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29.08.1946 - Entnazifizierung Karl Schnieringer, Schreiben der Spruchkammer Memmingen


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Das Dokument zeigt den Beleg über die Entnazifizierung von Karl Schnieringer (*12.11.1904, Böhen, †25.11.1973, Bad Grönenbach), der laut „Sühnebescheid“ der Spruchkammer Memmingen vom 29.08.1946 als "Mitläufer" eingestuft wurde. Insgesamt musste er eine Geldbuße von 753 Reichsmark (600 Mark Sühne und 153 Mark Gerichtskosten) zahlen. Damit war eine spätere erneute Verbeamtung im Schuldienst wieder möglich.

Mit Schreiben des Bezirksschulamtes Memmingen vom 30.08.1945 gab Schulrat Jehle dem verbeamteten Lehrer Karl Schnieringer seine Dienstenthebung bekannt (das Hakenkreuz wurde aus dem Stempel für den weiteren Gebrauch nach dem Krieg einfach herausgeschnitten). Schnieringer überschrieb dieses Schreiben handschriftlich mit „Der Dank des Vaterlandes ist dir gewiss! Für 20jährige treue Dienste!
In der folgenden Zeit schlug er sich mit Holzschnitzereien und Orgeldienstes in der Basilika durch. Um rasch wieder eine Chance auf Einstellung in den Schuldienst zu bekommen, durchlief er Mitte 1946 als einer der ersten Ottobeurer das Entnazifizierungsverfahren. In seinem Tagebuch berichtet er über das Verfahren und die Zeitumstände. Hier abgedruckt: August bis Ende 1946. Eine Veröffentlichung seiner Zeilen gab er erst „ab 1980“ frei.

In seiner – bislang unveröffentlichten – „Chronik“ schreibt er ab S. 92 (handschrift. Nummer 111):

Heute am 30. August [1946] kam ein Schreiben der Spruchkammer Memmingen. Sie hat mich wegen der Parteizugehörigkeit unter die Mitläufer eingereiht und mir als Buße oder Sühne 600 M aufgebrummt, plus 153 M Gerichtskosten. Zusammen ist das der Wert einer Kuh. Bezahlung ist kein Problem. Geld wird ohnedies entwertet. Das Gefühl ist trotzdem merkwürdig! Man hat sich sein Leben lang so geführt, daß man nicht vor den Richter mußte – und jetzt ein Gerichtsurteil! Erfolg für alle Zeiten: Hände weg von der Politik! Ob ich nun wieder in den Schuldienst kann, hängt wohl weniger vom Schulamt, als von der Militärregierung ab. Ich werde nicht darum betteln! Der Lehrermangel ist natürlich groß, die Schulverhältnisse miserabel, ganz angepaßt dem Jammer unserer Tage. Man weiß heute nicht mehr: Wer betrügt wen?

September 1946

Die Besatzungstruppen freunden sich mit den Kindern an. Sie sollen nicht auch noch sagen: Ammi go home! Jetzt werden Kinderfeste abgehalten. Nach Memmingen nun hier [in Ottobeuren]: Großer Jubel unter den Kleinen, als der Gemeindediener durch den Markt radelte und den Beginn des Festes (am 1.9.46) um 13 Uhr verkündete. Fast 1000 Kinder zogen vom Knabenschulhaus am Marktplatz zur Maibaumwiese. Neben der Kirche war eine Wurstkletterstange errichtet. Der Ammi stiftete 15 hl. Bier. Die Tische waren unter der Maiwiesenallee aufgestellt und in der angrenzenden Kirchenwiese. Rotkreuzhelferinnen zählten die zahlreichen Gabenpäckchen. Ammiautos fuhren Fruchtsäfte heran. Karussell und Schiffschaukel machten Musik. Unzählbare Leute, auch von auswärts, kamen zur Klosterwiese.

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Bürgermeister Wegmann eröffnete mit kurzen herzlichen Worten das Kinderfest. Reigen, Lieder und Tänze des Trachtenvereins wechselten ab. Auffallend war das Fehlen männlicher Lehrkräfte. Aber das gehört zu unserer Zeit. Nach den Vorführungen begann der Ansturm auf die Stände mit den amerikanischen Süßigkeiten für die Kinder. Es waren Päckchen mit etwas Schokolade, Troops [Drops?], Kuchen und auch zwei Zigaretten für den Vater. Viel Kinderstaunen, aber auch Tränen, denn die unvernünftigen Alten begannen ein Gedränge und glaubten schon ihr Päckchen nicht zu bekommen. Inzwischen fuhren auch die Ammis mit ihren Autos heran. Man hat den Kindern Rundfahrten durch und um den Ort versprochen. Großer Jubel und Ansturm, Gedränge. Groß ist die Geduld der Fahrer. Wie die Trauben hängen die Kinder an den Autos, sie saßen auf dem Kühler, Trittbrett und Kotflügel, dem Fahrer auf den Knien. Mein Kleiner war ganz blaß vor Aufregung und ich vor Angst, daß ein Unglück bei solchem Tumult geschehen könnte. Plötzlich hörte ich neben mir den Schmerzensschrei eines Kindes. Menschen, Sanitäter rennen. Beim Rückstoßen kam ein Flüchtlingskind unter die Räder. Das Mädele starb nach wenigen Minuten, übel zugerichtet. Das war das tragische Ende eines Freudentages. Man bedauert nicht allein die leidgeprüfte Mutter, sondern auch die Amerikaner, die den Kindern eine Freude machen wollten. Nun nahmen die Mütter ihre Kleinen an die Hand, viele gingen weg. Die großen Buben kletterten auf die Wurststange, als wäre nichts passiert. Die Fahrten haben die Amerikaner sofort eingestellt. Der bald einsetzende Regen beendete das Kinderfest, das am Abend von den Großen fortgesetzt wurde – nach alter Ottobeurer Tradition. Selbst ich wurde abends vom Kinderfestausschuß zum Mohrenwirt eingeladen. Es gab erstmals – ebenfalls von den Amerikanern gestiftet – einen Liter Vollbier. Wie das schmeckte im Vergleich zu unserem Käswasserbier! Ein Liter davon kostete vier Mark; es gab auch Aufschnitt und zwei Bretzen. Ein gemütlicher Abend nach langen Jahren.

Wieder einmal wird von einem neuen Weltkrieg gesprochen. Fünf Jagdmaschinen überflogen heute das Günztal. „Es liegt etwas in der Luft“, sagen die Leute. Im Schulamt wird mir mitgeteilt, ich könnte mit Schulbeginn meinen Dienst wieder aufnehmen – allerdings zunächst nur als Vertragslehrer. Soll man sich's überlegen, nachdem man schon auf Lebensdauer beamtet war? Hier geht abermals der Wohnungskommissar von Tür zu Tür. Ottobeuren müsse weitere 500 Personen aufnehmen. Im Lande Bayern seien es Millionen, die miternährt werden müssen – bei verringerter Anbaufläche. Darum Wohnungsnot, Hungersnot, Krankheiten (besonders TBC), ständige Seuchengefahr und Streit wegen Enge.

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und Unverträglichkeit. Man kann ein Volk auf solche Weise dezimieren – sollte dies Absicht sein. Schulamtsauftrag: Am 24.9.1946 habe ich mit dem Unterricht zu beginnen, es sei mir auch ein Schulamtsbewerber zugeteilt.
Heute Nacht (20.9.1946) hat man im benachbarten Butterlager eingebrochen und gestohlen. Die Polizei macht Haussuchungen. Das Verhältnis unserer ehemaligen Alliierten wird immer schlechter. Die Zeitungen berichten offen darüber. Es fallen die Kronen, es stürzen die Throne. Eine neue Macht wird die Welt regieren: Amerika im Westen, Rußland im Osten. Die Sterblichkeitsziffern sind auf das höchste gestiegen.

24. September 1946, Schulbeginn: Nur die Beamten büßen und löffeln die Suppe aus. Alle anderen Pg. [Parteigenossen] konnten weiterarbeiten und verdienen. Ich habe auf Drängen des Schulrates mit dem Unterricht begonnen und den 7./8. Schülerjahrgang Knaben mit 90 Schülern übernommen. Neuestes Gerücht: Alle Lehrer sollen versetzt werden. Was wird wohl noch alles kommen? Kaum begonnen, läßt mich ein Hexenschuß zu Boden sinken. Drei Tage Bettruhe.

Oktober 1946

Im Extrablatt erscheinen die Nürnberger Urteilsverkündungen! Das Kemptener Kinderfest am 2.10. endigte mit einer schrecklichen Katastrophe. Der Illersteg brach mit 150 Menschen zusammen und in den Fluß. Die Zeitungen bringen darüber genaue Berichte.
Laut Schulamtsbericht muß ich jetzt gar noch ein Gesuch um Wiedereinstellung an den Regierungspräsidenten richten. Beizulegen seien: 1 handgeschriebener Lebenslauf, 2 beglaubigte Abschriften des Sühnebescheids, das Gesuch um Wiedereinstellung, 2 ausgefüllte Personalfragebogen. Ist das kein Bürokratismus? Ein Gendermariewachtmeister, der ebenfalls ein Jahr außer Dienst war, erzählte mir, er hätte sogar nochmals eine Prüfung ablegen müssen und ebenfalls Gesuche einreichen und immer wieder neue. Schikanen, Demütigungen ohne Ende! Unsere Flüchtlingsfrau, die wir so gerne hatten, die Stunden unbewegt an ihrem Platze sinnen, weinend saß, die meiner Frau auch mithalf und alles sauber hielt, ist heute zu ihren Verwandten ins hessische Gebiet gezogen. Schade!
An allen Flüchtlingen aus Böhmen fällt auf, daß sie am Sonntag waschen und Wäsche aufhängen. In Schwaben unmöglich. Die Oberschlesischen Flüchtlinge sind sauberer, gut gekleidet, arbeiten weniger: Vergnügungen und Reisen werden bevorzugt. Seit Tagen arbeite ich täglich bis nachts 12 Uhr.

12. Oktober 1946: Es wird schon kalt. Man braucht Handschuhe. Schule geheizt, starker Laubfall, durchschnittliche Kartoffelernte. Ich sah nicht nur Ähren, Getreide und Kartoffeldiebe. Jetzt sind aber alle Häuser

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mit Flüchtlingen – nun auch noch aus dem Sudetenland – vollgestopft. Das Bayernländle wird verzehrt werden. Ein Flüchtlingsredner in Ottobeuren hielt sich über die Katholiken auf und sagte, daß sie selbst die richtige Religion hätten. Statt sonntags in die Kirche zu gehen, fänden sie hinaus zur Natur. … Er vergaß zu sagen, daß wir Schwaben an ihnen die Sonntagseintheiligungen (wie ich sie in Karlsbad lange beobachtete) mit Waschen, Schrebergarten, Holz fahren u.a. bemängeln. Man müßte sich einfach nach den üblichen Gebräuchen des Gastlandes richten – manche tates es auch.

Der Flüchtlingsstrom nach Bayern bricht nicht ab. Die Gnadengesuche der in Nürnberg verurteilten seien alle abgelehnt worden. Hinrichtungstag sei der 16. Oktober.
1 Päckchen Tabak kostete auf dem Schwarzmarkt 500 Mark. Man hat den bayerischen Bauern verboten, ihre Zuckerrüben an Verbraucher zu verkaufen. Aus Zuckermangel wird trotzdem in jedem Hause süßer Syruo gekocht.

Die Memminger Spruchkammer ist stark am Werke und urteile strenger als andere. Mein Kamerad Wiedemann [Hauptlehrer Otto Wiedemann, 17.09.1895 - 07.01.1968] kann nun endlich auch wieder in den Dienst, in dem er als Soldat nun acht Jahre nicht mehr war. In Nürnberg hat sich Göring vergiftet; die anderen wurden hingerichtet. Jeder hinterließ einen guten Wunsch für Deutschland. Viel Geschrei macht die Wirtschaftsaufbaupartei – und bringt doch nichts fertig.
Am 28.10 hört man entrüstete Reden über die Verschleppung und Jagd auf die deutschen Facharbeiter; besonders gesucht werden von allen Nationen unsere tüchtigen Erfinder. Alle machen Jagd; der Russe war am schnellsten. Churchill fragt im Unterhaus an, ob es wahr sei, daß Rußland 200 mobile Divisionen im besetzten Gebiet bereit hält.
Wir waren gestern mit den Kindern in Lachen [dem früheren Einsatzort Schnieringers]. Die Kirche war versperrt, weil die elektrischen Glühbirnen und in der Nachbarschaft die Altarkerzen gestohlen wurden. Alles wird heutzutage gestohlen, auch Tabernakel werden aufgebrochen. Opferstöcke, selbst die Heiligenfiguren sind nicht mehr sicher. Das Grönenbacher Kinderkrankenhaus soll aufgehoben werden. Öffentlicher Streit darüber in der Presse.

November 1946

Ottobeuren wird wie eine Stadt. Zugewanderte, teils tüchtige Leute, versuchen neue Handwerksbetriebe und Industrien zu gründen. Sie beginnen oft mit den primitivsten Mitteln. In Bayern Landtagswahl und Abstimmung zur neuen Verfassung. Zuvor Parteiversammlungen. Wer ein öffentliches Amt bekleidet, wird von irgendeinem Parteiredner in den Schmutz gezogen. Die KPD wählte unsere Kirchentreppen al Litfaßsäulen! Alles ohne mich! Ganze Seiten

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berichten unsere Zeitungen über die Überfälle, Diebstähle, Unterschlagungen, Schwarzhandel usw. In Hawangen wurde die Hebamme überfallen; zu ihrem Glück kam im gleichen Augenblick das Milchauto.

Dezember 1946

Am 10. Dezember war ich ins Landratsamt vorgeladen, um dort meinen Vertrag als Angestellter – einen Schandvertrag – zu unterschreiben. Ich habe mich lange besonnen und mir vom Beamten den Gehalt vorrechnen lassen. Ich unterschrieb meinen Kindern zuliebe. Nach 20 Dienstjahren einen aushilfsweise Anstellung gegen 14tägige Kündigung! Was soll ich mit meiner Urkunde auf Lebenszeit? Hält nun auch der Staat sein Wort nicht mehr? Man müsste, falls sich das nicht ändert, mit Vater Staat einen Prozeß beginnen.
Hier in Ottobeuren wird viel und gerne und nicht schlecht Theater gespielt. Ich lasse mich nirgends sehen. Der hiesige Kunstmaler [Ludwig] Dreyer malte mir das Grönenbacher Schloß – als Geschenk für Mutti.

Das zweite Weihnachten nach dem Krieg hat die Menschen einander kaum näher gebracht. Millionen deutscher Soldaten und Internierte sind immer noch in Gefangenschaft. Man spricht von Aufbau und reißt Fabriken ein, man verspricht die Mindestration von 1550 Kalorien und setzt die Rationen weiter herab. 1000 Kalorien braucht kein Mensch mehr, wenn er nicht arbeitet. Wegen Zuckermangel haben die Schulkinder ein schlechtest Gedächtnis. Sie sind verzogen und verderbt wie noch nie. Alles ist anfällig, reizbar, nervös; auffallende Gewichtsabnahme. Das Tagebuchschreiben muß ich nun wegen Arbeitsfülle einstellen. Es soll in späteren Jahrzehnten der Nachwelt berichten, mit welchen Schwierigkeiten unsere Generation zu kämpfen hatte. Möge allen anderen Völkern und Geschlechtern allezeit von ähnlichen Zuständen, Nöten und Ängsten um Leben, Beruf und Familie, verschont bleiben.

Karl Schnieringer

Davon ist die Durchschrift ins Kulturamt Memmingen gegeben worden. Bis 1980 keine Veröffentlichung!

Bild Erika Frisch:
Frau Erika Frisch, Apothekerin aus Siebenbürgen (Photo S. 215) wurde uns in Ottobeuren als Flüchtling mit ihrem Söhnchen Götz zugeteilt. Eine gescheite, künstlerisch veranlagte, gutherzige, geschiedene Frau, die wir alle sehr lieb hatten. Beschäftigung fand sie in der Beck'schen Apotheke zu Ottobeuren – später bis heute in der Sonnenapotheke (1970) in Kaufbeuren.