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22.07.2018 - Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck besucht Ottobeuren


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Die Welt zu Gast in Ottobeuren“ – dieser Spruch bewahrheitete sich am 22. Juli 2018 ein weiteres Mal: Bundespräsident a.D. Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt kamen gemeinsam mit dem früheren Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel und seiner Gattin Dr. Irene Epple-Waigel gegen 12 Uhr an der Klosterpforte an. Auf Einladung der Waigels weilte Herr Gauck erstmals im bayerischen Allgäu, er hatte am 20.7. die Alpe Beichelstein im Ostallgäu und tags darauf die Kirche St. Ulrich und den Pfarrhof in Seeg besichtigt. Mit der Abtei und den Ottobeurer Basilika-Konzerten bietet das Allgäu ein Highlight, das sogar das ehemalige Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland zu uns lockte.

Beim vorausgehenden Mittagessen im Gästerefektorium ging Bürgermeister German Fries denn auch darauf ein, dass er „selten nach dem Ort mit dem schönen Rathaus“ gefragt werde, sondern natürlich auf Abtei, Basilika und Konzerte, wenn auswärts die Rede auf Ottobeuren komme. Nach einer Begrüßung durch Altabt Vitalis Altthaler hatte Herr Gauck den Bürgermeister gebeten, auf den Ort, das Zusammenleben und die Kultur in Ottobeuren einzugehen. Der Bürgermeister berichtete von der Prägung Ottobeurens durch die Ordenspräsenz, der guten Infrastruktur mit einem Krankenhaus sowie allen Schularten am Schulzentrum, was letztlich „den Benediktinern zu verdanken“ sei. Herr Fries ging auch auf unsere Partnerstädte ein, und dabei insbesondere auf die Entwicklung der Beziehungen zu Norcia seit dem großen Erdbeben (Ende Oktober 2016).
Die „fleißige Bürgerschaft“ stellte er am Beispiel des Unternehmer-Ehepaars Alois und Edith Berger heraus, die aus kleinen Anfängen in den 1950er Jahren ein weltumspannendes Unternehmen aufgebaut hätten und heute als „großer Sponsor für die Ottobeurer Konzerte und die Kultur“ aufträten. Selbst Präsident Gauck war nach eigenem Bekunden auf die vielen Auszeichnungen aufmerksam geworden, die den Bergers schon zuteil wurden.

Theo Waigel ergänzte den Abriss des Bürgermeisters um eine Begebenheit mit dem CSU-Europaabgeordneten Hans August Lücker (1915 - 2007), der Ende 1963 unter Bundeskanzler Ludwig Erhard als Bundeslandwirtschaftsminister ins Kabinett berufen werden sollte, da er in der Agrarpolitik ein großer Fachmann war. Die Ernennung scheiterte, „obwohl die Urkunde schon ausgefertigt, aber noch nicht vom Bundespräsidenten unterschrieben war“, da „der Deutsche Bauernverband in der Nacht einen solchen Druck auf den Bundeskanzler ausgeübt“ hatte. Der Verband wollte keinen Landwirtschaftsminister aus Bayern, sondern einen, „der für die Großagrarier des Nordens Verständnis hat“. Die Urkunde musste vernichtet werden und der CDU-Politiker Werner Schwarz (1900 - 1982) blieb Bundeslandwirtschaftsminister.
Das hat Lücker gekränkt, der anstelle dessen in die Europapolitik ging und dort „ein großer Mann“ wurde. Lücker war oft in Ottobeuren, nutzte seine guten Kontakte und holte viele bedeutende Persönlichkeiten nach Ottobeuren: Leo Tindemans, Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl, „alle waren da, auch Kardinäle aus Rom“. Es fanden große Europakundgebungen statt, die vom damaligen Augsburger Bischof Josef Stimpfle (1916 - 1996) unterstützt wurden. „So ist Ottobeuren durch Lücker ein großer europäischer Ort geworden.“

Den europäischen Gedanken sowie die Versöhnungsarbeit der Abtei war auch von Altabt Vitalis in den Fokus seiner Begrüßung gerückt worden. Bundespräsidenten seien schon etliche in Ottobeuren zu Gast gewesen: Theodor Heuss, Heinrich Lübke sowie der „Wanderer“ Karl Carstens.

Zur Erheiterung der Gäste erzählte Theo Waigel folgende köstliche Anekdote:
Schon als junger Abgeordneter besuchte ich die Ottobeurer Konzerte und traf dabei auf den Vorgänger von Abt Vitalis Altthaler, Abt Vitalis Maier, der mir bei einem Empfang einmal sagte: „Herr Abgeordneter, ich weiß, welch schweren Dienst Sie tun. Ich bete jeden Tag für Sie.“ Ich habe dann gesagt: „Vater Abt, ich spüre es auch.“ Dann wussten wir, dass wir beide gelogen haben!
Der frühere Pastor Joachim Gauck bemerkte dazu: „Das ist die Art von Katholizismus, die man als Protestant auch gut versteht.“ Mit dem Hinweis „Jetzt habe ich gesehen, dass da Menschen mit solchen Gefäßen sind“, gab der frühere Bundespräsident das Signal zum Beginn des Essens.

Wie viele andere, so nutzte auch Alois Berger im Anschluss die Gelegenheit zu einem Plausch mit Joachim Gauck. Von 1947 - 50 hatte Berger in der Dreherei Fallscheer (in der sog. „Kaserne“) in Ottobeuren eine Lehre gemacht. Benjamin Nägele und die beiden Ordonanz-Damen ließen sich ablichten.
Am 21.07.2018 hielt der hohe Gast einen Vortrag in München und übernachtete dann bei Familie Waigel im Allgäu. Helmut Scharpf fragte Joachim Gauck fürs virtuelle Museum deshalb, inwieweit sein Kalender auch nach Beendigung der aktiven Zeit als Bundespräsident noch fremdbestimmt sei. Es gebe nach wie vor viele Termine, heute besäße er aber weit mehr die Freiheit, auch einmal „nein zu sagen“, so seine Antwort.
Ein Eintrag ins goldene Buch der Marktgemeinde rundete den Aufenthalt im Gästerefektorium ab. Anschließend führte der Altabt die Gäste durch das Klostermuseum und zeigte die gerade frisch renovierte Klosterbibliothek, den Theater- und den Kaisersaal.

Die DDR-Vergangenheit Joachim Gaucks hat er mit einem weiteren prominenten Gast an diesem Konzertsonntag gemein: Der Lyriker, Dissident und Memminger Friedenspreis-Träger Reiner Kunze war mit Gattin ebenfalls anwesend (auf dem Bild vom Konzertpublikum sitzt er neben Frau Schadt).

Um 15 Uhr besuchten die prominenten Gäste das Basilikakonzert, bei dem die Hofkapelle Stuttgart und der Stuttgarter Kammerchor unter Frieder Bernius die Schubert-Messe Nr. 6 in Es-Dur (Deutschverzeichnis 950) sowie das „Intende voci“ (D 963) aufführten. Abt Johannes Schaber, der selbst wegen einer Feier des Heiligen Georgs im Kloster Plankstetten beim Besuch Gaucks zunächst noch nicht mit dabei sein konnte, hieß die Konzertbesucher willkommen und machte wegen der Bedeutung des besonderen Gastes eine Ausnahme, indem er Joachim Gauck persönlich begrüßte. Wie üblich, gab es zum Konzertende keinen Schlussapplaus, den Abschluss bildete vielmehr das Läuten der Glocken von den Basilikatürmen. Vom Konzert und seiner besonderen Atmosphäre war Gauck sichtlich beeindruckt, er bemerkte, es wäre „Nahrung für die Seele“ gewesen.

Am 23.07.2018 veröffentlichte die Memminger Zeitung eine längere Bildunterschrift („Joachim Gauck zu Gast in Ottobeuren“).
Am 24.07.2018 erfolgte die Konzertbesprechung durch Markus Noichl („Glaubensbekenntnis eines Genies“), der vor allem die schlanke, kontrastreiche Interpretation sowie den historischen Originalklang lobte. Noichl resümierte: „... wegweisenden Aufführung mit 1800 Besuchern“.
Der Memminger Kurier nahm die PM am 01.08.2018 (S. 6, „Ein großer europäischer Ort“) auf.

Hier geht es zum Besuch eines weiteren prominenten Gastes: Mario Drahgi, Präsident der Europäischen Zentralbank, der am 29.06.2014 in Ottobeuren war.

Fotos (bis auf eines) und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 07/2018