14.03.1933 – schweres Brandunglück in der Mühlbachstraße 2
Titel
Beschreibung
Ein Foto aus besseren Tagen: Frau Weitenauer vor dem Spezereiwarenladen in der Mühlbachstraße 2 ca. 1924, den sie mit ihrem Mann Martin betrieb. Am 14. März 1933 brach kurz vor Mitternacht ein Brand aus, den die Feuerwehr als „Totalbrand“ bezeichnete. In den damaligen Zeitungsberichten (Ottobeurer Zeitung und Allgäuer Bobachter) sowie aus dem Dienstbuch der Feuerwehr gehen die Einzelheiten hervor. Als Brandursache wurde Brandstiftung angenommen, ob ein Täter gesucht bzw. gefunden wurde, ist nicht bekannt. Hier die Berichte:
Ottobeurer Zeitung, Nr. 62 vom 15.03.1933, S. 8
Ottobeuren
Brand eines Anwesens
In der vergangenen Nacht gegen halb 12 Uhr brach in dem Anwesen des Kolonialwarenhändlers und ehemaligen Landwirts Martin Weitenauer in der Mühlbachstraße dahier aus bisher unbekannter Ursache ein Brand aus. Das Feuer war in dem nach der Straßenseite gelegenen Stall – Vieh befand sich nicht darin – ausgebrochen. Es griff im Augenblick, zumal das schon alte Gebäude keine Brandmauer hatte, über die Scheune auch auf das Wohngebäude über. Als die raschest eingetroffene Feuerwehr in Tätigkeit trat, bildete das ganze Objekt schon ein Flammenmeer. Den hilfsbereiten Nachbarn war es noch gelungen, die betagten Eheleute Weitenauer aus dem brennenden Haus zu bringen. Auch die Warenbestände im Laden brachte man in Sicherheit. Die Feuerwehr bekämpfte mit Motorspritze und weiteren Schlauchleitungen von allen Seiten das rasende Element. Große Gefahr bestand im Hinterhaus, wo der angebaute Holzschuppen besonders stark brannte und knapp einen Meter entfernt sich ein großer Stadel der Schreinerei König befindet. Durch die energischen Maßnahmen der Feuerwehr – auch der herrschende Westwind war günstig – wurde ein Übergreifen verhindert. Um 2 Uhr konnte die Feuerwehr abrücken. Später holte man auch das allerdings zum Teil schon beschädigte Mobiliar des ersten Stockwerkes heraus. Von den ganzen Gebäudlichkeiten steht nur noch das Mauerwerk. Dem Schwiegersohn, Herrn Xaver Vögele, in dessen Besitz das Anwesen ist, sind in der Scheune 6 Fuder Heu und 3 Fuder Stroh verbrannt, ebenso ein neuer Heuwagen, ein Gäuwagen, Leiterschlitten, eine Mähmaschine und sämtliche Heinzen. Der Brandleider ist versichert. Brandstiftung wird vermutet.
Unfall während des Brandes
Bis zum Eintreffen der Feuerwehr hatte Rottmeister Adalbert Aschner mit einem kleinen Schlauch den Anschild der benachbarten Wittwer-Hauses, in dem sich auch seine Wohnung befindet, abgespritzt. Aschner erhielt durch die fürchterliche Hitze des brennenden Anwesens Weitenauer Brandwunden im Gesicht. Sanitäter leisteten erste Hilfe.
[Gemeint war vermutlich Haus Nr. 4, in dem ab 1911 auch der bekannte Tierarzt Fritz Hollweck wohnte.]
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Eingeklebter Artikel aus dem Dienstbuch der Feuerwehr (vermutlich „Allgäuer Beobachter“)
Ottobeuren, 15. März. Brandunglück.
Heute nacht um halb 12 Uhr erscholl Feueralarm im Anwesen des Herrn Martin Weitenauer. Im oberen Markte war auf bisher unbekannte Ursache Feuer ausgebrochen, das sich mit großer Schnelligkeit über das Anwesen ausbreitete. Die freiwillige Feuerwehr, die mit der Motorsprize alsbald zur Stelle war, hatte vollauf zu tun, um die angrenzenden benachbarten Gebäude, insbesondere den direkt angrenzenden Holzlagerschuppen von Schreinermeister König zu retten. Von dem Brandobjekt selbst fiel die zum großen Teil aus Holz bestehende Scheune, die mit Heu gefüllt war, dem Feuer zum Opfer. Vom Eingehäuse blieben die Umfassungsmauern stehen, während der Dachstuhl und das obere Stodwerk ebenfalls ein Raub der Flammen wurden. Aus dem Spezereiwarenladen konnten die Waren zum großen Teil in Sicherheit gebracht werden, während das Mobiliar erst nach den Löscharbeiten geborgen werden konnte. Die in der Scheune untergebrachten Heuvorräte gehörten dem Schwiegersohn des Brandleiders Hafnermeister Xaver Vögele. Der Schaden dürfte durch Versicherung nur teilweise gedeckt sein.
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Aus dem Dienstbuch der FFW Ottobeuren:
Bericht über den am 14. März 1933 stattgehabten Brandfall in Ottobeuren
1. Namen des Besitzers bei welchem der Brand ausgebrochen? Wohnung desselben?
Martin Weitenauer Haus Nr. 200 im oberen Markt
2. In welchen Gebäude oder Gebäudeteil ist das Feuer entstanden?
Ökonomieteil
3. Um welche Gattung von Feuer handelt es sich (Totalbrand, Dachbrand, Zimmerbrand etc.)?
Totalbrand
4. In welcher Zeit ist das Feuer entstanden?
11:45 [23:45 Uhr]
5. Welche Entstehungursache des Feuers kann angenommen werden?
voraussichlich Brandstiftung
6. Auf welche Weise erfolgt der Feuerlärm?
durch Alarmläutwerk und die Signalisten
7. Wer leitet das Oberkommando am Brandplatze?
Kommandant Raith Alfons
8. In welcher Zeit konnte der Brand als gelöscht betrachtet werden?
um 2 Uhr früh
9. Namen der am Brandplatz erschienenen Feuerwehren
F.F. Ottobeuren; 65 Frewillige, Zeit des Eintreffens 11:55 [23:55 Uhr] Mitgebrachte Geräte
Motorspritze, 1 Leiter, 3 Schlauchwagen, 1 Saug- und Druckop.
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Aus dem Bericht über die Generalversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Ottobeuren vom 11.03.1933 in der Ottobeurer Zeitung vom 13.03.1933 hieß es über Feuerwehr-Vorstand und Bürgermeister Adolf Fergg:
Aushändigung des Ehrenkreuzes an Feuerwehr-Vorstand Bürgermeister Fergg
Bezirksfeuerwehrvertreter Wiedemann [aus Benningen] gab seine Freude kund, daß Vorstand und Bürgermeister Fergg das Kommando tatkräftig unterstütze. Schon in der Jugend habe Bürgermeister Fergg die soziale Bedeutung und den Wert der Feuerwehr erkannt und in ihr aktive Dienste geleistet. Seit 1919 Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr Ottobeuren, sei er stets für die Belange der Feuerwehrsache eingetreten. 1923, unter den schwierigsten Verhältnissen, gab er seiner Wehr die beste Waffe im Kampf gegen das Element in die Hand, die Motorspritze, ein Großkampfgerät, das der Marktgemeinde zum Segen und denr ganzen östlichen Bezirk zum Vorteil ist. Die Verdienste von Bürgermeister Fergg fanden nun von höchster Stelle, dem Bayer. Landesfeuerwehrverband, Anerkennung durch Verleihung des Ehrenkreuzss für verdienstvolle Leistungen auf dem Gebiet des Feuerlöschwesens. Herr Wiedemann heftete das Ehrenkreuz in Rot-Emaille am weiß-roten Band dem Ausgezeichneten an die Brust mit den herzlichen Glückwünschen des Bezirks-Feuerwehrverbandes und im Auftrag des Bezirksamtsvorstands, Oberamtmann Kraus. Diese Auszeichnung soll nicht nur eine Ehrung des Vorstandes, sondern der ganzen Freiw. Feuerwehr Ottobeuren sein. Der Redner bat den Geehrten, noch lange zum Wohle des Nächsten und der Allgemeinheit im sozialen Dienste der Freiw. Feuerwehr zu wirken. Begeisterte Aufnahme fand ein dreifaches Hoch auf Bürgermeister Fergg.
Bürgermeister Fergg
dankte für die außerordentliche Ehrung dem Landesfeuerwehrverband und Bezirksfeuerwehrvertreter Wiedemann. Was ein Hauptmann ohne Kompagnie, das wäre ein Vorstand ohne Kommandant und Mannschaft. Redner führte weiter aus: Nur durch Ihre außerordentlichen Leistungen, die ich schon oft bewunderte, und wo Sie häufig selbständig Entschlüsse fassen mußten, waren die Erfolge möglich. Darum Ihnen die Ehre. Ich danke Ihnen als Vorstand und Bürgermeister für das treue Zusammenhalten und bitte Sie, der guten Sache die Anhänglichkeit zu bewahren.
Kommandant Raith
verlas das der Auszeichnung beigelegte und von Landesbranddirektor Egger unterzeichnete Schreiben, um anschließend das Hauptverdienst des Vorstands Fergg, die Beschaffung der Motorspritze, deren eigentlicher Vater er ist, zu würdigen. Am 8. März 1923, beim Brand des Wohnhauses von Bruckgerber Maier, bekämpfte die Wehr mit 7 Schlauchleitungen – einer bisher nie gekannten Zahl – das Element und es gelang unter größten Anstrengungen, des Feuers Herr zu werden. Die Katastrophe ließ in Bürgermeister Fergg den Gedanken reifen zur Beschaffung der Motorspritze und so verzeichnen wir deren Geburtsstunde in jener Brandnacht.
Der Bürgermeister hat nicht gerastet und geruht, leitete die schwierigen Verhandlungen mit den Magiruswerken und der Gemeinderat fuhr, um den Abschluß zustande zu bringen, nach Ulm. Dort wurde auch eine pferdebespannbare Motorspritze vorgeführt. Der damalige Gemeinderat Alois Hafner habe den Standpunkt vertreten, daß wenn schon ein Motor da ist, dieser auch die Spritze ziehen müsse. Die übrigen Herren pflichteten der Ansicht bei und sind durch Wahl der Auto-Motorspritze den Ereignissen und der Lage vorausgeeilt. Es wurde eine Spritze, wie sie ein Jahr zuvor nur Memmingen kaufte, erworben, und zwar zum Preis von 50 Millionen R M. Freilich wurde in der Bevölkerung viel kritisiert, aber der seinerzeit aufgekommene Name „Renomierspritze“ ist längst verschwunden. Selbst kleinere Gemeinden kauften in der Folgezeit Motorspritzen. Für Ottobeuren war übrigens die Motorspritze gerade recht eingetroffen, denn die Zahl der Brände häufte sich derart, daß damals der Feuerwehrdienst fast zum Hauptberuf wurde. Eine spätere Zeit wird über den Weitblick des Bürgermeisters und Gemeinderats entscheidend urteilen. Möge Vorstand Fergg das kleine Kreuzlein zu dein großen, das er als Bürgermeister hat, noch viele Jahre in Gesundheit tragen zum Wohle der Marktgemeinde. Die Rede beschloß ein dreifaches „Gut Heil“ auf den Geehrten.
(…)
Die Blechmusikgesellschaft unter Chorregent [Herrmann] Köbele verlieh dem Ehrenabend durch gute musikalische Darbietungen einen schönen, festlichen Rahmen. Sie begleitete auch das Deutschlandlied, das im Verlaufe des Abends aus dem Munde aufrichtiger Heimat- und Vaterlandsfreunde erklungen.
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Auf einem weiteren Foto ist die Familie Weitenauer an Ostern 1934 zu sehen. Ob das Ehepaar 12 Kinder hatte oder ob hier auch Bedienstete oder weitere Verwandte zu sehen sind, ist noch nicht geklärt. Die Namen werden demnächst eruiert. Wie es wirtschaftlich weiterging, wäre ebenso interessant wie ein Foto des Hauses zwischen 1936 und 1996.
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Im „Alphabetischen Straßenverzeichnis von Ottobeuren“ vom Januar 1951, in dem die alten mit den – bis heute gültigen neuen – Hausnummern verglichen wurden, steht in der Mühlbachstraße unter der (alten) Hausnummer 200 Kreszenz Höbel, Hausnummer 2.
Nach dem Brand 1933 kam es erst 1936 zu einem Neubau. Dieses Haus wurde 1996 abgerissen und 1998 durch einen Neubau ersetzt (in 2026: Familie Weiß).







