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1739 - Schulfibel: Neues Nahmen-Büchlein


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Was ist ein Nahmen-Büchlein? In einem alten Lexikoneintrag (Adelung, 1811, S. 420) findet sich der entscheidende Hinweis „Einige haben ein Wörterbuch oder Lexicon ein Nahmenbuch nennen wollen, aber wenig Beyfall erhalten. Nach dem Frisch wird in Franken und andern Oberdeutschen Gegenden ein Buchstabierbüchlein für Kinder ein Nahmenbuch genannt.“

Ludwig Aurbacher (1784-1874) - bekannt durch sein Buch der „Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben“ - erwähnte in seinen Jugenderinnerungen im Zusammenhang mit seiner Einschulung in Türkheim (Lkr. Unterallgäu) als Fünfjähriger (1789) die „Nahmenbüchle“:
Schon im folgenden Winter, obwohl ich erst das fünfte Jahr zurückgelegt hatte, schickte sie [die Mutter] mich zur Schule, wohl aber nur, um mich immer tätig zu erhalten. Denn obwohl ich vielleicht mehr Nahmenbüchle zerriß als Seiten erlernte, so schalt sie deshalb doch nicht, da sonst keine Klage gegen mich verlautete.
In einer Fußnote macht Aurbacher selbst den Versuch einer Klärung des Begriffes:
Das Nahmenbüchle, vielleicht eine Art Fibel.

Nun zum beim Ottobeurer Buchdrucker Johann  Balthasar Wanckenmiller 1739 erschienen Nahmen-Büchlein:
Eingeleitet wird es mit einigen deutlichen Hinweisen. Das „Christ-Kindle“ ruft einerseits zum fleißigen Lernen auf, zur Wertschätzung von Eltern und Lehrern. Werden diese Bedingungen erfüllt, dann werden die Kinder belohnt:
So will ich euch bescheren fein.
Vil schöner Sachen und alles Guts
Das euch an Leib und Seel ist nutz.

Bei Verweigerung kommt es andernfalls zur Bestrafung:
Welch Kind nun diß nicht thun will gern,
Dem will ich durchaus nichts beschern,
Sondern straffen, daß es wird geschwind
Hie und dort ein arm Bettel-Kind.

Alle Groß- und Kleinbuchstaben - gedruckt in gebrochener Schrift - werden alphabetisch gezeigt, auch die Buchstabenkombinationen (die Ligaturen). Wie damals üblich, gab es zwei verschiedene Schreibweisen für den Buchstaben s sowie das ß. Weniger bekannt ist das „runde r“, das im Textteil zweimal vorkommt. Es kommt immer dann zum Einsatz, wenn sich das „r“ verdoppelt (hier: Hirrsch und Yrrdisch); es wird in den alphabetischen Listen nur am Anfang abgedruckt und taucht später in den Buchstabenreihungen nicht nochmals auf.
Eine einheitliche Orthographie gab es noch nicht, manche Wörter sind kaum erkennbar (z.B. Bolster für Polster, Dinten für - vermutlich - Tinte, bei Pohlen ist ev. das Land Polen gemeint, Tyroll = Tirol, Vaß = Fass), beim Buchstaben „x“ dominiert die dialektale Färbung (z.B. Xang, Xellschaft, Xotten und Xungen statt Gesang, Gesellschaft, gesotten und gesungen), einige wenige Wörter bleiben unklar (wie Yser - ev. der französische Fluss, Quindlein - ev. für Qäntchen, Quitlos, Xistus und Yhn). Mögliche Worttrennungen werden durch größere Abstände gekennzeichnet.
Insgesamt dominieren Namen von Heiligen oder verwandte religiöse Begriffe (Amen, Bibel, Creutz, Engel, Gnaden, Höll, Mesmer, Pabst [Papst], Predig, Priester, Seelig, Tauff, Wunder). Bei JEsus und GOtt wird der jeweils erste und zweite Buchstabe groß geschrieben.

Die Zahlen werden zunächst von 1 bis 100 alle aufgezählt, dann in Hunderterschritten, dann in größeren Schritten bis 100.000. Im kleinen Einmaleins findet sich gleich in der ersten Rechenoperation ein Fehler. Der folgende - und abschließende - Gedichttext preist gleichwohl die Vorteile des richtigen Rechnens:
Lehrnst du das Einmal Eins mit Fleiß /
So wirst du aller Rechnung weiß /
Dann wer dessen ist wohl bericht /
Dem wird’s im Rechnen fehlen nicht.

Vom Nahmen-Büchlein wurde eine Abschrift erstellt (hier als Word oder pdf abrufbar), das Original wurde sehr aufwändig digital restauriert (Helmut Scharpf, 07/2016) und steht als Gesamt-pdf (ca. 3,4 MB) zum Download bereit.

Literaturzitat:
Kosch, Wilhelm, Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im kath. Deutschland (Hrsg.): Ludwig Aurbacher, der bayrisch-schwäbische Volksschriftsteller: Seine Jugenderinnerungen (1784-1808) nebst Briefen an ihn (...), Köln, Kommissionsverlag Bachem, 1914, 127 S
(Link zu Wilhelm Kosch)

Die „Jugenderinnerungen“ umfassen 142 handschriftliche Blätter, die der Münchner Hof- und Staatsbibliothek am 1.4.1870 von Prof. Julius Hamberger geschenkt wurden und wo sie als Cod. germ. 5259 lagern. Die „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland“ veröffentlichte sie 1914.
Aurbacher besuchte ab 1797 die Ottobeurer Klosterschule, am 18.10.1801 trat er als Novize in den Konvent ein. Eine Urheberrechtsanfrage bei der Görres-Gesellschaft zur Veröffentlichung des Drucks von 1914 läuft gerade!

Literaturzitat der eingangs zitierten Quelle:
Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Dritter Teil von M-Scr, Wien, Ph. Bauer, 1811, 1774 S.