28.12.1925 - Beitritt der Gemeinde zum Österreichisch-Deutschen Volksbund, Artikel 2.11.1929 u. 1.7.1927

Titel

28.12.1925 - Beitritt der Gemeinde zum Österreichisch-Deutschen Volksbund, Artikel 2.11.1929 u. 1.7.1927

Beschreibung

Am 2. Januar 1926 berichtete das Ottobeurer Volkblatt in einem unscheinbaren Dreizeiler über den Beitritt der Marktgemeinde zum „Österreichisch-Deutschen Volksbund e.V.“

Der Wortlaut der Meldung: „Der Beitritt der Gemeinde Ottobeuren als Mitglied des Österreichisch-Deutschen Volksbundes e.V. mit einem Jahresbeitrag von 20 Mark wird genehmigt.“

Es handelte sich bei besagtem „Volksbund“ um eine 1925 von dem Österreicher Hermann Neubacher (1893 - 1960, Link zu Wikipedia) gegründete überparteiliche Massenorganisation für den Anschluss an Deutschland. Neubacher wird als ein „großdeutsch“ eingestellter Politiker beschrieben, der nach der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 der „NSDAP Österreich“ beitrat und bereits einen Tag nach dem sog. „Anschluss Österreichs“ (12.03.1938) - also am 13.03.1938 - zum Bürgermeister Wiens berufen wurde. Nach dem gescheiterten Juliputsch von 1934 war Neubacher zeitweise Führer der zwischenzeitlich verbotenen NSDAP Österreich.

Der Pangermanismus war vor allem im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Er verstärkte sich - lt. Wikipedia - durch die Ende des Ersten Weltkriegs erfolgten neuen Grenzziehungen. Der Beitritt Ottobeurens zum „Volksbund“ kann in weiterer Konsequenz auch als frühes Zeichen Groß-Deutscher Hegemoniebestrebungen gesehen werden, als Vorbereitung des „Anschlusses“. In welcher Form die Mitgliedschaft bei der Gemeinde angefragt worden war, ist nicht bekannt.

Schon in „Mein Kampf“ 1924/25 hatte Hitler die Forderung niedergeschriebenen, „Deutschösterreich muss wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande.“ Die Schrumpfung vom Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich zur kleinen Republik nach dem 1. Weltkrieg verstärkte den Wunsch vieler Österreicher nach einer Verbindung mit dem Deutschen Reich. Der Tiroler Landtag ließ (lt. Wikipedia) im April 1921 eine Abstimmung durchführen, bei der sich eine Mehrheit von 98,8 % für den Zusammenschluss aussprach. Eine am 29. Mai 1921 in Salzburg durchgeführte Abstimmung ergab eine Zustimmung von 99,3 % der abgegebenen Stimmen.

Mit dem Beitritt Ottobeurens - und vieler anderer deutscher Gemeinden - zum „Österreichisch-Deutschen Volksbund e.V.“ wurde die Entwicklung auch von süddeutscher Seite unterstützt.

Die Stimmung wird in einer Beilage des Ottobeurer Tagblatts / Memminger Volksblatts vom 02.11.1929 („Zur stillen Stunde mit schwäbischer Chronik“) gut wiedergegeben. In dem reich bebilderten ganzseitigen Artikel heißt es:

Österreich und der Anschluss
Der Anschluß Österreichs an Deutschland macht in seinen vorbereitenden Stadien sicher weitere Fortschritte. Der Anschlußgedanke ist immer noch „gefährlich“ und warum? Doch wohl nur, weil er so nahe liegt und immer so nahe gelegen hat. Am 13. November 1913 fuhren österreichische Studenten an der deutschen Reichsgrenze entlang und rissen die Grenzpfähle aus, die Österreich und Deutschland trennten. So einfach der Vorgang, so grandios die symbolische Bedeutung. Am Tage zuvor schuf die provisorische Nationalversammlung in Wien das Gesetz über die künftige Regierungform Deutsch-Österreichs, in dessen erstem Artikel es heißt: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik. Besondere Gesetze regeln die Teilnahme Deutsch-Österreichs an der Gesetzgebung und Verwaltung der deutschen Republik.“ Dieses wieder so unsagbar „einfache“, eine Tatsache konstruierende Gesetz ist völlig spontan, ohne irgendwelche reichsdeutsche Beeinflussung, ja angesichts der allgemeinen Verwirrung sogar ohne die Kenntnis von Berlin zustandegekommen; es war der elementare Ausdruck des österreichischen Volkswillens im Augenblick der Entscheidung über die politische Zukunft des Volkes. Aus Berlin kam kein entsprechendes Echo, und so wurde eine Gelegenheit verpaßt, eine so naheliegende Sache so einfach zu lösen. Kein Zweifel, die Siegerstaaten hätten trotz des damaligen Taumels vom Selbstbestimmungsrecht der Völker es bei einer vollendeten Tatsache nicht an Repressalien fehlen lassen, aber trotzdem wäre die Tatsache an sich doch nicht so einfach zu erschüttern gewesen. Die Friedensdiktate haben aus der einfachen Sache eine ungemein komplizierte gemacht, und den Zusammenschluß an die Zustimmung sämtlicher Ratsmächte des Völkebundes geknüpft. Als legaler Weg bleibt heute nur die Möglichkeit offen, die bestehende Kultur- und Lebensgemeinschaft auf wirtschaftlichem und innerpolitischem Gebiet durch Angleichung zu vollziehen und dadurch die beiden Länder auf die Stunde vorzubereiten, wo ein unheilvolles Diktat im Interesse von Gesamteuropa von unseren Schultern genommen wird.

Schon in seiner Eröffnungsrede in der Weimarer Nationalversammlung sagte der spätere Reichspräsident Ebert, unsere deutsch-österreichischen Brüder hätten auf ihrer Nationalversammlung bereits am 12. November vorigen Jahres sich als Teil von Großdeutschland erklärt. Jetzt habe die deutsch-österreichische Nationalversammlung erneut unter stürmischer Begeisterung uns ihren Gruß entboten und die Hoffnung ausgesprochen, daß es unserer und ihrer Nationalversammlung gelingen werde, das Band, das uns 1866 zerrissen hat, wieder neu zu knüpfen. Deutsch-Österreich müsse mit dem Mutterland für alle Zeiten vereinigt werden. Kein Grenzpfahl solle mehr zwischen uns stehen. Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern.

Inzwischen haben gegenseitige Besuche von Ministern, Gelehrten, Wirtschaftspolitikern usw. die Wege bereitet, die Rechtsangleichung ist vorgeschritten, die Berechtigungen der höheren Schulen sollen folgen. Durch die wirtschaftliche Erholung Deutschlands und durch entsprechende Wirtschaftspolitik ist es möglich geworden, daß Österreich heute mehr als 50 % seiner Ein- und Ausfuhr mit Deutschland austauscht. Manche Schranke ist bereits praktisch gefallen. Die österreichische Eisenindustrie ist Mitglied der internationalen Rohstahlgemeinschaft und mit der deutschen kartelliert. Einige metallverarbeitende Industrien haben mit analogen deutschen Industrien Territorialschutzabkommen getroffen. Die österreichische und die deutsche Schwerindustrie stehen heute schon zum größten Teil unter gemeinsamer Oberleitung, so neben der Eisenindustrie die elektrotechnische, die chemische und zum Teil auch die Kraftfahrzeugindustrie. An Zukunftsaufgaben ist kein Mangel, z. B. Ausnutzung von Wasserkräften für die Industrie, Landwirtschaft und Verkehr. Die gemeinsamen Interessen des Alpenlandes haben jüngst zu einem Zusammenschluß der bayerischen und österreichischen Fremdenverkehrs-Organisationen geführt. Als Form des Zusammenschlusses wurde die einer Arbeitsgemeinschaft gewählt. Ihr gehören bereits an der Verkehrsbund österreichischer Alpenländer, die Landesverkehrs-Verbände von Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Vorarlberg, ebenso die Verkehrsverbände von ganz Bayern. Diese Vorgänge mit realen Folgen sind wesentlich, denn alle Anschlußhoffnungen bleiben im Schleierhaften stecken, wenn nicht nüchterne Augen und Hirne mitarbeiten. Wie stark trotz aller bei jeder Volksbewegung bestehender Hemmungen die geistige Einstellung der Bevölkerung die Anschlußbewegung fördert, das zeigte die Größe und der Glanz des noch lange in aller Erinnerung frisch bleibenden großen Sängerbundesfestes in Wien, dessen Wirkungen auf dem deutschen Juristentag in Salzburg ebenso zum Ausdruck kamen, wie in einer großen Reihe von Veröffentlichungen und Aussprüchen deutscher Politiker. So werden die Deutschen „hüben und drüben“ nicht aufhören, ein Recht zu betonen, das durch 900jähriges kulturelles und politisches Zusammenleben erwiesen und durch nur 52jährige politische Trennung widerlegt wird. Die noch drüben freuen sich jeder näher rückenden Stunde der Heimkehr und das deutsche Wesen wird reicher durch die gottgesegneten Bundesländer und durch die selbst in ihren jetzigen Kümmernissen noch so sonnige Stadt Wien.
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Als es im März 1938 dann soweit war, kam es auf dem Heldenplatz in Wien am 15.03.1938 zu einer Kundgebung mit Adolf Hitler. Eine Zeitzeugin schilderte ihre Eindrücke auf einer Postkarte, die sie nach Bad Wörishofen schickte.

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Um die Überlegungen zum Thema „Anschluss" zu verstehen ist folgender Artikel (auf der Titelseite!) sehr aufschlussreich:
Ottobeurer Tagblatt (= Memminger Volksblatt) 01.07.1927, S. 1)

Was bringt uns Deutsch-Österreich?
Geopolitisches zum Anschlußgedanken.

Es ist an sich bedauerlich, wenn mir in einer Sache, wo nur das Herz sprechen sollte, das Für und Wider auch rein verstandesmäßjg betrachten. Der Anschluß ist aber für uns wie für Deutsch-Österreich weniger eine Gemütspflicht als eine zwingende Notwendigkeit der eigenen Selbsterhaltung. Deutschland benötigt der Vergrößerung seines Wirtschaftsraumes, und Deutsch-Österreich bedarf als wirtschaftlicher und politischer Kleinbetrieb der Anlehnung.

Bei rein oberflächlicher Abwägung der klar zu Tage tretenden Verhältnisse müssen wir, wie in der Zeitschrift „Geopolitik“ (Verlag Kurt Vowinckel, Berlin) ausgeführt wird, zu einer Ablehnung des Anschlusses kommen. Deutsch-Österreich ist wirtschaftlich ein Torso. Seine Handelsbilanz ist passiv. Das ist im Hinblick auf unsere eigene wirtschaftliche Lage kein Ansporn, die Stimme für den Anschluß zu erheben. Vor allem nicht, wenn wir bedenken, dass Deutsch-Österreich in den meisten Erzeugnissen seiner Industrie unser Konkurrent ist. Der österreichische Arbeiter als Wirtschaftskraft erreicht nicht ganz das reichsdeutsche Durchschnittsmaß und die Produktion ist dort nicht so entwickelt wie bei uns.

Aber Deutsch-Österreich bietet mehr als wir im ersten Augenblick erkennen können. Mir dem Wiener Becken besitzt es eine der verkehrsgeographisch bedeutendsten Stellen Mitteleuropas. Als weites Tor zwischen den Alpen und den Karpathen gestattet es einen bequemen Verkehr vom Norden zum Süden Europas. Längs des Nordfußes der Alpen strebt ihm der große West-Ostweg, die „Eurasische Hochstraße“ (Europa-Asienstraße, d. Red.), von den Niederlanden über das französische Becken und die südwestdeutsche Stufenlandschaft zu, um dann durch die weiten Ebenen Ungarns, durch das Eiserne Tor zum Schwarzen Meer und durch die Pforte bei Belgrad über die Balkanhalbinsel weiterzuziehen.

Das Wiener Becken ist aber nicht nur für Mitteleuropa von großer Bedeutung, es ist auch für die Nachfolgestaaten der zentrale Mittelpunkt. Wenn wir den Anschluß in seiner ganzen Bedeutung erfassen wollen, müssen wir auf die früheren und heute noch regen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Nachfolgestaaten hinweisen. Die von der Natur gewollten Zusammenhänge konnten wohl durch die neuen Zollschranken gestört, aber nicht zerstört werden. Diese innere Zusammengehörigkeit und das wechselseitige Aufeinanderangewiesensein führt zum wirtschaftlichen Zusammenschluß der Donauföderation mit den Nachfolgestaaten als Grundpfeiler. Die Donauföderation müssen wir, solange der Anschluß noch nicht besteht, zu verhindern suchen: wir müssen sie aber fördern, wenn der Anschluß vollzogen ist.

Deutsch-Österreich führt zwar Lebensmittel ein, doch besitzt es ausgedehnte Grasflächen, etwa 30 Prozent seines Areals, die für die Viehzucht günstige Bedingungen bieten. Die Erträge der Wiesen und Weiden können noch um die Hälfte gesteigert werden. Damit ist aber auch die Möglichkeit gegeben, daß Österreich nicht nur seinen eigenen Bedarf, sondern auch zur Ausfuhr bereitstellen kann. Die Rindviehzucht ist vor allem einer Steigerung fähig. Für deren Produkte, Schlachtvieh und Molkereierzeugnisse, findet es in Deutschland einen guten Abnehmer, da die deutsche Viehzucht den Bedarf nicht deckt.

Deutschland ist heute mehr denn je gezwungen, Eisenerze einzuführen. Gerade in dieser Hinsicht ist der Anschluß bedeutungsvoll. Deutsch-Österreich besitzt hochwertige und ertragreiche Eisenerzgebiete. Diese Erze bilden eine merkliche Verbesserung unserer Rohstoffbasis. Sie stehen uns umso eher zur Verfügung als es Österreich an Steinkohle zur Verhüttung fehlt.

Deutschland könnte nach Österreich Steinkohlen ausführen, und zwar in stärkerem Maße als bisher. Das wäre ein weiterer Vorteil des Anschlusses. Umgekehrt könnte Deutschlands Holzbedarf, der im eigenen Lande nicht gedeckt werden kann, durch den Waldreichtum Österreichs aufgeholfen werden.

Das Wertvollste, was Österreich mit in die Ehe bringt, sind seine Wasserkräfte. Die Wasserkraft ist unerschöpflich. Messungen haben ergeben, dass etwa 3,694 Mill. P.S. zur Verfügung stehen. Diese reichlichen Wasserkräfte, die Österreich nicht allein ausnutzen kann, sind für Deutschland von Bedeutung, da es nur ein Viertel seines ganzen Energiebedarfes durch die „weiße Kohle“ decken kann.

Dies sind im Wesentlichen die Vorteile, die uns und den Österreichern der Anschluß bringen würde. Wer sich trotzdem nicht von der gewaltigen Bedeutung des Anschlusses überzeugen kann, sei an das Anschlußverbot der Entente erinnert. Die Staatsmänner der Entente haben sehr genau den ungeheuren Wert des Wiener Beckens erkannt, sie wissen, dass wir den Schlüssel zum „Tor nach Südosteuropa und dem Orient“ besitzen müssen und das wollen sie verhindern. Aber ideelle und materielle Interessen streben unaufhaltsam dem gleichen Ziele zu: Von den Alpen bis zum Meeresstrand ein deutsches Volk, eine deutsche Wirtschaft, ein deutsches Reich!
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Original-Zeitungsseite siehe virtuelles Museum Ottobeuren
Abschriften: Helmut Scharpf, 07/2023 sowie 04/2026

Urheber

Ottobeurer Volksblatt

Quelle

Digitalisat Ottobeurer Volksblatt

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1925-12-28

Rechte

gemeinfrei