Marktgemeinde Ottobeuren
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07.01.1870 - Der Gesamtjahrgang des Ottobeurer Wochenblatts


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Das Jahr verlief zunächst gänzlich unspektakulär - wäre es am 19.07.1870 nicht zum Krieg gegen Frankreich gekommen. Schon in Ausgabe Nr. 31 vom 04.08.1870 findet sich folgender Aufruf:
Wie an den meisten Orten Vereine gebildet oder Sammlungen für die verwundeten und erkrankten Krieger veranstaltet werden, so hat die Markts-Gemeinde-Verwaltung in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, die sämmtlichen Bürger und Einwohnerschaft Ottobeurens seien auch zu ersuchen, für die im Felde verwundeten und erkrankten Krieger milde Gaben an Geld, dann gereinigter Wäsche, Leinwand, Verbandzeug und dergleichen zu spenden.
Zu diesem Zwecke werden in nächster Woche die Verwaltungsmitglieder von Haus zu Haus diese Sammlung vornehmen, in der Hoffnung, Ottobeurens Bewohner werden auch diesmal - um so weniger - zurückbleiben und ihre Opferwilligkeit wieder an den Tag legen.
Ottobeuren, am 2. August 1870
Die Marktgemeinde-Verwaltung. Mahler, Bürgermeister.

Insbesondere in der Ausgabe 29 vom 21.07.1870 finden die Ereignisse um den beginnenden Krieg ihren Niederschlag. Auf Seite 1 melden sich die Einberufenen zu Wort:
Alle Jenen, welche bei dem am letzten Dienstag Abend in der Post statthabenden Abschied, sowie bei unserer Abreise so regen Antheil nah­men und uns mit Liebesgaben beehrten, sei hie­mit der herzlichste Dank ausgesprochen; zugleich rufen wir noch den Bewohnern Ottobeuren's ein „herzliches Lebewohl“ zu und bitten, uns im steten Andenken zu behalten.

Sämmtlich Einberufene.

Entgegen Napoléons Erwartung traten die vier süddeutschen Staaten in den Krieg ein: Damit erfüllten sie ihre Beistandspflicht gegenüber dem Norddeutschen Bund. Die Meldungen hierzu erfolgten am 21.07.1870 auf Seite 2. Schnell wurde auch der Patriotismus befördert, was an den Hurra-Patriotismus zu Beginn des 1. Weltkriegs erinnert.

Bayern. München, 16. Juli. Die „Korrespondenz Hoffmann“ meldet, daß Se. Maj. der König den Bündnißfall für gegeben erachtet, und daß Bayern mit Preußen in den Kampf gegen Frankreich geht. Die Coopera­tion der beiderseitigen Armeen werde sofort beginnen.

München, 20. Juli. Die Reichsrathskammer hat den Militärcreditgesetzentwurf in der Fassung der Abgeordnetenkammer einstimmig ohne Debatte ange­nommen.

München, 19. Juli. Der Kammer-Ausschuß hat sich mit allen gegen 3 Stimmen (M. Barth, Sellner und Schleich) für bewaffnete Neutralität ausgesprochen.

München, 17. Juni. Heute Nachmittag fand Seitens der hiesigen Bevölkerung auf dem Residenzplatz für Se. Maj. den König wegen seiner deutschen Gesinnung und Haltung eine Ovation statt, wie sie München noch selten gesehen haben dürfte. Gegen 20,000 Menschen jubelten Sr. Majestät zu und sichtbar freudig ergriffen dankte der König nach allen Seiten. Die Begeisterung stieg aufs Höchste, als die Menschenmenge das „deutsche Vaterland" anstimmte.

München, 19. Juli. Die Abgeordnetenkammer hat den Antrag des Ausschusses auf bewaffnete Neutralität abgelehnt. Die Kosten für die Mobilisirung [Mobilisierung, Mobilmachung] und die Kriegsführung bis Ende Oktober wurden in einem Gesammtbetrage von 18,260,000 fl. [Gulden] mit 101 gegen 47 Stimmen bewilligt.

München, 20. Juli. Abgeordnetensitzung. Jörg, Ruland und Westermaier für bewaffnete Neutralität, Fischer, Sepp, Volk, Gerstner und Levi für Krieg. Der Minister des Aeußern und der Kriegsminister erklären, der Casus föderis [Bündnisfall] sei gegeben, der Krieg erklärt und deutscher Boden bereits verletzt. General - Debatte ge­schlossen: viertelstündige Pause.

München, 18. In Folge der eingetretenen Kriegs­zeit werden keine Verehelichungszeugnisse für die im
Alter der Wehrpflicht Stehende mehr ausgefertigt. — Als gestern Abends in der Gartenwirthschaft zum Achaz, welcher von Gästen überfüllt war, das dort spielende Musikkorps Arndt's deutsches Vaterlandslied anstimmte, da brach Alles in unbeschreiblichen Jubel aus, so daß es dreimal gespielt werden mußte. Solche Episoden sind
bezeichnend für die gegenwärtige Stimmung des Volkes, die eine ganz andere ist, als beim Ausbruch des deut­schen Bruderkrieges anno 1866.
Die „Augsb. Abendztg.“ schreibt: Gleichzeitig mit der Mobilisirung der bayerischen Armee ist uns, wie allen übrigen bayerischen Blättern, von amtlicher Seite unter Hinweisung aus das Gesetz, die Aufforderung zugegangen, Mittheilungen über Truppenbewegungen, Rüstungen etc. zu unterlassen. Wir werden diesem im vaterländischen Interesse unumgänglich nothwendigen Ansinnen selbstverständlich mit aller Gewissenhaftigkeit nachkommen und stellen an die Staatsregierung nur die Bitte, sie möge mit den offiziellen Mittheilungen, die sich für die Veröffentlichung eignen, der Presse gegenüber nicht zurückhaltend sein. Denn das Volk lebt ja in fieberhafter Spannung über die Ereignisse, die uns bevorstehen.
Deutschland hält zusammen und die viel verspottete deutsche Einigkeit ist kein Nebelbild mehr. Wir dürfen uns daher wohl erlauben, alle deutschen Streitkräfte in Berechnung zu ziehen und in die Waagschale gegen die französische Armee zu werfen, um dem Leser annähernd die Massenhaftigkeit der sich gegenüber stehenden (Streitkräste zu veranschaulichen. Nach dem „Gotha'schen Hof­kalender“ beträgt die Kriegsstärke der norddeutschen Feld­armee 511,000 Mann mit 1272 bespannten Geschützen. Dazu kommen die Ersatztruppen, 180,600 Mann und Besatzungstruppen 265,000 Mann. Baden zählt im Ganzen 48,400, Württemberg 34,900 und Bayern 70,500 Mann. (...)

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Es wurden - wie in jedem Krieg - alle propagandistischen Register gezogen, so auch in Ausgabe 43 vom 27.10.1870 (Seite 3), im Rahmen der Buchbesprechung über A. H. Payne: Der Heilige Krieg 1870-1871. Nach den Berichten des „Staatsanzeigers und anderer amtlicher Quellen volksthümlich dargestellt. Mit Illustrationen, Karten und Plänen u.a., Leipzig, 1871, 375 S.
Im letzten Absatz dazu kommentiert das Ottobeurer Wochenblatt:
Das Werk: „Der heilige Krieg“ soll für die genialen und tapferen Führer, für das genaue Zusammenwirken der Waffen, die Tapferkeit der Hunderttausende, welche sich als ebenso viele Helden bewährt haben, ein würdiges Denkmal und für das ganze deutsche Volk ein Buch der Ehren sein.

Ihr Leben opfern mussten in diesem Krieg (bis 10.05.1871) insgesamt acht Ottobeurer und vier Ollarzrieder. Für drei von ihnen finden sich in der Zeitung des Jahres 1870 entsprechende Todesanzeigen bzw. Danksagungen.

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Ein Ereignis, das bis in die Neuzeit nachwirkt, wurde in Ausgabe 14 vom 14.07.1870 angekündigt:
Aufruf an Ottobeurens junge Männer.
Die Markts-Gemeinde-Verwaltung hat in einer Sitzung am 3. Juli laufenden Jahres beschlossen, zur Bildung einer freiwilligen Feuerwehr, an die jungen kräftigen Männer hiesiger Gemeinde sowohl ledigen als verheiratheten Standes einen Aufruf zu erlassen und dieselben zu ersuchen und zu recht zahlreichem Beitritte einzuladen, bei dem Unterzeichneten sich innerhalb 14 Tagen zu melden, wo eine Liste zur Einzeichnung offen liegt. Ottobeuren, am 9. Juli 1870.
Markts-Gemeinde-Verwaltung. Mahler, Bürgermeister.
(Laut Festschrift der Feuerwehr von 1996 war es am 10.08.1870 schließlich so weit.)
Feuerwehren entstanden 1870 viele. Wie der Ottobeurer Aufruf einzuordnen ist, ergibt sich aus einer Meldung in derselben Ausgabe (Nr. 28 vom 14.07.1870, S. 3):
Neue Feuerwehren sind in Bayern entstanden in Stammsried, Pösing, Hohenfels, Strahlfeld, Bruck, Walderbach, Reichenbach in Oberpfalz; in Hausen, Hundsbach und Völkersleier in Unterfranken; in Inning, Attaching, Rohrbach und Fischbach in Oberbayern. Immer mehr überzeugen sich auch die Landgemeinden von der großen Möglichkeit der Feuerwehren und es ist sehr zu wünschen, daß kein größeres Dorf mehr in der Gründung einer ordentlichen Feuerwehr zurückbleibt. In der Umgebung Münchens sind seit einem Jahr nicht weniger als 18 Dorf-Feuerwehren entstanden. Was diese Gemeinden zu Stande bringen, sollte auch allen anderen Dörfern möglich sein.

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Neben der Gründung einer Feuerwehr reiht sich für 1870 sicherlich auch der Tod des Leiters der königlichen Erziehungsanstalt und Klosterökonom, Pater Anselm Bunk, am 23.11.1870, in die Liste der wichtigeren Lokalereignisse.
In Ausgabe 47 vom 24.11.1870 erschien auf Seite 2 die Todesanzeige, in Nr. 49 vom 09.12.1870 auf S. 2 eine Danksagung; auf Seite 3 schrieb Willibald Eberle ein längeres Gedicht („Zur Erinnerung an die erhebende Leichenfeier des in der Blüthe des Mannesalters zu frühe dahin geschiedenen Hochwürdigen, Wohlgebohrenen Herrn“) an den „edelsten Menschenfreund“. Allzu viel Biographisches erfahren wir nicht; man muss zwischen den Zeilen lesen. Hier ein Ausschnitt:

Der gute Inspektor war uns lieb und theuer
Als Priester und Lehrer, als Vater und Freund,
Dieß zeugt die erhebende Leichenfeier,
Dieß zeugen Thränen – um ihn geweint!!

Zum Wohlthun besaß Er ein reiches Gemüthe,
Zu rathen, zu helfen war Er stets bereit,
Wies Niemanden ab mit seltener Güte –
Anselmus war selbst die „Gemüthlichkeit“.

Zu Zeiten verließ ihn sein körperlich Leiden,
Doch kehrte es stets mit erneuertem Schmerz;
Ein heftiger Anfall erwirkte sein Scheiden –
Es brach nun sein gutes und edles Herz!! –

(Pdf-Seiten 186, 194 und 195)

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Oben finden Sie nur einige exemplarische Titelseiten bzw. die erwähnten Todesanzeigen. Die Gesamtausgabe können Sie hier abrufen. Die pdf (mit 208 Seiten) hat ca. 277 MB. Vor dem Lesen sollten Sie die Datei deshalb erst herunterladen und abspeichern.

Ottobeurer Wochenblatt des Jahres 1870, 52 Ausgaben, 208 Seiten, Format ca. 20 x 27,2 cm, sehr dünnes Papier.
Die fortlaufende Nummerierung der Seiten geht ab Dezember ziemlich durcheinander, mehrere Seitenzahlen erscheinen doppelt! Bis Seite 188 stimmt die Nummerierung, mit Ausgabe 48 vom 1. Dezember geht es bei 169 erneut los. Nr. 49 müsste 173 sein, Seite 2 der Ausgabe ist aber mit 176 [müsste 174 sein] bedruckt, gefolgt von 175, dann nochmals 176, dann geht es wiederum bis Seite 188 durch.

Der Jahrgang wurde dankenswerterweise von Heidi und Hans Kraft zur Verfügung gestellt. Die beiden Titelseiten wurden aufwändig digital restauriert (Abschriften, Zusammenstellung, Recherche, Helmut Scharpf, 11/2018).