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07.12.1854 - Dekorativer Brief von Ottobeuren nach Rouen


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Der vorliegende Brief vom 07.12.1854 von Ottobeuren ins französische Rouen ist mit seiner besonderen Frankatur, seinem Bestimmungsziel und den diversen Stempeln nicht nur ein dekoratives Sammlerstück, er gibt vom Inhalt darüber hinaus Auskunft über eine Erbschaft, von der Erben in oder bei Sigmaringen sowie in Unterhart (heute ein Ortsteil von Holzgünz im Unterallgäu) profitieren sollten.

Zunächst die Beleg-Beschreibung:
Für Philateslisten ist die gemeinsame Frankatur der bayerischen Briefmarken von 1850, Michel Nr. 5aIII (9 Kreuzer bläulichgrün) und 5cIII (9 Kreuzer maigrün) etwas ganz besonderes. Nach dem tarifrechtlichen Vertrag vom 01.07.1874 handelt es sich mit 18 Kreuzern für einen einfachen Brief um einen tarifrichtige Frankatur.

Beide Marken sind mit dem geschlossenen Mühlradstempel „255“ – das war die (in der sog. „ersten Verteilung“) Ottobeuren zugeordnete Zahl – gestempelt, rechts oben prangt der Halbkreisstempel OTTOBEUERN (so die damals übliche Schreibweise), 7/12 (1854). Links davon der rötlich-braune Grenzübergangsstempel „Baviere Strasb.“ vom 10. Dezember sowie ein weiterer Stempel mit den beiden Buchstaben „P. D.“ (Bedeutung unbekannt; vielleicht ein Zustellungsstempel des Postboten „Poste Distribuer“).
Auf der Rückseite findet sich außerdem der Halbkreisstempel für den Transit am Bahnhof Augsburg (BAHNH. AUGSBURG) mit Datum 8/12 und der Ankunfsstempel in Rouen mit Datum entweder 10. Dezember 1854 oder 10. Januar – JANvier – 1855.

Der Brief hat eine Anfrage an den kaiserlich-französischen Notar Daverton in Rouen zum Inhalt, ob dieser gewillt sei, das Testament des in Rouen verstorbenen („deß dorten verstorbenen“)  Bräuhausbesitzers Ignatz Harthmann zu übernehmen. Im Internet findet sich eine Liste der Notare Rouens, aus der hervorgeht, dass einer der Vorvorgänger der heutigen Kanzlei (l'étude) Sauvage ab 15.12.1844 Pierre Louis Daverton war. Seine Amtszeit müsste bis 26.09.1868 gedauert haben.

Die Erben aus dem Kreisgericht Sigmaringen hätten ihn zum „Mandatar“ bestimmt, während der in Ottobeuren sitzende Notar Johann Nepomuk Natterer im Auftrag der dem Landgericht Ottobeuren zugehörigen Erben aus Unterhardt anfrägt, ob Daverton bereit sei, die Angelegenheit zu übernehmen.
Unterhart liegt nördlich von Eisenburg (bzw. 3 km westlich von Rummeltshausen) zum Landgericht sowie Rentamtsbezirk Ottobeuren (siehe Kartenausschnitt 1801). Die paar Häuser gehören heute zu Holzgünz (VG Memmingerberg).

Im Brief Natterers ist von einer Summe von „pro 18000“ – also insgesamt 36000 – die Rede, es ist aber unklar, in welcher Währung (Gulden oder Francs, wahrscheinlich aber letztere). Nachdem eine Erbschaftssache in Frankreich für den Ottobeurer Notar sicherlich keine ganz alltägliche Sache war, fragt er bei Daverton an, ob „bey Erbschaften die ins Ausland gehen auch Abzüge stattfinden?“. Darüber hinaus, ob das Erbe schon „flüssig“ sei, also an die beiden Erbnehmer ausgezahlt werden kann – vermutlich durch den notwendig gewordenen Verkauf der Brauerei.

Wer der Brauereibesitzer Ignatz Harthmann war und warum er (offensichtlich) in Rouen lebte, ist (noch) unklar, eine Übersicht von Brauereien in Memmingen und dem Unterallgäu auf Wikpedia gibt keinen Aufschluss. Auch eine Suche nach Brauereien in Rouen gab keinen Hinweis.

Hier die Transkription des Briefinhalts:

Daverton Kaisl [kaiserlicher] Notar
Wohlgeboren Rouen
Frankreich

Ottobeuren d. 7ten Dez[em]ber 1854
bs Memmingen in Bayern

Hochgeehrter Herr!
Laut Testament deß dorten
verstorbenen Bräuhausbesitzer
Ignatz Harthmann hat derselbe
an seine Verwandten, von
welchen 1 Zweig in Straß
Kreisgerichts Sigmaringen und
1 Zweig in Unterhardt dieß
Gerichts ansässig ist eine Summe
Von pro 18000 vermacht.
Von den erstbenannten Erben
wurden Sie bereits mittelst
einer gerichtlichen Vollmacht als
als Mandatar bestellt worden sein,
und Letztere wünschen dasselbe
zuthun wenn Sie sich dieser Sache
annehmen wollen.

Ich bin somit von den Letzge=
nannten Erben beauftragt Sie
um umgehende Rückäusserung
zu bitten.
Sehr angenehm wäre es wenn
Sie zu gleicher Zeit uns in
Kenntniß setzen könnten ob
die Erbschaft schon flüßig ist
und ob bey Gericht Deponat,
und in welcher Zeit durch Sie
erhoben werden könte.

Finden bey Erbschaften die ins
Ausland gehen auch Abzüge statt?
Ihren bäldesten Nachrichten harrend
zeichnet mit
Hochachtung ergebener
J.N. [oder J.M.?] Natterer

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In den Ottobeurer Wochenblättern des Jahres 1854 ist in Verbindung mit dem Langericht in der Regel meist vom Landrichter Graf die Rede, während seines Urlaubs im August sind Bekanntmachungen des Landgerichts unterzeichnet mit „Mayer, 1ter Assessor“. Ein „Joh. Natterer“ taucht zweimal auf: im Zusammenhang mit der Möglichkeit, „Sparkassa-Einlagen im Hause des Weinwirths Lerner“ zu zeichnen, unterzeichnet von den „Cassieren Joh. Natterer und Max Lerner“.

Herrn Dr. Alois Epple aus Türkheim sei für die Transkription herzlich gedankt, dem Auktionshaus Veuskens in Hildesheim, wo der Brief in der 111. Auktion am 30.10.2020 verkauft worden war, für die Nutzungsgenehmigung des Digitalisats.

Recherche, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 01/2021