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12.05.2017 - Eröffnung der Ausstellung „Mythen – Orte – Signale“ im Kunerth-Museum
02.06.2017 - Sonderausstellung Palmyra


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Nicht einmal drei Wochen nach Beendigung der Ausstellung Bockemühl-Kunerth fand die Vernissage zur nächsten großen Kunstausstellung im „Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth“ statt:

Mythen – Orte – Signale
Vernissage 12.05.2017, 19 Uhr

In seiner Begrüßung erläuterte Museumsleiter Markus Albrecht, dass sich hinter dem Titel nicht einfach nur eine Ausstellung verberge, schließlich würden vom 13. Mai bis 12. November 2017 gleich fünf Künstler im Museum ausstellen:
Diether Kunerth („Santorin“) bis 12.11.
Wilhelm Holderied („... gleichzeitig Zwischenwelten ...“) vom 13.05. - 23.07.
Dieter Rehm „Unter unserem Himmel“ (29.07. bis 12.11.)
Dieter Cöllen (02.06. - 16.07.) im Videoraum mit der Sonderausstellung „Palmyra“ (Korkmodell des Phelloplastikers Cöllen; ergänzt durch Fotografien von Horst Hahn mit Aufnahmen von Palmyra vor der Zerstörung durch den IS; Untertitel der Sonderausstellung: Wilhelm Humbold: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“) [Horst Hahn war 34 Jahre im Rheinischen Amt für Denkmalpflege tätig. Zudem ist Hahn als Fotograf tätig und war in den Jahren 1992 und 1993 in Palmyra.]
[Hinweis: Phelloplastik = Korkbildnerei]

Albrecht warb für den Newsletter des Museums (www.mzk-diku.de) und schloss mit den Worten:
„Lassen Sie sich heute Abend von Diether Kunerth auf eine Reise nach Santorin mitnehmen. Tauchen Sie ein in diesen mythologischen Ort im Mittelmeer. Entdecken Sie die Kopfzeichen, Erdzeichen und rhythmischen Zeichen von Wilhelm Holderied. Lassen Sie sich vom magischen Charakter der Bilder und Skulpturen mit ihren poetischen Titeln faszinieren.“

Dr. Gerd Holzheimer als Laudator beglückwünschte die Gemeinde zunächst zum Museum („im kühnen Kontrast zur barocken Basilika“) und ging dann zunächst auf den Begriff „Mythos“ ein. Moderne Mythen verammelten sich an unseren Orten genauso wie in der Antike. Als Belege nannte Holzheimer den berühmten „Kunerth-Kopf“ der Firma Baufritz an der A96 bei Erkheim, der die Titelseite von Günter Herburgers Gedichtesammlung „Eine fliegende Festung“ ziert. „Gegenüber Erkheim biegen die Pferde zu einem Kopf aus Holz“, dichtete Herburger in seinem Gedicht „Der Kopf“ mit Bezug auf Kunerths überdimensionales Kunstwerk. Der Kopf Kunerths im Gedicht des Autors werde zum Kopf des Lesers. Oder die Geschichte einer Angela Schwertführer, die mit einer Herde von Pferden aus einer „Siedlung des westlichen Plattenbaus in Memmingen“ aus der Zivilisation ausbrechen würde.
Auch an Orten „höchster Gefährdung“ gebe es Nischen, in denen Menschlichkeit möglich bleibe.
[Günter Herburger (*1932, Isny): Eine Fliegende Festung, A1-Verlag, München, 01.03.2002, 96 S., ISBN 9783927743625]

Mythologie stelle keine heile Welt dar – im Gegenteil. Im Mythos versammle sich alles, was menschlich möglich ist, aber auch, was „menschlich unmöglich ist“. Alle Urkräfte des Lebens würden sich in ihm vereinigen: z.B. die zwischen Mann und Frau. Ihnen wohne die Möglichkeit zur Schöpfung inne, aber eben – wenn es sein muss – auch zur vollständigen Vernichtung. Zwischen Werden und Vergehen schlägt das Pendel aus: von lodernder Leidenschaft selbstzerstörerischer Eifersucht, zu brennender Liebe, unlöschbarer Rache. „In den Bildern Diether Kunerths finden sich viele dieser Mythologismen“, so der Laudator. In der Begegnung von Mann und Frau – als „Urvereinigung“, die immer auch eine Konfrontation sei. Im Aufspüren uralter Muster, Muster des Verhaltens, Muster des symbolischen Ausdrucks, der Zeichensetzung quer durch die Zeiten. Da sei die sagenhafte wundersame Insel Santorin („die Griechen nennen sie Thira“) eine wahre Schatzkammer.

Die Mythologie als Ganzes sei das Becken unserer Phantasie. Zugleich sprenge und überbiete sie unsere Phantasie. In der unermesslichen Fülle der Bilder stürzt sie unsere Seele in die tiefsten  Abgründe. In jedem Augenblick stecke „die gesamte Urvergangenheit“. Für den antiken Menschen bildete sich im Mythos alles ab, was war und was ist, nichts beschönigend, nicht abwertend, sondern unmittelbar als wahr erlebt. In unseren Träumen kehren diese Mythen zurück. Wir sind selbst „Mythen-Macher“ – Geschichten-Erzähler. Der künstlerische Mensch schafft sich seinen Ausdruck im gestalteten Kunstwerk. „Und wir, die wir davorstehen, versuchen, unser Inneres mit diesem Werk in Beziehung zu setzen.“
Nachdem Dr. Holzheimer am Nachmittag durch Pater Rupert Prusinovsky eine Basilika-Führung bekommen hatte, ging er in seiner Rede darauf ein, was dem barocken Menschen wichtig war. Vom bayerischen Historiker [Herbert] Schindler [1923-2007] war die Klosteranlage als „Monument monastischer Kultur“ bezeichnet worden.
Zitat Schindler: „Barock und zeitgenössische Kunst gehen hier – an der schönsten Schwelle zum Allgäu – eine ganz besondere Beziehung ein.“
Auch Barock war einmal zeitgenössische Kunst – gerade hier in Ottobeuren. Barock war unmittelbar erlebtes Jetzt. „Was im Grunde unvereinbar erscheint, wird im Barock dauerndes Ereignis.“ Der Kulturhistoriker Wilhelm Hausenstein [1882–1957] wiederum sagte einmal: „Im Barock vollzieht sich das eigentlich Unvollziehbare. Vernunft, Unvernunft und Übervernunft werden ohne Umstände in Eins verspannt.“ Das sei auch das Innere der Mythologie und das Innere unserer Träume.

Dr. Holzheimer fragte: „Wie geht der Mensch mit seinen Widersprüchen und Abgründen um? Verdrängt er sie oder setzt er sich damit auseinander, macht er sie sich bewusst?“ Man müsse die Kunst des Zusammenfügens beherrschen, im eigenen Selbst, damit solche irritierenden Erfahrungen, Entfremdungen und Zerrissenheit ihren Platz finden könnten, aber eben nicht beherrschend wirken würden. „So hübsch glatt geht es nicht im Leben. Und wer das meint, der hat sich getäuscht. Ohne Kampf und ohne Krampf, Krisen und Zerwürfnisse geht es nunmal nicht. Der Trost ist: Es geht uns allen gleich!
Zitat Gertraud Steiner (*1954), aus dem Beitrag „Das große Sehnen“ im Band „Keltisches Bewusstsein“:
Das große Sehnen, das die Tonart des keltischen Lebensgefühls beherrscht, ist ein Merkmal jedes gepanzerten Menschens, der aus seiner Haut fahren möchte. Das Unverwirklichte wird hinausgeschoben ins Unwirkliche, es bleibt die Utopie. Es bleiben die Klopf- und Quälgeister eines goldenen Zeitalters. Es bleibt das Bedürfnis, die Schleusen des Abgetrennten und fremd Gewordenen wieder zu öffnen.
Dr. Holzheimer mahnte hier zur Vorsicht, man müsse aufpassen, dass einen nach dem Öffnen der Schleusen die Wogen des eigenen Unterbewussten hier nicht selbst wegschwemmen. Es gehe eigentlich darum, ob diese Erfahrungen als permanenter Konflikt empfunden würden oder als letztlich spannungsvoll – als in Harmonie mündende Gegensätzlichkeit. „Das ist die Kunst – und die Lebenskunst!
Der Künstler brauche diese Spannung sogar, diesen Zwiespalt der verschiedenen Seelen und Stimmen in seiner Brust. Sie würden einem erst die innere Notwendigkeit geben, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden. „Ich finde es immer wieder spannend, wie man durch die Werke durch die verschiedenen Phasen eines Künstlerlebens gehen darf.“

Wilhelm Holderied beschreibe den Grundantrieb seiner künstlerischen Produktion so: Das Vorgefundene steht in Spannung mit Neuland. In der Frage, wie man die Ausstellung benennen könnte, nannte er als Titel ursprünglich „das doppelte Echo“. Was zum Konflikt der menschlichen Seele zu werden drohe, verwandle der Künstler in produktive Spannung. Eben ein „doppeltes Echo“.

Gegen Ende seiner 27-minütigen Rede ging Holzheimer nochmals auf die Verbindung mit dem Barock ein. Es sei ein Wesen des Barock, dass vorgegebene Formen nicht akzeptiert wurden, sondern sie überspielt. Natur, Kunst und Leben bilden eine Einheit. Das passe sehr gut in unser Land, weil Sinnesfreude und Spiritualität eben keine Gegensätze sind – im Gegenteil, sie bedingen sich wechselseitig. Barock sei eben nicht nur eine Stilrichtung, eine kunst- und kulturgeschichtliche Phase einer längst vergangenen Epoche. „Bayerischer Barock ist immer etwas ganz Unmittelbares, Jederzeitiges, Jetzt-Zeitiges; es ist ein Lebensgefühl der Lust, des wirbelnden Tanzes, der Überschreitung konventioneller Grenzen, die sich ungebrochen bis zum heutigen Tag in der Kunst niederschlägt.“
 
War für Wilhelm Holderied Mexiko eine Quelle der Inspiration, so verhielte es sich bei Diether Kunerth mit Santorin oder Indien. Mit der Kunst sei man überall auf der Welt zuhause – z.B. hier in Ottobeuren.

Beiden Künstlern sei für ihre Bereitschaft gedankt, einige Ausstellungsbilder im virtuellen Museum zeigen zu dürfen. Anders als sonst gilt in diesem Falle, dass das Copyright natürlich bei den Künstlern verbleibt. Sollten Sie die Bilder nicht für rein private Zwecke verwenden wollen, dann können Sie gerne die Ausstellungsleitung bzw. die Künstler direkt kontaktieren. Hinweis: Wilhelm Holderied wird vom Galeristen Helmut Neuendorf in Memmingen (0175-1606061) vertreten.

Am 2. Juni 2017 wurde die bis 16.07.2017 laufende Sonderausstellung Palmyra eröffnet. Der 2. Vorsitzende des Heimatdienstes Dr. Walter Geis hielt die Eröffnungsrede, wobei er im Wesentlichen die römischen Anlagen von Cambodunum (Kempten) und von Palmyra miteinander verglich. Er und seine Frau Barabara hatten die Idee zu Ausstellung. Im Anschluss an den Vortrag wurden Bilder der Kriegszerstörungen in Syrien gezeigt, untermalt mit eindringlicher Musik. Anwesend waren neben den üblichen Festgästen auch eine Reihe von syrischen Flüchtlingen.
Dieter Cöllen stellte sein Kork-Modell des Baal-Tempels aus, das er nach Bauplänen der Archäologen innerhalb eines Jahres mit portugiesischem Kork detailgetreu (Maßstab 1:100) nachgebaut hatte. Der Fotograf und Restaurator Hort Hahn bereiste 1991 Syrien und fotografierte dabei den Baal-Tempel sowie weitere Gebäude der Anlage.
Beiden Künstlern sei für die Abdruckerlaubnis herzlich gedankt.

Mit einem Strich mit der Maus über die kleinen Vorschaubilder (über diesem Text) erhalten Sie zusätzliche Informationen (Titel, Größe des Originalbildes, Technik, Entstehungsjahr) zu den Bildern. Die Repros wurden am 12.05.2017 von Helmut Scharpf erstellt.