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09.09.1902 - Einquartierungen bei Ripfels in der Luitpoldstraße


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Ottobeuren war vor dem 1. Weltkrieg ein viel genutzter Manöverstandort. Die gemeinen Soldaten waren dabei immer privat einquartiert. Als Andenken gab die Familie Ripfel dem Soldaten eine Fotokarte ihres Hauses mit und schrieb:
Eine kl. Erinnerung an die Einquartierung vom 27. Aug. - 9. Sept. in Ottobeuren. Mögen Sie uns alle in stetem Andenken bewahren!

Die Karte ist von den Gastgebern signiert: Veronika („Verone“) Ripfel (1861-1945), Karl Ripfel (1891-1923) und Maria („Marie“) Ripfel (1889-1966), Martha Ripfel (verh. Bauer, 1892-1930) sowie Ludwig Hölzle (vielleicht ein Kamerad, der mit einquartiert war?).
Das Haus steht noch heute (2017) nahezu unverändert in der Luitpoldstraße 14 (bis 1951 Luitpold- bzw. Saarlandstraße 125). Viktoria Ripfel (geb. Nett, *1925 in Engetried) betrieb hier einen Laden für Stoffe und Textilwaren („ältestes Haus am Platze“, seit 1882 als Textilgeschäft, Umbau 1957) bis Anfang der 1990er Jahre; abschließend – bis 1997 – wurde daraus drei Jahre lang (unter einem Herrn Totzauer, früher im Landmarkt) ein Computerladen einschließlich „Flohmarktware“.

Der einquartierte Soldat – wir kennen nur seinen Vornamen „Ernst“ – hat diese Karte dann mit einem eigenen Text versehen und per Brief nach Hause geschickt:

Morgen früh vier Uhr geht es wieder fort, nach Wolfahrtschwenden [Wolfertschwenden]. Ich habe mich in Ottobeuren sehr heimisch gefühlt und wird es meinen Lansleuten [Landsleuten] sehr einsam ankommen. Wo der Pfeil ist, bin ich einquartiert. Bis jetzt sind die Tage schnell vergangen. Mit vielen Grüßen verbleibe ich Euer Ernst.

Im rechten Schaufenster ist in der Spiegelung des Hauses gegenüber die Aufschrift „Hafnermeister“ erkennbar. Ein spektakuläres Bild des Hauses von der „Geschirrhandlung von Josef Ripfel, Hafnermeister“ (Luitpoldstraße 25; vor 1951 Hausnummer 126) kommt demnächst ins virtuelle Museum. (Diese Ripfels gegenüber waren nur sehr weitschichtig verwandt.)

Die Aufnahme ist leider nicht datiert, allerdings wird es aufgrund der Nennung des Manöverzeitraumes wahrscheinlich möglich sein, über entsprechende Zeitungsartikel das Jahr zu bestimmen. Der Junge links muss der 1891 geborene Karl Ripfel sein (ca. 10 Jahre alt), was die Aufnahme eher auf Anfang des Jahrhundert datiert.

Am 19. August 1902 schrieb das Ottobeurer Wochenblatt auf S. 2:
Die Manöverzeit rückt immer näher heran, längst herbeigesehnt von den im zweiten Jahre dienenden Mannschaften, den „Reservisten“, und neugierig erwartet von allen, die das Manöverleben mit seinen Freuden und Leiden, den langen Märschen und Gefechtsbewegungen, den mehr oder minder guten Quartieren und vor allem dem interessanten Treiben im Bivak zum
ersten male kennen lernen sollen. Da mögen denn alle Anverwandten der jungen Krieger sich bei Zeiten auf klingende und sonstige Freundschaftsbeweise einrichten und wenn irgend möglich die ersteren nicht zu knapp ausfallen lassen. Solche Manöverbriefe und Sendungen richte man aber stets wie bisher nach dem ständigen Garnisonort mit genauer Adresse des Empfängers nach Regiment, Bataillon und Kompagnie, Schwadron und Batterie, also nicht nach den jeweiligen,
schnell wechselnden Manöver-Quartieren, wohin die Sendungen von der Garnison aus weiterbesördert werden. Selbstredend ist auch die Bezeichnung „Soldatenbrief. Eigene Angelegenheit des Empfängers“ nicht zu vergessen.

Es gab 1902 keine Berichte über die Manöver selbst, aber der Zeitraum würde passen, denn am 11. September (Ausgabe 104) erschien auf S. 1 und 2 ein Artikel, der für die Leser eine herbstliche Stimmung beschreibt. Die Manöver fanden nicht von ungefähr erst um diese Zeit statt, da die Felder schon abgeerntet waren.

Herbststimmung beschleicht unser Gemüt, denn wohin wir auch schauen, überall sehen wir herbstliche Bilder der mannigfachsten Art. Das goldene Aehrenmeer ist verschwunden, öd und leer sind die Felder, die Erntearbeiten, denen die Zeit der Wintersaat auf dem Fuße folgt, und die Manöver gehen ihren Abschluß entgegen. Aus den Bädern und Sommerfrischen kommen nach und nach auch die letzten der Gäste nach Hause, in den Wäldern, deren Laub immer mehr zur herbstlichen Färbung übergeht, und an den. Wegen blüht das Haidekraut, von den Ebereschenbäumen leuchten die roten Beerendolden uns entgegen, durch die Lüfte ziehen die papiernen Drachen oder Windvögel, zwischen den Stoppeln zieht die Feldspinne ihr Gewebe, das bald als „fliegender Sommer“, vom Winde getragen, dahingleiten und an unseren Kleidern, an Baum und Strauch sich niederlassen wird, die Schwalben und viele andere Vögel rüsten sich zum Fortzuge nach dem Süden, auf den Kartoffelfeldern, wo das Kraut abzusterben beginnt und wo bereits Hunderte von fleißigen Händen mit der Ernte der unentbehrlichen Frucht beschäftigt sind, sucht das Volk der Rebhühner einen Versteck vor dem Pulver und Blei des Waidmanns. Die wilde Rose hat sich mit Hagebutten bedeckt, die nun bald sich röten werden, Eicheln und Bucheckern, Pilze, Wachholderbeeren und Schlehen erscheinen als weitere Gaben des Herbstes, die Früchte unserer Obstbäume winken in verführerischer Pracht von den Zweigen. Nicht lange mehr wird es dauern, und der Sommer ist besiegt vom Herbst, verronnen ins Meer der Ewigkeit, bis ein neuer Frühling uns im nächsten Jahre wieder einen neuen Sommer vorbereiten wird, nachdem der Herbst mit seinen Stürmen und der Winter mit Schnee und Eis vergangen ist, einen Sommer hoffentlich viel besserer Art, als er uns in diesem Jahre bescheert war.

1901 werden Manöver nur von Memmingern erwähnt, die au Niederbayern zurückkamen – und eine Anekdote (Ausgabe 106 vom 5.12.1901, S. 3) über einen „Vorfall“ bei Kassel:

Ein ergötzlicher Vorfall hat sich beim letzten Manöver in einem Städtchen im Regierungsbezirk Kassel zugetragen. Nach langem anstrengendem Marsch und Gefechte rückte mit klingendem Spiel die Infanterie in's Quartier. Vor der Entlassung war noch Appell mit Gewehr und Stiefeln auf 5 Uhr Nachmittags befohlen. Bald waren die Quartiere gefunden und die Soldaten überließen sich einige Stunden der wohlverdienten Ruhe, nachdem sie sich am Essen und Trinken gütlich gethan hatten. Dann verkündete die Thurmuhr die Stunde des Appells. Ein gutherziges Mütterchen, das von dem bei ihr einquartierten Infanteristen die Weisung erhalten ihn bestimmt um 5 Uhr zu wecken, konnte es nicht über's Herz bringen, den fest schlummernden Soldaten aus seinen Träumen zu reißen. Aber ein kurzer Entschluß war nötig. Sie reinigte das Gewehr, brachte die Stiefel in schönster Wichs und trollte selbst mit den Sachen zum Appellplatze, um sie dem Hauptmann vorzulegen. Dieser Vorfall soll allgemeine Heiterkeit hervorgerufen haben; die Sachen wurden übrigens für tadellos befunden und der fehlende Mann blieb unbestraft, da sein Platz ja ausgefüllt war.

Zum Thema Manöverstandort Ottobeuren finden Sie hier zwei Links zu recht ausführlichen Darstellungen (1903 und 1910):

26.08. - 03.09.1903 - Neuartige Feldbäckerei bei Manöver in Ottobeuren

04.09.1910 - auf Manöver in Ottobeuren
 
08.09.1910 - Das Königlich Bayerische 16. Infanterie-Regiment „Großherzog Ferdinand von Toskana“ verlässt den Manöverstandort Ottobeuren

Die Vergleichsbilder wurden an Fronleichnam (15.06.2017) aufgenommen. Viktoria Ripfel ist auf dem Detaillbild beim Dekorieren der Fenstersimse zu sehen. Das Haus hat sich in 100 Jahren kaum verändert.