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31.08.2022 – „Naturkost Kling schließt seine Pforten


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Auch für die Ottobeurer kam die am 18. Juni per Anschlag angekündigte Schließung des Naturkost-Fachgeschäfts recht unvermittelt, zumal es sich um einen Bioladen der ersten Stunde handelte. Am 1. September 2022 stand auf der Homepage zu lesen: „Ab 01.09.2022 ist unser Bio-Laden geschlossen. Danke für die schöne Zeit miteinander.“

Die Familie Kling hatte sich bereits 1987 zur Umstellung auf bio entschlossen, zu einer Zeit also, in der man dafür von Berufskollegen nach belächelt wurde. 1990 machte man dort, wo sich im Jahre der Schließung das Friseutgeschäft befindet, die ersten improvisieten Versuche mit der Direktvermarktung. In zwei kleinen Räumen konnten sich die Kundinnen und Kunden ihre ware selbst abwiegen, 1993 wurde im benachbarten „Rossstall“ dann der Laden eröffnet, der um das Jahr 2000 sogar noch eine Erweiterung erfuhr.

Am 22. und 23. Juli 2016 hatte man in der Hawanger Straße 13 noch „25 Jahre Naturkost Kling und 29 Jahre biologische Landwirtschaft“ gefeiert. Im Ankündigungstext hieß es: „Mit Liebe und Begeisterung stehen wir als Team von Naturkost Kling hinter unseren Produkten aus 100 Prozent ökologischer Landwirtschaft. In unserem Hofladen bieten wir Ihnen ein Bio-Vollsortiment mit mehr als 6000 Artikeln. Unsere Ware beziehen wir möglichst von regionalen Lieferanten, zu denen wir langjährige und vertrauensvolle Handelsbeziehungen pflegen. Gerne heißen wir Sie bei uns auf dem Land willkommen.“

Im Schlusssatz wird durchaus ein Problem deutlich: Während es früher für Käufer von Bio-Produkten einfach wenig Einkaufsmöglichkeiten gab und man den längeren Weg aus Ottobeuren, Bad Grönenbach oder aus Memmingen gerne in Kauf nahm, gibt es heute i.d.R. überall entsprechende Angebote. In Memmingen, Erkheim und Bad Grönenbach sind darüber hinaus Unverpacktläden entstanden, in Ottobeuren etablierte sich seit 15. Mai 2022 an Freitagen ein neuer Wochenmarkt mit überwiegend regionaler Bio-Ware, am 03.11.2016 eröffnete in Memmingen die Bio-Kette Denn's einen Supermarkt. Es gründeten sich Selbstversorger-Gruppen mit „solidarischer Landwirtschaft“: 2021 in Bad Grönenbach, 2022 für Ottobeuren - Markt Rettenbach.

Während der Pandemie-Zeit boomte die Bio-Branche zwar, da – die zumeist konventionell arbeitenden – Gaststätten weniger besucht wurden, während Privathaushalte schon längere Zeit mehr und mehr Bio-Produkte einkauften und in der heimischen Küche einsetzten. Ende des Jahres 2021 jedoch setzte ein Gegentrend ein, insb. nach Beginn des Ukraine-Krieges und der zunehmenden Verteuerung von Energie. Es wurde zwar weiterhin bio gekauft, aber mehr bei den Discountern.

Auf der geschäftseigenen Homepage (Stand August 2022) wurde die Geschichte ausführlich wie folgt erklärt:
Wir sind seit über 25 Jahren mit Liebe und Begeisterung für Bio aktiv. Unser unabhängig geführter Familienbetrieb in Benningen im Allgäu hat sich aus der seit 1987 bestehenden Biolandwirtschaft entwickelt. Gerda Kling gründete 1993 im alten Roßstall einen kleinen 30 m² großen Naturkostladen. Mit Leidenschaft und Überzeugung für die Sache „bio“ gelang es ihr, immer mehr Kunden zu begeistern, sodass das Geschäft schon nach wenigen Jahren aus allen Nähten platzte.
Was als nebenberufliche Passion zu Landwirtschaft und Großfamilie begann, war zu einem Fulltime-Job herangewachsen. Nun wurden zur Unterstützung ersten Mitarbeiterinnen eingestellt. Mit den steigenden Kundenzahlen und dem ständig wachsenden Sortiment stieß der kleine Ladenraum schon bald an seine Grenzen. Da der alte Kuhstall nebenan leer stand, entschied man sich für die Expansion und demzufolge für einen Umzug. Es begann eine aufwändige Renovierung der ehemaligen Tenne und der Gewölbestallungen, sodass im Jahr 2000 die neuen Geschäftsräume bezogen werden konnten.

Nur ein Jahr später kam Tochter Ulrike Kling mit ins Team und übernahm 2003 die Geschäftsleitung. Weitere Um- und Anbaumaßnahmen folgten und ließen die Verkaufsfläche bis heute auf ca. 350m² anwachsen. Moderne Scannerkassen und Bestellsysteme erleichtern uns heute die täglichen Aufgaben. Trotzdem ist es gelungen den typischen Charakter und die Atmosphäre eines klassischen Hofladens beizubehalten. Überzeugen Sie sich selbst von der Qualität und der Vielfalt der Bio-Waren und genießen Sie unser ganz besonderes Einkaufsflair.

Wir bieten ein umfassendes Naturkostvollsortiment mit derzeit ca. 6000 Artikeln. Täglich wird frische Ware angeliefert und je nach Saison sind wir bemüht, ein möglichst regionales Angebot für unsere Kunden zusammen zu stellen. Natürlich gibt es auch weiterhin selbst angebautes Getreide und Fleisch aus hofeigener Tierhaltung im Sortiment. Da wir ein kleinerer landwirtschaftlicher Betrieb sind, der keine Massentierhaltung betreibt, können wir die selbst erzeugten Produkte immer nur solange anbieten wie der Vorrat reicht. Den Naturlandbetrieb bewirtschaften heute Barbara und Stefan Fehr, Tochter und Schwiegersohn von Gerda Kling. Und so schließt sich der Kreis.

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Auch wenn die Fotos mit der Firmengründerin Gerda Kling und ihrer Tochter Ulrike sowie mit Mitgliedern der - fast 30-köpfigen - rein weiblichen Belegschaft fröhlich aussehen, wurde es insb. am letzten Öffnungstag recht emotional: Kunden brachten den Mitarbeiterinnen Geschenke, an allen Ecken und Enden sah man, wie sich Leute umarmten. Dieses Verhältnis zwischen Kunden und Angestellten findet sich bei den weitgehend unpersönlichen Discountern nicht, das freundschaftliche Miteinander werden alle vermissen.

In einem Aushang an der Kasse informierte Ulrike Debou (geb. Kling) im Namen des ganzen Teams zu den Gründen der Schließung:
Liebe Kunden und liebe Freunde!
Mit Bedauern muss ich euch mitteilen, dass ich unseren Hofladen zum 31.08.2022 schließen werde. Die allgemeine momentane Lage, der Einbruch der Bio-Branche sowie die Marktprognosen für den Herbst lassen mir leider keine andere Wahl.
Wir werden euch in der verbleibenden Zeit weiterhin mit unseren hochwertigen Bio-Produkten versorgen und es würde uns sehr freuen, wenn ihr uns bis dahin begleitet.
DANKE für eure Treue, die tollen Gespräche, Anregungen und die Freundschaften, die daraus entstanden sind.

Zwei „Ottobeuren-Beispiele“ für das Engagement des Geschäfts: Im engen Zusammenwirken mit dem Kollegium der Rupert-Ness-Realschule und des Gymnasiums stellte Kling nach einer Initiative des damaligen Umweltferenten der Realschule, Helmut Scharpf, um das Jahr 2000 Bio-Kaffee in großen Pfandeimern zur Verfügung. (Auch wenn es die Pfandeimer schon lange nicht mehr gibt: Bio-Kaffee wird dort nach wie vor getrunken.) Kling unterstützte das Ottobeurer Carsharing-Projekt von 2017 - 2021 mit Aufkleber-Werbung auf dem Elektroauto.

Dass dies nach so vielen Jahren die letzte Einkaufsmöglichkeit beim Kling sein soll, kann man selbst kaum glauben“, so der langjähriger Kunde Gerold Tillinger, der noch einmal mit dem Fahrrad von Ottobeuren angeradelt kam. Was nach teils jahrzehntelanger Kundentreue fehlen wird, ist vor allem die persönliche Beziehung, die man mit den Mitarbeiterinnen aufgebaut hat.

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Fotos (26. und 31. August 2022), Recherche und Zusammenstellung, Helmut Scharpf, 09/2022