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14.05.1839 – Königstreuer Hefteintrag von Walburga Schwarz in der Volksschule Ottobeuren


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So wie ein Lehrer mit Hilfe des Internets heutzutage überprüfen kann, ob ein Referat vielleicht einfach nur kopiert wurde, hat sich die Vorlage für den Text des Hefteintrags von Walburga Schwarz, den sie in der Volksschule Ottobeuren am 14. Mai 1839 schreiben musste, schon beim ersten Versuch auffinden lassen. Sie stammt aus dem Buch
Gigl, Georg Godhard: Geschichte der Bayern für die vaterländische Jugend in den Volksschulen, 3. Auflage, Regensburg, 1831, 150 S.
(Link über Google-Books)

Was es mit dem Buch auf sich hat, das der Lehrer als Grundlage hernahm, macht das Vorwort mit einem Zitat aus dem damaligen Volksschul-Lehrplan deutlich:
Vorrede.
Da Kindern nichts angenehmer ist, als Erzählungen, so werden sie mit Aug und Ohr an dem Lehrer hangen, wenn er ihnen zuweilen etwas Lehrreiches, Erbauendes oder Rührendes aus der Geschichte erzählt, und sie dadurch mit fremden und fernen Völkern und Ländern einigermaßen bekannt macht. Allein die Kinder sollen mehr zu Staats- als zu Weltbürgern gebildet werden. Deßwegen lenke der Lehrer immer auf Vaterlands-Geschichte.
Diese Geschichte darf kein mageres Gerippe unfruchtbarer Jahrzahlen, Namen oder auch unwichtiger Ereignisse seyn. Nur das Merkwürdigste, was entweder die großen Tugenden und Thaten unserer Vorältern, oder ihre Sitten, Lebensart, Gewohnheiten, Religion, herrschende Meinungen, Irrthümer, Laster u. d. gl. am Auffallendsten bezeichnet, oder wodurch unsere heutige Denk- und Handlungsweise in besonders helles Licht dagegen gestellt werden kann, und wodurch selbst auch schon für Kinder nützliche Betrachtungen, Vergleichungen, Ermunterungen oder Warnungen sich begründen, nur das gehört von der Vaterlands-Geschichte in die Volksschulen.
(Lehrplan für die Volksschulen in Bayern.)

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Der Text für Walburgas Diktat bzw. Hefteintrag findet sich auf S. 146. Die Bewunderung für den volksnahen ersten bayerischen König wurde den Schülern auf diese Weise nahegebracht. 100 Jahre später schrieben Ottobeurer Grundschüler Lobeshymnen zu Hitlers 50. Geburtstag.
Ein anderes Buch für Schüler (von 1835) endet mit den Zeilen „Und Heil dann unserm Könige! – Heil seinem Stamme!“; 100 Jahre später …

Der Originaltext im Buch:

– 146 –
Einige Züge aus Maximilian's Leben.
Hoch ehrte Maximilian das Verdienst. So setzte er dem Stifter der Feiertagsschule zu München Xaver Kefer, ein Denkmal; so dem gelehrten Pfarrer Anton Nagel von Rohr; so dem Arzte der Veterinär-Schule München, Anton Will, so dem ausgezeichneten Krieger Jakob von Wolf im Bade Kreuth.

Maximilian war ein Freund der Kleinen. Im Dorfe Egern, bei Tegernsee, baute er aus seiner Privatkasse (1821) ein Schulhaus. Er sorgte für die Kinder, welche in den Kriegsdrangsalen ihre Eltern verloren hatten, und an seinem Geburts- oder Namenstage erschien er unter denselben wie ein gütiger, sorgfältiger Vater, der prüft und belohnt. Das erste Mal beging er dieses Waisenfest im Jahre 1806 zu Dachau, umgeben von 50 Kindern.

Er war ein Volksfreund. Auf einem Jahrmarkte zu Tölz war man bemüht, dem Könige einen offenen Weg zu erhalten. Maximilian rief: „Laßt das Volk zu mir her, es will bei mir seyn, so wie ich bei ihm.“ (…)
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Maximilian I. Joseph von Bayern brachte eine Vielzahl von Reformen auf den Weg, u.a. die Einführung der allgemeinen Schulpflicht oder – bereits ab 1807 – die Pockenschutzimpfung. Laut Wikipedia-Seite war Max Joseph als König sehr bürgernah, ging gerne ohne große Begleitung zu Fuß durch die Münchner Straßen und unterhielt sich zwanglos mit seinem Volk. Unabhängig davon war er wie einige seiner Nachkommen und Nachfolger auch etwas exzentrisch. 

Ein inhaltlich ähnlich gelagertes Buch wie das von Georg Godhard Gigl:
Fick, Johann Michael: Bayerische Geschichte für Schulen und Familien zur Erweckung der Liebe zum Könige und Vaterlande, Augsburg, 3. Auflage 1835, 56 S.
Download bei der Bayerischen Staatsbibliothek
 
Das Buch endet auf S. 56 mit dem Appell:
Endlich dankt Bayern sein Glück der Biederkeit seiner Bewohner, denn nur rechtliche, brave, den Gesetzen und den Befehlen der Obrigkeit gern gehorchende Männer sind höherer Rechte fähig, und nie hätten Bayerns Könige dem Lande den großen Freiheitsbrief der Verfassung zu geben vermocht, wären sie nicht versichert gewesen, daß die Bayern verständig, treu, rechtlich, fromm, tugendhaft und ihrer Obrigkeit mit willigem Entgegenkommen zugethan sind.
Gedenkt daher der Bayer seiner Lage, so sieht er sich aufgefordert:
a) zur Religion und Sittlichkeit, denn nur dadurch kann der Mensch Gott seinen Dank erweisen;
b) zur unbegränzten Liebe gegen seinen König, denn wo die Könige Väter ihrer Völker sind, da kömmt in den Herzen der Unterthanen zu der schuldigen Pflicht auch die Liebe, und alle hängen wie Kinder an dem Throne des Monarchen. Er sieht sich endlich aufgefordert:
c) zum freudigen Gehorsam, denn wie Kinder ihren Eltern um so lieber gehorchen, je gütiger diese sind, und je vertrauensvoller sie behandelt werden, so folgen auch vernünftige Völker um so ehrfurchtsvoller dem Gebote, je wohlwollender das Gesetz, und je größer das Vertrauen ist, das ihr Regent ihnen durch eingeräumte Rechte erweist.

Und so Vaterlands-Jugend, Du, – weihe dich mit heiligem Ernste jedem Guten! – Sey Gott und dem Könige treu! Und Heil dann unserm Könige! – Heil seinem Stamme!
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Nochmals genau 100 Jahre früher - 1739 - können Sie eine Schulfibel aus Ottobeuren abrufen.

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Hier ein Blick auf die Schüler der Ottobeurer Knabenschule 1893. Der Unterricht am Standort Marktplatz (heute: Haus des Gastes) begann dort am 07.12.1807 und endigte am 05.04.1963.

Das Dokument aus der Volksschule fand sich im Archiv der Marktgemeinde Ottobeuren. Abschrift, Recherche: Helmut Scharpf, 01/2019