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1930 - Auto Rietzler


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Um 1930 dürfte dieses Bild von der Autoreperaturwerkstätte Rietzler entstanden sein. Anton Rietzler posiert vor seinem Betrieb. Noch in den 1950ern fuhr der Rietzler-Bus Schüler nach Memmingen, wurden Omnibusfahrten angeboten. Es gab allerdings auch Fahrräder zu kaufen ...

Auf dem Bild ist noch die alte Hausnummer 140 zu sehen. Das Haus steht heute im Wesentlichen noch genauso da, jetzt mit der Nummer Luitpoldstraße 31 (links davon das Nanu). Das Gebäude diente bis Oktober 2015 als Getränkelager (Schneider). Das Vergleichsbild ist am 1. Mai 2013 entstanden; die Buche von damals gibt es noch immer! Ein weiteres Bild zeigt die Buche am 03.11.2015. Das Gelände steht seit Herbst 2015 über einen Makler zum Verkauf.

Die Geschichte des Unternehmens endet mit dem Flugzeugunglück vom 3.12.1972, bei dem viele schwäbische Busunternehmer nach einem missglückten Start auf Teneriffa ums Leben kamen, so auch Anton Rietzler mit seiner Tochter. Insgesamt 155 Insassen starben beim Absturz einer Convair Coronado 990 A der spanischen Chartergesellschaft Spantax. Auch das Bad Wörishofener Busunternehmen Linder verlor mit Leo und Irmgard Schindele seine Führung.

Anton Rietzler wurde 1901 geboren und stammte aus Lachen. In Ottobeuren machte er eine Lehre als Schlosser und legte damit die Grundlage für sein späteres Busunternehmen (samt Werkstatt), das er 1927 eröffnete. Im Alter von nur 24 Jahren - er war der jüngste Kandidat - machte er 1925 die Meisterprüfung als Mechaniker. Dazu musste er mit dem Fahrrad nach München fahren. Der Start war nicht leicht, die Ottobeurer Geschäftlsleute wollten keinen „Fremden“. Rietzler entstammt einer Landwirtsfamilie und musste zu seiner Lehrstelle laufen. Er galt als sehr fleißig, hat Tag und Nacht gearbeitet. Vor dem Krieg hatte er zwei, ev. drei Busse, wovon nur einer in der Garage geparkt werden konnte.
Im Krieg wurde er eingezogen, war sechs Jahre in Frankreich und im Elsass stationiert. Die Busse wurden konfisziert - ohne Entschädigung. Es verblieb lediglich ein Pkw im Unternehmen. Damit konnte auch der Arzt Dr. Briegel mitfahren, wenn er mal wieder keine Benzinmarken mehr hatte, gefahren von Frau Rietzler. In den letzten Kriegstagen hatten SSler versucht, auch den Wagen zu konfiszieren. Aufgrund einer Kriegsverwundung in den letzten Kriegswochen hatte Anton Rietzler Urlaub bekommen und konnte so nach Ottobeuren zurück, den Pkw hatte er bewusst fahruntüchtig gemacht. Sie drohten, ihn zu erschießen, schrien ihn an, wo er Geld und Schmuck versteckt hätte (da war ohnehhin nichts vorhanden) und warfen ihn an die Wand. Für die Kinder, die mitbekamen, wie die SS nachts durchs Haus polterte, war dies ein Schockerlebnis. Tags darauf gelang es den SSlern dennoch, das Auto mitzunehmen.

Genoveva Rietzler (1902 - 67, geb. Rieder) lernte Anton in der Schmiede (heute Wohnhaus, Luitpoldstr. 39) kennen. Die beiden heirateten 1929, 1967 starb Genoveva aufgrund einer Erkrankung. Das Ehepaar hatte neun Kinder, wobei drei früh verstarben. 2013 leben nur noch Tochter Irmgard (in Niederbayern), die älteste Schwester Annemarie und Helene, die Krankenschwester und Nonne ist und den Namen Walbirg trägt.
Genoveva war die erste Frau im Ottobeurer Gemeinderat (für die CSU; vermutlich mit der Wahl 1950); stundenlang wurde im Haus diskutiert, wenn mal wieder Bürgermeister aus der Umgebung oder der Flüchtlingsobmann zugegen waren. (Ein Vergleich mit der Bundespolitik: Am 15.11.1961 wurde mit Gesundheitsministerin Elisabeth Schwazhaupt erstmals eine Frau Mitglied des Bundeskabinetts.)
Frau Rietzler hatte nicht im Betrieb mitgearbeitet und fand im Haushalt Unterstützung durch ein Dienstmädchen. Die Grundstücke am Allenberger Wald mit kleiner Landwirtschaft kauften die Rietzlers vom Vetter der Mutter, sie wurden durch einen Knecht betreut. Seit 1999 gehören die Wiesen dem Bund Naturschutz.

Das Unternehmen bediente Buslinien nach Markt Rettenbach, Memmingen, Ollarzried und Böhen. Der Neuanfang nach dem Krieg gelang mit einem Bus, den die Engländer im Allenberger Wald zurückgelassen hatten - ein 20-sitziger „Diamond“ mit Schiebetür, ohne Räder. Anton Rietzler machte ihn flott und war wieder im Geschäft. In den 1950er Jahren kostete die einfache Fahrt nach Memmingen 85 Pfennige. Das war zwar etwas teurer als der Zug, aber deutlich schneller. Die Busse waren - insbesondere im Berufsverkehr - immer voll, viele mussten sich mit Stehplätzen begnügen. Als erster im Unterallgäu bot die Firma Fahrten nach Rom (ca. 20 x) und nach Lourdes an. Anton Rietzler hatte in der Vorbereitung sogar Kurse in Französisch und Italienisch belegt, um mit Hotels kommunizieren zu können. Eine öffentliche Tankstelle war beim Busdepot in der Eldernstraße eingerichtet, beliefert von Raab-Karcher aus München. So konnte der firmeneigene Fuhrpark - am Ende waren es fünf Busse - günstig betanken werden, um die Ecke, beim Lebensmittelgeschäft Hiesinger (gepachtet von Epple, heute Kneipe Nanu), existierte ebenfalls eine Tankstelle .

Nach dem Unglück von 1972 wurde das Haus an einen Landwirt verkauft, das Anfang der 50er entstandene Busdepot in Höhe des Friedhofes und die Linienkonzessionen an die Fa. Brandner, die 2012 an der Johann-Gutenberg-Straße ein größeres Betriebsgelände bezog. Auf dem alten Busdepot stehen heute (2013) neu errichtete Wohnhäuser.

Die zwei rechten Bilder zeigen einen Ausflug der Volksbank mit dem Rietzler-Bus, vermutlich 1968 (geg. auch noch 69 denkbar). Am Rathaus stehen (v. links):
Gertrud Noller (geb. Moser), Helga Tschugg (geb. Prell), Stefan Englmeier, Brunhilde Kienle (geb. Neher), Max Huber (1929, † 02.08.1978), August Baur, Klaus Huber und Theodor Rietzler (der eine unbek. Person verdeckt).
Auf dem zweiten Bild (vermutlich an der Breitachklamm bei Oberstdorf):
Brunhilde Kienle, Franz Englmeier († 2012), Edgar Reichel, Alfred Reichel, Reinhard Reinhold, Anton Tschugg († 1993), Theodor Rietzler, Peter Rietzler, Helga Tschugg, Gertrud Noller, Maria Dietrich, Anneliese Frischknecht (02.04.1922, † 17.12.2013), August Baur (7.12.1928, † 11.3.2004), Klaus Huber