Marktgemeinde Ottobeuren
Marktplatz 16
87724 Ottobeuren
T. +49 (0)8332 9219-50
F. +49 (0)8332 9219-92
info@ottobeuren-macht-geschichte.de
www.ottobeuren-macht-geschichte.de




08-1943 - Unerkannt durch Ottobeuren - Schabernack im Dritten Reich


   Download

Einen besonderen Streich spielten Georg Mathies und Otto Steiner in einer Zeit, die ansonsten wenig Anlass für Späße gab - und das ging so:

Georg Mathies war im März 1943 nach einem halben Jahr Typhuserkrankung aus dem Ottobeurer Krankenhaus entlassen worden und befand sich im Sommer auf dem Weg der Besserung. Um den Häschern der SS zu entgehen, die den großen blonden Burschen (*06.07.1924 in Ottobeuren) bei Kriegsbeginn für sich gewinnen wollten, hatte er sich auf 12 Jahre zur Marine verpflichtet. Aufgrund seiner Zeit im Arbeitsdienst in Russland, wo er sich die Typhus-Erkrankung holte, kam er allerdings nie tatsächlich zur Marine. Ein Schulfreund - Benedikt Heckner - war jedoch bei der Marine und auf Fronturlaub in Ottobeuren. Wie er auf die Idee kam, ist nicht mehr nachzuvollziehen, im Interview am 21. Mai 2013 erzählte Mathies:

Ich fragte Benedikt: „Könnte ich nicht einmal deine Uniform anziehen?“ Er meinte: „Warum nicht!“, gab sie mir und ich zog sie einfach an. Er hatte dieselbe Größe wie ich, schlank war ich (nach der überstandenen Krankheit) sowieso.
Der Otto (Steiner) war dabei. Er war in Ottobeuren Friseur und wohnte neben dem Schlosser Mayer (in der Guggenbergerstr. 8; heute Willi Gaisbauer) mit seinen Eltern und Geschwistern in einem kleinen Haus vis-a-vis vom „Schiaßstatt-Bäck“ (Bäckerei Wagner). Er war Gebirgsjäger und hatte Urlaub bekommen. Otto war so alt wie ich und wir taten uns zusammen. Ich ging in der Marineuniform zu ihm heim in die Schützenstraße, und wartete draußen; als Mädchen angezogen kam er wieder raus - mit einem Kopftuch, Sonnenbrille und dem Kleid seiner Schwester, geschminkt mit Lippenstift.
So liefen wir Arm in Arm durch Ottobeuren, den Silachweg runter, überall - und kein Mensch hat uns erkannt! Am Abend bin ich wieder zurück zum Göppel und gab die Uniform zurück.

Benedikt Heckner war als Pflegekind beim Viehhändler Göppel in der Oberen Straße aufgewachsen. Was den drei Beteiligten passiert wäre, hätte jemand die beiden erkannt - nicht auszudenken. So wurde daraus jedoch eine Geschichte zum Schmunzeln. Die Tarnung war auch zu perfekt; Otto ist eigentlich fast nur an seinem maskulinen Arm zu erkennen.
Georg Mathies (er lebte seit 1951 in St. Gallen) trug das Bild bis zu seinem Tod (am 21.01.2016) in seiner Brieftasche.

Otto Steiner (01.03.1924 - 14.12.2010) studierte nach dem Krieg Kunst in München und ging anschließend als Kunsterzieher an eine Schule in Bad Godesberg. 2004 kam er zurück nach Ottobeuren, wo er im Dezember 2010 verstarb. Seine Frau wird noch zu dieser Geschichte befragt werden. Das Geschwisterbild (zur Verfügung gestellt vom Neffen Fiffi Steiner; aufgenommen vor dem Haus Erlerstraße im Hof, heute Christina Schwarzer) zeigt ihn 1936 ganz rechts. Personen-Beschreibung von links nach rechts:
Paul Steiner (1922 - 71) / Maria Beyer (1921 - 2002) / der älteste Bruder von Otto, Josef „Bepp“ Steiner (geb. 1913 in Linz, † 1957 in Ottobeuren, ebenfalls Schumachermeister, betrieb bis zu seinem Tod in der Schützenstr. 14 eine Schusterei) / Mutter Maria Steiner (geb. Kepplinger, geb. in Linz *1891, †1970) / Fritz Steiner (Vater von Friedrich, 1920 - 99) / Rosa Steiner (1921 - 56) / Otto Steiner (hat in Ottobeuren im Pfisterhaus in der Klosterwaldstr., dann im Holzheyweg gewohnt, 1. Haus).

Das Bild des Ehepaars zeigt die Eltern von Otto Steiner, Mutter Maria (Daten s.o.) und den Vater Josef um 1910 (geb. 1884 in Kötzting, Böhmerwald, †1930, Schuhmachermeister in der Erlerstr. 10a, kam 1919 nach Ottobeuren)

Das Bild mit dem verkleideten Pärchen wurde von Helmut Scharpf abfotografiert und von Walter Buchmiller digital restauriert.
Von den 7½ Stunden Interview (21.5., 27.7. und 14.10.2013) wird im Geschichtsprojekt noch einiges veröffentlicht werden. Das Buch von Georg Mathies (Mein Leben - ein offenes Buch, Auflage 50 Exemplare) steht zur Ausleihe in der Bücherei (Medien-Nr. 2015187215, HE 5 Math) zur Verfügung. Herrn Mathies sei für das Bild und die Geduld bei den Interviews herzlich gedankt!