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17. - 19.08.1938 – Fahrt der Familie Mayer von Ottobeuren in die „Ostmark


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Ein Hauch von Schengen-Gefühl wehte nach dem „Anschluss“ Österreichs durch den süddeutschen Raum, denn plötzlich gab es nach Süden keine Staatsgrenze mehr. Nachdem Adolf Hitler am 15.03.1938 auf dem Heldenplatz in Wien unter dem Jubel von angeblich ca. 250.000 Menschen „den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich“ verkündet hatte, wurde es en vogue, die neuen Landesteile zu besuchen. Georg Mayer schrieb dies an den Anfang seines Reiseberichts:
1938! Es fährt jeder, der es eben nur einrichten kann, ins Österreichische; das gehört gewissermaßen zum guten Ton!

Georg Mayer (12.07.1898 - 22.10.1981) fuhr zusammen mit seiner Schwester Mina und seinen Eltern (Georg Mayer sen. und xxx) anlässlich deren „Goldener Hochzeitsreise“ samt Hund „Lotte“ mit einem Opel Olympia (Modell 1936 als zweitürige Cabriolimousine, Kennzeichen IIZ - 3657, vorne mit dem bis ca. 1952 verwendeten „Opel-Zeppelin“, den man auf der Zeichnung zum ersten Reisetag sieht) drei Tage lang auf eine 1250 km lange Gewalttour (Höchstgeschwindigkeit 95 km/h), bei der sie zwar sicherlich etliche touristische Highlights kurz zu sehen bekamen, aber ansonsten nicht viel Möglichkeiten hatten, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Von den politischen Umwälzungen erfahren wir leider nichts weiter. Die Bezeichnung „Ostmark“ statt Österreich galt offiziell von 1939 - 42; die Einteilung der Verwaltungsstruktur wurde im Ostmarkgesetz geregelt. Auf Wikipedia heißt es zum „Anschluss“ u.a.:
Bereits in den ersten Tagen nach der Machtübernahme inhaftierten die neuen Machthaber unter Mithilfe österreichischer Anhänger rund 70.000 Menschen, insbesondere in Wien. Darunter waren viele Politiker und Intellektuelle der Ersten Republik und des Ständestaates sowie vor allem Juden. Der Terror hatte aber bereits vor dem Einmarsch der Wehrmacht begonnen: In einer „Orgie der Gewalt ohnegleichen“ (Hans Mommsen) wurden gleich am 12. März Tausende jüdische Einrichtungen und Geschäfte geplündert, Juden öffentlich misshandelt und gedemütigt. Dieser Ausbruch antisemitischen Hasses erfolgte spontan und war von keiner Seite vorhergesehen worden. Insgesamt gingen über 8000 jüdische Einzelhandelsgeschäfte in „arischen“ Besitz über oder mussten ganz schließen.

Im reich bebilderten und gekonnt illustrierten Reisetagebuch finden wir von allerdem nichts; nur auf dem Parkplatz am Großglockner sehen wir Hakenkreuzfahnen wehen.
Zu den Ereignissen rund um den Anschluss Österreichs können Sie im virtuellen Museum einen Zeitzeugenbericht vom 15.03.1938 abrufen sowie Bilder einer Fahrt des Wörishofer Badearztes Friedrich Sieber betrachten, der wie die Mayers, auch nach Salzburg und Villach kam – allerdings bereits einen Monat nach dem „Anschluss“.

Die Mayers betrieben in der Bahnhofstraße ein Fahrradgeschäft. Schon 1912 hatte man ein Auto, wie diese – momentan noch unrestaurierte – Aufnahme zeigt. Über den Fahrer Georg Mayer (er war in Ottobeuren kurzzeitig Lehrer, war Kirchen- und Volksmusiker, leitete ab 1955 die Ottobeurer Blasmusikgesellschaft und verbrachte seinen Lebensabend hier) hieß es am 12.07.1963 in der Memminger Zeitung zum an diesem Tage stattfindenden 65. Geburtstag und Beginn seines Ruhestands: „Jetzt kann er sich ganz seinen umfangreichen musikalischen Aufgaben widmen [er war seit März 1963 auch Präsident des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes], aber auch die Welt bereisen, was er schon immer gerne getan hat.“
Der nun folgende Reisebericht vom August 1938 zeugt von dieser Reiselust.

Reise-Erinnerungen
1. Großglockner-Fahrt 17. mit 19. Aug. 38.

Unser Reiseweg: Ottobeuren – München – Lofer – Zell am See – Fusch – Großglockner – Heiligenblut – Spittal – Villach – Klagenfurt – Judenburg – Trofaiach – Eisenerz – Liezen – Bad Aussee – Ischl – Salzburg – München – Ottobeuren

1. Reisetag:
1938! Es fährt jeder, der es eben nur einrichten kann, ins Österreichische; das gehört gewissermaßen zum guten Ton! So beschließen auch wir – als „Goldene Hochzeitsreise“ – wieder einmal unsere Nase in den den neu angegliederten Teil der Heimat zu stecken und uns das heißbegehrte „G“ von der Großglockner-Hochalpenstraße für die Windschutzscheibe zu holen. Aber nicht nur das! Uns locken die Berge und die herrlichen Seen und die kühnen Paßstraßen und uns reizt mehr die neue Gegend.
Sehr früh starten wir – auch die „Lotte“ ist dabei. Es staune niemand, sie gehört zur Familie. Bald ist München erreicht. Ich belege schnell noch die große Mittelmeerfahrt nach Ägypten. Auf der

schnellen Reichsautobahn fahren wir nach Osten, den Bergen entgegen und grüßen bekannte Berge. Wolken kommen auf und verdecken manchen Gipfel- aber wir fahren weiter. Von Siegsdorf ab geht es auf die wunderbare Queralpenstraße. Nicht lange, dann biegen wir zum Knie-Paß [vermutlich ein Fehler: Steinpass] ab, dem Neuland entgegen. Bald sind wir in Lofer. Rechts [westlich von Lofer] steigen die Lofer Steinberge auf und links stürzen die Hänge des Steinernen Meeres [im heutigen Nationalpark Berchtesgaden] zu Tal. Wir freuen uns nicht lang der herrlichen Gegend. Vor uns schieben sich gefährliche Wolkenballen zusammen. Als Fahrer habe ich so kaum Zeit zum Schauen – eine Straßenbaustelle nach der anderen. Vater verliert sehr bald die Geduld – aber wir schaukeln und hüpfen – warten und schimpfen. Aber wir kommen doch nach Zell am See. Prompt – wie bei meinem Dortsein vor Wochen – es regenet in Strömen. Wir sind gezwungen zu warten. Dann gehr es weiter. Wir sind in Fusch. Es gießt, was der Himmel nur hergeben kann. In einem alten Bauernhaus mit lieben Leuten finden wir Unterschlupf. Es ist erst 4 Uhr nachmittags. – Abends sind wir in der Wirtschaft und beim Wasserfall. Unzählige Autos rattern über die Bohlenbrücke. Aber – es regnet immer, immer noch!

2. Reisetag.
Vater und ich schlafen nicht gut auf dem harten Strohsack. Dafür hören wir den Regen rauschen. Früh 4 Uhr erklärt aber Vater doch: Wir fahren! Das war erlösend. Mutter hat Bedenken. Endlich, nach 6 Uhr kommen wir los und fahren in den Nebel hinein. Beim Mauthaus nimmt man uns pro Person 4 Rm [Reichsmark] Gebühren ab – bei dem Regen – pappt uns aber später zum Trost das begehrte „G“ auf die Glasscheibe. Die Gegend schauen wir uns vorerst nur auf dem Prospekt an. Vor uns brodelt der Nebel und läßt uns kaum 10 m Sicht. So gondeln wir durch

die Kurven, steigen höher und freuen uns der „Wasserstellen“, die der Opel sicherlich heute gar nicht brauchte. Dann taucht aus dem Nebelmeer ein Radler auf – der „Schwarz Maier“ aus Ottobeuren mit einem „Mayer“ Fahrrad. – Es geht durch das Hochtor! – Ich sehe durch Wolkenfetzen blauen Himmel. Das Wetter also muß besser werden. Und es dauert nicht lange. Die Nebel wallen, die Sonne scheint.
Dann sehen wir plötzlich den Großglockner in seiner prahlendsten Pracht. Immer noch mehr ihm entgegen. Wir reihen uns in die Autokarawane ein und finden auf dem Parkplatz 3 ein nettes Plätzchen. Strahlender Sonnenschein! Von hier aus haben wir einen überwältigenden Anblick auf den Großglockner dicht vor uns und den glänzenden Johannisberg. Unter uns dehnt sich zerrissen und zerklüftet die Pasterze, der größe Gletscher der Ostalpen. Mina und ich krabbeln herunter, um ihm persönlich unsere Aufwartung zu machen.
Von dieser herrlichen Gebirgswelt läßt es sich schwer trennen!

(Bilderseite mit drei Fotos)
(weitere Bilderseite mit drei Fotos)

Wir müssen aber weiter. In der Kolonne geht’s hinab. In Heiligenblut grüßt uns der von unzähligen Abbildungen her bekannte spitze Kirchturm. Ein kurzer Bummel durch den idyllischen Ort, Mittagsrast. Von nun an zählt die Großglocknerstraße zu unseren schönsten Erinnerungen!
Den Iselsberg hinab, vor uns die Lienzer Dolomiten, im fruchtbaren Drautal nach Osten. Über Spittal, auf Umleitung am herrlichen Millstätter See entlang erreichen wir Villach. Wir freuen uns auf den Wörther See mit seinen berühmten Orten Velden und Pörtschach. Dann Klagenfurt. 1917, als ich zur Feuertaufe an die italienische Front fuhr, war ich hier. Den Lindwurm kannte ich noch.
In der Dämmerung fuhren wir weg und erreichten nach langer strenger Fahrt nachts noch  Judenburg. (Foto des Lindwurms in Klagenfurt.)

3. Reisetag.
Das Wetter ist auch am 3. Reisetag herrlich. Im Mürtal liegt zwar noch Nebel. Aber auf der Präbichl Höhe ist Sonnenschein. Mit 20% Gefälle geht es hinab nach Eisenerz und im engen Tale hinaus nach Hiflau [korrekt: Hieflau]. Wer Österreich bereist darf das „Gesäuse“ [heute: Nationalpark Gesäuse] nicht vergessen, jene wildromantische Landschaft, die hochinteressant ist. Die Fahrt aber weiter nach Liezen war weniger schön.

(Zwei Fotos)
Mittag machen wir in Bad Aussee. Wir fahren schnell zum Grundlsee, um den Dachstein zu sehen. Wir sind im herrlichen Salzkammergut. Die Pötschenhöhe mit ihrer 22% Steigung stellt wiederum an Mann und Motor starke Anforderungen. Bad Ischl verlangt kurzen Aufenthalt, bevor es zur einzigartigen Seenfahrt geht. Wir grüßen den Attersee und den malerischen Mondsee. Nach gewaltiger Steigung geht es zum Wolfgang-See [Wolfgangsee] hinunter – nach St. Gilgen. In rascher Fahrt sind wir im übervollen Salzburg. Von Hohensalzburg aus sehen sich Mutter und Mina die Stadt und die Gegend an.
Dann geht es auf die nahe Reichsautobahn – auf bekanntem Wege nach München. Hier ist abendliche Imbißrast und es schmeckt nach diesem strengen Fahrtag das „Bier“ erst recht. Glücklich erreichen wir unsern schönen Heimatort Ottobeuren.
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So zeigten uns sonnige, glückliche Tage die schönsten Teile der neuen Ostmark. Wir haben vieles gesehen und freuen uns lange daran.
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1. Reisetag: Mittwoch, 17. August 1938.
2. Reisetag: Donnerstag, 18. August 1938.  } 1250 km.
3. Reisetag: Freitag, 19. August 1938.
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Ende der Abschrift

Den Originalzustand können Sie sich hier in einem Vorher- Nachher-Vergleich ansehen. Die Gesamt-pdf des Reiseberichts (in 600 dpi) können Sie hier herunterladen (ca. 8 MB).

Zur Entwicklung der Besucherzahlen gibt eine Meldung aus dem „Allgäuer Beobachter“ vom 18.07.1938, S. 4, Auskunft:
Der Fremdenverkehr in Innsbruck fast verzwölffacht
Die schon aus dem ungemein lebhaften Verkehrsbild der Gauhauptstadt ersichtliche Zunahme des Fremdenbesuchs findet auch in einer soeben veröffentlichten amtlichen Zusammenstellung sinnfälligen Ausdruck. Danach kamen im Juni 29 039 Gäste aus dem Altreich nach Innsbruck, während es im gleichen Monat des Vorjahres nur 2489 waren, so daß sich die Ziffer gegenüber dem Vorjahr fast auf das Zwölffache erhöht hat. Auch die Zahl der Übernachtungen hat mit dieser sprunghaften Entwicklung Schritt gehalten und ist von 3928 im Vorjahre auf 36 535 im Juni 1938 gestiegen.

Als passende Ergänzung wurde noch eine Annonce für Freiplatzmeldungen an den „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ aus dem „Allgäuer Beobachter“ vom 18.08.1938, S. 6 (auch: 13.08.1938, S. 14 sowie 12.08.1938, S. 9) mit aufgenommen: „Gib deinem Ferienkind einen Kameraden aus der Deutschen Ostmark.“

Hinweis:
Die Abb. erfolgen als zeitgeschichtliche Dokumente. Sie sind zwar gemeinfrei, eine missbräuchliche Nutzung ist dennoch untersagt! Die zeitgeschichtlichen Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus werden nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungs- feindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder der Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens gezeigt und sind in keiner Weise propagandistisch, insbesondere wie in § 86 und 86a StGB ausgeführt, zu benutzen.

Bildquelle: Benedikt Mayer, Schwabensiedlung
Scans, Bildbearbeitung, Recherche, Transkription, Abschrift und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 12/2018