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08.05.2020 – „Spazierausstellung“ in Ottobeuren zum 75. Jahrestag des Kriegsendes


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Den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs nahmen die meisten Menschen in Deutschland nur wahr, weil im Fernsehen oder der Zeitung Reden und Kranzniederlegungen von Politikern auftauchten. In Ottobeuren und Memmingen hingegen wurde das Ereignis zum Anlass genommen, um aufzuzeigen, wie düster es in vielen Ecken dieser Welt nach wie vor aussieht.
Eine weitere Ausstellung im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg fand vom 16. - 24. Mai 2020 im Klostermuseum statt: „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ (s. ganz unten)

Am 06.05.2020 wurde im Lokalteil der Memminger Zeitung angekündigt („Kriegsende: Ausstellung im Freien“), dass der „Soziokulturelle Verein Memmingen“ eine Ausstellung zu den Themen Kriegsende, Aufarbeitung und heutige Kriege erarbeitet habe, die man sich „während eines Spaziergangs“ anschauen könne. In Ottobeuren war als Aufstellungsort das südliche Ende des Silachwegs ausgewählt worden, in Memmingen gab es zwei Standorte: das ehemalige Gelände der Landesgartenschau sowie entlang des Stadtbachs zwischen Markt- und Schrannenplatz.

Zu sehen waren vom 8. - 10. Mai 2020 insgesamt 17 laminierte Tafeln, zwei Spruchbänder („Nie wieder Krieg“ / „Nie wieder Faschismus“) und drei rote „LiA-Fahnen“ („LiA“ steht für das 2015 von linken Gruppen und Einzelpersonen im Allgäu und in Oberschwaben gegründete Bündnis „Links im Allgäu“). Die – hervorragende – Ausarbeitung stieß in Ottobeuren auf großes Interesse. Tafel 14 befasste sich mit dem Einmarsch der Amerikaner in Ottobeuren am 27.04.1945, die Texte waren dem 1995 vom Heimatdienst Ottobeuren herausgegebenen Buch „Ottobeuren vor 50 Jahren“ entnommen, die Bilder dem virtuellen Museum – darunter die Titelseite der Ottobeurer Zeitung vom 31.01.1933.

Auf der Internetseite von „Allgäu rechtsaußen“ wird die Motivation der Ausstellungsmacher näher erläutert. Man habe die „besondere Aktionsform“ aufgrund der aktuellen Corona-Krise gewählt, da die eigentlich geplante Demonstration nicht stattfinden könne, am 8.5.2020 solle es in Memmingen jedoch zu einer „kleinen Kundgebung“ kommen, an deren Anschluss die Ausstellung am Stadtbach errichtet werde. Zitat: „Der Verein fordert die Ernennung des 8. Mai als Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime zum Feiertag, gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus – und erinnert die Situation der vielen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind.

Am Nachmittag des ersten Ausstellungstages befestigte jemand einen anonymen, handschriftlich verfassten Din-A4-Zettel, auf dem zu lesen stand: „In Ottobeuren gab es keine Soldaten, die große Nazis waren. Ottobeuren hat immer um seine Soldaten getrauert. Welche Zugereisten haben das aufgehängt?“
Einer der Ausstellungsmacher reagierte darauf mit einer Entgegnung, die hier ebenfalls abrufbar ist. Über Nacht wurden die Fahnen und etwa die Hälfte der Tafeln in die Günz geworfen, am nächsten Tag aber wieder ersetzt. Die Memminger Zeitung erwähnte den Vorfall am 11.05.2020 im Lokalteil („Von alten und neuen Kriegen“). Auch im Stadtpark hätten bis Sonntag Teile der Ausstellungen gefehlt, am Freitagabend sei in der Memminger Innenstadt ein Plakat mit Kommentaren beschmiert worden. Für die Mitglieder des Vereins sei dies „ein Zeichen dafür, dass die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in unserer Gesellschaft nach wie vor wichtig und notwendig ist“.
Der Memminger Kurier griff das Thema in seiner Ausgabe vom 13.05.2020 auf („Keine Toleranz gegenüber Intoleranz“), am 16.05.2020 (S. 2) erschien ein weiterer Artikel („Unbekannte zerstören Plakate. Ausstellung zu 75 Jahre Kriegsende beschädigt.“). Darin hieß es u.a.: „Antifaschismus müsse zum unbestrittenen Grundsatz einer jeden Gesellschaft werden, forderten die Mitglieder des soziokulturellen Vereins. Es dürfe keine Rückzugsmöglichkeiten für Rassisten mehr geben und keine Toleranz gegenüber jeglicher Art von Diskriminierung.“

Ähnliches brachte ein Leserbriefschreiber aus Bad Grönenbach am 22.05.2020 zum Ausdruck:
Schade, dass die Ausstellung nie länger als ein paar Stunden komplett zu sehen war. Es ist erstaunlich, wie viel Ablehnung die Themen Krieg, Flucht und Frieden bei einigen Menschen scheinbar hervorrufen. J. G. wunderte sich außerdem darüber, dass es – als einzige Reaktion der Stadtpolitk – zu „einer diffarmierenden Anfrage der AfD im bayerischen Landtag“ gekommen sei.

Um auf die Ausstellung aufmerksam zu machen, hingen am Ottobeurer Marktplatz zwei große Transparente: „Antifaschistische Aktion“ und „8. Mai – Tag der Befreiung – Ausstellung am Silachweg“

Die Themen der Tafeln im Einzelnen:
Tafel 1
Der 08. Mai 1945. Aachener Nachrichten (vom 08.05.1945): „Der Krieg ist aus! Bedingungslose Kapitulation!“ Damit endete der Krieg und Deutschland wurde von der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes befreit.

Tafel 2
Die Befreiung der Konzentrationslager, die Todesmärsche

Tafel 3
Der „Schwur von Buchenwald“.
(Link zur Abschrift)
(Link Wikipedia)

Tafel 4
Gedenken in Deutschland (mit Zitaten aus Reden führender Politiker*innnen), Hinweis auf den 8. Mai als Feiertag in der DDR)

Tafel 5
Für Deutschlands Ruhm und Ehre? Mit Aussagen zur Sinnlosigkeit von Texten auf Kriegerdenkmalen bzw. an Gedenkorten und der Beschreibung der Aktion des „Münchner Aktionskünstlers Wolfram Kastner“.

Tafel 6
Gedenken in Russland. Vaterländischer Krieg – Tag des Sieges. Gedenken politisch instrumentalisiert?

Tafel 7
Gedenken in Italien. „Es dreht sich darum, etwas zu tun. Für die Armen. Für die Verfolgten. Und gegen den Faschismus.“

Tafel 8
Petition: 8. Mai zum Feiertag machen!
Esther Bejarano, Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, plädierte am 26.01.2020 in einem offenen Brief „an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen“, für die Einführung eines Feiertags.
(Link zur Petition)

Tafel 9
Kriege weltweit

Tafel 10
Rüstungsexporte und Militärausgaben weltweit

Tafel 11a
Die Situation von Frauen in Kriegen

Tafel 11b
Die Situation von Kindern in Kriegen

Tafel 12
Krieg produziert Flucht!

Tafel 13
Europäische Außengrenzen

Tafel 14
Das Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Ottobeuren am 27. April 1945

Tafel 15
Was bedeutet der 8. Mai für uns?

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Seitens des virtuellen Museums sei den Besuchern dieser Internetseite die Geschichte des 17-jährigen Soldaten Oskar Bosch empfohlen, für den bei Ölbrechts ein Gedenkkreuz aufgestellt ist. Er fiel am 27.04.1945 – dem letzten Kriegstag in Ottobeuren.

Oder eine Seite über den Ollarzrieder Pfarrer Michael Hösle, der gegen den Nationalsozialismus predigte:

Wie man – nicht nur in Ottobeuren – schon die Kinder indoktrinierte, ist am Beispiel eines Aufsatzes („Der 50. Geburtstag des Führers“) der Grundschule Ottobeuren (April 1939) belegt:

Was davon hängen blieb, lässt sich anhand der Einträge in einem Poesiealbum (überwiegend 1943/44) erkennen: Jeder Dritte Eintrag ist ein Hitler-Zitat (Beispiel: „Was groß sein will und groß werden soll, muß hart und schwer erkämpft werden. Nur die Größe des Opfers wird einmal die Größe des Sieges offenbaren. Was leicht erkämpft wird, wird leicht vergessen und klein sein.“)!

Von Interesse mag außerdem die Zeitungsannonce vom August 1923 sein: Anlässlich des „Deutschen Tags“ war für den 19.08.1923 Adolf Hitler als Redner im Garten des Ottobeurer Bräuhauses angekündigt. (Das Thema „Deutscher Tag“ in Ottobeuren ist umfangreich und noch nicht aufgearbeitet.) Es trafen sich damals NSDAP-Ortsgruppen aus weitem Umkreis, der Theaterverein Ottobeuren führte ein Stück gegen die Besetzung des Rheinlandes auf („Das deutsche Leid“).
Hitler war übrigens – wie es in den Zeitungen hieß – damals wegen einer Autopanne bei Salzburg verhindert, der ihn ersetzende Hermann Esser – Parteibuch Nr. 2 – war keinen deut anders. Er war der „Autor“ des Buches „Die jüdische Weltpest“, und genauso fiel seine zweistündige Rede in Ottobeuren auch aus.
Dessen ungeachtet: Hitler war tatsächlich einmal in Ottobeuren – auf Besuch im Krankenhaus, wo ein verletzter Jagdgenosse lag. Der Platz im Ratskeller, auf dem er saß, sei angeblich mit einer Plakette versehen worden.

Eine sehr berührende kleine Ausstellung war vom 16. - 24.05.2020 im Theatersaal der Abtei zu sehen. Der Filmemacher Leo Hiemer hatte das Schicksal von Gabriele Schwarz bereits 2019 in Buchform veröffentlicht. Das Berührende an der Ausstellung liegt am Festmachen der Ereignisse am persönlichen Schicksal eines kleinen Mädchens, das ein paar wenige Jahre eine ganz normale Kindheit erleben durfte, aber mit fünf Jahren - ein Jahr nach seiner Mutter Charlotte Eckart - am 16.03.1943 in Auschwitz ermordet wurde.
Eine der Tafeln („Raubmord an einem kleinen Kind“) erklärt dem fassungslosen Betrachter zum „Reichsbürgergesetz“ vom 25.11.1941, ein Jude würde bei einer Verlegung des gewöhnlichen Aufenthaltes ins Ausland seine Staatsangehörigkeit verlieren. Außerdem würde sein Vermögen ans Deutsche Reich fallen. Auch ein gewaltsamer Abtransport ins KZ Auschwitz wurde als „Auswandern“ gewertet. Gabi hatte nach dem Tod ihrer Mutter Wertpapiere im Wert von 3.000 Reichsmark geerbt. Durch ihre Verschleppung wurden ihr diese Wertpapiere „entzogen“; das Deutsche Reich hat sich wirtschaftlich an Gabis Schicksal bereichert.

Bei ihrem Abtransport aus dem Allgäu im Winter 1943 bekam Gabi ein Foto mit. Der Pflegevater Josef Aichele notierte darauf: Zum Andenken an Papa, Mama, Anna und Resi. Ihrer Pflegemama Therese sagte Gabi zum Abschied: „Gell, Mama, Du betest für mich und ich bete für Euch!“
Man schätzt die Zahl der in Auschwitz ermordeten Kinder auf über 100.000.

Das von der Kuratorin Regina Gropper vorbereitete „Erinnerungscafé“, an dem auch das virtuelle Museum beteiligt werden sollte, konnte wegen der Corona-Krise leider nicht stattfinden. Hier gehts zur Webseite der Ausstellung. Abrufbar sind hier drei Fotos: eines vom Plakat, zwei vom letzten Ausstellungstag am 24.05.2020 im Theatersaal.
Vom 30.05. - 30.08.2020 wird die sehenswerte Wanderausstellung im Bauernhausmuseum Allgäu-Oberschwaben in Wolfegg zu sehen sein, anschließend in Obergünzburg und dann noch in Sonthofen.

Fotos, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 05/2020