Marktgemeinde Ottobeuren
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02.01.- 31.03.1933 - Die Ottobeurer Zeitung des ersten Quartals 1933


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Die politische Zeitenwende aus der Weimarer Republik zur Machtergreifung Hitlers lässt sich auch am Beispiel der Ottobeurer Zeitung verfolgen. Am 1.1.1933 wird von den „Neujahrsempfängen beim Reichspräsidenten“ berichtet, die Titelschlagzeile vom 31.3.1933 lautet „Der Abwehrkampf gegen die jüdische Greul- und Boykotthetze“. Eine Entwicklung, deren Ausgang bekannt ist.

Am Abend des 21.3.1933 gab es auch in Ottobeuren eine „Vaterländische Kundgebung“ mit Fackelzug und 500 Teilnehmern. Zum Abschluss heißt es (Ausgabe 22.3.1933, S. 7; pdf-Seite 573):
Die Musikkapelle Gebbert intonierte das Horst-Wessel-Lied, SS-Führer Kraus forderte zu einem Sieg-Heil auf Generalfeldmarschall Reichspräsident Hindenburg und Reichskanzler Hitler auf. Ueber den weiten Marktplatz klang dann noch das Deutschlandlied - begleitet von der Blechmusikgesellschaft - als würdiger Abschluß der eindrucksstarken Kundgebung.

Am 12.3.1933 wurde in Ottobeuren eine Ortsgruppe des Stahlhelm gegründet. (kurze Meldung in Ausgabe 13.3.1933, S. 7; pdf.-S. 507; allg. Info: siehe Wikipedia)

Das Wahlergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in Ottobeuren wurde am 6.3. in der Ottobeurer Zeitung abgedruckt (die Ergebnisse der Wahl vom 6.11.1932 in Klammern):
Wahlberechtigte: 1935. Gewählt haben 1707, darunter eine beträchtliche Zahl mit Stimmscheinen. (Letztmals wählten von 1921 Berechtigten 1529.)
Nationalsozialisten 666 (393), Sozialdemokraten 112 (121), Kommunisten 10 (11), Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 57 (29), Bayer. Volkspartei 690 (711), Deutsche Volkspartei 8 (16), Bayer. Bauern- und Mittelstandsbund 151 (213).

War die Ottobeurer Zeitung „ein braunes Blatt“? Es finden sich etliche Artikel, die Stimmung gegen das Ausland machen, und das noch deutlich vor Beginn der sog. „Gleichschaltung“:
Am 2.1.33, S. 4:
Auf S. 4 wird erklärt, was England unter „Jugendertüchtigung“ versteht: Bereits „Halbwüchsige“ seien „mit richtigen Gewehren feldmarschmäßig ausgerüstet“. (Passend dazu, pdf-S. 151, mit Bild: Russlands „Jugend wird militärisch ausgebildet
Wie man in unserem Bild ersieht, wird in Sowjetrußland sogar die Jugend systematisch im Waffengebrauch unterrichtet und lernt auch die Bedienung des schweren Maschinengewehrs.“)
Das Blatt berichtet über eine „Zunahme des Verbrechertums“, „Der Schmuggel blüht“. Der österreichische Bundespräsident Niklas antwortete auf ein Glückwunschtelegramm des Reichspräsidenten von Hindenburgs „im Geiste brüderlicher Verbundenheit“. (s. auch: Beitritt der Marktgemeinde zum „Österreichisch-Deutschen Volksbund e.V.“

Am 10.01.1933 (pdf S. 47) gibt es eine Zusammenfassung zum „Ruhrkrieg“ („ewiges Schandmal für Franzosen und Belgier“), große Aufmachung dazu auch S. 54); auf S. 61: Zum 10. Jahrestag der französischen Besetzung „Flammenzeichen am ganzen Rhein“ („Erinnerungsfeuer“ u.a. durch die verschiedenen Stahlhelm-Ortsgruppen).

Aber dies waren alles Vorgänge, die sich oft mit dem Gedankengut der Bevölkerung deckten (s. Wahlergebnisse). Wahlwerbung findet sich fast ausschließlich vom Bayerischen Bauern- und Mittelstandsbund, nicht eine einzige der NSDAP. Gleiches gilt für Wahlveranstaltungen, des BBM, die ausführlich besprochen werden.

In der regionalen Berichterstattung wird es nur einmal richtig politisch (pdf-Seite 225):
Bezirk und Schwaben
Kommunistische Demonstrationen
Kempten, 3. Febr.  Der Fackelzug der nationalsozialistischen Verbände vollzog sich in voller Ordnung. Kommunisten forderten zu einer Gegendemonstration durch Flugblätter auf. Die Flugschriften wurden konfisziert. Der kommunistische Demonstrationszug wurde durch den Reichskommissar verboten. Von Augsburg rückte ein Verstärkungskommando ein. Die Kommunisten versuchten aber trotzdem einen Demonstrationszug durchzuführen und den Fackelzug der Nationalsozialisten und des Stahlhelms zu stören. Ein Kommunist wurde verletzt, drei wurden verhaftet. Der für Sonthofen geplante Demonstrationszug der Kommunisten unterblieb. — In Blaichach sammelten sich zahlreiche Menschen auf der Hauptstraße an. Die Polizei forderte zum Weitergehen auf und konnte ohne jeden Zwischenfall die Straße räumen. — In Immenstadt rotteten sich zahlreiche Neugierige auf dem Marktplatz zusammen. Landespolizei, Gendarmerie und Schutzmannschaft hielten die Massen in Fluß. 8 Personen mußten in Schutzhaft genommen werden, weil sie der Aufforderung zum Weitergehen keine Folge leisteten bezw sich tätlich widersetzten. Vereinzelt ertönten „Hunger!“- und „Nieder mit Hitler“-Rufe. Schließlich wurde der Marktplatz polizeilich geräumt, die Zugangsstraßen zum Marktplatz wurden abgeriegelt.

In der Zeitung findet sich ein starker kirchlicher Bezug. Es wird regelmäßig erklärt, was es mit diesem oder jenem Heiligen oder kirchlichen Feiertag auf sich hat. Die Gründung des Katholischen Gesellenvereins in Ollarzried oder die Eröffnung des Heims des Katholischen Jungmädchen-Vereins nehmen breiten Raum ein.
Die Abtei taucht selten auf: Einmal ein Pontifikalamt mit Abt. Dr. Maria Einsiedler (pdf-S. 300):
Aus Anlass der 11. Jahrestag der Thronbesteigung durch Papst Pius XI. wurde in der Basilika durch Abt. Dr. Einsiedler ein Pontifikalamt zelebriert.

Über die Franziskanerinnen, deren Oberin abberufen wurde (15.2.1933, pdf-S. 315:) steht zu lesen:
Abberufung der Oberin der hiesigen Filiale des Klosters der Franziskanerinnen in Dillingen, die ehrwürdige Frau M. Richmonda Konle wurde – nach 25 Jahren in Ottobeuren – ins Kloster Maria Medingen bei Wittislingen versetzt. Sie war in ihrer Ottobeurer Zeit (10 Jahre als Chorschwester, 15 Jahre als Oberin) „den armen und verwaisten Knaben an der Kreiserziehungsanstalt eine unermüdliche und mütterlich sorgende Schutzbefohlene“.

Durchaus spannende und ungewöhnliche Meldung; am 18.3.33 heißt es in eigener Sache: Die Memminger Zeitung und die Ottobeurer Zeitung, die auf streng nationaler Grundlage stehen und keinen einseitigen Parteistandpunkt einnehmen, bieten ihrem Leserkreise jede Gewähr für sachliche und gründliche Information auf allen Gebieten.
Aufhorchen lässt eine Annonce im Stil einer Danksagung für „das plötzliche Hinscheiden des Bayerischen Bauernbundes im Bezirk Memmingen“ (pdf-S. 457). Am 6.3.1933 heißt es am Rande der Wahlergebnisse:
Dem „Allg. Beobachter“ und den hiesigen Nationalsozialisten, die uns gestern auch sonst mit einigen „Ehrungen“, die wir aber leider nur als kindisch bezeichnen können, bedachten, sprechen wir hiefür tiefgerührt unseren besten Dank aus und erklären uns zu Gegendiensten jederzeit gerne bereit.

Am 2. März findet sich ein „Wahlaufruf des Bauernbundes“ Titelschlagzeile auf S. 1. Über Wahlversammlungen des Bauern- und Mittelstandbundes wird ausführlich berichtet.

Die wirtschaftliche Lage: Am 11. Januar wird von 5,773,000 Arbeitslose im Reich berichtet. Die Allgäuer Milchbauern standen vor dem Ruin. Die großen Ereignisse, von der Auflösung des Reichstages, über den Reichtagsbrand oder die Wahlen vom 5. März 1933, sind bekannt. Unser Fokus soll mehr auf den lokalen Ereignissen liegen. Auch hier scheint die große Politik durch. Gleich am 2. Januar heißt es auf Seite 8:
Der Ottobeurer Theaterverein gab im Postsaal einen Bunten Abend. Vorstand Peter Rinderle hieß das „überaus zahlreiche Publikum herzlich willkommen“. (...) „Er entbot allseits ein 'Glücklich 1933', den Wunsch verknüpfend, es möge bald ein neues Morgenrot den Horizont zieren und unser Vaterland in neuem Glanz erstehen.“ Am Ende der Beschreibung des Abends hieß es zur „Letzten Programmnummer: ein Soldatenlieder-Potpourri schneidig gespielt. Wer einst dabei war, den riß es einfach mit.“

In den Lichtspielen lief erneut das „historische Filmwerk Tannenberg“, ein „wuchtiges, nervenaufpeitschendes und außerordentlich spannendes Monumentalwerk“. „Ein Film von eindrucksvoller Größe, der die ehemaligen Frontsoldaten sowie die Jugend in starkem Maße fesseln wird, und den anzusehen niemand versäumen sollte.
Die Filmankündigung weist auf ein weiteres Ereignis wenige Monate später: Kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde der Ottobeurer Marktplatz in „Hindenburgplatz“ umbenannt. Über dem Eingang der Knabenschule (heute: Eingang ins Haus des Gastes) wurde zu Ehren Hindenburgs – dem „Held von Tannenberg“ – eine Bronze-Plakette eingelassen.

Zur lokalen Erwerbslosen-Statistik heißt es: „In Ottobeuren betraf die Zahl der Erwerbslosen-Unterstützten am 31. Dez. 1932: 90 (30. November: 58). Anerkannte Wohlfahrtsunterstützte: 11 (30. Nov.: 8).“ Verglichen mit der Zeit vor dem 1. Weltkrieg fällt auf, dass relativ wenig Werbung geschaltet wird. Im Wesentlichen sind es Annoncen für Fastnachtsveranstaltungen und Schlacht-Partien.

Weitere statistische Angaben:
Mittwoch, 11.01.1933, S. 7 (pdf-S. 63): Statistik des Standesamtsbezirks Ottobeuren (einschließlich der Gemeinden Betzisried, Guggenberg und Haitzen) für das Jahr 1932. Geburten: 69 (1931: 77), Eheschließungen: 20 (1931: 26), Sterbefälle: 55: (1931: 72), davon treffen auf die Gemeinde Ottobeuren: Geburten: 41 (Knaben 23, Mädchen 18), Eheschließungen: 13, Sterbefälle: 37 (männlich 20, weiblich 17).

17.01.1933, S. 7 (pdf-S. 103)
Ollarzried. (Standesamtliches.) Im vergangenen Jahr wurden folgende Eintragungen ins standesamtliche Register gemacht: Geburten 5, Eheschließungen: 2, Sterbefälle 5.

Die Ausrichtung der Ottobeurer Zeitung auf die Landwirtschaft zeigt sich in vielen Berichten über die große Not gerade der heimischen Milchbauern und Käseproduzenten. Auch über die vom Kloster Ottobeuren betriebene Landwirtschaftsschule wird immer wieder berichtet. Wir lernen, wie der Fortschritt auch in der Landwirtschaft Einzug hält:
18.01.1933, S. 7 (pdf-S. 111)
Lehrausflug der Landwirtschaftsschule. Die Schüler des 2. Kurses der Landwirtschaftsschule Ottobeuren unternahmen Dienstag nachmittag unter Führung von Herrn Landw.- Assessor Lindner einen Lehrausflug nach Hetzlinshofen. Dort bot sich im Landwirtschaftsanwesen Fischer Gelegenheit, Melkmaschinen praktisch im Betrieb zu sehen.

(pdf-Seite 262):
Von der Landwirtschaftsschule. Gestern Dienstag unternahm der 2. Kurs der Landwirtschaftsschule Ottobeuren einen Lehrausflug nach Hawangen. Es wurde dort das bekanntlich nach den neuesten Grundsätzen der Hygiene und Technik eingerichtete Milchwerk besichtigt. Betriebsleiter Essenwanger hatte in freundlicher Weise die Führung übernommen. Nach leiblicher Stärkung im Gutterschen Gasthaus trat man befriedigt den Heimweg an. – Der 1. Kurs (mit Herrn Landw.-Assessor Stahl) machte einen Rundgang im Betrieb der Hirschbrauerei (Bes. Max Graf).
15.2.1933 (pdf-Seite 315):
Lehrausflug der Landwirtschaftsschule Ottobeuren. Dienstag nachmittag führte ein Lehrausflug dis beiden Kurse (unter Führung der Herren Assessoren Stahl und Lindner) nach Eheim. Bei Herrn Adolf Schlichting besichtigte man Mühle, Elektrizitätswerk, Landwirtschaftsbetrieb und Sägewerk, im Kraus'schen Hofe die Stallungen. Auf dem Rückmarsch wurde das nach dem Brandunglück vor zwei Jahren neu aufgebaute Anwesen des Herrn Johann Petrich in Betzisried in Augenschein genommen. – Unterwegs fand auf verschiedenen Grundstücken eine Prüfung der Bodenverhältnisse statt. – Das Schuljahr 1932/33 geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen. Die Schlußprüfung ist für Freitag, 10. März, angesetzt. Das alljährliche Preisschießen der Landwirtschaftsschüler wird am Montag, 20. Februar, auf der Schießstätte der Feuerschützengesellschaft abgehalten.

Die lokale Berichterstattung erschöpft sich oft in der Bekanntgabe des ärztlichen Notdienstes oder in der Beschreibung des Kinoprogramms. Aus dem Gemeinderat wird nur einmal berichtet:
Sitzungsbeschlüsse des Marktgemeinderats Ottobeuren vom 27. November und 20. Dezember 1932
Der Gemeinderat nimmt von dem seitens des Bezirksamtes Memmingen unterm 13. Dezember 1932, Nr. 6634, mitgeteilten Bedingung Kenntnis, wonach die Beteiligung der Gemeinden an der Wohlfahrtshilfe des Reiches stattfindet.
Die Kultur- und Fällungsanträge für 1933 dienen zur Kenntnis. Erinnerungen werden nicht erhoben.

Der Fuhrlohn für Kiesfuhrwerke wird wie folgt festgesetzt: a ) für die Zeit vom 1. April bis 1. Oktober 19 RM. (ab 6 Uhr morgens), b) für die Zeit vom 1. Oktober bis 31. März 8 RM. (ab 7 Uhr morgens).

Ein Gesuch des Obstbaumwartes Johann Görpel, dahier, um Zulassung für die gemeindlichen Arbeiten wird in dem Sinn stattgegeben, daß in der Verteilung anfallender Arbeiten nach einer Anweisung abgewechselt wird. Dem Gesuchsteller ist hievon Kenntnis zu geben.

Bürgermeister Fergg gedachte nunmehr in der Sitzung in geziemenden Worten der Anerkennung des anläßlich eines am 19. Dezember erfolgten schweren Explosionsunglücks tödlich verunglückten Gemeinderatsmitgliedes Magnus Sailer, der seit der letzten Gemeindewahlperiode dem Marktgemeinderat angehörte, und hob dabei hervor, mit welchem Ernst und welcher Gewissenhaftigkeit Sailer dieses Ehrenamt in so schwerer Zeit bekleidete. Der Marktaemeinderat werde ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Er erhob sich hierauf von den Sitzen.
Für den durch Tod abgegangenen Magnus Sailer tritt auf Grund der letzten Gemeinderatswahl der Landwirt und Maurer Xaver Waldmann in den Marktgemeinderat ein. Waldmann wurde hievon rechtzeitig verständigt und zur heutigen Sitzung geladen. Er hat die Wahl angenommen, worauf die Verpflichtung des Waldmann auf die gewissenhafte Ausübung seines Amtes als Gemeinderatsmitglied seitens des 1. Bürgermeisters durch Handschlag erfolgte.

Vom hiesigen Turnverein wird Klage darüber geführt, daß bei Benützung der Turnhalle durch die hiesigen Schulen mit schmutzigen Schuhen geturnt werde. Durch Beschaffung von Turnschuhen und dergl. soll diesem gefundheitsschädigenden Zustand Abhilfe geschaffen werden. Es wird beschlossen, mit den hiesigen Schulleitungen hiewegen ins Benehmen zu treten.

Weniger harmlos scheint die Verlautbarung des Ottobeurer Bürgermeisters Adolf Fergg zu sein, er werde sein Gehalt nochmals kürzen. Zitat aus der Ausgabe vom 31.3.1933:
Gemeindliches. Vor Eintritt in die Tagesordnung der letzten Gemeinderatssitzung teilte 1. Bürgermeister Fergg dem Gemeinderat mit, daß er nochmal seinen Gehalt freiwillig um rund 500 RM senke. Damit habe er den Gehalt innerhalb eines Jahres um rund 1000 RM reduziert u. stehe jetzt auf dem Friedensgehalt seines Vorgängers, des Bürgermeisters Frey. Er mache dies in Erwägung, daß er als ehrenamtlicher Bürgermeister die moralische Pflicht habe, sich der finanziellen Lage der Gemeinde anzupassen.

Überregional findet das verheerende Explosionsunglück von Neuenkirchen (im Saarland) mit 68 Toten starkes Interesse. Es wirft die Frage auf, ob die 1912 und 1914 erbauten Memminger Gaskessel (mit einem Fassungvermögen von zusammen 3500 m³) ebenfalls explodieren könnten. Das wurde verneint, weil sie nach dem sog. „nassen System“ arbeiten würden.

So manch kuriose Meldung ist lesenswert:
19.01.1933, S. 5 (pdf-S. 117):
Bad Wörishofen. (Eine kleine Hexengeschichte.) Daß der Hexenglaube in unserem „aufgeklärten“ Zeitalter noch nicht ausgestorben ist, beweist so manche Begebenheit in der jüngsten Zeit. Da liest man von jenem Stück, dort von einem anderen, irgendwo wieder haben gerissene Gauner und Zigeuner die Leichtgläubigkeit der Leute schändlich ausgenützt und Kapital aus einem plumpen Schwindel geschlagen. Im gegenwärtigen Falle, der sich in einem Orte ganz nahe bei Bad Wörishofen abgespielt hat, handelt es sich um eine harmlose Angelegenheit, bei welcher niemand zu Schaden gekommen ist. In einem Stalle ging es angeblich nicht ganz sauber her, und was war das Nächste, als einer Hexe die Schuld zuzuschreiben. Wohl ausgerüstet, versuchten einige handfeste Männer, der vermeintlichen Hexe den Garaus zu machen. Bei Eintritt der Dunkelheit nahmen sie im Stall in einer Ecke Stellung und warteten nicht wenig gespannt der Dinge, die sich mit Eintritt der Geisterstunde abspielen sollten. Es schlug 12 Uhr, aber nichts rührte sich, kein Geist wurde sichtbar. Die ganze Aufregung war umsonst, weil es eben keine leibhaftigen Hexen gibt.

25.01.1933, S. 8, (pdf-S. 162)
Das Tragen von Sensen mit ungeschützter Schneide auf Fahrrädern. Im Interesse der bedrängten Landwirtschaft sei jetzt schon darauf hingewiesen, daß nach den Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung und den Unfallverhütungsvorschriften der landw. Berufsgenossenschaften das Tragen bezw. Mitnehmen von Sensen mit ungeschützter Schneide auf Fahrrädern verboten ist. Es hat das Nichtbeachten dieser Vorschrift empfindliche Geldstrafen im Gefolge. Außerdem kann ein derartiger Unfall bei den gegenwärtigen notverordnungsgemäßen Einschränkungen der Versicherungen schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Das Unfallregister spricht eine deutliche Sprache dieser Unsitte. Es empfiehlt sich daher, dieser Unsitte und der damit verbundenen Gefahr vorzubeugen und den Mangel nach der gegebenen Möglichkeit zu beheben.

Unfälle mit Kfz gab es auch damals schon:
20.01.1933, S. 7 (pdf-S. 127)
Auto-Zusammenstoß. Ein Auto-Zusammenstoß, der im Augenblick vor dem Geschehen schlimm zu werden schien, verhältnismäßig aber gut abging, ereignete sich Donnerstag nachmittag 2 Uhr auf der Memmingerstraße (gegenüber der Gastwirtschaft „Zum Ochsen“). Das von der Allee her kommende Lastauto des hiesigen Trockenmilchwerks überholte bei der Kurve am Oelberg zwei Radfahrer und hielt dadurch etwas links der Fahrbahn. Zur gleichen Zeit kam ein Münchner Personenauto (eine bereits neue Limousine) entgegen statt auf der rechten Straßenseite in der Mitte bezw. fast links fahrend. Ein Zusammenstoß war dadurch unvermeidlich. Das Lastauto streifte die linke Seite des Personenwagens, und beschädigte dabei dessen Trittbrett und Schutzblech. Personen wurden bei dem Unfall zum Gluck nicht in Mitleidenschaft gezogen.

(22.02.1933) Autlerpech. Am Dienstag nachmittag nahm ein auwärtiges Personenauto die Kurve von der Günzbrücke zur Bahnhofstraße zu knapp und kam, da es auch keine Schneeketten hatte, gegenüber der Gerberei Maier ins Schleudern. Der Wagen stieß am Bachgeländer aus; dieses widerstand zum Glück die Attake [Attacke]. Nur das Schutzblech hat einen „Knaks“ [Knacks] abbegkommen. Mit Hilfe von Straßenpassanten wurde das Auto wieder in die richtige Fahrbahn gebracht.

Der Winter machte dem Verkehr mit hohen Schneemengen zu schaffen. Wir lesen von der Konkurrenz Schiene - Straße (Strecke Ottobeuren-Memmingen):
Verkehrsstörungen. Infolge Schneeverwehungen konnte gestern Mittwoch die Morgen- und Mittagfahrt auf der Auto-Omnibus-Linie Ottobeuren – Memmingen nicht durchgeführt werden. Mittags fuhr der Omnibus zwar weg, mußte aber halbwegs wieder umkehren. Besonders stark verweht ist die Hochstraße zwischen Bennigerwald und Kellerberg. Im Laufe des Tages trat der Schneepflug in Aktion.
Abends wurden die Fahrten auf der Omnibuslinie in beschränktem Umfang (mit kleineren Wagen) wieder aufgenommen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen wird die Eisenbahn – hauptsächlich wegen der Postbeförderung wieder mehr geschätzt. Das „Zügle“ hat sich gegenüber den „auftürmenden Hindernissen“ wacker gehalten. Leider kommt bei uns die Bahn für den Personenverkehr wenig mehr in Frage. Man kann sie untertags bekanntlich nicht benützen. Die schwäbischen Lokalbahnen verkehren seit Inkrafttreten des Winterfahrplans   je nur einmal am Morgen und Abend. Sonst ruht der Betrieb: „Mir hant allaweil koin Dampf meh'!“ — Bei der Auto Omnibuslinie sind die Störungen bereits behoben und werden heute Donnerstag wieder die regelmäßigen Fahrten ausgeführt.

Im Ottobeurer Wirtschaftsleben gab es die ein oder andere Veränderung:
21.01.1933, S. 7, (pdf-S. 135 und Inserat 136)
Geschäftsübernahme. Herr Eugen Schrodi, der die Gärtnerei der Witwe Buchenberger käuflich erworben hat, zeigt die Uebernahme im Inseratenteil der heutigen Nummer empfehlend an. Zur Gärtnerei siehe den OMG-Artikel.  

Mit der Verbesserung der Versorgung mit Lebensmittel befasst sich die Ottobeurer Zeitung hier:
pdf-244, längerer Artikel: Wie sich der Obstabau im Bezirk Memmingen gestalten muß?
(auch 254, mit konkreten Empfehlungen von Sorten)

Todesfall. Nach kurzer, schwerer Krankheit mit einem Schlagfluß im Gefolge verschied Donnerstag abend 6.45 Uhr Herr Karl Held, Besitzer der Gastwirtschaft zum „Goldenen Stern“. Die Trauernachricht kommt allgemein überraschend, wußte man Herrn Held doch noch in allerletzter Zeit froh und guter Dinge im Wirtschaftsbetrieb tätig. Mit der Gattin trauert eine Tochter um den allzu frühen Heimgang des treubesorgten Vaters. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 57 Jahren und überlebte seinen Vater nur um 10 Jahre.
Sein Bruder Max starb bereits 1907. Im Vorjahre konnte der Heimgegangene mit seiner Gattin noch das 25jähr. Ehejubiläum feiern. Held war auch Kriegsteilnehmer von 1914 bis 1918. Die Beerdigung findet am Sonntag. 29. Januar, mittags 1 Uhr,  der Trauergottesdienst am Montag, 30. Jan., vormittags 9 Uhr, statt.
Ein wunderbares Bild des Stern siehe eigener OMG-Artikel.

Vom Hörensagen soll es auch in Guggenberg ein Lokal gegeben haben. In der Ottobeurer Zeitung findet sich erstmals ein kleines Hinweis. Gleichzeitig weist ein Folgeartikel darauf hin, wie oft die Menschen ein früher Tod traf:
Guggenberg. (Fastnacht.) In der Gastwirtschaft Laubaucher ist heute Samstag und morgen Sonntag Fastnacht.
(Im Zusammenhang mit Laubachers, pdf-Seite 211):
Guggenberg. (Todesfall.) Hier starb unerwartet die 23jährige Tochter Anna der Gastwirtseheleute Laubacher. Den Hinterbliebenen, die innerhalb weniger Montate nun zum zweiten Mal ein schwerer Schicksalsschlag getroffen, unser herzliches Beileid. Die Beerdigung findet am Freitag, 3. Februar, vormittags ¾10 Uhr, der Trauergottesdienst darauffolgend statt.
(pdf-Seite 254, Danksagung)

Wo heutzutage regelmäßig über goldene Hochzeiten berichtet wird - ungewöhnlich sind eher 60 und 65 Jahre -, war damals selbst eine Silberhochzeit ein Artikel wert:
219:
Betzisried. (Silberhochzeit.) Am Samstag, 4. Februar, begeht Herr Bürgermeister Theodor Petrich in  Oberhaslach mit seiner Gattin, Josefa, geb. Schaule, das Fest der Silberhochzeit. Herzlichen Glückwunsch!

Interessant ist der Artikel über die ambulante Krankenpflege, eine Einrichtung, die es auch heute noch gibt - wenn auch in anderer Trägerschaft:
Verein für ambulante Krankenpflege Ottobeuren
Dieser Verein hat im abgelaufenen Jahre durch seine beiden Pflegeschwestern wieder äußerst segensreich gewirkt. In 198 Nachtwachen und 3016 Tagesbesuchen pflegten die Schwestern liebevoll 60 Kranke, nämlich 19 Männer, 32 Frauen, 8 Fräulein und 1 Kind. Welche Wohltat die Uebernahme eines großen Teiles der Krankenpflege durch die sachkundigen und opferwilligen, nur um Gotteslohn arbeitenden Hände der barmherzigen Schwestern sowohl für die Kranken selbst als auch für deren Angehörigen bedeutet, wissen alle diejenigen recht gut, welche dieselben in Anspruch zu nehmen schon in der Lage waren. Die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit, ja  Notwendigkeit des am 1. Juli 1931 gegründeten Vereins für ambulante Krankenpflege einsehend, traten ihm schon bei der Gründung 537 Mitglieder bei Derzeitiger Mitgliederstand 553. (Vom 1. Januar 1908 bis 1. Juli 1931 war die ambulante Krankenpflege dahier durch die Gemeinde- bezw. Ortsfürsorgekasse finanziert worden, was jedoch in Anbetracht der ungünstigen finanziellen Verhältnisse der Marktgemeinde nicht mehr länger möglich erschien.) Der Jahresbeitrag von 2 RM. Wird halbjährlich eingehoben. Für Mitglieder geschehen bekanntlich alle Tagesbesuche unentgeltlich; auch die ersten drei Nachtwachen im Jahre sind frei, die weiteren werden mit je 1 RM. berechnet. Bei manchen Kranken machte im vergangenes Jahre eine Schwester täglich einen, zuweilen auch zwei und mehr, im ganzen also mindestens 365 Tagesbesuche, ohne daß hiefür satzungsgemäß eine Bezahlung zu leisten war. Auch Nichtmitgliedern kann, wenn Schwestern zur Verfügung stehen, Krankenpflege gewährt werden; sie haben aber für jeden Tagesbesuch 50 Pfennig, für jede Nachtwache 2 RM. zu bezahlen. Jedenfalls ist der Beitritt zum Verein für ambulante Krankenpflege sehr zu empfehlen. Wer ist vor Erkrankung sicher? Und wer vermag den Kranken so gute Pflege zu bieten wie die barmherzigen Schwestern? An der Spitze des Vereins für ambulante Krankenpflege steht H. H. Pfarrer P. Maurus, dem wir überhaupt das Zustandekommen dieser außerordentlich wohltätigen Einrichtung zu verdanken haben.

Eine andere Art von Fürsorge war die Kinderbewahranstalt, über die ein längerer geschichtlicher Artikel erschien (pdf-235). Im Kloster wurde für die Anstalt ein neuer Saal eingeweiht (pdf-245).

Was war sonst noch berichtenswert? (pdf-S. 269):
Der Flugsport-Verein Ottobeuren wurde am 25.1.33 als ordentliches Mitglied in den DLV (Deutscher Lufsport-Verband) aufgenommen.
(pdf-S. 270): Werbung TSVO zum Turner-Ball

Eine lange Tradition in Ottobeuren (pdf-S. 353): der Kinderfasching im Café Hasel. Er wird wie folgt angekündigt: „Kinderkränzchen. Im Café Hasel findet am gumpigen Donnerstag das alljährliche Kinderkränzchen statt. Die bunte Maskenschau der Kleinen und lustige, dem kindlichen Gemüt entsprechende Darbietungen haben immer viel Spaß bereitet.“ (Einladung siehe Inseratenteil. Pdf-S. 354)

Die älteren Ottobeurer wissen, dass es im Ämtergebäude mal eine Polizeidienststelle gab. Was vermutlich keiner mehr weiß: Dort war sie offensichtlich erst ab Februar 1933:
22.02.1933, S. 7 (pdf-S. 369):
Verlegung der Gendarmeriestation. Die Diensträume der Gendarmeriestation Ottobeuren, bisher im Geschäftshaus des Darlehenskassenvereins in der Bahnhofstraße, befinden sich am 1. März im Gebäude des ehemaligen Amtsgerichts.

Hierfür waren die Ottobeurer Polizeibeamten z.B. nötig:
Vorsicht bei Annahme von Papiergeld! Ein in den 30er Jahren stehender Mann kaufte am Montag in einem hiesigen Schuhwarengeschäft, weo er sich als Reisevertreter einer Versicherungsgesellschaft ausgab, ein Paar Schuhe. Der Fremde bezahlte die Frau des Meisters mit einem 50 Mark-Schein und ließ sich den Restbetrag von 39 Mark herausgeben. Kurz nach dem Weggang fiel der Geldschein als Falsifikat auf. Alles Suchen nach dem Käufer – auch die Gendarmerie stellte sofort Erhebungen an – war umsonst. Der Herr Vertreter war verschwunden. Zweifellos ist der 50 Mark-Schein in betrügerischer Absicht verausgabt worden.

Abschließend zum Inhalt dieses Quartals: Über den Künstler Josef Bareth hat Reinald Scheule für die Heimatdienst-Kolumne im Ottobeuren Life berichtet. Über Bareth erschien ein Nachruf:
(pdf-S. 581): Bericht von der Beerdigung des „Bildhauers und Heimatdichters“ Josef Bareth, besser bekannt als „Josef von der Günz“.

Der Zeitungsband wurde dankenswerterweise von Walter Fackler zur Verfügung gestellt. (Seine Frau war eine gebürtige Werner und Schwester von Drucker Max Werner.)
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1864 muss die „Memminger Zeitung“ erstmals erschienen sein. Die „Ottobeurer Zeitung“ vom 02.01.1933 nimmt auf Seite 7 darauf Bezug („Wir beginnen unseren 70. Jahrgang“). Leider wird nicht näher erklärt, ob auch der Ottobeurer Ableger so alt ist bzw. ob die Ottobeurer Zeitung geg. das „Ottobeurer Tagblatt“ ablöste, das seit 1898 erschienen war. Das „Ottobeurer Volksblatt“ (von 1821-1909: „Ottobeurer Wochenblatt“) dürfte noch bis 1941 erschienen sein. Einzelausgaben der Ottobeurer Zeitung sind ab Anfang der 1920er Jahre bekannt.
Buchdruckerei Max Werner, Bahnhofstraße 95
Ab 1951: Hausnummer 32 (Josefa Schmid), Max Werner wird auf Hausnummer 95 1/7 erwähnt (neue Hausnr. 34; 2017 findet sich – im Hause Fackler – das Büro der Stiftung KulturLandschaft Günztal)