Marktgemeinde Ottobeuren
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27.04.1945 – Bürgermeister Josef Hasel blickt auf 10 Jahre Amtszeit zurück


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[Hier entsteht ein spannender neuer Eintrag!]

Josef Hasel war zweimal Bürgermeister Ottobeurens: als Nachfolger von Johann Fickler von 1935 bis zum Einmarsch der Amerikaner am 27. April 1945 sowie ab November 1950. Über die 10 Jahre während des „Dritten Reichs“ blickte er aus eigener Sicht zurück. Die gut fünf mit Schreibmaschine verfassten Seiten beziehen sich im Wesentlichen auf den Kriegsbeginn sowie das chaotische Kriegsende - insbesondere seine Verhaftung durch die in Eldern stationierte SS-Einheit von Hauptmann Auerbach.

Die Ereignisse kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner hat sich Hasel von Wilhelm Müller aus Karlsruhe bestätigen lassen; Müller war als Funker Teil der „Kampfgruppe Auerbach“ und konnte über einen Herrn Pfeiler aus Rummeltshausen im Oktober 1981 mit Hasel in Kontakt treten. Das Anschreiben Müllers ist original den „Erinnerungen“ vor-, in der Abschrift nachgestellt. In etwa derselben Zeit dürfte die vorliegende Ausarbeitung Hasels entstanden sein.

Das Eingangsfoto zeigt Josef Hasel (16.05.1897 - 06.01.1985) am 31.05.1964 im Kaisersaal bei der Übergabe der – von Dr. Hermann Reisch gestifteten – goldenen Bürgermeister-Amtskette durch Abt Vitalis Maier.

Ein vollständiges Bild erhalten wir nur durch das Zusammenführen verschiedenster Quellen, darunter die „Chronik des Untergangs des Großdeutschen Reichs“ von Karl Schnieringer oder das 1995 vom Heimatdienst herausgegebene Buch „Ottobeuren vor 50 Jahren“ oder die facharbeit von Catrin Altenried. Eine Liste weiterführender Links ist ganz unten aufgeführt.
Willi Hasel – Sohn des früheren Bürgermeisters – sei für die Zurverfügungstellung der Dokumente herzlich gedankt!

Aus meiner Chronik
Aus meinen Erinnerungen 1939 - 1945

Wie anderswo der Fall war, versetzte die Nacht der Mobilmachung auch der Ottobeurer Bevölkerung einen gewaltigen Schock. Wohl waren allgemeine Maßnahmen für einen Krisenfall getroffen worden, aber weder diese noch die wiederholten Pferdemusterungen wurden als drohende Zeichen gedeutet. Wirtschafts- und Vereinsleben liefen zunächst friedlich weiter und auch in der Gemeindeverwaltung war es nicht viel anders. Plötzlich war Ottobeuren Garnison für zwei Einheiten aus Ostpreußen, dazu ein kleiner Teil aus unserer Umgebung. Sie wurde im Polenfeldzug eingesetzt. Zu den sonstigen allgemeinen Einberufungen, kamen euch alte, gediente Jahrgänge aus dem ersten Weltkrieg. Nach Ende des Polenfeldzugs wurden sie mit Ausnahme von Dienstgraden wieder entlassen.
Im Ort mussten viele Betriebe umstellen. Kleine Landwirtschaften sind zusammengelegt worden, Frauen und Jugendliche taten Männerarbeit. Um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, waren Freistellungen beantragt und genehmigt worden. Auch die kriegswichtigen Firmen taten das gleiche. Diese beschäftigten hauptsächlich fremde Arbeitskräfte, auch aus Feindländern. Die befohlene Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte geschah im Umschlagverfahren und gemeinsam mit Herrn Peter Rinderle, Theodor Albrecht und Michael Hatzelmann konnten Härten überwunden werden. Die Klosterlandwirtschaft übernahm den von den Bauern nicht geschätzten, jedoch geforderten Flachsanbau.
Auch im Rathaus wuchsen die Schwierigkeiten. Schlüsselkräfte waren eingezogen, Fürsorgelasten und Hilfen wuchsen, Steuereingänge waren rückläufig und Vieles mehr. Auch am Sonntagvormittag war Dienst zu tun. Der Treibstoff wurde knapp, aber mit elektrischem Strom und Trinkwasser kamen wir gerade noch zurecht. Die Stadt Augsburg lagerte ihre Figuren vom Augustusbrunnen in unser Klostergebäude aus. Das Gymnasium Xanten (Rheinland) kam mit deren Internat in unsere Abtei.
Klosterwald wurde Lazarett. Die dortige Mittelschule verbrachte ich in unsere „Kaserne“ und in das Ämtergergebäude. Es war ein Kraftakt, aber Landratsamt und Kreisleitung standen hinter mir. Die Regierung gab süß-säuerlich die Genehmigung als man ihr dies als Kreismittelschule vorstellte.

Wir waren sehr erschreckt; als man politisch darauf verfiehl, klösterliche Lehrkräfte aus den Schulen zu verbannen, setzte ich bei der Regierung durch, dass unsere Ordensschwestern in Schule und Kindergarten weiter erziehen und lehren durften. Es war die einzige Ausnahme in Schwaben! Ich verdanke diesen Erfolg einem mir gut befreundeten Kriegskameraden aus dem ersten Weltkrieg, der in Augsburg für diese Sache zuständig war. Zwei anderswo abgebaute – im Ottobeurer Schwestemkonvent untergebrachte – Lehrerinnen konnte ich auf Bitte der Oberin Frau Ulrika ebenfalls für unsere Schule gewinnen. Herr Oberlehrer Karl Schurrer tat in allem mit und die Kreisleitung ließ es geschehen.
Das Leben und die kriegswirtschaftlichen Verordnungen wurden immer härter. Seit den schweren Kämpfen an den Fronten mehrten sich erschreckend die Fälle, dass ich die Angehörigen von Gefallenen über deren Tod unterrichten musste. Wie schwer waren mir diese Botengänge als geborener Ottobeurer! Mit vielen der Opfer hatte ich eine gemeinsame Jugend verbracht.

Die Luftgefahr nahm wegen des nahen Fliegerhorstes bedrohlich zu. Die aufgezogene Luftschutzorganisation erwies sich als bitter notwendig. Der Keller Frischknecht [in der Bergstraße 3] und die Gewölbe unter der Kirche dienten als Luftschutzraum. Hier saßen unsere Bürger bei Alarm auf merkwürdige Kisten. Man ahnte lange nicht, dass sich in ihnen Konstruktions- und sonstig wichtiges Material von den Opelwerken Rüsselsheim befand. Mit zwölf Lastwagen waren diese Dinge hierher gebracht worden. Die Lastwagen waren getarnt im Bannwald abgestellt, sie verblieben hier. Als der Güterverkehr auf Bahn und Straße ausfiel, holten die Lastwagen uns Kohlen von Peißenberg und transportierten Lebensmittel für unsere Firmen.
Die Reichskulturkammer fürchtete um die unersetzlichen Kunstwerte der Basilika. Darum bekam eine Leipziger Firma den Auftrag, das Kircheninnere farbfotografisch aufzunehmen – etwa 2550 Bilder entstanden. Wegen der notwendigen Nachtaufnahmen richtete man einen eigenen Luftwarndienst ein, der die Fotografen in der hellerleuchteten Kirche vorwarnen sollte.

Verordnungen über Verordnungen sollte ich weitergeben – immer wurden Arbeitskräfte angefordert, was zu unverständlichen Betriebsschließungen führen musste. Ich sprach deswegen beim Gauleiter [Karl Wahl] vor und erhielt die großzügige Weisung: „Hasel, fahren Sie heim und treffen Sie Entscheidungen nach ihrem Gewissen, es passiert Ihnen dabei nichts.“ Zurückgekommen, unterrichtete ich das Landratsamt und die Kreisleitung über diesen Bescheid. Beide Stellen ließen diese Blankovollmacht auch für den ganzen Landkreis gelten und manchen war damit über Ottobeuren hinaus geholfen.

Wie im Ersten, sollten auch im Zweiten Weltkrieg Glocken für Kriegszwecke abgenommen werden. Mit Pater Maurus Zech – dem damaligen Pfarrer – suchte ich diese harte Maßnahme zu vereiteln oder doch zu mildem, leider ohne Erfolg. So mussten wir neben anderen Glocken auch unsere berühmte und allgemein geschätzte „Hosianna“ abliefern. In der gemeindlichen Registratur könnte über diesen Vorgang ein nicht uninteressanter Akt eingesehen werden.

Schon 1942 hatte der Wehrkreis 7 bestimmte Klosterräume außerhalb der Klausur und des Internats für Zwecke des nahen Fliegerhorstes bestimmt. Die SS-Reichsführung hatte ein ähnliches Interesse. Es gelang aber, sie unter dem Hinweis auf die großen baulichen Mängel in dem Klostergebäude von ihrem Plan abzubringen. Mit dem Prior der Abtei, Dr. Pater Chrysostomus Schreiber, gab es manche Überlegung, wie man die Dinge – den Zeitumständen entsprechend – am besten regeln könnte.

Wiederholt ging ich auch den Heimatpfleger bei der Regierung, Herrn Dr. Weitnauer, an, die staatlichen Stellen bestimmten aber nur ganz begrenzt. Im Sommer 1944 wurde ich mit Herrn Peter Rinderle als Führungskraft in den Raum von Metz abgeordert. Wir sollten dort beim Panzergrabenbau eingesetzte zivile Arbeitskräfte betreuen. Weil wir in Wigingen (Vihy), ca. 20 km nordöstlich von Metz, vergeblich auf die uns zugeteilten Männer warteten, dieses Dorf aber – dessen Behörden geflohen waren – an großer Lebensmittelknappheit litt, gaben wir gelenkt unsere Lastwagen voll mitgebrachter Vorräte an diese Menschen hinaus und brachten dort Mühle, Bäckerei und Fleischerei wieder in Gang. Sogar standesamtlich musste ich tätig sein. Die an sich pro-französisch eingestellte Bevölkerung behandelte uns Bayern gut. Gauleiter Karl Wahl, dem ich von unserm Vorgehen Bericht erstattete, hielt unsere Initiative für richtig und wir brauchten uns wegen der zweckfremden unentgeltlichen Ausgabe der Vorräte nicht zu verantworten. Zum Panzerabwehrbau kam es dann andernorts.

Kaum waren wir im Herbst wieder zu Hause, forderte die Einsatzleitung uns neuerdings an, dazu diesmal sechzehn Ottobeurer Bürger. Unser Ziel lag auch weiter zurück (im Raum Zweibrücken). Wir erlebten das Verhalten der Bevölkerung, wenn sie sich unmittelbar bedroht fühlt, da fällt jede Maske und wir zogen Schlüsse für unseren eigenen Heimatort, wenn es auch hier so weit kommen sollte. An Weihnachten [1944] waren wir alle wieder zu Hause.

So kam das Jahr 1945. Immer größere Geschwader flogen in immer kürzere Abständen zu den Angriffen in Richtung München - Innsbruck. Ottobeurens großer Klosterkomplex musste für sie ein Richtpunkt gewesen sein. Es fanden sich auch im Ortsbereich immer wieder Blindgänger und Vollmantelgeschosse. Ihre Vielzahl widersprach der Meinung, sie stammten noch vom Angriff auf unser Finanzamt (im ersten Kriegsjahr) [am 04.06.1940]. Man sah und hörte ja auch jetzt die Abwehr. Ende März [tats. 20. April 1945] kam der folgenschwere Luftangriff auf den Fliegerhorst und die Stadt Memmingen. 170 Tote, 230 Schwerverletzte und große Zerstörungen. Unser „Rotes Kreuz“ – weibliche Bereitschaft – hat nicht nur bei der Bergung der Schwerverletzten, sondern darüber hinaus Hervorragendes geleistet, was auch Anerkennung fand. Beim Umfang der zerbombten Horstanlagen war zu fürchten, dass auf unser Kloster große zusätzliche Belastung zukomme. Ottobeuren würde auch stärker gefährdet sein, wenn hier Horst-Einheiten untergebracht würden. Wieder bemühten sich Pater Dr. Schreiber und ich, dem zu begegnen. Bei den Amtsstellen hatten wir kein Glück, aber der Horst-Zahlmeister Wildmoser, der bestimmenden Einfluss bei seinem Horst hatte, unterstützte uns, sodass es bei der bisherigen Belegung blieb. Immer wieder müssen wir einen von Großbränden der umliegenden Angriffziele geröteten Nachthorizont erblicken. Der Volkssturm musste wenig sinnvoll Soldaten spielen. Militärisch hatte er keinen Wert, aber zur Bewachung bedurfte ich seiner in den kommenden Tagen wiederholt. Ich hatte Mühe, seinen Einsatz bei der Truppe hintanzuhalten.

Als zunehmend die Fronten zusammenbrachten, kamen besonders einschneidende Bestimmungen: Alle Verkehrseinrichtungen, Anlagen, Brücken usw. sollten der Verteidigung dienen oder gesprengt werden, wenn sie nicht mehr zu halten waren. Schwere Strafen drohte bei Nichtbeachtung dieser Befehle. Wieder forderten P. Prior Dr. Schreiber und ich über Weitnauer von der Regierung, Ottobeuren wegen Überfüllung, Lazarett und weil Kulturdenkmal zur „Freien Stadt“ (frei von Kampfgeschehen für Freund und Feind ) zu erklären. Man verwies uns nur noch auf die örtlichen militärischen und politischen Stellen. Für die politische Stelle sah ich mich selbst als zuständig an und als militärische Stelle glaubte ich die letzte Kampfeinheit Ottobeurens zu sehen. Der Abzug der nach Süden sich absetzenden Einheiten und Stäbe steigerte sich.

Der Abschnittskommandeur vom Illerbereich kam mit Landrat Wohlfahrt, um mir zu eröffnen, sein Stab komme zu gegebener Zeit nach Ottobeuren. Das gleiche erklärte ein Vorkommando der 28. Flak-Division und deren Korpsarzt. Mir reichte es. Ein Gutes hatte es: Bei der Besprechung mit dem Chef des Illerabschnitts konnte ich die fragwürdige Verwendung unseres Volkssturmes anschneiden und erreichte das Zugeständnis, dass er nicht militärisch eingesetzt werde. Ich durfte auch den Bau von Panzersperren vor Ottobeuren einstellen. Wie ich das seinerzeit alles begründet habe, weiß ich heute nicht mehr, mir ist nur in Erinnerung geblieben, dass mir der Landrat treu zur Seite stand.

Plötzlich war ein Kommando der Feldgendarmerie da. Ich atmete auf, denn die örtliche Polizei hatte sich nicht mehr durchsetzen können. So bekam man die Durchschleusungen einigermaßen in Griff – aber nicht lange. Es kam unter andern auch eine russische Einheit mit Frau und Kind und Planwagen, 4000 Personen, von denen nur ein kleiner Teil in Ottobeurer Heustadeln untergebracht werden konnten. Zwei ehemals zaristische Generäle stellten sich mir vor. Feine unglückliche Menschen. Die Amerikaner haben sie den Russen ausgeliefert – sie wurden gehängt. Gefechtstruppen mussten mit Fahrzeugen nach Süden gebracht werden. Die Firmen Fallscheer [Schraubenfabrik von Jakob Fallscheer], [Käsefabrikation Franz] Frischknecht, [Spedition Christian] Weiß, [Sägewerk] Theodor Albrecht [in Eldern] und Magnus Meyer stellten solche; nur ein Teil kam zurück.
Plötzlich war ein Kampfverband da, bei [der Metzgerei] Högg [am Marktplatz] war der Befehlstand. Unkluge Bürger verlangten, die völlig intakte Kampftruppe solle aus Ottobeuren verschwinden. Ich hatte das auszubaden, ein ungutes Gefühl verblieb mir dabei. Der Telefondienst (für die Allgemeinheit) war ausgefallen. Herr Bschorr und Fräulein Hohl haben diesen aber auf meine Bitte für die Gemeinde aufrechterhalten. So erfuhr ich vom Wehrkreis 7 die jeweilige militärische Lage, wie ich diesem auch unsere örtliche wissen ließ. Zeitungen erschienen nicht mehr, das Radio brachte nur gesiebte Berichte. Ich wusste wenigstens, wo ungefähr die Gefechtslinie war und wie diese verlief.

In dieser Zeit konnte man zweifeln, dass Ottobeuren noch schwäbisch sei: 1400 Evakuierte aus dem Rheinland und aus Ostpreußen, 800 Fremdarbeiter, auch Kriegsgefangene, und der Ort voll durchziehender Truppen. Um mich war ein treuer und verlässiger Kreis von Mitarbeitern:
Polizeimeister Schütz, Luftschutzleiter Strasser, Fr. Bader (Rotes Kreuz), Freiwillige Feuerwehr Immerz u. Dietmayer. Im engsten Kreis Herr Schurrer, Th. Albrecht, Forstrat Schmid, Herr Hatzelmann und der Lazarett-Chef D. Christ. Der Reinhartstab Speer richtete sich ein, ebenso Heereskartenstelle und sonstige Gruppen. Die Einheit Götz löste die seitherige Kampftruppe ab. Sie verlangte sofort den Einsatz des Ottobeurer Volkssturms, um eine Frontlücke östlich von Ottobeuren zu schließen. Dem hielt ich entgegen, der Volkssturm sei bereits im Einsatz bei der Bewachung des hier befindlichen Reichsbutterlagers und Niederhaltung der vielen unruhigen Fremdelemente. Überdies spielte ich glaubhaft die Stärke ds. Mannschaften auf 30 Mann herunter und ich hatte Erfolg: Die Anordnung wurde zurückgezogen.

Da stellte sich schon wieder eine gefährliche Situation: In der Memmingerstraße provozierte man unsere Soldaten mit Hissen von weißen Tüchern. Es kostete mich viel Mühe, die aufgeregte Truppe zu beruhigen; diese drohte mit Ausführung geltender Kriegsgesetze. Immer noch zogen Kolonnen aller Waffen-Gattungen und Stäbe durch den Markt, nahmen – ohne Entgelt – Fahrzeuge und Treibstoffe mit. So holte eine Einheit das Reservebenzin unserer Feuerwehr. Ich wandte mich an einen inzwischen mir angefreundeten höheren Ofizier, dieser trat als Chef der nicht existendierenden Ortskommandur auf und während dessen Eintreten zwischen dem Besagten und dem Truppführer der Benzinstehler, erfasste Malermeister Kraft die Lage und ließ unbeachtet das Benzinfaß verschwinden. Man hielt in Ottobeuren doch zusammen!

Plötzlich verabschiedete sich die „Geheime Feldgendarmerie“. Das war ein Alarmzeichen, die Front kam näher. Der Fliegerhorst wurde geräumt und setzte sich nach Kaufbeuren ab. Am 24. April holte mich der Nachtdienst der Gemeinde, Herr Schönmetzler, in das Kloster und ein Horst-Offizier übergab mir mit Brief und Siegel die dortigen Lagerbestände in den Besitz der Gemeinde und – wie es hieß – für eine Versorgung der Bevölkerung. Um diese wertvollen Bestände dem Zugriff der Amerikaner zu entziehen, wurde der Volksturm auf den nächsten Morgen bestellt. Wir wollten die Bestände andernortes sicher unterbringen. Das misslang völlig. Schon zuvor hatten marodierende Soldaten und Fremdelemente den Eingang aufgebrochen und das Plündern riss unter Beteiligung unserer eigenen Bevölkerung nicht mehr ab, bis die Räume leer waren. Nur wenige Ballen Leinen konnte ich örtlichen Anstalten zuwenden.
Damit sich solches beim Reichsfettlager nicht wiederholen sollte, fuhr ich zum gerade noch in Memmingen anwesenden Abschnittskommandeur und ertrotzte die Erlaubnis, die Butterbestände gelenkt an Einheiten, Anstalten und Haushalte hinauszugeben. Dieses Lager war zuverlässig von Ottobeurern bewacht. H. Rinderle leitete die Ausgabe und Frl. Schmid führte Buch. Die Darlehenskasse richtete ein Sperrkonto ein. Je nach Kopfzahl erhielt jede Familie mindestends 25 kg Butter gegen 100 Rm. [Reichsmark]. Entsprechend wurden die hiesigen Anstalten bedacht. Die Truppen gaben Bestätigungen. Das lief alles in Ordnung.

In der Nacht zum 26. April löste eine SS-Einheit die Gruppe Götz ab. Am nächsten Morgen suchte ich deren Chef in seinem Gefechtstand bei Th. Albrecht in Eldern auf, begleitet von V.St.F. [Volkssurm-Führer] Schurrer und Major Brigel [Briegel] als Vertreter des Laz.-Chef Dr. Christ (M. Briegel war Lazarett-Insasse). Der SS-Hauptmann Auerbach erwiderte auf mein Anliegen, Ottobeuren von Kampfhandlungen frei zu halten, er sei nicht von ungefähr mit dem Gefechtsstand nach Eldern gezogen. Er kenne und schätze Ottobeuren und wolle aus eigenem [Interesse] keine Kampfhandlungen im Ort. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Des Weiteren erklärte er seine Aufgabe, in seinem Abschnitt die deutsche Rückzugsbewegung möglichst lange zu decken. Er könne aber nicht ausschließen, dass seine Verbindungsleute durch den Ort und zurück müssen. Ich war von der Persönlichkeit dieses Kommandeurs bestens beeindruckt und beurteilte zuversichtlich das auf uns Zukommende. So unterrichtete ich wiederum u.a. Prälat [Abt] Dr. Einsiedler.

Am 27. April früh rief mich Bgm. Bitzer (Hawangen) im Auftrag der dort bereits befindlichen Amerikaner an und gab durch:
1. Befinden sich deutsche Truppen und Einzelsoldaten im Ort? Wenn ja, haben diese sich ohne Waffen an einem noch näher zu bestimmenden Platz einzufinden.
2. Auf Häuser, in denen sich deutsche Soldaten befinden, und auf solche Häuser, die keine weiße Flagge zeigen, wird geschossen.
3. Die Durchführung der Bedingungen wird von französischen Patrouillen nach einer Frist von 45 Minuten kontrolliert.
An das Lazarett Ottobeuren ist die Weisung weiterzugeben, wonach das gesamte Personal und bettfreie Insassen beim Eintereffen der amerikanischen Truppe am Marktplatz angetreten sein muss.

Ich erbat und erhielt eine Fristverlängerung von 15 Minuten. Die Zeit war kostbar. Man drückte mir ein Fahrrad in die Hand und ich fuhr schleunigst nach Eldern. Dem dortigen Kommandeur gab ich Bericht über die Forderung der Amerikaner und die Art der Übermittlung. Kurz und verhalten erklärte dieser, er müsse verhindern, dass es eine telefonische Vermittlung mit den Amerikanern gäbe. Ich verstand und war froh, unbehindert sofort zurückfahren zu können. Mehr hatte ich weder vermocht noch erreicht als diesen SS-Verband über den Inhalt des kritischen Telefonats zu unterrichten. Im Rathaus erwartete mich der von Herr Schurrer herbeigeholte und schon unterrichtete Lazarett-Chef, Dr. Christ. Wir waren uns einig, formulierten in Sekunden und meldeten nach Hawangen:

1. Im Ortsraum Ottobeuren befinden sich keine deutschen Truppen und Stellungen.
2. Die Türme der Kirche sind nicht zu militärischen Beobachtungen genutzt.
3. Die Bevölkerung wird hinsichtlich der Folgen bei Aufenthalt von deutschen Soldaten in den Häusern sofort unterrichtet; weiße Flaggen sollen gezeigt werden.
4. Die Lazarettführung [im Hirsch und im Krankenhaus] ist verständigt und anerkennt die Bedingung.

Ergänzend ersuchte ich, dass – falls es mit durchziehenden Soldaten zu Zwischenfällen komme – der Ort trotzdem geschont werde. Das wurde zugesagt. Schnellstens verständigte ich und gab Weisungen an den Volkssturm (Herrn Schurrer), an Polizei, an Prälat Dr. Josef Einsiedler und mein Rathauspersonal. Erneut telefonierte ich nach Eldern, um mitzuteilen, was ich veranlasst habe. Alles wickelte sich in der zugesagten Frist ab. Anstelle franz. Patroillen kamen Flugzeuge. Während ich im Amtszimmer eine Niederschrift anfertigte, hörte ich Lärm vor dem Rathaus. Vom Fenster aus sah ich, wie ein SS.-Dienstgrad von Ottobeurer Bürgern bedrängt wurde und sie ihm die gezogene Pistole entrissen. Ich hörte rufen: „Er will gegen den Bürgermeister!“ Man sprach auf den Mann ein und gab ihm die Pistole zurück, worauf er sich entfernte. Kurz darauf kam ein Ofizier, er erklärte mir meine Festnahme und brachte mich in einem PKW nach Eldern.
Dem Kommandeur konnte ich nichts Neues sagen, nur eine Anzeige als unrichtig zurückweisen: Der Zwischenfall vor dem Rathaus sei kein Akt des Volksturms gegen die SS gewesen. Das wurde mir geglaubt.

In meiner Sache erklärte der Kommandeur Albrecht [korrekt: Auerbach], er handle nach geltender strenger und zwingender Vorschrift und ich solle mich in dem bei der Division (Boschach) eingeleitenden Verfahren rechtfertigen. Bis dahin müsse er mich festhalten. So wurde ich nun unter Bewachung in einem Raume des Anwesens von Hans Ströbele untergebracht. In den folgenden bangen und nicht enden wollenden Stunden überdachte ich meine Lage und schrieb meiner Familie Abschiedszeilen. Unter dem Vorwand, mir Essen bringen zu müssen, kam Herr Ströbele und verständigte mich davon, dass Th. Albrecht unablässig in den Kommandeur dringe, für meine Freilassung zu sorgen, ich solle Hoffnung haben.
Ich hörte die sich steigernde Beschießung von Eldern, Guggenberg und der Schelmenheide und wurde gegen l4.30 Uhr aufgefordert, mich den absetzenden Truppen anzuschließen. Ich wurde in den Hof der Eldernwirtschaft vor den auf mich wartenden Kommandeur geführt. Er eröffnete mir, der Ia der Divison habe Verständnis für mein Verhalten und er, der Kommandeur, könne nach Niederschlagung des Verfahrens mich nun freilassen. Die umstehenden Offiziere und Mannschaften spendeten spontan Beifall und beglückwünschten mich. Es gab anerkennende Worte und ein sehr freundliches Abschiednehmen. Im Rathaus zurückgekehrt, wurde ich von Forstmeister Schmid dem amerikanischen Chef vorgestellt, dem ich Rede und Antwort gab. Auf Befragen erklärte ich die wirtschaftlichen Verhältnisse des Ortes. Vom Bürgermeisteramt war ich entbunden, weil ich in Ottobeuren zugleich Orts.gr.Ltr. [NSDAP-Ortsgruppenleiter] war. Man gebot mir im Ort zu bleiben und ließ mich in der Folge mit meiner Familie völlig in Ruhe. Das war der Abschluss meiner 10 Jahre Bürgermeisterzeit in Ottobeuren.

Unterschrift Josef Hasel

Ab Pfingsten 1945 war Hasel für drei Jahre interniert, zuletzt im Lager Moosburg. Sein in Eldern entstandener Abschiedsbrief hat sich erhalten und soll hier mit eingepflegt werden.

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Karlsruhe, den 6. Oktober 1981
Müller, Wilhelm
75 Karlsruhe 1
Lauterbergstr. 4

Werter Herr Hasel!
In Gedanken sind meine Frau und ich immer wieder mal bei den netten Stunden, die wir bei Ihnen erleben durften. Dafür möchte ich Ihnen auch im Namen meiner Frau nochmals recht herzlich danken. Dass wir uns kennengelernt haben, dafür sind wir auch Herrn Pfeiler aus Rummelshausen zu Dank verpflichtet. Dort habe ich Ihren Namen erfahren und dass Sie noch am Leben sind. Er hat sofort die Initiative ergriffen, bei Ihnen – bezw. Ihrem Sohn – angerufen und schon war die erste Verbindung hergestellt.

Ich will nun mein Versprechen einlösen und Ihnen aus meiner Sicht die Ereignisse aus dem Jahr 1945 vor der Einnahme von Ottobeuren durch die Amerikaner schildern. An diesem Tag wurde ich mit meinem Funktrupp zu einer „Kampfgruppe Auerbach“ abgestellt. Der Gefechtsstand war am Stadtrand von Ottobeuren in einem Bauernhof an der Straße nach Hopferbach. Dort angekommen, wollte ich mich sofort bei Hauptmann Auerbach melden. Dazu kam es aber vorerst nicht, denn ein Leutnand Zahn gab mir zu verstehen, dass hinter verschlossener Tür über Leben und Tod entschieden werde. Auf meine Frage, was da eigentlich vor sich ginge, sagte mir Lt. Zahn, dass Hptm. Auerbach den Bürgermeister von Ottobeuren durch ein Standgericht zum Tode verurteilen und erschießen lassen wolle, weil der Bürgermeister geduldet habe, dass zur Rettung der unersetzlichen Werte von Ottobeuren weiße Fahnen gehisst wurden.
Während ich mit Lt. Zahn auf dem Hof darauf wartete, mich schnellstens bei Hptm. Auerbach melden zu können, kamen Sie – der Bürgermeister von Ottobeuren – aus dem Haus. Mit Ihnen kamen einige Männer, darunter ein Major und Ritterkreuzträger, der in Ottobeuren im Lazarett lag. Sie kamen auf Lt. Zahn und mich zu. Von Hptm. Auerbach war noch nichts zu sehen. Anscheinend hatten Sie damals eine Augenerkrankung, denn Sie trugen eine sehr dunkel getönte Brille. Sie wollten sich auch mit einer Pipette Tropfen in die Augen geben, was aber nur zu einem geringen Teil gelang, denn dazu gehört eine ruhige Hand – und die hatten Sie damals nicht. Von Lt. Zahn auf Ihre Erregung hingewiesen, meinten Sie, dass dies in dieser Situation ja auch nicht verwunderlich sei. Darauf gab Ihnen Lt. Zahn zu verstehen, dass Sie sich vor Erscheinen von Hptm. Auerbach nur dadurch in Sicherheit bringen könnten, wenn Sie sich sofort umdrehen, losrennen und hinter einer nahen Heckenreihe in Richtung Ottobeuren verschwinden, was Sie dann auch taten.

Inzwischen kam das Granatwerfer- und Maschinengewehrfeuer immer näher, Hptm. Auerbach kam aus dem Haus gestürzt, befahl sofort Stellungswechsel nach Hopferbach. Dabei musste ich mit meinem Funkfahrzeug zum ersten Mal während des ganzen Krieges nicht hinter, sondern vor dem Wagen des Kommandeurs fahren. Wir waren gerade in Hopferbach angekommen, verließ Hptm. Auerbach seine Kampfgruppe, verschwand nach Obergünzbürg und wurde nicht mehr gesehen. Da hätte es gut sein können, dass die letzte Handlung dieses Mannes Ihre Erschießung gewesen wäre. Werter Herr Hasel, wie ich Ihnen schon persönlich bei unserem zweiten Zusammentreffen nach 36 Jahren erzählt habe, kann ich dieses Erlebnis deshalb so genau schildern, weil – das Kriegsende vor Augen – leichtfertig über Leben oder Tod eines Menschen hätte entschieden werden können. Dieses Ereignis hat mich damals tief erschüttert und kann daher auch für die Zukunft nicht mehr aus meinem Gedächtnis verdrängt werden. Nur gut, dass alles ein gutes Ende genommen hat!

Dies wären nun die Schilderungen aus einer längst vergangenen Zeit, wenden wir uns der heutigen zu. Die mit meiner Pocket-Kamera gemachten Aufnahmen sind entwickelt, recht schön geworden und sicher auch für Sie und Ihre Frau eine Erinnerung an unser Kennenlernen. Wenn nichts dazwischen kommt, kommem meine Frau und ich im nächsten Jahr wieder nach Kranzegg und wir könnten dann damit einen Besuch bei Ihnen in Ottobeuren verbinden. In der Hoffnung, dass diese Zeilen Sie gesund erreichen mögen, grüßt
Ihr Wilhelm Müller und Frau

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Josef Hasel
Nachtrag
Die Fliegerhorst-Lagerbestände waren Wäsche, Leinen und Tuchballen, Gebrauchgegenstände, Flieger-Winterstiefel
Die Instrumente komplett mit Notenbestand und Streichinstrumente der Horstkapelle (in einem Sonderraum).
Dieser Bestand wurde urkundenmäßig von einem Dienststellenleiter Flahnhard (?) aus Stuttgart übergeben.

Frau Paula Mayer, geb. Fink – jetzt in Memmingerberg, sah vom Elternhaus aus, wie am fraglichen Tag Herr Forstrat Schmid, Herr Fallscheer und eine weitere Persönlichkeit (Vertreter des Lazaretts) den einrückenden Amerikaner entgegengingen. Der ehemalige Kommandeur in der Gefechtsstelle Eldern war Herr Auerbach, Lehrer in Balingen – inzwischen verstorben. Der damalige Funker, jetzt in Karlsruhe schrieb mir, er weiß um meine Situation von damals. Ihm sei der Zutritt in den Besprechungsraum in der Zeit verwehrt worden, als es nach den Worten des ihn hindernden Offiziers um Leben und Tod des Bürgermeisters lauthals zuging. Mit dem ehemaligen Lazarettchef Dr. Christ (verstorben) habe ich vom Internierungslager aus freundschaftlichen Briefwechsel gepflogen.
Dr. Alfred Weitnauer (Kempten) arbeitete zuletzt an einer Darstellung der Vorgänge 1945 im Allgäu, schrieb und telefonierte auch mich an. Auf meine von ihm gewünschte Ausschreibung erwiderte er, er korrigiere diese aus eigenem Wissen, ich hätte meinen persönlichen Beitrag zu bescheiden dargestellt. Diese Chronik erscheine, wenn er nicht mehr sei. (Kurz darauf verstarb er.)

Freundschaften in jungen Jahren machen mein Verhalten und Erfolge bei Bemühungen erklärlich. Mit dem Pfarrer – Pater Maurus Zech – war ich Ministrant, mit dem ehemaligen Gauleiterstellvertreter in jungen Jahren befreundet, der zuständige Reg.-Schulltr. mein Kriegskamerad (siehe Maria Stern), ebenfalls so Hermann Esser (später Präsident des Reichsfremdenverkehrsverband; Schutz des Klosters!) mit allen Funktionären der politisch anders Orientierten persönlich befreundet und von Bedeutung: der Kreisleiter Schwarz erklärte mir, er akzeptiere meine persönliche Abmachung mit Abt Dr. Einsiedler und er hielt sich von diesem Zeitpunkt an auch darnach.

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Weitere Links:
Oskar Bosch, 27.04.1945

Margarete Kazmierzak, 21.04.1945