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11.05.2018 - Eröffnung der Sommerausstellung „Der Mensch“


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Für Diether Kunerth war es die achte Ausstellungseröffnung, als Gastkünstler konnte der Erfurter Jost Heyder gewonnen werden, der bis 29.07.2018 ausstellt. Ab 24.08. bis zum Gesamtende der Ausstellung am 11.11. wird er von Miriam Vlaming abgelöst.

Nach der Eröffnungsansprache von Museumsleiter Markus Albrecht hielt Prof. Dr. Bernd Lindner aus Leipzig die Laudatio. Die beiden Beträge können Sie unten lesen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Konstanze Kraus (Harfe) und Annette Weber (Akkordeon).

Die Memminger Zeitung berichtete am 15.05.2018 kurz im Lokalteil (S. 33) und ausführlich (Allgäu-Kultur, 17.05.2018 von Dunja Schütterle: „Zwei Maler blicken auf den Menschen. Der Thüringer Jost Heyder zeigt in Ottobeuren sinnliche Porträts. Der Allgäuer Diether Kunerth hat sich mit der Nacktheit auseinandergesetzt“). Der Memminger Kurier veröffentlichte am 16.5.2018 auf Seite 6 einen längeren Artikel („Sommerausstellung 'Der Mensch' im Museum für zeitgenössische Kunst - Diether Kunerth“)

Hier nun die beiden Redebeiträge:
Guten Abend meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste im „Museum für zeitgenössische Kunst – Diether Kunerth“,
ich freue mich, Sie zu unserer Sommerausstellung „Der Mensch“ begrüßen zu dürfen. Ganz herzlich begrüßen möchte ich die ausstellenden Künstler, Jost Heyder aus Erfurt und unseren heimischen Künstler, Diether Kunerth. Wir freuen uns sehr, dass wir für unsere Sommerausstellung zwei Künstler der „Neuen Leipziger Schule“ gewinnen konnten, die im Wechsel zusammen mit Diether Kunerth hier im Museum für zeitgenössische Kunst ausstellen: Jost Heyder („Bildnis, Akt, Figuration“) vom 12.05. bis 29.07.2018 und Miriam Vlaming („Der Mensch – das Wesen) vom 04.08. bis 11.11.2018. Und natürlich Diether Kunerth („Paare“) über die ganze Ausstellungszeit vom 12.05. bis zum 11.11.
Warum gerade Künstler der „Neuen Leipziger Schule“? Ganz einfach gesagt, weil die Neue Leipziger Schule für ihre figurative Malerei bekannt ist. Im Ketterer Kunstlexikon steht dazu: Innerhalb der seit 1990 verstärkt wahrnehmbaren Rückkehr zur figurativen und gegenständlichen Malerei ist die „Neue Leipziger Schule“ als eigenständiges Phänomen anzuführen.
Zunächst ist festzuhalten, dass die Vertreter der Neuen Leipziger Schule ihre akademische Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig absolvierten und dort von den Protagonisten der ersten und zweiten Generation der „Leipziger Schule“, unter ihnen sind Sighard Gille, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Arno Rink und Werner Tübke zu nennen, unterrichtet wurden. An die Figuration ihrer Lehrer anknüpfend, liegt auch bei den Vertretern der Neuen Leipziger Schule das Hauptaugenmerk auf der gegenständlichen Malerei.
Besonders begrüßen möchte ich den Redner des heutigen Abends, der die Einführung in die Ausstellung hält, Prof. Dr. Bernd Lindner aus Leipzig, einen ausgesprochenen Kenner der ostdeutschen Kunstszene – aber bei weitem nicht nur. Also noch einmal: „Herzlich willkommen bei uns in Ottobeuren und vielen Dank für die spontane Bereitschaft heute die Einführungsrede zu halten!“
Ja, meine Damen und Herren, „Der Mensch“ ist der Titel unserer Sommerausstellung. Da ich weiß, dass Prof. Lindner auf die Künstler aus Ost und West eingeht, möchte ich kurz auf den Titel unserer Ausstellung eingehen. Der Mensch wurde in der bildenden Kunst schon immer dargestellt, beginnend mit den Höhlenmalereien vor 40.000 Jahren. In der Renaissance wurde der Mensch sehr detailgetreu dargestellt, denken wir an Da Vinci, Dürer usw. Gesichtszüge wurden idealisiert gemalt. Die Anatomie des Menschen gewann an Wert. Es gab sogar Regeln, wie der Mensch darzustellen war. Um die Vollkommenheit des Menschen herauszustellen, wurde er oft nackt dargestellt, was für Unschuld stand und als natürlich galt.
Und heute in der zeitgenössischen Kunst?
Der Kunsthistoriker Herbert Schade SJ (1920 - 1988) schrieb in seinem letzten Lebensjahr in einem Aufsatz zum Thema: „Das Problem des Menschenbildes in der modernen Kunst“:
Gerade in der Geschichte der modernen Kunst aber beobachtet man einen beunruhigenden Vorgang: Das Menschenbild geht verloren. Bei dem Namen Picasso wird der Historiker der Zukunft, der die sonderbaren Bedürfnisse einer vergangenen Menschheit zu betrachten hat, stille halten und feststellen: „Hier hörte es auf ...“. Andere haben die zerstörenden Kräfte schon bei Manet und Munch beobachtet. Im Kubismus und im Futurismus scheinen diese geheimnisvollen Gewalten übermächtig. Raum und Zeit, selbst das Material und die Sachen werden zum Formprinzip des menschlichen Organismus. Die Gestalt des Menschen zerbricht.
Wir habe ja am Anfang gehört, dass seit den 90er Jahren eine gewisse Umkehr stattfindet, und genau das wollen wir mit unserer Ausstellung „Der Mensch“ zeigen.
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Abend. Lassen Sie sich von den Werken von Jost Heyder und Diether Kunerth inspirieren. Haben Sie gute Gespräche ,gerne auch bei einem Glas Sekt. Schauen Sie auch an unserm Museumsshop vorbei. Unsere beiden Künstler signieren Ihnen so gut wie alles, was es im Shop zu kaufen gibt: sei es unser Katalog zur Ausstellung, Bücher, Poster, Postkarten, u.s.w. Fühlen Sie sich wohl bei uns, seien Sie gerne unser Gast im „Museum für zeitgenössische Kunst – Diether Kunerth“ und machen Sie Werbung für unsere Sommerausstellung „Der Mensch“. Vielen Dank!
Markus Albrecht, Museumsleiter, 11.05.2018

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Sehr geehrter Diether Kunerth und sehr geehrter Jost Heyder, sehr geehrter Markus Albrecht, sehr geehrter Bernd Schäfer (auf dessen Vermittlung hin, ich nach Ottobeuren gekommen bin), liebe Gäste der Vernissage der heutigen Ausstellung!
Ich freue mich sehr, Ihnen heute einen Einblick in das Schaffen zweier Künstler geben zu können, die in den nächsten Wochen miteinander im Museum für zeitgenössische Kunst Ottobeuren einen Ausschnitt ihres überaus umfangreichen Oeuvres präsentieren werden: zwei Künstler aus Deutschland, die hier leben und arbeiten; und deren Werke nun in einen gleichberechtigten Dialog miteinander treten.
Doppelausstellungen sind keine Seltenheit in der Museumsgeschichte; zumal nicht in Ottobeuren, wo sie nahezu zum Präsentationsprinzip des DiKu geworden sind.
Selten sind aber leider immer noch Kunstausstellungen, in denen sich die Werke zweier Künstler aus Ost- und aus Westdeutschland auf gleicher Augenhöhe begegnen. Und dies fast 30 Jahren nach Wiedererlangung der Deutschen Einheit! 30 Jahre des immer wieder aufflammenden „Bilderstreites“, in denen mehr die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten betont wurden und werden: Divergenzen zwischen dem Kunstschaffen im Osten – und damit ist kurioserweise mehrheitlich immer noch die DDR gemeint, die aber bereits 1990 aufgehört hat zu existieren(!) – und dem Kunstschaffen im Westen Deutschlands.
Die heute zu eröffnende Ausstellung sucht aber gerade nach den Nähen, den Überschneidungen und gemeinsamen Wurzeln in den Arbeiten von
Diether Kunerth – geboren 1940 in Freiwaldau (Sudetenland), Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in München, ansässig hier in Ottobeuren und Namensgeber dieser schönen Kunsthalle und Jost Heyder – geboren 1954 in Gera (Thüringen), Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, in Erfurt lebend und in Arnstadt malend. Und die Ausstellung versucht dies unter einem gemeinsamen Titel: „Der Mensch“.
Der kollektive Bezugspunkt der hier präsentierten künstlerischen Arbeiten – mehrheitlich Werke der Malerei, wie auch einiger plastischer Arbeiten von Diether Kunerth – ist also die menschliche Figur in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Sie zeigen uns:
Personengruppen in fiktiven, phantasievollen Konstellationen: im Rund einer Zirkusmanege, auf Theaterbühnen oder in Booten beim Fischfang, sowie
Bildnisse konkreter, historischer Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Musik bei Jost Heyder.
Und von Diether Kunerth sehen wir:
Paare in vielfältigsten Variationen: mit Vorliebe Liebespaare oder Badende im Wasser und am Strand; entstanden seit den frühen 1960er Jahren bis heute. Er zeigt sie uns in ihrer ganzen kreatürlichen Anmutung, Sinnlichkeit wie Verletzlichkeit, die gerade in seinen großformatigen Paarbildern besonders hervortritt.
Akte – und damit das Festhalten an der menschlichen Figur als Gegenstand der Malerei – sind dann auch das verbindende Motiv im hier präsentierten Ausschnitt aus dem insgesamt sehr experimentierfreudigen Schaffen von Diether Kunerth und Jost Heyder.
Sie zeigen uns – vornehmlich, aber nicht ausschließlich – weibliche Körper in ihrer ganzen Schönheit, Natürlichkeit und Eleganz, aber auch ihrer Erotik. Doch wird diese von den Malern nicht als Fetisch präsentiert, sondern als selbstverständlicher, organischer Teil der Persönlichkeit ihrer Modelle; zu denen – dem Paar-Thema verpflichtet – bei Diether Kunerth selbstverständlich auch männliche Akte gehören.
Auch wenn die Arbeiten beider Künstler im DiKu weitgehend getrennt voneinander präsentiert werden, so treten sie – und damit ihre Schöpfer – dennoch in einen unmittelbaren Dialog miteinander, wie hier auf der unteren Galerieebene sogar in direkter Weise. Die Form des Dialogs hat bezeichnender Weise auch Diether Kunerth für seinen Text im empfehlenswerten Katalog zu dieser Ausstellung gewählt.
Anreiz ebenfalls für mich, dieses Prinzip spielerisch aufzugreifen und nachfolgend zwei (nicht ganz fiktive) Künstler aus dem Westen und Osten Deutschlands miteinander ins Gespräch kommen zu lassen. Eröffnet wird es von dem – lebenszeitlich gesehen – etwas älteren Maler aus den alten Bundesländern:
„Das ist schön, Ihren Arbeiten hier – tief im Westen – zu begegnen. Ich muss zugeben, ich weiß relativ wenig über die Kunst, die da drüben entstanden ist. Hat sich einfach nicht ergeben.“
Darauf der Maler aus dem Osten nachdenklich: „Wenn ich ehrlich bin, haben wir meist auch nur die Arbeiten jener westdeutschen Künstler wahrgenommen, deren Namen ständig durch die Feuilletons der großen Zeitungen geistern: Beuys, Baselitz, Lüpertz, Polke, Trockel, Kippenberger und so weiter.“
Zustimmung aus dem Westen: „Ja, mir fallen auch nur wenige Namen von DDR-Malern ein: Sitte, Tübke, Mattheuer und Heisig. Das waren wohl auch die Einzigen, denen gestattet wurde, ihre Arbeiten im Westen zu zeigen? Staatskünstler eben, samt ihres sozialistischen Realismus! Anderes war in der DDR künstlerisch ja nicht erwünscht.“
Prompter Widerspruch aus dem Osten: „Das trifft nur für die frühe DDR zu. Als ich Mitte der siebziger Jahre mein Studium aufgenommen habe, hat keiner unserer Lehrer an der Hochschule uns noch angehalten, Werke im Stil des sozialistischen Realismus zu schaffen. Worauf jedoch großer Wert gelegt wurde, war die Ausbildung handwerklicher Fähigkeiten: Zeichnen sollten wir lernen und mit Pinsel und Farben umzugehen sowie die grafischen Techniken studieren: Radierung, Lithografie, Holzschnitt, Aquatinta etc. Da bin ich heute noch dankbar dafür, all das dort gelernt zu haben!“
 „Stimmt, das sieht man Ihren Bildern an, dass Sie Zeichnen und Malen gelernt haben“, antwortet sein Kollege. „An westdeutschen Kunsthochschulen war das während meines Studiums in den sechziger Jahren schon nahezu verpönt. Da war Abstraktion angesagt! Maler, die an der menschlichen Figur festhielten, hatten es schwer. Handwerk war kaum gefragt. Im Gegenteil: Jeder, der sich dafür hielt, war auch ein Künstler! Die eigentlichen Vorgaben kamen vom Kunstmarkt. Der bestimmte immer mehr, was angesagt war.“
Der Maler aus dem Osten räumt ein: „Bei uns waren es dagegen die gesellschaftlichen Auftraggeber, die Vorgaben machten, was malenswert sein sollte. Wer in Betrieben oder für öffentliche Gebäude Kunstwerke schuf, war vor allem in seiner Themenwahl eingeschränkt. Oft musste er endlose Diskussionen mit Kulturfunktionären über sich ergehen lassen. Dafür wurden solche Aufträge aber gut bezahlt. Ich habe mich jedoch bewusst davon ferngehalten …“
„Und wovon haben Sie gelebt, Kollege?“
 „Von privaten Sammlern, davon gab es in der DDR eine Menge. Das Interesse an Kunst war sehr hoch, die Ausstellungen mit Werken der Gegenwartskunst vor allem in den siebziger und achtziger Jahren gut besucht. Gekauft wurden Grafiken, Zeichnungen, auch kleinere Ölbilder und Plastiken. Davon konnte man bei den niedrigen Lebenshaltungskosten für Nahrung, Mieten, Strom etc. gut leben, ohne sich als Künstler verbiegen zu müssen.“
„Das klingt ja nahezu idyllisch?“
„Nur vordergründig. Dafür war Kritik an den Unzulänglichkeiten des politischen Systems nicht gern gesehen und oft nur in verklausulierter Form möglich. Auch in den Westen reisen durften wir nicht. Picasso, Matisse, Beckmann, Kokoschka und all die Klassiker der Moderne kannte ich fast alle nur von mittelmäßigen Reproduktionen. Die erste große Expressionisten-Ausstellung fand in der DDR erst 1986 in Ost-Berlin statt…“
„Aber dafür“, so der westdeutsche Maler, „spiegelt sich in Ihren Bildern die westliche Moderne doch sehr lebendig wieder!“
Die Antwort des Ostdeutschen: „Weil uns unsere Lehrer hier zum Glück einiges entschieden vorgelebt haben. Den Expressionismus zum Beispiel habe ich vermehrt über die Arbeiten Bernhard Heisigs kennengelernt und Giacomettis sensible Kunst über die Plastiken und Zeichnungen Wieland Försters. Nach dem Fall der Mauer haben wir dann viel nachgeholt. Wir sind oft gen Westen und dort eifrig von Museum zu Museum gereist; wenn es die finanzielle Lage uns erlaubte. Obwohl: Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ habe ich bis heute nicht im Original gesehen. Bis ins MoMa nach New York bin ich noch nicht gekommen.“
„Das ist schade! Gerade die Begegnung mit dem Bild war für mich als junger Künstler sehr wichtig. Auch den „Brücke“-Künstlern, die ja mehrheitlich aus Sachsen stammen, verdanke ich viele Anregungen. Überhaupt war das Reisen durch die Welt für mich immer wichtige Inspiration …“
Verlassen wir das fiktive Zwiegespräch der beiden Maler an dieser Stelle; in das ich bewusst einige der noch immer existenten Klischees über die bildende Kunst im Osten einbezogen habe, um sie ad absurdum zu führen. So wie sich die Beiden dennoch im direkten Austausch schrittweise einander angenähert haben, kann dies jetzt auch hier in Ottobeuren zwischen Diether Kunerth, Jost Heyder und ihren Werken geschehen. Schnell wird dann klar, dass deren künstlerische Gemeinsamkeiten über ihre Affinität für die Figuren- und Aktmalerei hinausgehen.
So verbindet beide auch, dass sie ihr Atelier bewusst abseits der Kunstmetropolen aufgeschlagen haben, in denen sie ihre Ausbildung genossen haben: Kunerth in München und Heyder neben Leipzig auch in Dresden und Berlin, wo er erst Meisterschüler bei dem Zeichner Gerhard Kettner und dann bei dem Bildhauer, Grafiker und Dichter Wieland Förster war. Doch geschah dies zugleich, ohne dass er (wie Diether Kunerth auch) seinen Wirkungskreis damit eingeschränkt hätte. Regionale Künstler sind beide beileibe nicht! Denn beide sind in der Bildsprache der Moderne zu Hause, adaptieren sie schöpferisch in ihr eigenes Werk. Jeder auf seine Art.
Während das bei Jost Heyder auch in direkten Porträts seiner künstlerischen Vorbilder und Inspirationsquellen (zu denen nicht nur Maler – von Adolph von Menzel bis Kokoschka –, sondern auch Dichter wie Joseph Roth und Gottfried Benn oder Musiker wie Johann Sebastian Bach gehören) seinen Niederschlag findet; geschieht dies bei Diether Kunerth ausschließlich über die schöpferische Verarbeitung von Techniken und Darstellungsformen der Moderne wie etwa des Action-Paintings Jackson Pollocks oder Willem de Koonings (z.B. in den Bildern Am Strand von Giannitsohori – liegendes Paar“, „Liebespaar im Gebirge“, „Zwei Paare im Feld“, „Pamukkale 2“, und „Knabe liebt einen Vogel“). Oder er überträgt die Scherenschnitte eines Matisse in ihm eigene malerische Variationen, wie bei „Ödipus 11“ oder „Zwei balinesische Knaben im Morgenmeer“. Andere wie „Liebespaar Raumstation“, „Don Quichotte und Sancho Pansa“ oder „Mann und Frau am Meer“ – hier in der Galerie zu sehen – adaptieren geschickt Formen der Arte bruté.
Jost Heyder dagegen drückt seine Bewunderung für Henri Matisse direkt in einem Porträt des Wegbereiters der Moderne aus. Doch nimmt dessen Bildnis – bezeichnender Weise – nur die rechte Tafel des Triptychons „Bernhard, Henri und ich“ ein; das sie bereits im Vestibül begrüßt hat. Dessen linke Tafel widmet Jost Heyder völlig gleichwertig seinem Lehrer Bernhard Heisig. Das stilisiertes „Ich“ des Künstlers findet sich dagegen auf der Mitteltafel, in einem an Beckmanns Welttheater-Bilder erinnernden Manegenrund. Überhaupt: Beckmanns „Schauspieler“ und „Argonauten“ bevölkern in adaptierter Form auch die Szenarien der Heyder‘schen Welttheaters von heute (etwa in den Bildern „Die Maske“, „Auf der Bühne II“ oder „Die goldene Nase“). Ebenso, wie sich das Schleppnetz aus Beckmanns großem Triptychon „Abfahrt“ – mit und ohne Fische – durch Jost Heyders Bildwelt zieht, etwa in den Gemälden „Der große Fang II“ oder „Im Boot“. Und aus Bernhard Heisigs Bildwelt gleitet der Ikarus herüber und überfliegt Heyders Sämann, der surrealer Weise Fische in die Erde einbringt. Selbst Baselitz‘ ewig auf dem Kopf stehende Figuren erfahren in Heyders laszivem Damenbild „Kopfüber“ eine belustigende Persiflage.
Bei Diether Kunerth wiederum besticht seine kreative Verwendung unterschiedlichster Malgründe jenseits der klassischen Leinwand, wie dies seit den Dadaisten oder der Arte povera in der modernen Kunst üblich ist. Von Kartonagen, die er nicht nur bemalt, sondern expressiv bearbeitet, ritzt und aufreißt, über Glas- und Metallplatten und Spiegel bis zu ausgedienten (Schrank-)Türen und ausgehängten Fenstern Körben und sogar einer Wagendeichsel reicht die Palette der von ihm bemalten Untergründe und darauf platzierten Gebrauchsgegenständen. Dafür verwendet er neben Ölpastell-, Acryl-, Kasein- oder Temperafarben auch schon mal Rotwein, wenn es ins Bild passt: hier zum „Aquarellieren“ bei den beiden Großformaten „Der Liebespaare … von Giannitsohori“.
Woher auch immer Diether Kunerth und Jost Heyder die Anregungen für ihre eigene Kunst entlehnen, entscheidend ist deren meisterliche Anverwandlung in eine ihnen eigene Bildsprache. Nur dadurch ist letztlich eine stete Weiterentwicklung der Kunst möglich. Oder wie schon der mehrfach genannte Beckmann bereits 1914 – selbst noch am Beginn seiner Künstlerkarriere befindlich – notierte:
„Dass viele meiner Empfindungen bereits vorhanden gewesen sind, weiß ich sehr wohl. Ich kenne aber auch das, was ich neu aus meiner Zeit und ihrem Geist in mir fühle. Dieses will und kann ich nicht definieren. Es steht in meinen Bildern.“
In diesem Sinne danke ich beiden Künstlern für ihre Bilder, dem Museum für zeitgenössische Kunst Ottobeuren (namentlich seinem Leiter Markus Albrecht) für deren Zusammenführung an diesem Ort und für diese Ausstellung. Und Ihnen, liebes Publikum, wünsche ich viel Vergnügen und Genuss bei deren Betrachtung. Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Prof. Dr. Bernd Lindner, Leipzig

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Den Künstlern sei für die Bereitschaft zum Abdruck der Bilder im virtuellen Museum herzlich gedankt - das Copyright verbleibt bei den Künstlern bzw. bei der Marktgemeinde Ottobeuren.

Repros und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 05/2018