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1814 - Abbildung der Klosteranlage, geschaffen von einem französischen Kriegsgefangenen; Landesausstellung Ingolstadt


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Ein französischer Kriegsgefangener schuf diese sehr detailreiche Abbildung der Ottobeurer Klosteranlage. Vom 30. April bis 31. Oktober 2015 war sie in der Bayerischen Landesausstellung „Napoleon und Bayern“ im Neuen Schloss in Ingolstadt zu sehen. Eine Hörstation ergänzte das Exponat.

Geschichtlicher Zusammenhang: Acht Jahre lang war Bayern mit Frankreich verbündet. Aus dem Kurfürstentum Bayern wurde im Zuge von Säkularisation, Mediatisierung und Napoleonischer Gebietsveränderungen ein geschlossener Flächenstaat; seit 1. Januar 1806 war Bayern auch Königreich. Doch unter Napoleon litten die Bayern unter den Kriegslasten. 1804 wurde die bayerische Armee reformiert und eine Art Wehrpflicht für alle tauglichen Männer zwischen 16 und 40 Jahren eingeführt. Der Wehrdienst dauerte zunächst acht, ab 1809 dann sechs Jahre.
30.249 Bayern waren unter französischem Oberbefehl in zwei Divisionen mit in den Krieg gegen Russland gezogen. Napoleon war am 24.06.1812 mit 450.000 Mann in Russland eingerückt. Am 2. und 3. Juli 1812 überschritten auch die bayerischen Truppen den polnisch-russischen Grenzfluss Njemen, kurz darauf erreichten sie Wilna.
Innerhalb der ersten Wochen waren die Bayern schon um ein Drittel reduziert worden - durch Krankheit, nicht durch Kampf. Als es bei Polozk („Bayerngrab“) zur ersten Beteiligung an einer Schlacht kam, standen gerade noch 9.000 bayer. Soldaten zum Kampf bereit. Am 7. September 1812 wurde die bayer. Kavallerie in der Schlacht bei Moskau dann völlig aufgerieben. Napoleon nahm Moskau zwar ein, doch Zar Alexander I. verweigerte sich jedem Friedensgespräch. Napoleon zog wieder ab. Am 12.12.1812 erreichen die Reste der Hauptarmee erneut den Njemen. Nicht einmal 3.000 Bayern hatten den Russland-Feldzug überlebt.

Im Januar 1813 bestand Napoleon auf die Erfüllung der bayerischen Bündnisverpflichtungen und verlangte wiederum 30.000 Mann. Bayern rüstete notgedrungen erneut auf und erreichte bis zum 01.10.1813 eine Heeresstärke von 50.000 Soldaten. Doch diesmal sollte sich Bayern gegen Frankreich wenden: Am 08.10.1813 schloss General Wrede den Vertrag von Ried und stellte sich damit an die Seite Österreichs, am 15.10. erklärte Bayern Frankreich den Krieg.
General Wrede traf zufällig auf den nach der verlorenen Völkerschlacht von Leipzig auf dem Rückzug befindlichen Napoleon. In der Schlacht von Hanau am 30.10.1813 starben mehr als 9.000 bayerische und österreichische Soldaten - darunter mind. ein Ollarzrieder -, etwa 10.000 Franzosen gerieten in Gefangenschaft. Napoleon konnte entkommen; am 02.04.1814 rückten die verbündeten Armeen in Paris ein. Im belgischen Waterloo wurde Napoleon endgültig besiegt, die 60.000 zur Verfügung stehenden bayer. Truppen waren daran allerdings nicht beteiligt. Gefangene Franzosen landeten auch in Ottobeuren und wurden vom 02.12.1813 - 15.06.1814 im - säkularisierten - Kloster untergebracht.

Öffnet man in der Ingolstädter Ausstellung die Kabinett-Türe, dann hört man Heiko Ruprecht (Sprecher von Bayern2; Produktion: Anja Scheifinger), der die Zustände in Ottobeuren näher beschreibt: Kaum waren die 1492 Franzosen (einschl. Soldaten aus anderen Nationen) - im Kloster einquartiert, begannen örtliche Händler, mit ihnen Geschäfte zu schließen; es wurden sogar eigene Buden aufgestellt. Was man nicht bedacht hatte: In kürzester Zeit verbreiteten sich Krankheiten wie Typhus und forderten bis zum 09.11.1814 33 Ottobeurer Menschenleben. Verstorbene Soldaten wurden ab 18.12.1813 am südlichen Rand des Schelmenheider Waldes (Gedenkstein) und ab 12.02.1814 zwischen Schinderwäldle und Allenberger Wald (Gedenkkreuz, Vollmar-Wiese) in Massengräbern beigesetzt.
Zum Vergleich: Ottobeuren hatte (ohne die heutigen Eingemeindungen) 1564 1493, 1793 1574 Einwohner, 1840 waren es 1732 Einwohner, 1890 1834. Die 1813 erfolgte Einrichtung einer Bürgerwehr wird bei 1492 Gefangenen durchaus verständlich. (Quelle: S. 123 bei Sreenivasan Govind: The peasants of Ottobeuren, 1487-1726, Cambridge University Press, 2004, 386 S.)

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Eine Beschreibung der näheren Umstände der Einquartierungen in Ottobeuren lieferte Kasimir Raith in Schilderungen aus dem Jahr 1902/03, veröffentlicht in den Ausgaben 20.04. und 04.05.1934 der Heimatblätter, einer Beilage zum Ottobeurer Volksblatt. Warum man die Kriegsgefangenen nicht, wie später die 1480 Soldaten aus dem Krieg gegen Frankreich 1870/71, in der Kaserne unterbrachte, geht aus dem Text nicht hervor. Raith wird wie folgt zitiert:

Nachdem Ende November 1813 durch Zivil- und Militärkommissionen das Kloster inspiziert worden war, fing man am 30. November an, die Lokalitäten für die Gefangenen herzurichten. Es sollte Platz für 3000 Mann geschaffen werden. Zimmermeister Heiligensetzer hatte die Arbeiten unter sich. In erster Linie sollte der größte Teil des Konventgebäudes dazu hergenommen werden, obwohl hier noch viele Herren Patres des Klosters wohnten, denen die unmittelbare Nähe der Gefangenen doch höchst lästig sein mußte. Der untere Gang wurde ganz mit dem Kapitelsaal für die Gefangenen bereit gestellt. Vom Mittleren und obern Gang blieb den Konventualen nur je die nördliche Hälfte mit Ausnahme der letzten Zelle an der großen Treppe. Ebenso wurde auch das große Refektorium und der darüberliegende Saal (Museum) zur Aufnahme für die Franzosen vorbereitet. Die Tische, Malereien und die Kanzel im Refektorium wurden auf den Dachboden geschafft.

Am 2. Dezember 1813 kamen die ersten Gefangenen in einem höchst bedauernswerwürdigen Zustande hier an. Es waren größtenteils Neapolitaner. Man führte sie alle in das Refektorium ein. Fast jeder Tag des Dezember brachte neue Gefangene in größerer und kleinerer Anzahl: Italiener, Franzosen, Holländer usw.  Da sie bald in den bisher für sie eingerichteten Räumen nicht mehr Platz hatten, begann man am 16. Dezember den großen Bibliotheksaal zu räumen. Alle Bücher und Kästen wurden auf den Dachboden gebracht und dabei vieles gestohlen. In das hintere Kreuzgärtlein machte man drei große Aborte aus Holz, die durch alle Stockwerke bis oben reichten. Bis in den März des Jahres 1814 hinein trafen fortwährend neue Transporte von Gefangenen ein. Der letzte kam am 27. März. Immer wieder mußten andere Teile des Klosters für die Gefangenen freigestellt werden. Auch die ehemalige Bildergalerie der „roten Abtei“, das heutige Museum, und der Kaisersaal nebst den angrenzenden Teilen des Klosters wurde mit Gefangenen belegt. Zur Sicherung derselben mußten mehrere Türen zugemauert werden, wie z. B. die zur Sommerabtei und zur Benediktuskapelle. Die Wachtmannschaft bestand nur aus 36 Mann, einem Sergeanten, einem Profoß und einem Offizier.
Wegen der durch leichtsinnige Maurerarbeit neuhergstellten Kamine entstand öfter eine Feuersbrunst, die aber jedesmal noch im Entstehen gelöscht werden konnte.
Bald brachen bei den Gefangenen gefährliche Krankheiten aus. Schon am 13. Dezember starben von ihnen 2 Mann, die bei Skt. Sebastian beerdigt wurden. Am 15. starben 3 und so nahm die Sterblichkeit unheimlich schnell zu.

[Fortsetzung in der Ausgabe vom 04.05.1934]
Am 18. Dezember wurden die ersten Franzosen (5 Mann) auf dem neuen Begräbnisplatze bei der Schelmenheide begraben. Pater Ambros beerdigte sie von nun an ohne Geläute, um das Volk durch die vielen Leichen nicht zu erschrecken. Am 20. Dez. stieg die Zahl der Kranken auf 194. Es wurde bei der Verpflegung nichts gespart. Auf 8 bis 10 Kranken kam 1 Wärter, welcher aus dem Depot, wahrscheinlich von Kempten, angestellt wurde. Er bekam täglich 24 Kreuzer. Die Krankheit wird meist als Diarrhöe, hitziges Gallenfieber bezeichnet. Die Toten sind wachsbleich mit roten Nasen. Bataillonsarzt Jaud hatte die Oberleitung des Lazarettes. Am 22. Dezember starben schon 7 und am 5. Februar 1814 19 Gefangene. Die Toten wurden nicht mehr eingesargt, sondern wie sie gestorben, haufenweise auf bereitstehende Wagen geladen und in Massengräbern beerdigt. Bald war der Begräbnisplatz bei der Schelmenheide voll. Es mußte ein neuer angelegt werden. Da damals gerade der bis zu jener Zeit bestandene Gemeindewald „unterer Wald“, die heutigen Holzteile bei der Sandgrube, abgeholzt und unter die Bürger, die mit großem Eifer an der Urbarmachung des Bodens arbeiteten, verteilt worden war, so wählte man einen dieser Teile zum weitern Begräbnisplatze für die Gefangenen. Diese wurden vom 12. Februar an hier beerdigt.
Schon im Januar 1814 breitete sich der Typhus auch im Markte aus. Man schrieb die Verschleppung desselben den Metzgern, Bäckern und Kaufleuten zu, welche im Kloster eigene Verkaufsstände für die Gefangenen aufgeschlagen hatten. Der erste, der am Typhus starb, war der hiesige Arzt, Dr. Joseph Thwingert. Es muß diese Krankheit ungemein stark im Orte geherrscht haben. Im Februar starben 9 Personen an ihr. Erst im November ist der letzte Todesfall von Typhus verzeichnet. Im ganzen wurden 33 Personen von ihm hinweggerafft. Wie viele überhaupt krankt waren, konnte nicht ermittelt werden. Eine Uebersicht über die Zahl der in den Jahren 1810 - 1815 in der Pfarrei Ottobeuren Gestorbenen kennzeichnet die Sterblichkeit von 1814: Im Jahre 1810 starben 44 Personen (Kinder und Erwachsene). Im Jahre 1811 starben 31 Personen; 1812: 44; 1813: 45; 1814: 75; 1815: 39 Personen.
In dieser Zusammenstellung sind die gestorbenen Gefangenen nicht inbegriffen. Die Pfarrbücher enthalten keine Einträge über die gestorbenen Franzosen. Es wurde für jene öfters besonders vom Pfarrer P. Theodor Klarer in der ehemaligen Kanzlei des Klosters, jetzt Speisesaal der Klosterstudenten, Messe gelesen, wobei mehrere von den Gefangenen die hl. Eucharistie empfingen. Auf diesem Gebiete haben sich die Klostergeistlichen sehr viel um das Seelenheil verdient gemacht und besonders wird von P. Theodor Klarer gerühmt, daß er jenen mit Geld, Büchern und sonstigen Besorgungen viel Gutes getan habe.
Daß P. Ambros Jordan, ein geborener Landsberger, der bei diesen vielen Kranken die Seelsorge übernommen hatte, am meisten für diese Unglücklichen tat und die größten persönlichen Opfer brachte, ist wohl verständlich. Sein Andenken bleibt in Ehren.
Vom weiteren Verlauf der ganzen Angelegenheit wollen wir noch einen Vorfall erwähnen. Schon am Nachmittag des 1. März 1814 war bei den Franzosen, wie man die Gefangenen im allgemeinen nannte, eine ungewöhliche Unruhe wahrzunehmen. Am Abend brach ein bedenklicher Aufstand unter ihnen aus. Bei 200 hatten sich zusammengerottet, um Anstalten zu einer Flucht zu machen. Der Kommandant von Schönbrunn ließ sofort Alarm schlagen und die Wachtmannschaft und das Bürgermilitär, - dasselbe wurde im Markte im Jahre 1813 errichtet - umzingelte das Kloster. Es wurde der Befehl gegeben, auf jeden Gefangene, der sich an einem Fenster zeigen sollte, zu schießen. Keiner aber ließ sich sehen. Revierförster Walchner und Gerichtsdiener Höß schossen viel auf geradewohl in den Archivsaal in der südöstlichen Ecke des Klosters, ohne jedoch jemand zu treffen. Als die Aufständischen sahen, daß sie ohne Waffen nichts ausrichten konnten, zogen sie sich in das Innere des Klosters zurück. Leider sollte diese Angelegenheit nicht ohne Unglücksfall abgehen. Ein gefangener Colonel (Sergeant), Pierre de Schamberg, wurde unschuldig erschossen, als er ein Schreiben worin die Unterwerfung der Aufständischen angekündigt war, aus dem Fenster werfen wollte. Der ganze Lärm hatte von halb 6 Uhr bis 9 Uhr nachts gedauert. 6 Rädelsführer wurden hierauf verhaftet, aber bald wieder freigegeben. Es stellt sich heraus, daß die Aufruhrgeschichte nur eine Folge der Betrunkenheit einiger Gefangener war, welche wegen der Reinigungsarbeiten täglich 30 Kreuzer und nach Belieben Branntwein bekamen. Deshalb ließen die Bürgersoldaten verlauten, daß sie bei ähnlichen Auftritten nicht mehr ausrücken werden. Der erschossene Colonel wurde bei Skt. Sebastian beerdigt. In der Nacht vom 24. auf den 25. März versuchten die Franzosen einen nochmaligen Ausbruch, der aber ebenfalls vereitelt wurde. Allmählich neigte sich die Zeit ihrer Gefangenschaft dem Ende zu. Am 16. Mai wurden jene Kriegsgefangene, die Italiener waren, über Kaufbeuren abgeführt und am 15. Juni der Rest von 582 Mann, hauptsächlich Franzosen und Holländer nach Ulm abgeführt. Aber erst am 13. Juli zog auch die Bewachungsmannschaft: Kommandant von Schönbrunn, 1 Profoß (Militärbeamter) und 12 Jäger, weiter 2 Militärärzte und zehn Kranke von Ottobeuren fort.
Es kostete viel Arbeit, die von den Gefangenen bewohnten Räume wieder in einen ordentlichen Zustand zu bringen und die durch ihren Aufenthalt notwendig gewordenen baulichen Veränderungen wieder abzubrechen. Noch heute sind vielfach Spuren jener schrecklichen Zeit im Kloster wahrzunehmen und die Vernichtung oder Beschädigung manchen Kunstwerks ist damals geschehen: daher besonders der schadhafte Zustand der Schnitzereien und anderer Holzarbeiten in der alten Bibliothek wahrscheinlich und der Verlust mancher großer Gemälde, z. B. an der großen Konventtreppe und im Refektorium.

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Die Arbeit (Materialien: Gouache, Papier, Naturmaterialien) liegt ansonsten im Klosterarchiv, die Information für die Hörinstallation lieferte das Tagebuch von Pater Basil Miller („Die Ottobeürischen Tagschriften der Aufgelösten Reichsabtei Ottobeuren“, 1805-23); Miller führte nach der Säkularisation zusammen mit etlichen anderen verbliebenen Mitbrüdern gleichsam die Chroniken von Pater Maurus Feyerabend bis 1820 fort. Auf der Rückseite des Bildes ist ein Name vermerkt, der aber - so Klosterarchivar Pater Rupert Prusinovsky - ohne Quellenangabe von Abt Vitalis Maier aufnotiert wurde.

Abt Johannes Schaber sei für die Zustimmung zur Abbildung gedankt. Als Quelle der geschichtlichen Aussagen über die bayerische Beteiligung am Russlandfeldzug dienten die Ausstellungstafeln.
Hinweis: Eine Nachnutzung der Ottobeurer Arbeit ist mit der Abtei abzustimmen.
Die Hördatei (1:45 Min, Format mp3, ca. 1,1 MB) mit Sprecher Heiko Ruprecht / Regie Anja Scheifinger konnte mit deren Einverständnis und der abschließenden Genehmigung durch Bayern 2 (am 28.09.2015) ebenfalls eingepflegt werden; dafür herzlichen Dank an alle Beteiligten! Es entsteht ein kurzes, aber eindrückliches Stimmungsbild der Zeit mit den Kriegsgefangenen.

Ein Besuch der Landesausstellung 2015 konnte wärmstens empfohlen werden! Falls noch online: Info hier.

Die Folgebilder zeigen den Gedenkstein am Südrand des Schelmenheider Waldes (Aufnahme vom 09.03.2012), ein Winterbild des Franzosenkreuzes am Allenberger Wald (Aufnahme ca. 2002), ein Bild mit Trikolore vom 28.08.1964 sowie ein weiteres Bild von 1964 (mit der Familie von Blumen Plersch). Die drei Bilder ganz rechts zeigen eine schöne Abendstimmung am 01.11.2015; die Inschrift auf dem Schild lautet:

Hier ruhen Frankreichs Söhne von 1814 R.I.P.
Weit vom Lande ihrer Lieben
von des Krieges Sturm getrieben
ruhen Frankreichs Söhne hier.
Freundlich mahnend zum Gebete
schmücket die verlass'ne Stätte
Liebe mit des Kreuzes Zier.