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27.09.2016 Ottobeuren erhält die Zertifizierung als „Fairtrade-Town"


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Nach etwa zwei Jahren Vorarbeit durch die Steuerungsgruppe waren die Voraussetzungen für die Einhaltungen der Kriterien erfüllt. Im Rahmen einer Feierstunde überreichte Manfred Holz, Ehrenbotschafter von Trans Fair e.V. (Fairtrade Deutschland), die Urkunde, die Ottobeuren als 432. „Fairtrade-Town“ ausweist.

In der November-Ausgabe des „Ottobeuren Life“ hieß es:
Es soll der Startschuss sein, das Bewusstsein für fair gehandelte Produkte in allen Bereichen der Gesellschaft zu stärken. Allein in Deutschland dürfen 432 Kommunen dieses Siegel von Transfair e. V. führen und weltweit zirka 2000. Ottobeuren stehe damit nach Worten von Holz in der Reihe beispielsweise mit London, Rio oder München.
Das Siegel darf künftig am Rathaus und allen an der Kampagne Beteiligten wie Unternehmen, Vereinen, Schulen, Kirchen angebracht werden. „Diese Auszeichnung ist nicht das Ziel, sondern der Anfang“, sagte Holz. Nach zwei Jahren wird es überprüft. „Wir leisten damit einen kleinen Schritt für eine gerechtere Welt“, sagte Fries. Gemeinsam wolle man sich für eine intakte und lebenswürdige Welt engagieren. Sein Dank galt besonders der Steuerungsgruppe um Martina Hühner und Georg Jutz, die auf Initiative von Helmut Scharpf seit Oktober 2014 mit viel Engagement für die Idee der Fairtrade-Gemeinde geworben haben. Sie haben viel informiert und den Anforderungskatalog „abgearbeitet“, bis schließlich der Gemeinderat beschlossen hat, sich um diesen Titel zu bewerben.
Wie Holz unter anderem erklärte, gehe es darum, dass die Produzenten einen gerechten Lohn erhalten und dass nicht Kinder arbeiten müssen. So beispielsweise bei Kaffee, Bananen, Rosen, Reis, Schokolade oder Textilien bis hin zu Pflaster- oder Grabsteinen. Hier bezog Holz auch die Milchbauern ein: „Wir müssen sorgen, dass die satt werden, die unseren Tisch decken.“ Zudem gehe es auch darum, aktiv Fluchtursachen zu begegnen, bevor sie eintreten.
Im Rahmenprogramm präsentierten zahlreiche Firmen, Gastronomen und Weltläden, was sie bereits an Fairtrade-Produkten in Ottobeuren bieten. Mit einer musikalischen Reise um die Welt gestalteten vier ehemalige Schülerinnen unter Leitung von Florian Seitz einen festlichen Rahmen. 
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Der Weg bis zur Auszeichnungsfeier war vor allem von Überzeugungsarbeit gekennzeichnet, die geleistet werden musste: bei den Geschäftsinhabern, Vereinen, Schulen, öffentlichen Einrichtungen und Gastronomen. Im Gemeinderat wurde im Mai 2015 eine politische Willensbekundung beschlossen, am 23.09.2015 kam es zu einer Auftaktveranstaltung, zu der die Steuerungsgruppe gemeinsam mit Bürgermeister Fries eingeladen hatte.
Im April 2016 gab es eine „Bananenaktion“: einen Monat gab es im Einzelhandel, in den Cafes und Konditoreien faire Bananen bzw. wurden verstärkt beworben. Für Dezember 2016 ist eine „Zucker-Aktion“ als Denkanstoß für die Weihnachtsbäckerei vorgesehen.

Der Text des gemeinsamen Antrags vom 28.04.2015 hatte folgenden Wortlaut:
Ottobeuren wird „Fairtrade-Kommune“ Gemeinsamer Antrag aller Fraktionen zur Abstimmung im Gemeinderat
Produkte aus fairem Handel sind ein kleiner Baustein dafür, den Menschen in den Erzeugerländern einen Lohn zu bieten, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Uns allen sind die Skandale um Textil-Billiglohnsklavinnen in Bangladesch oder die Beweggründe für Wirtschaftsflüchtlinge nur allzu bewusst. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen manifestieren sich auch bei uns in einer immer größeren Zahl von Flüchtlingen, die dem Elend in ihrer Heimat entkommen wollen, zusätzlich zu denjenigen, die vor den Kriegen im Nahen Osten und in Nordafrika fliehen.

Die katholische und die evangelische Kirche bieten in Ottobeuren aus ähnlichen Gründen schon seit vier Jahrzehnten (z.B. am „Missionssonntag“) Produkte aus Fairem Handel (mit „Fairtrade-Logo“) zum Verkauf. Immer mehr Kommunen haben sich zwischenzeitlich der Bewegung angeschlossen. Sonthofen war vor sechs Jahren unter den ersten 10 in Deutschland, 2013 hat sich als erste Kommune im Unterallgäu (und hundertste in Deutschland) Bad Wörishofen mit einem einstimmigen Stadtratsvotum beteiligt, mittlerweile sind es (Stand April 2015) 320: in unserer Region z.B. auch Füssen, Marktoberdorf, Immenstadt, Biberach, Buchloe, Landsberg sowie Kempten (s. Anhang). So kommt es - neben anderen Faktoren -, dass sich der Umsatz mit fair gehandelten Produkten von 99 Mio Euro in 2004 auf 748 Mio € in 2013 vervielfacht hat.
Der Bundesminister für entwicklungspolitische Zusammenarbeit, Dr. Gerd Müller, hat nach einem Treffen mit Weltladenmitarbeitern aus unserer Region am 20.03.2014 das Thema aufgegriffen und sein Ministerium entsprechend umgestellt. Er hat im Zusammenhang mit Fairem Handel Anfang 2015 darüber hinaus eine Reihe von Vorträgen im Allgäu gehalten.

Von 12. bis 26. September 2014 fand zum 13. Mal die „Faire Woche“ statt. Dass solche Aktionen bekannter werden und dass vor Ort in mehr Geschäften, Lokalen und in öffentlichen Einrichtungen faire Produkte angeboten werden, dafür sorgt eine sog. „Steuerungsgruppe“, die Gespräche mit den Gastronomen führt (vgl. Memmingen, Grünes Haus), öffentliche Veranstaltungen anbietet, Pressearbeit leistet, den Kontakt mit Vereinen und den Schulen hält oder einen Einkaufsführer erstellt.
Die Steuerungsgruppe ist schon etwa ein halbes Jahr aktiv. Ihr gehören momentan an: Birgit Eisinger-Schanderl, Georg Jutz, Karin Kuddes, Manfred Hackl, Martina Hühner (Ltg.) und Helmut Scharpf.

Die Verwaltung kann einen Vertreter entsenden, muss aber nicht, von kommunaler Seite ist aber zumindest die Nennung einer Kontaktperson vorgesehen. Peter Kraus hat sich hierzu bereit erklärt. Die Einrichtung eines Etats ist zwar nicht notwendig, über den Etat des Touristikamts sollten jedoch kleinere Maßnahmen (wie z.B. der Einkaufsflyer) bis max. 1000 €/a getragen werden, da hiervon auch eine gewisse Öffentlichkeitswirksamkeit einhergeht: Ottobeuren wird auch nach außen als sozial und fair dargestellt und empfunden – ein sicherlich positives Image.

Seitens der Schule ist Verena Gabert (Fachschaftsleiterin kath. Religion) in den Informationsfluss der Steuerungsgruppe eingebunden. Frau Eisinger-Schanderl ist seitens des Pfarrgemeinderates dabei. Die beiden der Steuerungsgruppe angehörenden Mitglieder des Gemeinderats werden den Rat auf dem Laufenden handeln. Die Schulkantine hat unter Elisabeth Dillinger Anfang 2015 fairen Kaffee eingeführt.

Wir haben zur Erweiterung der Steuerungsgruppe eine Reihe von Vorgesprächen geführt: mit Vertretern etlicher Vereine, mit den beiden Kirchen (u.a. Pfarrgemeinderäte), Gastronomen und Geschäftsinhabern. Neben den Vereinen, dem Werbekreis etc. steht es natürlich auch der Gesamtbevölkerung offen, sich für dieses soziale Projekt zu engagieren. Vgl. dazu August-Life 2014 (S. 20) „30 Radler bei Tour de Fair 2014 in Ottobeuren“. Zum eigenen Selbstverständnis: Im Vordergrund stehen Überzeugungsarbeit und eigenes Vorbild.

Für Ottobeuren ist – anders als auf Landkreisebene – die Erfüllung der Kriterien als „Fairtrade-Town“ schon bald realistisch. Bei Orten von 7.500 bis 20.000 Einwohner bedeutet dies:

1) Beschluss durch den Gemeinderat, den Titel „Fairtrade-Kommune“ anzustreben und Nutzung von Fairtrade-Produkten z.B. bei Sitzungen oder öffentlichen Veranstaltungen (z.B. bei Vernissagen).
2) Bildung einer Steuerungsgruppe
3) Angebot von Fairtrade-Produkten in vier Geschäften sowie zwei gastronomischen Betrieben (Cafés, Restaurants)
4) Verwendung von Fairtrade-Produkten in öffentlichen Einrichtungen (Schulen, Vereine, Kirchen);                in den Schulen Bildungsaktivitäten zum Thema „Fairer Handel“ (bei uns: Lehrplan 6. Klassen)
5) Öffentlichkeitsarbeit (mind. zwei Artikel pro Jahr)
Siehe dazu auch: www.fairtrade-towns.de/mitmachen/die-fuenf-kriterien

Zugelassen sind folgende Siegel: Fair-Trade, GEPA, dwp, El puente, adepa, Aprosas, Arte Indio, BanaFair, Contigo, Fairkauf, Globo und Regenwaldladen. Das schließt nicht aus, dass wir nach Erfüllung der Kriterien neben den zugelassenen Siegeln zusätzlich auch andere Produkte verwenden (z.B. „Hand-in-Hand“ von Rapunzel, das momentan eine Anerkennung im Sinne des Projektes anstrebt); in Ottobeuren gibt es z.Zt. ohnehin nur einige wenige Produkte, die unter vergleichbaren Siegeln firmieren: „Ethiquable“ (teils zusätzlich mit Fairtrade-Siegel; bei REWE) und „bio und fair“ der Daverth-Mühle (im Laden von Markus Albrecht). Warum die erstgenannten Siegel dennoch im Vordergrund stehen, sei hier erklärt:

GEPA und dwp finanzieren sich ausschließlich über den Verkauf fair gehandelter Produkte. Davon werden die Gehälter der Mitarbeiter/-innen sowie alle weiteren Import- und Vertriebskosten bestritten. Das Fairtrade-Siegel wird in Deutschland von „TransFair Deutschland e.V.“ vergeben. Der gemeinnützige Verein ist als nationale Siegelinitiative Mitglied von „FLO e.V.“ und hat seinen Sitz in Köln. TransFair e.V. ist eine Siegelorganisation und importiert selbst keine Produkte aus den Ländern des Südens.
Allen gemeinsam ist, dass Gewinne/Erlöse grundsätzlich in den Fairen Handel reinvestiert werden, um diesen weiter zu fördern. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von „normalen“ Firmen, die mit ihren Gewinnen in erster Linie den Besitzern bzw. Aktionären verpflichtet sind und bei denen – das liegt nunmal in der Natur der Sache – jede ausschließlich ihre eigenen Produktlinien bewirbt und verkauft. Es ist immer begrüßenswert, wenn Firmen über faire Handelsbeziehungen nachdenken und auch etwas dafür tun, aber sie kümmern sich nur um ihren eigenen Absatz und nicht um das große Ganze. Eine Einzelfirma bedient somit ihr Partikularinteresse und wird kaum mit der WTO verhandeln oder Hilfen für lokale Aktionsgruppen anbieten etc. pp.

Über Details der Fairtrade-Bedingungen kann und soll man diskutieren und insb. beim Thema „Discounter-Fairtrade“ ist auch Skepsis angebracht. Aber Einzelfälle zu verallgemeinern oder Bio und Fairtrade zu vermengen (wie im Spiegel-Artikel 10/2014), wird der Sache nicht gerecht. Ebenso wenig ein gegenseitiges Ausspielen von regionalen und fairen Produkten.
Welche Anstrengungen sich die Akteure unterziehen, sei mit einem Artikel aus der „Rosenzeitung“ belegt (Link: www.klarton.de/Rosenzeitung.pdf ), aus dem die internen Diskussionen innerhalb der TransFair-Handelsorganisation hervorgehen: Umstellung des Kriteriums „staatlicher Mindestlohn“ auf „existenzsichernde Löhne“, die Neuregelung, dass maximal 20% der Prämien bar ausgezahlt werden dürfen, um möglichst viel in soziale Projekte vor Ort investieren zu können (und die von den Arbeitern selbst definiert werden), der Einbezug von Fremdarbeitern oder Maßnahmen gegen das „Land grabbing“.

Ottobeuren bietet schon jetzt günstige Voraussetzungen, um sich zu qualifizieren: Im Schulzentrum (RS/Gym) wurde beim Lehrer-Kaffee schon vor 12 Jahren umgestellt, in den Regalen der hiesigen Supermärkte und Läden finden sich die Produkte immer häufiger, teils auch in der Gastronomie. Die Schulkantine bietet seit Januar 2015 fairen Kaffee an.
Bundesweit entfallen pro Kopf und Jahr erst 10 € auf Waren mit entsprechendem Siegel. Zu den Zielen gehört es demnach, auch in Ottobeuren für eine Absatzausweitung (mehr und neue Produkte, z.B. auch Bekleidung, Gewürze etc.) zu sorgen. Ähnlich wie in Kempten (s.u.) wollen wir  mehr als nur die Mindestvoraussetzungen erfüllen.

Vor Ort ist eine (Vor-)Steuerungsgruppe schon vor der Antragsstellung zustande gekommen, mit der Religionsfachschaft besteht bereits Kontakt. Zur Sitzung werden Vertreter der bislang angesprochenen Gruppen und Vereine eingeladen.

Beschlussvorschlag:
Ottobeuren beteiligt sich an der internationalen Kampagne „Fairtrade-Towns“ und strebt den in Deutschland von TransFair e.V. verliehenen Titel „Fairtrade-Town“ an. Zur Erlangung dieses Titels verpflichtet sich die Kommune, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit die fünf geforderten Kriterien erfüllt werden. Ziel der Kampagne ist es, sich gemeinsam mit der Steuerungsgruppe und weiteren Akteuren vor Ort für den Fairen Handel einsetzen. Sobald die Kriterien erfüllt sind, wird die Bewerbung vom Bürgermeister und vom Leiter/von der Leiterin der Steuerungsgruppe unterschrieben und an TransFair versandt.

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Die Redebeträge der Auszeichnungsfeier müssen erst noch transkribiert werden. Es werden hier darüber hinaus weitere Materialien eingepflegt werden. Auf der Ottobeuren-Homepage wird bis Ende 2016 eine eigene Projekt-Homepage eingerichtet. Die beiden letzten Bilder zeigen den Stand der FT-Steuerungsgruppe beim Regionalmarkt am 25.09.2016.

Zur „Zucker-Aktion“ im Dezember 2016 hier ein Bild sowie der Entwurf eines Ankündigungstexts:

Zucker – Fairtrade Produkt im Dezember
Wer macht es sich nicht gerne in der Advents- und Weihnachtszeit gemütlich und genießt dabei selbst gebackene Plätzchen? Probieren Sie dazu doch einmal fair gehandelten Zucker! Folgende Ottobeurer Märkte und Einzelhändler halten eine Auswahl an Fairtrade Zucker (weißer und brauner Rohrzucker, Vollrohrzucker und Rohrohrzucker) für Sie bereit: Feneberg, REWE, Raiffeisen Markt, Netto sowie Markus Albrecht. Im „Von-hier“-Angebot von Feneberg finden Sie außerdem regional erzeugten Zucker. Beim Ottobeurer Weihnachtsmarkt gibt es am Stand der „Eine-Welt-Läden“ diesmal auch Zucker. Zum Süßen von Tee und Kaffee bietet fair gehandelter Würfelzucker eine willkommene Alternative. Nur beim Puderzucker muss man auf konventionelle Produkte zurückgreifen.
Warum ist bei diesem Thema unsere Solidarität gefragt? Jeder Deutsche verbraucht etwa 35 kg Zucker pro Jahr. Aber: Viele Zuckerrohrbauernfamilien können oft nicht einmal ihre Produktionskosten decken und leben daher in Armut, der übliche Pestizideinsatz schadet Mensch und Umwelt. Die EU-Zuckerpolitik führt zu einer schwierigen Konkurrenzsituation zwischen europäischen Zuckerproduzenten und Kleinbauernfamilien aus Afrika, Asien und Lateinamerika, deren Existenzgrundlage vom Zuckeranbau abhängt. Die neue EU-Zuckermarktverordnung, die 2017 in Kraft tritt, wird die Lage noch verschlimmern. Wie so oft liegt es an uns Konsumenten und an unserer Kaufentscheidung. Mit der „Zucker-Aktion“ wollen wir einen Denkanstoß geben, denn: „Wir müssen sorgen, dass die satt werden, die unseren Tisch decken.“
Ihre Steuerungsgruppe Fairtrade

Bildunterschrift: Süßer Genuss – fast ohne Reue: fairer Zucker im Ottobeurer Einzelhandel

weitere Infos unter:
Fairtrade Deutschland, Thema Zucker  /
Gesichter Afrikas, Zuckerhandel  /