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04/1933 - Erster Schultag


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Adalbert Vögele (28.02.1927 - 20.08.2018, rechts) und sein Cousin Johann wurden an ihrem ersten Schultag im April 1933 von einer Nachbarin fotografiert. Zu sehen sind die beiden auf der Blumenwiese hinter der Ofen- & Herdfabrikation vom Großvater, Ambros Vögele.

Eventuell lag der Schulbeginn aber auch schon im März - wie ein Text der Heimatblätter (Nr. 5 vom 10. März 1933) vermuten lässt. Zum Schulbeginn wurde den Eltern eine Empfehlung mitgegeben:


Zum ersten Schultag. Ein Wort an die Eltern.
Wenige Tage sind im Leben eines Menschen so bedeutungsvoll wie der erste Schultag. Mit ihm beginnt eine ganz neue Welt, die Welt der Sorgen, des Ernstes und der Pflicht.
Bis zu diesem ersten Schultag besteht das Leben eines Kindes fast aus einem einzigen Sonntag. Es begreift und versteht die Mühe und Last der Mutter nicht und hat keinen Begriff für des Vaters Sorge um das tägliche Brot. Es ist gut, daß es so ist, und jede Mutter wird alles tun, dem Kinde das wirkliche Paradies auf dieser Erde, eben die Zeit vor dem ersten Schultag, so schön wie nur möglich zu gestalten. Das ist gerade heute oft schwer, aber des Kindes Wünsche sind ja auch nur klein und bescheiden und lassen sich leicht erfüllen. In einem Sandhaufen, einem Ball oder wenigen Kugeln sieht es das Glück und die Seligkeit, die wir Großen ein Menschenalter lang suchen und oft nie finden, oft nur wiederahnen, wenn wir Kinder spielen sehen und an die eigene Kindheit und den langen Sonntag von damals zurückdenken.
Dann kommt der erste Schultag. Von Vater und Mutter geleitet geht es zum erstem Mal in die Schule. Überall sind fremde Gesichter; überall neue Schultaschen, dazu die Schulbänke, die sehr ernst aussehen. Das alles macht einen tiefen Eindruck. Die Tafel und das Pult sprechen, trotz ihrer Stummheit, sehr ernsthaft zu der Kinderseele, die mit gefalteten Händen davorsitzt und staunt.
Lehrer und Lehrerin sind sehr freundlich. Trotzdem ist aber alles sehr eindrucksvoll, feierlich und ernst.
Unvergeßlich wird der Augenblick sein, wo dem kleinen Abc-Schützen die Zuckertüte überreicht wird. Sie ist ein Zeichen. Sie enthält die ausgleichende süße Zehrung auf dem kommenden Weg der Arbeit, Sorge und Pflicht. Sie will sagen, daß bei aller Härte der Zeit dennoch die Liebe bleibt.
In der Gegenwart wird der Liebe das Schenken und Geben schwer gemacht. Die Not pocht nicht mehr an die Türen, sie donnert dagegen und zwingt zum Sparen üerall. Keine Mark daf unnütz vertan werden. Da möchten die Eltern oft gern auf die Zuckertüte verzichten.
Das Kind aber würde seine erste große Enttäuschung erleben, wenn es keine bekäme, wenn die Mutter und der Vater aus der Schule gingen, ohne gerade an diesem ersten Schultag ein Zeichen der Liebe dazulassen. In diesem Zwiespalt werden viele Eltern für einen Rat dankbar sein:

Schenken Sie die Zuckertüte! Legen Sie die Süßigkeiten hinein! Aber schenken Sie in dieser Notzeit auch praktisch! Legen Sie Seife und Handbürste hinein. Das Kind soll vom ersten Schultag an lernen, daß Sauberkeit die Grundlage der Gesundheit ist. Legen Sie auch Zahnbürste und Zahnpaste hinein! Das Kind muß vor allem lernen: Zur Süßigkeit gehört das Zähneputzen.
Fragen Sie den Lehrer Ihres Kindes, was er von diesem Rat hält. Er wird ihn unterstützen.
Zahnbürste und Zahnpaste sind keine Modesachen, sondern Dinge, die ein Mensch, der auf sich hält, der die Achtung seiner Mitmenschen erwartet, der weiterkommen will im Leben, unbedingt besitzen und gebrauchen muß.
In erste Linie ist Zahnpflege Gesundheitspflege. Es ist einwandfrei nachgewiesen worden, daß die Zähne geradeso lebende Gebilde sind wie unsere Augen, Ohren und Hände. Durch kranke Zähne entstehen viele Krankheiten. Regelmäßige Zahnpflege bewahrt die Zähne vor frühzeitigem Zerfall und erweist der Gesundheit einen wertvollen Dienst. Ihnen ist doch die Gesundheit Ihres Kindes auch teuer? Achten Sie deshalb stets auf regelmäßige Zahnpflege Ihres Kindes abends und morgens!
Mit der Zahnbürste und Zahnpaste ist auch der Gedanke höchster Reinlichkeit verbunden. Zahnpflege, schon in frühesten Kindertagen, wird im Kind ein Verlangen nach Sauberkeit wecken, die ihm in allen Lebenslagen von größtem Nutzen ist. Jeder Lehrer hat saubere und gepflegte Kinder gern! Voller Hochachtung wird der Lehrer von den Eltern solcher Kinder sprechen!
Erziehen Sie deshalb Ihr Kind deshalb früh zum Gebrauch von Zahnbürsten und Zahnpaste, geben Sie Ihr Geld für praktische Dinge aus und füllen Sie damit die Zuckertüte Ihres Kindes. Sie erweisen Ihrem Kinde einen großen Dienst, und der Lehrer Ihres Kindes wird sich freuen, in Ihnen einen weitsichtigen und einsichtvollen Menschen zu finden, mit dem er über das Wohl des Kindes beraten wird!


In den ersten beiden Schuljahren wurden die beiden Buben von Hauptlehrer Karl Schurrer unterrichtet, später von Karl Schnieringer. Der Text hat recht behalten, denn schon früh wurde es nicht nur ernst, sondern hätte auch tödlich enden können: Mit erst 17 Jahren musste Adalbert zur militärischen Grundausbildung einrücken und kam als Funker nach Mittenwald. Link

Der kleinformatige Papierabzug wurde bei Photo Lange, Wörthstr. 38, München, hergestellt.