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05.05.1821 – Napoleon Bonaparte stirbt auf St. Helena


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Was hat der Tod Napoleons mit der Ottobeurer Geschichte zu tun? Eine ganze Menge:

Zum einen nahmen Soldaten der bayerischen Armee zunächst an der Seite Napoleons an seinen Feldzügen teil, ab 08.10.1813 dann gegen ihn.
30.249 Bayern waren unter französischem Oberbefehl in zwei Divisionen mit in den Krieg gegen Russland gezogen. Napoleon war am 24.06.1812 mit 450.000 Mann in Russland eingerückt. Am 2. und 3. Juli 1812 überschritten auch die bayerischen Truppen den polnisch-russischen Grenzfluss Njemen, kurz darauf erreichten sie Wilna.
Innerhalb der ersten Wochen waren die Bayern schon um ein Drittel reduziert worden - durch Krankheit, nicht durch Kampf. Als es bei Polozk („Bayerngrab“) zur ersten Beteiligung an einer Schlacht kam, standen gerade noch 9.000 bayer. Soldaten zum Kampf bereit. Am 7. September 1812 wurde die bayer. Kavallerie in der Schlacht bei Moskau dann völlig aufgerieben. Napoleon nahm Moskau zwar ein, doch Zar Alexander I. verweigerte sich jedem Friedensgespräch. Napoleon zog wieder ab. Am 12.12.1812 erreichen die Reste der Hauptarmee erneut den Njemen. Nicht einmal 3.000 Bayern hatten den Russland-Feldzug überlebt.

In der Sebastianskapelle auf dem Ottobeurer Firedhof findet sich eine Gedächtnistafel, auf der die 29 Gefallenen und Vermissten der Ottobeurer Pfarrei von 1805 - 1815 aufgelistet stehen. Eine eigene Tafel bekam der „Gemeine“ Anton Mayer aus Ottobeuren, der als „Auszeichnung vor dem Feinde bey Glatz am 17.04.1807“ die „goldene Milidaer-Tapferkeits-Medaille“ erworben hat.

Umgekehrt waren ab 02.12.1813 kamen die ersten gefangenen Franzosen nach Ottobeuren. Bis in den März des Jahres 1814 hinein trafen fortwährend neue Transporte von Gefangenen im Kloster ein. Der letzte kam am 27. März. Viele starben an Typhus, sie liegen in den Massengräbern am Schelmenheider Wald und am Allenberg.

Zum anderen ist die Berichterstattung des „Ottobeurischen Wochenblatts“ aus dem Jahr 1821 zu den letzten Lebensmonaten Napoleons als Verbannter im Longwood House auf St. Helena im Südatlantik ein schönes Beispiel zur Schwierigkeit der Informationsbeschaffung über so weite Entfernungen. Am 12.07.1821 meldet die Ottobeurer Zeitung „Buonaparte“ (italienisiert geschrieben) habe sich „von seiner Krankheit noch nicht erholt“. Dabei war er seit 05.05.1821 bereits verstorben.
Abrufen können Sie hier alle Meldungen des Ottobeurischen Wochenblatts vom 08.02.1821 bis zum 23.08.1821 (s.u.). Diese letztgenannte (vierseitige) Ausgabe lässt sich hier digital restauriert abrufen und nachlesen. Auf S. 2 wird dem Leser im Zusammenhang mit dem griechischen Unabhängigkeitskampf gegen die Türken nichts erspart. Aber lesen Sie selbst!

Spannend übrigens ein weiteres einmaliges Dokument der Informationsbeschaffung aus Übersee: Die Brüder Dodel berichten aus San Francisco über den „Eisenbahnraub in Texas“ 1887. Hier hat es immerhin drei Wochen gedauert, bis die Nachrichten in Ottobeuren ankamen.
Im Internetzeitalter dauert der Informationsfluss nur noch Sekunden ...

Hier nun die Abschrift der Zeitungstexte von 1821:

Vorweggenommen: Bemerkenswert ist ein doch sehr deutlicher Kommentar zum Fall des Autokraten in der Ausgabe vom 28.6.1821: „Welches Schicksal, nach so vielem Ruhme, so vieler Macht und Glanz, das Daseyn auf einem Felsen, verlassen von der ganzen Welt, zu enden! Einige in seinem Unglücke treu gebliebene Freunde, dieß ist alles, was dem Ausserordentlichen noch übrig bleibt, der einst die Welt zittern machte.“

Ausgabe 6 vom 08.02.1821, S. 3:
St. Helena.
Nach einem Schreiben von Napoleons Beichtvater aus Helena vom 15. Sept. 1820 an einen seiner Freunde in Rom gerichtet (aus welchem Schreiben schon neulich Einiges erwähnt wurde), ist Dr. Automarchi gegenwärtig, seit O'Meara die Insel verlassen hat, Leibarzt Napoleons. Dieser klagt von Zeit zu Zeit über Schmerzen an der Leber. „Soll ich offen sprechen (sagt der Beichtvater), so fürchte ich, daß in diesem mörderischen Himmelsstrich, wo alle Leberkrankheiten tödtlich sind, die Genesung des Kranken sehr schwer, wenn nicht unmöglich seyn dürfte. Alle Ärzte sind auch der Meinung, daß jedem Europäer, der auf dieser ungesunden Insel von einer Leberkrankheit befallen wird, nur noch die Wahl zwischen Tod oder Rückkehr nach Europa übrig bleibt.“

[05. Mai 1821 – Tod Napoleons. Hier zeigt sich das Dilemma der damaligen Nachrichtenübermittlung: Erst am 19.07.1821 erfuhren die Ottobeurer von seinem Tod.]

Ausgabe 23 vom 07.06.1821, S. 3:
St. Helena.
Die neuesten Nachrichten aus St. Helena melden, daß Buonaparte sehr unpäßlich ist und seit 2 bis 3 Wochen das Bett nicht verlassen hat. Eine Person, welche aus dieser Insel zu London angekommen, fügt hinzu, daß nach dem Berichte eines der Bedienten Napoleons, er in einem so üblen Zustande war, daß man sein Ende als nahe ansah.

Ausgabe 24 vom 24.06.1821, S. 2:
St. Helena.
Briefe aus St. Helena vom 31. Merz sagen, daß sich Buonaparte zwar damals unpäßlich befand, man aber für sein Leben nicht fürchtete.

Ausgabe 26 vom 28.06.1821, S. 3:
St. Helena.
Ein in Brüssel wohnender Engländer hat einen Brief aus London vom 13. Juni erhalten, worin sich unter andern folgende Stelle befindet: „Nachrichten aus St. Helena vom 6. April melden, daß die Ärzte Buonaparte aufgegeben haben; sie versichern, es bedürfe einer Art Wunder, um nicht vor Ende des Monats Mai der Krankheit zu unterliegen, wovon er befallen ist. Welches Schicksal, nach so vielem Ruhme, so vieler Macht und Glanz, das Daseyn auf einem Felsen, verlassen von der ganzen Welt, zu enden! Einige in seinem Unglücke treu gebliebene Freunde, dieß ist alles, was dem Ausserordentlichen noch übrig bleibt, der einst die Welt zittern machte.“

Ausgabe 28 vom 12.07.1821, S. 3:
St. Helena.
Nach Briefen aus St. Helena vom 25. April hatte sich Buonaparte von seiner Krankheit noch nicht erholt.

Ausgabe 29 vom 19.07.1821, S. 3:
London, 4. Juli. Buonaparte ist nicht mehr! so melden unsre Blätter. Er starb Sonnabends den 5. Mai um 6 Uhr Abends an den Folgen einer Abzehrung, nachdem er die letzten 6 Wochen bettlägerig gewesen war. Er verlangte, daß nach seinem Tode seine Leiche geöffnet werden sollte, indem er vermuthete, er würde an der nemlichen Krankheit wie sein Vater, an einem krebsartigen Geschwür am Magen, sterben. Man fand auch bei der Öffnung, daß sich an dieses Organ bereits ein Geschwür angesetzt hatte. Er behielt sein Bewußtseyn bis zum letzten Augenblick und starb ohne Schmerzen.

Ausgabe 30 vom 26.07.1821, S. 3:
London, 8. Juli. Unsre heutigen Blätter theilen die Depesche des Sir Hudson Lowe an den Grafen Bathurst wegen Buonaparte's Tode aus St. Helena vom 6. Mai [Fehler: korrekt ist der 5. Mai] mit, so wie auch den Sekzionsbericht. Es war am 9. Mai, das Buonaparte unter den Weiden mit allen militärischen Ehren, die einem General vom ersten Rang gebühren, begraben wurde. Den Sarg trugen Grenadiere. Der Gouverneur, seine Gemalin und Töchter, waren im Leichenzuge, den 2 Regimenter, zusammen 3000 Mann, schloßen. Bei Einsenkung des Leichnams wurden 3 Artilleriesalven, jede zu 11 Schüssen, gegeben. Der Leichnam ist in 3 Särgen verschlossen; der erst ist von Mahagoniholz, der zweite von Blei und der dritte von Eichenholz.
Sein Herz, das Bertrand und Montholon gerne nach Europa mitgenommen hätten, wurde in ein silbernes, mit Weingeist gefüllte Gefäß verschlossen und in den Sarg gelegt; das Gleiche geschah mit seinem Magen. Vierzehn Tage vor Buonaparte's Tode sah man auf St. Helena einen sehr glänzenden Kometen. Mit Sonnenuntergang entschlief Buonaparte. Einige Tage vor seinem Tode ließ er da Bild seines Sohnes vor sein Bett stellen, und heftete die Augen darauf, bis er verschied. Die letzten Worte, die Buonaparte an seinem Sterbetag Morgens herstammelte, waren: Kopf .. Heer ..
Was er damit sagen wollte, weiß man nicht. Bei seinem Grab, das wohl vermauert wurde, steht Bewachung mit einem Offizer.

Ausgabe 34 vom 23.08.1821, S. 2f:
Großbritanien. [Großbritannien]
In öffentlichen Blättern ist die Rede von einer Petizion [Petition] gewesen, welche der Kammer der Abgeordneten Frankreichs in der Absicht übergeben worden ist, die Auslieferung von Napoleon's Leiche zu verlangen. Nach Londoner Blättern ist diese Petizion folgenden Inhalts: „Napoleon ist nicht mehr! Wir beweinen seine Überreste, die Ehre Frankreichs fordert dessen Herausgabe, und was Frankreichs Ehre erheischt, muß geschehen. Frankreich kann nicht dulden, daß der, der einst sein Oberhaupt war, den es mit dem Beinamen der Große, mit dem Titel eines Kaisers vormals begrüßte, als Trophäe in des Fremden Händen bleibe, und jeder Engländer zum Denkmal für unsere Schande sagen könne: „Seht hier Frankreichs Kaiser!“
Baron Gourgand, ehemaliger Adjutant von Napoleon, Oberst Favier, Graf Armaud von Briquville, Franz Cassin (von Nantes), Heinrich Hartmann, Fabrikant.“

St. Helena.
Nach Briefen aus St. Helena wurden in Buonaparte's Sarg Münzen aller Art, die während seiner Regierung geschlagen wurden, so wie ein Messer, eine Gabel, ein Löffel und ein Teller, alles von Silber, gelegt. Das Thal, das Buonaparte wegen seines guten Wasser lieb gewonnen hatte, von dem er sich täglich holen ließ, wenn er nicht selbst dahin lustwandelte, heißt nun Napoleonsthal und wird von den Bewohnern der Insel jezt [jetzt] häufig besucht. Sein Grab wurde mit sehr fest verkitteten Steinen umgeben.

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Weitere Meldungen zu Napoleon sind im „Ottobeurischen Wochenblatt“ 1821 nicht mehr erschienen.
Ende der Abschrift (Helmut Scharpf, 30.04.2020)

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