Marktgemeinde Ottobeuren
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26.08. - 03.09.1903 - Neuartige Feldbäckerei bei Manöver in Ottobeuren


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Ottobeuren war ein großer Manöverstandort, was auch einen gewichtigen Wirtschaftfaktor darstellte. Am Bahnhof sind hier drei mobile Brotbacköfen zu sehen, die erstmals zum Einsatz kamen. Die Aufschrift "Bay. I.A.C.2.Div. Backofen" steht vermutlich für "Bayerische Infanterie-Ausbildungs-Compagnie, 2. Division (Augsburg)".

Das Ottobeurer Wochenblatt berichtete am 05.09.1903 auf Seite 2 über die Öfen:

Die zur Zeit hier und in der Umgebung stattfindenden Truppenübungen boten uns die letzten Tage den Anblick und Einblick in eine ganz neue mititärische Einrichtung. Zwei Tage war hier die Feldbäckerei der II. bayer. Division etabliert. Die ganze Einrichtung war vollständig neu und überhaupt zum erstenmale im Gebrauch. In vier großen Zelten war die Mannschaft und alles, was zur Brotbereitung gehörte, untergebracht. In vier neuen fahrbahren eisernen Backöfen wurde ohne Unterbrechung gebacken, 280 Kommislaibe immer auf einmal. Alle 2 Stunden wurde frisch eingeschossen. So ging es 2 Tage ununterbrochen auch bei der Nacht fort, so daß in der kurzen Zeit über 7000 Laibe gebacken wurden. Das interessante und seltene Schauspiel zog viele Leute an, so daß der Platz fortwährend von Neugierigen umstanden war. 

Der Manöverraum war groß gefasst. Am 10. September berichtete das Ottobeurer Wochenblatt unter Erkheim, 5. September:
Der gestrige Manövertag zog bei dem herrlichen, aber heißen Wetter viel Zuschauer aus Memmingen und weiter Umgebung an. Se. kgl. Hoheit Prinz Arnulf traf gegen 7 Uhr von Mindelheim, per Automobil kommend, hier ein und ritt sogleich unter lebhaften Hochrufen ins Gelände. Die Truppen rückten zum Teil schon um 3 oder 4 Uhr aus, da besonders die Infanterie-Regimenter weite Wege (von Mindelheim) zurückzulegen hatten. Vormittags um halb 10 Uhr war das Gefecht in vollem Gange. Heute wurde das Gefecht fortgesetzt und am Montag nehmen die Brigademanöver ihr Ende. Die Divisions-Manöver bei Obergünzburg dauern bis 11. Sept. Nach diesen folgen die Korpsmanöver (14., 15. und 16. September bei Blonhofen).
Anmerkung: Blonhofen liegt östlich von Kaufbeuren.

Am 18.08.1903 wurde das Manöver seitens der Marktgemeinde-Verwaltung per Bekanntmachung angekündigt, da damit auch Einquartierungen verbunden waren. Der Wortlaut auf Seite 5:

Nach Mitteilung des Kgl. Bez-Amtes Memmingen wird an nachbenannten Tagen die Marktgemeinde Ottobeuren anläßlich der größeren Truppenübungen mit Quartier belegt und zwar:
1. Am 26. August mit einem Feldartillerie-Regimentsstab, einem Abteilungsstab und 2 Batterien.
2. Vom 27. mit 31. August mit einem Feldartillerie-Brigadestab, einem Feldartillerie-Regimentsstab, einem Abteilungsstab und 2 Batterien.
3. Am 1. September mit einem Feldartillerie-Brigadestab, einem Feldartillerie-Regimentsstab, einem Abteilungsstab und 2 Batterien.
4. Am 2. und 3. September mit einem Feldartillerie-Regimentsstab, einem Abteilungsstab, 3 Batterien und 1. Eskadron.

Die verehrl. Einwohnerschaft Ottobeuren wird hiebei in Kenntnis gesetzt, daß die Einquartierung der Offiziere und Einjährig Freiwilligen ohne Verpflegung, die Unteroffiziere und Mannschaften mit voller Verpflegung gegen eine Vergütung von 80 Pf. pro Kopf und Tag erfolgt.
Die Fourage für die Pferde wird durch einen Lieferanten besorgt. Diejenigen Hausbesitzer, welche keine Hausnummern angebracht haben, werden ersucht, zur leichteren Auffindung der Quartiere für den Soldaten, solche oberhalb der Hausthüre in ersichtlicher Weise anzubringen.
     Ottobeuren, den 14. August 1903.
       Die Marktgemeinde-Verwaltung.
               Frey, Bürgermeister.

Am 25. August wurde außerdem redaktionell auf die bevorstehenden Manöver eingegangen:
Die Manöver nahen, jene Tage, in denen unsere Truppen Krieg im Frieden üben und die gar reich an Freud und Leid für die Beteiligten sind, während sie den Bewohnern von Stadt und Land ein hochinteressantes und immer wieder gern gesehenes Schauspiel darbieten. Vorläufig sind es die Brigade- und Divisionsmanöver, die ins alltägliche Einerlei ungezählter Schlachtenbummler eine willkommene Abwechslung bringen und den Soldaten einen Vorgeschmack dessen geben, was noch kommen wird, und späterhin werden die großen Korpsmanöver das buntbewegte Bild des Einquartierungs-, Kriegs- und Biwaklebens vervollständigen und die Manöverzeit beschließen. Möge es trotzdem diesmal nicht allzu arg in dieser Beziehung werden und möge die Manöverzeit insonderheit für die jungen Krieger neben Erinnerungen an die unvermeidlichen Strapazen auch solche angenehmer Art, an gute Quartiere und liebevolle Aufnahme hinterlassen. Hierzu beizutragen, muß Ehrensache aller Bewohner der mit Einquartierung belegten Dörfer, Märkte und Städte sein.

Ob die „liebevolle Aufnahme“ vielleicht das ein oder andere Mal gar der Eheanbahnung diente?

Am 27.08. hieß es schließlich
(unter dem Datum des Vortages):
Seit heute bietet sich uns hier ein Bild vom „Krieg im Frieden“. Im Laufe des heutigen Tages sind mehrere Truppenteile, welche gegenwärtig aus Anlaß der Herbstmanöver in der Umgebung einquartiert sind, hier durchgezogen. Hier selbst sind einquartiert die 1. und 2. Batterie des 9. Feld-Artillerie-Regimentes nebst dem Abteilungs- Regiments- und Brigadestab. Im Gasthause zur „Post“ hat der Kommandeur der 2. Feld-Artillerie-Brigade, Herr Generalmajor von Neubeck Wohnung genommen. Herr Oberst Peter des 9. Feld-Artillerie-Regimentes hatte die Gnade, Abends die Regimentsmusik über eine Stunde lang auf dem Marktplatze neben dem Kriegerdenkmale spielen zu lassen. Heute trifft hier ein der Kommandeur der 2. Division Seine Excellenz Generalleutnant Frhr. (Theophil) Reichlin von Meldegg.

Für den 30. August war im „Anna-Keller“ (er befand sich an der heutigen Ottostraße, am Bannwald) ein „Militär-Concert“ angekündigt (S. 471 und Ausgabe vom 29.08.1903, S. 6 = 496), worüber am 01.09. u.a. berichtet wurde:
Ottobeuren, 30. Aug.  Heute war um 10 Uhr Kirchenparade und Militärmesse für die gegenwärtig hier einquartierten Soldaten des 9. Feld-Artillerie-Regimentes. Nach derselben trug die Regimentsmusik in der Kirche noch zwei Stücke vor, abwechselnd mit dem Spiel der großen Orgel. Das Konzert, welches dieselbe Musik nachmittags im Annakeller zur Aufführung brachte, lockte, da auch die Witterung nicht ungünstig war, eine sehr große Menschenmenge an diesen schönen Vergnügungsort.

Die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtete am 01.08.2014 zum Jahrestags des Kriegsbeginns, darunter u.a. über die Verpflegung im Feld. Die Ofen-Fuhrwerke wurden demnach von Pferden gezogen. Jeder Ofen verbrauchte täglich zwischen 160 und 190 kg Brennmaterial (Kohle, Holz, Torf) sowie 9.000 Liter Wasser.

Der Begriff „Kommiss“ bedeutet „Heeresvorrat“. In Kriegszeiten benötigte man für die Versorgung der Soldaten ein Brot, das sich durch lange Haltbarkeit und große Nahrhaftigkeit auszeichnete. Seit dem ersten weltkrieg gehört „Kommissbrot“ in vielen Bäckereien zum Standardrepertoire, da man die Vorzüge des Brotes noch heute zu schätzen weiß. Zumeist handelt es sich um ein Roggenmischbrot mit 20 % Weizenmehlbeigabe. Bei Wikipedia finden sich weitere Infos zu diesem Brot.

Mit der Tradition der Einberufung in den zweijährigen Militärdienst befasste sich das Ottobeurer Wochenblatt am 10.10.1903 auf Seite 2 verharmlosend:

Eine Schule fürs Leben, in der Jeder lernen will, vieles lernen kann, nennt man mit vollstem Recht die Militärzeit, der jetzt die zum Heere ausgehobenen jungen Leute entgegen gehen. Alljährlich von Anfang bis Mitte Oktober rücken die Rekruten bei den verschiedensten Truppenteilen und Waffengattungen ein, wehalb jetzt ans Abschiednehmen von den Angehörigen, Freunden und Bekannten gedacht werden muß. Und das fällt manchen leicht, den meisten aber schwer, aber was hilfts, geschieden muß sein, und - ist's denn wirklich so schlimm? Beileibe nicht! Ist auch das Soldatenleben gar ernst und besonders in der ersten Zeit, nicht nach dem Geschmack eines Jeden, so bringt dasselbe doch auch heitere Stunden mit sich, die dann, wenn der junge Rekrut nach schnell verflossenen zwei Jahren als strammer Reservist in die Heimat zurückkehrt, eine schöne Erinnerung fürs ganz Leben sind. Nicht mit Unrecht zählen drum die alten Krieger und diejenigen, die „dabei geblieben“ sind, die Soldatenjahre zu ihren schönsten, deshalb - nur Mut, es wird sich alles machen. Gewiß, aller Anfang ist schwer, aber ist man nicht gerade auf den Kopf gefallen und bezeigt man den unerläßlichen Gehorsam, so geht es wunderschön. Außerdem geht es ja auf Weihnachten los und damit auf den ersten Urlaub, also: „Glückliche Reise und auf frohes Wiedersehn in zehn Wochen!“

Der Kartentext (geschrieben per Bahnpost an einen königlichen Postexpeditor in München):
Meinen besten Dank für Karte & Mitteilung. Läßt ? dir gegenüber auch wieder nichts hören. Gruß dein Liebl.

Die Originalkarte von Manfred Foit (30.09.1941 - 11.12.2015) war stark mit Tintenflecken verschmutzt und wurde digital restauriert (Helmut Scharpf, 08/2014).

Im virtuellen Museum finden sich zwei weitere Dokumente zum Thema Truppenübungen:
1913 -Generalstab und
1910 - Manöver in Ottobeuren.