08.05.1912 – Buchführungskurs der Handwerker-Innung Ottobeuren
Titel
Beschreibung
Die Steuererklärung passte schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht auf einen Bierdeckel. Bürokratie ist kein Phänomen unserer Zeit. Handwerkerinnung und Handwerkskammer Ottobeuren organisierten vom 8. Mai 1912 einen Buchführungskurs, der 14 bis 16 Tage dauern sollte. Empfohlen wurde die Fortbildung „auch für Handwerker-Frauen und -Töchter“,von denen neun auf dem Foto zu sehen sind; in der zweiten Reihe stehen neun Männer, darunter sicherlich Kursleiter Herrn Grüne und Hafnermeister Michael Fink.
Für Landwirte gab der landwirtschaftliche Kreisausschuss von Oberbayern eine „fassliche Anleitung zu der vom Königlichen Staatsministerium des Innern empfohlenen Buchführung heraus“.
Beschrieben ist der Vorgang in der damaligen Zeitung; hier die Quellen:
Ottobeurer Volksblatt Nr. 51, 30.04.1912, S. 3
Lokales und aus dem Kreise.
Ottobeuren, 30. April 1912.
§§ Gemäß heutiger Anzeige beabsichtigt die hiesige Handwerker-Innung einen Buchführungskurs mit Unterstützung der Handwerkskammer abzuhalten, wobei namentlich auch die neue Steuergesetzgebung gründlich erklärt werden soll. Kein Gewerbetreibender und sonstiger Interessent sollte daher die günstige Gelegenheit versäumen, eine Buchführung, die sich den Steuergesetzen in übersichtlicher Weise anpaßt und leicht zu führen ist, kennen zu lernen und im Betriebe sofort anzuwenden. Nur eine übersichtliche Buchführung schützt vor zu hohen Steuernzahlungen. Auch für Handwerker-Frauen und -Töchter sehr zu empfehlen.
Handwerksprüfung. Nachstehende Prüflinge haben ihre Aufgaben mit „sehr gut“ und „gut“ gelöst: Alois Fligauf, Kupferschmied, gelernt bei Herrn Martin Fritz, Kupferschmiedmeister, hier. Georg Riegg, Maler, gelernt bei Herrn Ferdinand Kraft, Malermeister, hier. Anton Freuding, Maler, gelernt bei Herrn Malermeister Ferdinand Kraft, hier. Jakob Schober, Maler, gelernt bei Herrn Alois Haugg, Malermeister, hier. — Marie Nick, Näherin, gelernt bei Frl. Fanny Maier, Damenschneiderin, hier.
Text der Annonce auf S. 5
Die Handwerker-Innung Ottobeuren beabsichtigt einen Buchführungs-Kurs verbunden mit Wechsellehre, Kalkulation, Steuerberechnung etc. unter besonderer Berücksichtigung des amerikanischen Journals im Gasthof zum „Hirsch" vom 8. Mai ab täglich in den Abendstunden abzuhalten. Der Kurs dauert 14 - 16 Tage. Honorar 15 Mark, für Mitglieder Ermäßigung. Näheres in der am 5. Mai Nachmittag ¼ 4 Uhr im „Hirsch“ stattfindenden Generalversammlung.
Anmeldung nimmt Herr Michael Fink, Hafnermeister und der Kursleiter im „Hirsch“ entgegen.
Ottobeurer Volksblatt Nr. 54, 07.05.1912, S. 6f.
Lokales und ans dem Kreise.
Ottobeuren, 7. Mai 1912.
§§ Gesamthandwerkerinnung. Sonntag nachmittags 4 Uhr tagte im Saale des Gasthauses zum Hirsch die angekündigte Generalversammlung der Gesamthandwerkerinnung Ottobeuren. Der Vorstand Herr Malermeister Wolf begrüßte die erschienenen Gäste und ging hierauf zur Tagesordnung über. Schriftführer Herr Schneidermeister Fürgut verlas den Bericht über die Tätigkeit im verflossenen Vereinsjahre. Hierauf gab der Vorstand dem Prüfungsmeister Herrn Hafnermeister Michael Fink das Wort, welcher über die Zahl der Prüflinge und die übrigen Prüfungsangelegenheiten Auskunft erteilte. Kassier Herr Kaminkehrermeister Ott referierte über den Stand der Vereinskasse durch Vorlesung der Einnahmen von 594,65 Mark und 136,20 Mk. Ausgaben einen Barbestand von 458,45 Mark. Der Mitgliederstand beträgt z. Z. 72. Herr Vorstand berichtete in kürzeren Ausführungen über den Verlauf des 28. Allgemeinen Handwerker- und Gewerbetages in Lauingen. Nr. 4 der Tagesordnung (Ergänzungswahl eines Kassiers) kam nun zur Geltung. Die Wahl, per Stimmzettel vorgenommen, ergab, daß der bisherige, achtjährige Kassier, Herr Ott einstimmig wieder gewählt wurde. Die Wahl nahm erfreulicherweise Herr Ott wieder auf ein Jahr an. Herr Vorstand gab nähere Erläuterung von der Bayr. Gewerbeschau in München bekannt, wobei sich eine angenehm lebhafte Diskussion entwickelte. Die Innungsmitglieder Herr Goldschmied Pfalner und Herr Schlossermeister Plersch beantragten, daß bei derartigen Ausstellungen die Zeit der Anmeldung zur Ausstellung beispielsweise bei einer Bezirksausstellung in Memmingen, früh genug besannt gegeben werde. Herr Vorstand versicherte, daß in Zukunft in diesem Punkte das Erforderliche getan werde. Alsdann erteilte er dem Kursleiter Herrn Grüner das Wort, welcher in verständlichen Worten den Zweck des Buchführungskurses klarlegte. Prüfungsmeister Herr Fink stellte den Antrag, daß den Kursteilnehmern der Innung oder deren Angehörigen eine Ermäßigung von je Mk. 5. - gewährt werden solle. Der Antrag wurde auch einstimmig angenommen.
— Nach Besprechung weiterer interner Angelegenheiten schloß um ½ 7 Uhr der Vorstand die Versammlung. Es wäre zu wünschen, daß die nächste Versammlung besser besucht werden möge, als es vorgestern der Fall war.
Ottobeurer Volksblatt Nr. 72, 18.06.1912, S. 3
Literarisches.
Einkommensteuer und bäuerliche Buchführung.
Der landwirtschaftliche Kreisausschuß von Oberbayern hat eine leicht faßliche Anleitung zu der vom Königlichen Staatsministerium des Innern empfohlenen Buchführung herausgegeben, nach welcher das steuerpflichtige Einkommen und die Abgabe der Steuererklärung ohne Schwierigkeit festgestellt
werden kann. Von der Buchdruckern Niedermayr inRosenheim (Oberbayern) zum Preis von 30 Pfg. zu beziehen.
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Das Ereignis war so „bedeutend“, dass die Fotografie sogar als Ansichtskarte verschickt wurde (Stempel Ottobeuren, 5. Juni 1912). Die Vorlage war von vielen Strichen und Fehlstellen durchsetzt, die per Bildbearbeitung verbessert wurden; wegen einiger Silhouetten kann man vermuten, dass 1912 mehrere Personen rausretuschiert wurden.
Hier der Kartentext, der nur in einem Satz auf die abgebildeten Personen eingeht:
Hans Vögele
im katholischen Gesellenhaus Hannover
Clemensstraße 5
Lieber Hans! Deine Karte erhalten. Der Anzug wird nächste Woche gemacht, daß ich ihn am Donnerstag abschicken kann. Schreibe mir bitte, was ich noch dazugeben soll und ob du den kleinen Koffer wieder willst. Der Schreiner kam zu uns nicht. Bei der Grochen [?] war er. Heute kam von Mailand das Geld. Alles ist gesund. Die Gesichter wirst so ziemlich kennen. Viele Grüße von allen, Hani
Hans Vögele gehörte zur Familie der Ofen- und Herdfabrikation von Ambros Vögele (Guggenberger Straße 18).



