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03.06.1951  Eugen Jochum dirigiert das Verdi-Requiem in der Basilika


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Mit den Konzerten 1951 haben sich – zwei Jahre nach dem ersten Konzert vom 31.07.1949 – die Ottobeurer Basilika-Konzerte überregional etabliert. Zum 50. Todestag von Giuseppe Verdi brachte die italienische Post drei Sonderbriefmarken heraus, auch in Deutschland wurde das „Verdi-Jahr“ begangen. Das Konzert in der Basilika Ottobeuren am 03.06.1951 wurde auf dem großformatigen Konzertplakat (83 x 53 cm; Archiv der Marktgemeinde Ottobeuren) als „der Höhepunkt des Verdi-Jahres“ bezeichnet.

Der aus Babenhausen stammende Generalmusikdirektor Eugen Jochum (11.01.1902 - 26.03.1987) hatte am 16.03.1926 sein Debut als Dirigent, 1930 wurde er Generalmusikdirektor am Theater Duisburg und bei den Duisburger Sinfonikern, dann bei der Städtischen Oper Berlin, von 1934 - 49 an der Hamburgischen Staatsoper und Leiter des Philharmonischen Orchesters. Nach dem Krieg setzte sich seine beispiellose Karriere nahtlos fort: 1949 gründete Jochum das Orchester des Bayerischen Rundfunks, das er bis 1960 leitete.

Bei Wikipedia wird weiterhin aufgezählt:
„Zu den Bayreuther Festspielen wurde er in den Jahren 1953 für Tristan, 1954 für Lohengrin und Tannhäuser und 1971 bis 1973 für Parsifal eingeladen.
Nach seiner Tätigkeit in München teilte er sich 1960 bis 1963 mit Bernard Haitink die Führung des Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam, mit dem er 1961 eine zweimonatige, viel umjubelte Konzertreise durch die USA unternahm. Ab 1969 hatte er die künstlerische Leitung der Bamberger Symphoniker inne, deren Chefdirigent er von 1971 bis 1973 war und die ihn zu ihrem Ehrendirigenten ernannten. In den 1960er und 1970er Jahren gastierte er auch vielfach an der Deutschen Oper in Berlin sowie an der Bayerischen Staatsoper. Jochum zählte in jenen Jahren zu den bekanntesten Dirigenten und wurde von allen führenden Orchestern der Welt verpflichtet.“

Wer mehr über den Lebensweg von Eugen Jochum lesen möchte, dem sei der Artikel („Mit Geist und Gefühl. Ein Lebensbild des Dirigenten Eugen Jochum“) von Franz Robert Miller (*07.05.1926, Augsburg, †12.06.2012) in den 2005 erschienenen biographischen Studien der Eugen-Jochum-Gesellschaft Ottobeuren empfohlen. Nachfolgend einige Auszüge (ab S. 29):

In eine direkte Verbindung künstlerischer Art zur Heimat trat Eugen Jochum im Jahr 1951. Aus kleinsten Anfängen über eine Kammermusikgruppe hatte sich in Ottobeuren ein sommerliches Musikleben gleich in den ersten Julitagen des Schicksalsjahres 1945 etabliert. Der Initiator war der Musikwissenschaftler Ernst Fritz Schmid. Der Ottobeurer Rechtsanwalt Georg Mayer und der Journalist Joseph Maria Weber hatten darüber hinaus größere Pläne. Sie wollten Ottobeuren zu einem Zentrum geistlicher Musikpflege formieren. (...)
Die Verantwortlichen sprachen anschließend [nach der Aufführung der h-Moll-Messe durch den Augsburger Konservatoriumsdirektor Arthur Piechler am 25.06.1950] von einer Sternstunde. Aber sie erkannten auch, dass Ottobeuren nicht zu einem Festspielort à la Bayreuth oder Salzburg tauge, was in einigen Hirnen schon ziemlich festgefahren war. Man wollte den „Jedermann“ auf der großen Freitreppe aufführen, träumte von Wiederbelebungen alter Mysterienspiele und barockem Theater. Aber Ottobeuren taugt nicht zur Festspielstätte, gleich, welches Gewand man überziehen will. Die Musik hatte zwischen Architektur und Natur eine Mittlerfunktion auszuüben, wozu freilich das Mittelmaß einer Interpretation am ungeeignetsten erschien. So schälten sich mehr und mehr die Konturen des in Ottobeuren Möglichen heraus.

Ottobeuren erschien mit einer Delegation im Funkhaus und sprach beim Chefdirigenten vor. Natürlich ging es den Herren vordergründig um die Kunst, doch Allgäuer denken auch in hintersinnigen Kategorien. Diese Verbindung konnte für das Ottobeurer Oratorium zum tragenden Pfeiler werden.
Eugen Jochum war begeistert. Er entschied sich spontan für eine Aufführung des Requiems von Giuseppe Verdi. Die Ottobeurer waren zufrieden. Dann freilich entdeckten sie den Apparat. Sie stellten mit Erstaunen fest, dass es da Manager und Redakteure, Tonmeister und Tontechniker, Verwalter und Berater, Mitgestalter und Mitredner gab, die alle irgendwie in Erscheinung traten, bevor der Dirigent ans Pult ging.
Eugen Jochum kam nicht in Generalspose. Er sagte einmal, er freue sich immer kindlich auf Ottobeuren. Er wohnte bei den Mönchen im Kloster, er ging zwei, drei Tage dorthin, um auf den drei Orgeln zu spielen. Er prüfte wohl auch akustische Gegebenheiten und ließ sich gleichwohl durch diese nicht abschrecken.

Am 3. Juni 1951 um 15.30 Uhr erklang das Verdi-Requiem in Ottobeurens Basilika. Es sangen Annelies Kupper, Lore Fischer, Lorenz Fehenberger, Max Probestl, es hieß auch noch das Orchester des Bayerischen Rundfunks und der Münchner Rundfunkchor, und die Veranstalter meinten beifügen zu müssen, dass über 200 Mitwirkende im Chorraum stünden.
Für Ottobeuren und Schwaben war dies ein historisches Datum in der Kulturpflege, und es begründete jene Ehe München - Ottobeuren, die bis heute Bestand gezeigt hat.

Mit Jochum wehte ein großer Atem ins Unternehmen Ottobeurer Oratorium. Ihm waren die großen Dimensionen geläufig, er hatte den großen Atem, die weite Geste und die sichere Hand. Früher hätte man gesagt, er besaß die nötige Autorität. Seine Persönlichkeit war auch ein gewichtiger Kontrapunkt zu nicht wenigen Zweiflern, die befürchteten, der barocke Betsaal könne zum theatrum mundi umformiert werden. Diese Bedenken entkräftete Jochum ohne große verbale Argumentation. Er bemühte nicht braockes Wesen, sondern die religiöse Wesenhaftigkeit der Musik, er setzte außerdem Maßstäbe, regulierte Qualitätsvorstellungen und zog alsbald die sängerische Elite auch nach Ottobeuren.

Das Schiff passte plötzlich nicht mehr in die nur heimatlichen Gewässer, es wurde größere und stärkere Segel gesetzt. Zur Öffnung nach oben in der Qualität kam jene nach außen. (...)

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Neben dem Münchner Rundfunkchor (Einstudierung Josef Kugler) sangen von der Staatsoper München Annelies Kupper (Sopran), Lorenz Fehenberger (Tenor) und Max Proebstl (Bass), die Altistin Lore Fischer kam aus Stuttgart. Mit Stolz verkündete man die Teilnahme von 200 Mitwirkenden – ein Grund, warum das Werk in Ottobeuren nicht allzu häufig zur Aufführung kommt.

Der Auflauf war gigantisch, die Deutsche Bundesbahn setzte mehrere Sonderzüge ein, die Konzertbesucher strömten in Massen in die Basilika. (Für den Kreisbrandmeister wäre dies wegen fehlender Fluchtwege heutzutage ein Alptraum). So kurz nach dem Krieg kannte man solche Bedenken noch nicht und war froh, dass auch das kulturelle Leben wieder anlief.
Die so wichtige Anfangsphase von 1949 - 51 wird auf S. 6 im Kapitel „Rückschau auf 70 Jahre“ knapp, aber prägnant, beschrieben:

Sonntag, der 31. Juli 1949, bleibt für Ottobeuren ein denkwürdiger Tag. Zum ersten Mal in der langen Geschichte der Benediktinerabtei erklang im Chorraum der Basilika ein Oratorium. Diesem Ereignis gingen im Gemeinderat dramatische Verhandlungen voraus. Der damalige 2. Bürgermeister Georg Wilhelm Mayer hatte erreicht, dass der Markt Ottobeuren für dieses Konzert die Trägerschaft übernahm und dass die Abtei dieses Konzert in der Basilika billigte.
Wir machen uns heute keine Vorstellung, welche Not in diesen Nachkriegsjahren herrschte. In Deutschland war man noch dabei, zerstörte Kirchen und Konzertsäle wiederaufzubauen.
Es war ein Glücksfall, den aus Babenhausen stammenden und in Augsburg wirkenden Musiker und Komponisten Otto Jochum für die Aufführung von Händels Oratorium „Der Messias“ zu gewinnen. Aber das größte Geschenk war, dass durch Zufall an diesem Sonntag eine große Flüchtlingswallfahrt stattfand, zu der aus dem ganzen süddeutschen Raum 25.000 Heimatvertriebene nach Ottobeuren kamen. Ein Gottesdienst und eine Großkundgebung mit Pater Emanuel Reichenberger gingen dem Basilika-Konzert voraus, an dem dichtgedrängt mehr als 5.000 Menschen teilnahmen. Dieser Erfolg gab dem Veranstalter einen mächtigen Schub, sodass bereits ein Jahr später die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach unter Leitung von Arthur Piechler aufgeführt werden konnte. Wenn die ersten beiden Basilika-Konzerte mit vorwiegend aus Augsburg stammenden Musikern noch regionalen Charakter hatten, gelang mit dem dritten Basilikakonzert 1951 der Durchbruch zur Überregionalität. Eugen Jochum führte mit dem neu gegründeten Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks das Verdi-Requiem – 50 Jahre nach dem Tod des Komponisten – auf. Nun galt es, auf diesem Niveau die Basilika-Konzerte weiterzuentwickeln.

Das Verdi-Requiem war bereits seit 1930 im Repertoire von Eugen Jochum. Von 1951 - 2020 fanden in Ottobeuren insgesamt sieben Aufführungen des Requiems von Giuseppe Verdi statt. Reinald Scheule und Peter Kraus haben alle Aufführungen der 70 Jahre akribisch zusammengetragen:
1951 Eugen Jochum
1972 Gerhard Fackler
1986 Enoch zu Guttenberg
1992 Roland Bader
2001 Wolfgang Sawallisch
2007 Enoch zu Guttenberg
2013 Roberto Abbado

Die nach dem Plakat eingestellten Fotos aus dem Archiv der Gemeinde zeigen das eine große Zahl an Konzertbesucher und deren Fahrzeuge im Basilikaumfeld und auf dem Marktplatz. Die „Maibaumwiese“ – heute der Basilikaparkplatz – war tatsächlich noch eine Wiese. Neben dem Laden für Lebensmittel und Schreibwaren von Adolf Fergg ist der provisorische Verkaufsstand für Eintrittskarten zu sehen. Damals gab es noch keine „Kurverwaltung“ oder ein „Touristikamt“.
Letzteres gab 2019 ein Buch mit einer Chronologie der Konzerte und internationalen Begegnungen heraus, auf Seite 49 findet sich sogar ein Foto vom Dirigenten während der Aufführung.

Literaturzitate:
Eugen-Jochum-Gesellschaft Ottobeuren (Hrsg.): Eugen Jochum, Plöger, Annweiler 2005, 288 S., ISBN 3-89857-185-8

Touristikamt Ottobeuren (Hrsg.): Die Ottobeurer Konzerte und Begegnungen 1949 - 2019. Rückblick auf 70 Jahre, Ottobeuren, 2019, 132 S., keine ISBN

Kurverwaltung Ottobeuren (Hrsg.): 20 Jahre Ottobeurer Konzerte 1945 - 1965, Internationale Konzerttage, Programm, 11.09.1965, Ottobeuren, 21 S.
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Zu recherchieren ist noch der Zusammenhang „Eugen-Jochum Gesellschaft Ottobeuren“ und Eugen-Jochum-Stiftung (mit Sitz in München). 2013 gab es wohl einen Namenswechsel, als der Babenhausener Bürgermeister Otto Göppel als Präsident die „Brüder-Jochum-Gesellschaft“ mit (neuem) Sitz in Babenhausen übernahm.

2001, 100 Jahr nach dessen Tod, wurde der Komponist mit einem weiteren „Verdi-Jahr“ wiederum besonders hervorgehoben, durch Wolfgang Sawallisch auch in Ottobeuren. Lesenswert der Artikel „Giuseppe Verdi und die Deutschen“.

Bildbearbeitung, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 10/2020