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29.06.1944 - Josef Maurus jun. schreibt aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Ottobeuren


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Josef Maurus hatte wohl Glück im Unglück: Er war – wie die meisten der 23.000 im Bundesstaat Arkansas internierten deutschen und italienischen Soldaten – in Nordafrika in Gefangenschaft geraten und landete nicht nur im amerikanischen Süden, sondern sogar in einem ausgesprochenen Mustercamp.

Aus Sicherheitsgründen waren die ca. 425.000 Kriegsgefangenen der Achsenmächte in ländlichen Gebieten im Süden und Südwesten der USA untergebracht, oft in der Nähe von Truppenübungsplätzen oder Einrichtungen des amerikanischen Arbeitsdienstes („Civilian Conservation Corps“, kurz: CCC). Auf einer englischsprachigen Wikipedia-Seite ist die Rede von 425.000 deutschen Gefangenen in den USA.

In dem neben der Kleinstadt North Little Rock (damals ca. 20 - 25.000 Einwohner, aber 50.000 Militärs) gelegenen Gefangenenlager „Camp Joseph Taylor Robinson“ (unter dem Lieutenant Colonel = Oberstleutnant Virgil Caldwell), in dem Josef Maurus untergebracht war, konnte man sich 80 Cents pro Tag verdienen und dafür in einem eigenen Laden Körperpflegemittel, Süßigkeiten, Zigaretten und sogar Bier kaufen. Nicht wenige Einheimische neideten es den Kriegsgefangenen, da sie selbst unter Rationierungen litten und Verwandte im Kriegseinsatz hatten. Als eine Art Entschädigung wurden die Kriegsgefangenenlager bis in den Sommer 1946 betrieben, um die Arbeitskraft der Gefangenen auch nach Kriegsende noch nutzen zu können.

Die Geschichte des Camps geht auf das Jahr 1917 zurück, als im Juni mit dem Bau des damals nach dem General Zebulon Montgomery Pike benannten „Camp Pike“ begonnen wurde. Fertig gestellt wurde es im November 1917 und diente verschiedenen Nachschubeinheiten als Truppenübungsplatz.
1922 wurden die 6.480 Acres (Morgen; ein Morgen entspricht 4047 m²) von den Vereinigten Staaten dem Staat Arkansas mit der Auflage urkundlich übertragen, dass das Gelände weiterhin für überwiegend militätrische Zwecke genutzt wird und im Ernstfall zurück an Washington gegeben werden muss. Zwischen den Weltkriegen war es Hauptquartier der Nationalgarde von Arkansas.

Zu Ehren des 1937 verstorbenen Senators Joseph Taylor Robinson wurde es im selben Jahr umbenannt. Der (oben erwähnte) Arbeitsdienst „Civilian Conservation Corps“ war die Idee des 1933 neu gewählten Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, insbesondere, um den wegen der Wirtschaftsdepression zum Nichtstun verurteilten jungen Männern Arbeit zu verschaffen. Bis zu seinem kriegsbedingten Ende 1943 war 3 Millionen Männern eine Lebensperspektive aufgezeigt worden, eben auch im „Camp Joseph T. Robinson“. Einige der Baracken wurden nun auch für deutsche Kriegsgefangene frei.
Ein Foto (leider mit Copyrightvermerk; siehe Linkliste ganz unten) aus dem Archiv von Arkansas zeigt einige deutsche Soldaten in einem Speisesaal.
Teile der Einrichtung werden noch heute militärisch genutzt, andere wurden zu Naturschutzgebieten, in jüngster Zeit wurde ein Soldatenfriedhof errichtet.

Die Einrichtung der amerikanischen Kriegsgefangenenlager geht insb. auf einen Wunsch der Briten zurück, die selbst große Probleme mit der Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung hatten und die um eine Entlastung gebeten hatten.
Die Zensur von allgemeiner Feldpost begann schon kurz nach Kriegsbeginn („Verordnung über den Nachrichtenverkehr“). Die Zensurbehörden nahmen ihre Arbeit am 12. März 1940 auf. Die Post von Kriegsgefangenen wurde noch weit intensiver geprüft, allein schon deshalb, weil es sich um Post zweier verfeindeter Staaten handelte. Der Brief vom Soldaten Maurus ist sicherlich auch deshalb nicht in deutscher Kurrentschrift geschrieben, damit er für die amerikanischen Zensurbehörden leichter lesbar war.

Nun Einzelheiten zum Brief von Josef Maurus:
Wir wissen leider nicht, wann er in Ottobeuren eintraf. Geschrieben hat er ihn am 29.06.1944, der Abgangsstempel New York zeigt als Datum den 19. Juli. Die Post der Kriegsgefangenen wurde also zentral zusammengefasst (bekannt ist auch ein Brief aus einem Lager in Kansas vom April 1944 mit Stempel New York); vermutlich wurden die Briefe auch im Deutschen Reich zentral geöffnet (wahrscheinlich in Frankfurt?). Im Briefinhalt ist von Briefen aus Ottobeuren vom Januar 1944 die Rede; es muss also recht lange gedauert haben, bis man auf Antwort hoffen konnte.
Das Schreiben von Briefen und Feldpost war über die Genfer Konvention geregelt. Gefaltet kommt der Brief auf ca. 20,3 x 9,3 cm, offen (ohne Laschenspitze) auf 20,3 x 35 cm. Das Papier hat eine leicht grünlich-bläuliche Farbe, was im Scan nicht mehr erkennbar ist.

Aufdrucke:
PRISONER OF WAR („Kriegsgefangener“)
POSTAGE FREE („portofrei“)
ADDRESS / ADRESSE / INDIRIZZO / (ev. japanische Schriftzeichen)
Insgesamt fünf Stempel auf dieser Seite:
Briefstempel (Handrollstempel) NEW YORK, N. Y., JUL 19, 6.30 PM 1944
großer roter Stempel DISPACHED („abgefertigt“) JUN 30 1944 POST OFFICE PRISONER OF WAR CAMP J. T. ROBINSON (mit Ziffern 1 - 12 in der Umrandung; vermutlich für die Uhrzeit)
Aufkleber „geöffnet“, darüber ein roter Stempel „Oberkommando der Wehrmacht b“ und – mit sehr breiigem Abschlag – im unteren Stempelbereich „geprüft“
sowie dunkelblauer Stempel „Oberkommando der Wehrmacht“ mit Buchstabe „b“  im unteren Stempelbereich
Die beiden deutschen Stempel zeigen den Reichsadler, der auf einem bekränzten Hakenkreuz steht
Zweizeiliger Handstempel der amerikanischen Zensurstelle „11513 U.S. CENSOR“

Die handschriftliche Adresse des Empfängers lautet:
German – AF – („AF“ steht vermutlich für armed forces = bewaffnete Streitkräfte, Militär)
Josef Maurus
Drogerie
Ottobeuren / Allgäu
Germany

Die Adresse wird auf der Innenseite des Faltbriefes wiederholt, unten steht der Absender:
MY ADDRESS IS („MEINE ADRESSE IST WIE FOLGT“):
Soldat Josef Maurus
8 WG 25301
Camp Joseph T. Robinson 60.14
G.P.O. BOX 20 New York, N. Y.
(„P.O. Box“ steht normalerweise für „Postfach“, das „G.“ könnte für „general“ = „allgemein“ oder für „German“ = deutsch, stehen.
Der Vordruck („W.D., P.M.G. FORM No. 4“) stammt vom „U. S. GOVERNMENT PRINTING OFFICE 1943“ und ist datiert: JUN 11, 1943 (also vom 14.06.1943)

Hier nun der handschriftliche Briefinhalt:
Meine Lieben!        U.S.A. 29.6.44.
Möchte Euch heute wieder einige Zeilen schreiben und mich für die letzten zwei Briefe von Januar bedanken. Wir liegen hier mit fünf Mann auf einer Zeltbaracke, jeder aus einer anderen Gegen von unserer Heimat. Das Wetter ist wieder warm und ewiger Sonnenschein macht uns in der Hautfarbe den Negern gleich. Sonst geht es mir gesundheitlich gut. Habe von Hans Dorr verschiedenes gehört, und möchte ihm auf diesem Wege die besten Grüsse und Glückwünsche zu seinem Einweihungsfest übersenden. Hoffe, dass Ihr alle noch bei bester Gesundheit seid, und auf ein baldiges Wiedersehen hoffend grüsse ich Euch alle recht herzlich besonders Dich, Mutter
Dein Seppl.

Am 26.03.2018 konnten von einem Sammler in Leutkirch noch etliche weitere Briefe von ihm angekauft werden. Eine erste Sichtung ergab folgendes Bild:
Im Dezember 1941 und Anfang 1942 war Maurus Arbeitsmann beim Reichsarbeitsdienst, im R.A.D.-Lager K6/330 in Neustift im Stubaital in Tirol.
Aus einem Brief geht hervor, dass er seine militärische Grundausbildung in Kaufbeuren absolvierte.

Im Januar 1943 kam er nach Tunesien, wo er südlich von Bizerta in der Nachschubkompagnie 14/IV der „Division Hermann Göring“ in der „Abteilung Verpflegung“ arbeitete. Seinen ersten Feldpostbrief nach Ottobeuren schrieb er von dort am 23.01.1943. Auf einem Zeitungsbild der Berliner Illustrierten Zeitung, das eine tunesische Ortschaft zeigt, schrieb er folgendes Gedicht:
Als Rußland halb geschlagen, da drang zu uns der Ruf,
der Führer braucht Soldaten, wie sie der Herrgott schuf.
So kamen wir von Westen, von Osten und von Nord in Schlesien zusammen, zu zieh'n nach Süden fort.
So zogen wir in die Tropen und ließen Euch allein,
Ihr Lieben seid ohne Sorgen, wir kehren wieder heim.

Ob Josef Maurus vorher an der Ostfront gekämpft hatte, kann man daraus nicht zwingend herauslesen. Auch in Tunesien wurde es immer gefährlicher. Er schrieb: „Die 174.000 Tonnen Betriebsstoff, die die U-Boote den Amerikanern damals versenkten, haben uns gut getan. Jetzt geht der Spektakel aber wieder los. Der Amerikaner, der Sauhund, gibt noch keine Ruhe.“

Seine Mutter, die Wittwe Wally Maurus, bekam am 08.04.1943 zum letzten Mal Post von ihrem Sohn. Vom Mai 1943 sind sechs Briefe an die Feldpostnummer L 02339 (L.G.D.A. Dresden) erhalten, die alle mit dem Vermerk „Zurück an Absender! Unzustellbar. Nähere Nachrichten abwarten“ nach Ottobeuren zurückkamen.
Statt abzuwarten schrieb sie am 27.05.1943 an an die „Wehrmachtsauskunftstelle für Kriegsverluste und Kriegsgefangene“ (Oberkommando der Wehrmacht, Berlin W 30, Hohenstaufenstraße 47/48). Mit Datum des Poststempels 04.06.1943 wurde sie von dort aber lediglich an „das am nächsten liegende Wehramt“ zurückverwiesen.
Hauptmann Gulielminetti vom Arbeitsstab Tunis schrieb unter der Absenderadresse München 22, Abholfach, am 09.09.1943 an Wallburga Maurus:
Sehr geehrte Frau Maurus!
Auf Ihren Brief v. 19.8.43 teile ich Ihnen mit, dass nach gestern eingegangener Meldung, Ihr Sohn, Soldat Josef Maurus, geb. 7.9.23 in Ottobeuren, sich im Internment Camp Chaffee, Arkansas, in amerikanischer Gefangenschaft befindet. Wegen des Briefverkehrs mit ihm wollen Sie sich an das Rote Kreuz wenden. Über den Gefreiten Karl Maier kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben.
Unterzeichnet: Gulielminetti, Hauptmann und Dienststellenleiter

Mit Datum 26.5.1943 meldete sich Josef Maurus über eine vorgedruckte Karte aus England: „Ich bin in englische Gefangenschaft geraten. Bin gesund. Feste Adresse folgt.“ Am 01.06.1943 dann die ersten handschriftlichen Zeilen aus dem „P.O.W. Camp No 210, Great Britain“:
Meine Lieben! Bin in englischer Gefangenschaft. War leicht verwundet, bin aber wieder bei voller Gesundheit. Macht Euch um mich keine Sorgen. Ich hoffe, dass ihr alle noch bei bester Gesundheit seid und grüsse Euch alle recht herzlich, Euer Seppl.

Als die Karte am 9. August 1943 eintraf, war er bereits in einem Lager in den USA. Wie bereits oben erwähnt, hatten die Briten die Amerikaner um Entlastung bei der Unterbringung und Verpflegung von Kriegsgefangenen gebeten. Seine erste Nachricht - wiederum nur vorgedruckt - schrieb Josef Maurus am 27.07.1943 aus dem Internierungslager Camp Chaffee, Comp. A3, das für 3.000 deutsche Kriegsgefangene eingerichtet worden war. Am 04.08.1943 durfte er persönliche Zeilen schreiben. Aus diesem Camp sind zwischen 17.09.1943 und dem 14.01.1944 sieben Briefe erhalten. (Man durfte bis zu zwei Briefe pro Woche schreiben, seine Mutter musste ihn aber immer wieder ermahnen, es solle nicht so schreibfaul sein. Selbst von seiner bei der Gefangennahme erlittenen Schulterverletzung erfuhr sie nicht von ihrem Sohn, sondern von einem Kameraden, Gerhard Strasser.)

Nach seiner Verlegung liegen uns im Zeitraum vom 05.04.1944 - 21.04.1945 insgesamt 14 Briefe vor. Für die Zeit nach Kriegsende haben wir nur zwei Postkarten des internationalen Roten Kreuzes (07.12.1945 und 20.02.1946). Er musste also offenbar noch bis wenige Monate vor Auflösung des Camps Joseph T. Robinson dort ausharren.

In den Briefen schreibt er von den Möglichkeiten, die Zeit totzuschlagen, aber auch von der Hoffnung, in die „siegreiche Heimat“ zurückzukehren. Er erwähnt Pakete des deutschen Roten Kreuzes mit Geschenken zu Weihnachten und Fachbücher, die ihm der Verband der Drogisten aus Deutschland schickte. Einmal berichtet Maurus von der Arbeit auf den Baumwollfeldern, dann wieder davon, dass er als Sanitäter nicht arbeiten müsse, einmal erwähnt er seine Tätigkeit als Zahnarzassistent. Das Fehlen eines Ausweises als Krankenträger verdammt ihn später wieder zum Nichtstun, aus der Heimat kommt der falsche Ausweis, der ihn nur als „Hilfskrankenträger“ bezeichnet.

Josef Maurus (07.09.1923 - 13.03.2004) musste also noch einige Zeit nach dem 8. Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft bleiben, der letzte uns vorliegende Nachricht nach Ottobeuren stammt vom 20.02.1946. Wieder zu Hause, galt es allerdings erst einen einquartierten Vertriebenen „hinauszukomplimentieren“. Schon für das Jahr 1946 ist eine Mitgliedskarte des Alpenvereins Memmingen erhalten.

Die Familie Maurus betrieb in der Bahnhofstraße einen Laden. Anna Maurus war die Frau des hier thematisierten Briefeschreibers.
Von Marlies Maurus – einer Schwester von Josef – finden Sie ein wegen der Zeitumstände spannendes Poesiealbum im virtuellen Museum - von 1943/44.

Verwendete Quellen:
Artikel über Joseph Taylor Robinson (1872 - 1937)
http://www.encyclopediaofarkansas.net/encyclopedia/entry-detail.aspx?entryID=121

Viele Erklärungen zu Kriegsgefangenen in den USA allgemein.

Erläuterungen zum amerikanischen Pendant des „Arbeitsdienstes“.

Camp Pike.
 
Zum Foto im Speisesaal von Camp „Joseph T. Robinson“ (In der Mitte des unteren Bildrandes kann man es herunterziehen und so ganz sichtbar machen.)

North Little Rock:
Wikipedia-English-Site
Wikipedia-Deutsche-Seite (weniger ausführlich)
 
Und abschließend ein interessanter Artikel von Katrin Kilian („Die Briefzensur 1939 bis 1945“).

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Sammlung, Abschrift, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 03/2018