verband [der Viehlieferungsverband für den Bezirk Memmingen] um die Lieferung des Kleinviehes (Kälber) etc. beworben, doch bisher vergebens. Wo kommen hier die Provisionen hin, die pro Kalb 4 M und pro Schwein 7 M betragen? Werden diese auch der Allgemeineinheit zugeführt, wie bei Großvieh, oder kommen sie nur in die Taschen Einzelner? Es ist bekannt, daß ein Aufkäufer (Steiner) in Ottobeuren jede Woche 30 bis 50 und noch mehr Kälber verladet bezw. durch einen Pensionisten (Kohler) verladen läßt und diesen mit 30 ₰  pro Stück entschädigt, der Überschuß kommt in seine Tasche. Der Mann verdient für seine mühevolle Tätigkeit mehr wie der erste Beamte des Bezirkes. — Ich lasse nun das Publikum selber urteilen, wer mehr Recht hat, der Lieferungsverband oder die Kleinviehaufkäufer.

Memminger Volksblatt, Ausgabe Nr. 160 vom 13.07.1918, S. 2 (pdf d. Gesamtausgabe S. 46)
Lokales.
Nur weiter so!
Zu unserer Meldung, wonach die Kohlenkommisssion für Bayern die Verkürzung der Hausbrandkohlen für den Winter beschlossen habe, weil wir die preußichen Sommerfrischler nicht nach Gutdünken schalten und walten lassen können, bemerkt die Allgäuer Zeitung: Und das wagt man Bayern zu bieten in einem Augenblick, da Tausende und Abertausende von Preußen und Preußinnen, darunter die wenigsten Erholungsbedlürftige, in dieser schweren Zeit des Übergangs zur neuen Ernte bei den Bayern zu Gaste sitzen, die mit ihnen teilen müssen, was sie sich selbst vom Munde absparen; in einem Augenblicke, da viele Waggons Mehl nach Preußen rollen, Aufsparungen, die wir im Laufe des Wirtschaftsjahres aus allen Bundesstaaten glcichmäßig zugeteilten Mengen, auf Kosten unseres hungrigen Magens, gemacht haben, um dann die Not in Preußen, wo man nicht so haushälterisch wirtschaftete, sondern von der Hand in den Mund lebte, vielleicht auch eben in der Hoffnung, auf die „dummen Bayern“, lindern zu helfen. Nur so weiter!

In unserem Bezirk häufen sich die Klagen über das arrogante Wesen der immer zahlreicher werdenden norddeutschen Kurgäste. Auch hier bei uns kann man die Beobachtung machen, daß sie nach Beendigung der vorgeschriebenen Aufenthaltszeit an einem anderen Ort des Bezirks wandern. Scharfe Kontrolle und Beibringung eines Attestes vom Bezirksarzte (nicht von einem xbeliebigen norddeutschen Arzt) ist da dringend nötig. Namentlich aus Ottobeuren hört man Klagen und auch im benachbarten Dickenreishausen machen sich die Fremden allmählich recht unangenehm bemerkbar. — Unsere Meldung von der angedrohten Kohlensperre hat im ganzen Bezirk große Entrüstung hervorgerufen und man würde es, wie in Zuschriften an uns hervorgehoben wird, mit Genugtuung begrüßen, wenn man behördlicherseits endlich scharfe Repressalien angewand u. für Fremde einfach in Zukunft der Bezirk gesperrt würde. Auch wir sind der Ansicht, daß irgend etwas gegen die immer noch wachsende Landplage geschehen muß, denn sonst können wir Bezirksansässige in den nächsten Ferienwochen noch allerhand erleben.
In den zum Bezirksamt Starnberg gehörigen Fremdenorten, insbes. Starnberg, Feldafing, Tutzing, Berg, Herrsching, Weßling, Steinebach dürfen sich Fremde nicht länger als 3 Wochen einschließlich der Aufenthaltszeit in anderen Orten und Bezirken aufhalten. Gastwirte und Vermieter dürfen nur 6 bis 10 der vorhandenen Betten belegen. Dem Hamstern der Fremden wird unabsichtlich [unnachsichtig] durch Ausweisung und Strafanzeige entgegengetreten.

Neben vielen Beispielen für Versorgungsengpässe (z.B. die angekündigte Lieferung von Frühkartoffeln, die dann doch nicht in Ottobeuren eintrafen) sei hier nur eines herausgegriffen. Um Gummi zu sparen, durfte man nur noch aus dienstlichen bzw. beruflichen Gründen mit dem Rad fahren.
Wörishofener Rundschau vom 14.08.1918, S. 3 :
Das Verbot des Radfahrens zu Vergnügungs- und Sportzwecken, das seinerzeit von den drei stellv. Generalkommandos erlassen wurde, findet immer noch nicht allgemeine Beachtung. Das stellv. Generalkommando erinnert deshalb neuerdings daran. Die Polizeibehörden sind angewiesen, das Verbot mit Rücksicht auf die beruflich auf das Radfahren angewiesenen Personen strengstens und unnachsichtlich durchzuführen.
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Lesenswert sind die Erinnerungen eines Hamsterers, der seine Fahrt von München und den Aufenthalt in Ottobeuren sehr anschaulich schilder.

Memminger Volksblatt Nr. 142 vom 24.07.1919, S. 3 (pdf 571)

Erinnerungen an Ottobeuren
Von einem Münchener Hamster.
Die Schreckensherrschaft der Spartakisten ging mir auf die Nerven – bei der reichsernährungsamtlichen Rationierung, die kaum einen hungrigen Spatzen sättigt – kein Wunder. Milch, Kartoffeln, Fleisch, Fett waren ausgeblieben, denn München war ja von aller Zufuhr abgeschnitten. In dieser Not fiel mir ein alter Spezl, ein langjähriger Stammgast vom Münchener Hofbräuhaus ein; dieser spielte den „Vetter vom Lande“ und zeigte sich als trefflicher Quartiermacher. Also auf nach dem freundlichen Ottobeuren, wo ich schon so manchen herrlichen Abend bei stimmungsvollem, harmonischen Glockengeläute in Blüten- und Blumenduft geschwängerter Luft, verlebt habe. – Da der Ottobeurer Ortent-Expreßzug seltsamer Weise täglich nur einmal verkehrt und zwar erst abends, während man bereits am Vormittag in Memmingen eintrifft, zog ich vor, in Sontheim den Zug zu verlassen u. zu Fuß nach O. zu wandern.

Der Weg war schön; blumige Auen, schattige Wälder, Wiesen und Felder, sowie melodisches Geläute der weidenden Herden, taten den aufgepeitschten Nerven des Großstadtmenschen äußerst wohl. Nach kaum zweistündigem Marsche war das Ziel erreicht und Freund W. übergab mich einem alten Bekannten, einem „Mohren“ zur Verpflegung. Die Wahl war gut und, nachdem der „Mohr“ seine Schuldigkeit getan hatte, führte mich mein Freund in ein neu erstandenes Kaffeehaus. „Da wirst spitzen!“, sagte mein freundlicher Führer und ich habe gespitzt, denn ein so liebes anheimelndes Lokal hier zu finden, hatte ich nicht erwartet. – Einheimische Meister haben hier gezeigt, daß auch in Ottobeuren tüchtige Kräfte vorhanden sind, die es verstehen, etwas zu schaffen, was auch den Ansprüchen des verwöhnten Großstädters genügt. Ottobeuren darf stolz sein, den zahlreichen Besuchern seiner Sehenswürdigkeiten auch moderne Wein-, Café- und Bierlokale bieten zu können.

Eine reiche Fülle von Schätzen und hochinteressanten Kunstwerken enthält auch die weltberühmte Klosterkirche und das anschließende Museum, die uns von dem liebenswürdigen Führer, dem ehrwürdigen Klosterbruder Columban gezeigt wurden. Bruder Columban war auch nahezu vier Jahre im Felde und hat in steter Hilfsbereitschaft manch schweren Dienst einem Familienvater abgenommen. Mehrere Auszeichnungen, die ihm verliehen wurden, sind der Beweis für seine Tapferkeit. Mögen ihm diese Zeilen beweisen, daß seine aufopfernde Tätigkeit auch von Fernstehenden gewürdigt wird.

Hat man sich so an Natur- und Kunstgenüssen gesättigt, dann kann man auch noch der Modekrankheit, dem „Hamstern“ etwas huldigen. Ein Bescheidener, der Mühe und Verdrießlichkeiten nicht scheut, und vom Guggenberg zum Langen-, Dennen- und sonstigen Bergen eilt, wird meist auf seine Rechnung kommen. Manche kleine Szene, die von dem freundlichen Charakter der biederen Schwaben zeugt, habe ich dabei erlebt. Besonders gefiel mir folgendes: Komme ich da in einen kleinen Bauernhof, schildere der Besitzerin in vielleicht etwas stark aufgetragenen Farben die Not und das Elend der Großstädter, ohne dabei auf die Hartherzigkeit der von Kemptener-, Augsburger- u. Münchener Hamstern oft belästigten Bäuerin besonderen Eindruck zu machen. Da schleicht sich der kleine, vierjährige Knirps, der unser Gespräch mit anhörte, in die Kammer und kehrt mit zwei Eiern, in jedem Händchen eines, zurück und bietet sie mir treuherzig an. Möge aus dem kleinen Menschenfreund einst ein tüchtiger und wackerer Mitbürger werden! – Weniger gemütlich war eine andere Bäuerin mit einem Zementherz. Sie hatte sich eingeschlossen, um vor den Hamsterviecherln geschützt zu sein. Aber so ein Hamster ist zudringlich und so klopfte ich ans Fenster – einmal, zweimal, dreimal! Die Bäuerin öffnet; als sie aber von meiner Bitte hört, da schließt sie eiligst, als wenn ein leibhaftiger Spartakist Einlaß begehrte, das Fenster, in welches mein Finger eingezwängt war. Ich heulte und jammerte wie ein getretenes Schoßhündchen und hatte den Erfolg, als Schmerzensgeld zwei Eier einzuhamstern. – Als weitere Frau ohne Herz zeigte sich eine Bäuerin, die gerade dabei war, mit den Ihrigen einen Berg von Schmalznudeln zu vertilgen. Ruhig hörte sie die Schilderung aus meinen Schreckenstagen spartakistischer Herrschaft in München an, ruhig ließ sie sich ihre Schmalznudeln schmecken und ruhig sagte sie, nachdem sie mich geraume Zeit reden ließ: „Mir hann selber nix!“ – Aber solche Hyänen bildeten Ausnahmen; die meisten Bäuerinnen hatten ein mitfühlendes Herz für den armen Hamster und ließen ihn nicht leer abziehen.

Möge das gute Schwabenvölkchen auch ferner für Erholungsbedürftige, nicht für Schleichhändler und Prasser, ein warmes Herz und eine offene Hand zeigen, denn die Not der Städter ist tatsächlich groß.

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Lesenswert ist auch eine Kolumne in der Ausgabe des Memminger Volksblatts vom 18.10.1920, S. 3 („Acht Tage in Ottobeuren. Von einem jährlichen Münchner Besucher.“), pdf 417. Vermutlich stammt sie vom selben Urheber wie in der Ausgabe vom Juli 1919.

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Eine Hamsterliste ganz anderer Natur findet sich im virtuellen Museum für März 1946; da ging es rein ums Überleben ...

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Die spannende Karte war dem virtuellen Museum Ottobeuren von Sammler Manfred Foith (30.09.1941 - 11.12.2015) aus Memmingen zur Verfügung gestellt worden.
Abschriften und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 12/2017