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15.06.1910 - Schwere Hochwasserschäden im Allgäu, Günzbrücke in Ottobeuren weggerissen; Erdbeben in Ottobeuren am 14.07.1910


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Das Thema Hochwasser zog sich das ganze Jahr 1910 über durch das Ottobeurer Volksblatt. Ende Januar wurden aus Paris verheerende Überschwemmungen gemeldet, am 9.2.1910 im württembergischen Jagsttal, Anfang März richteten das Hochwasser der Maas in Belgien „ungeheuren Schaden“ an („seit dem Jahre 1880 nicht mehr erlebt worden“), am 27.04.1910 machte die Morawa Schlagzeilen („Hochwasserkatastrophe in Serbien“), am 15. Mai 1910 erwischte es dann Bayern. In Ottobeuren wurde „die hölzerne Günzbrücke unterhalb dem Sägewerk des Herrn Schaber“ weggerissen. Gemeint sein könnte die Brücke, die heute die Sudetenstraße und den Mühlberg verbindet. Schwer betroffen waren insbesondere die Orte des südlichen Allgäus (Oberstdorf, Sonthofen etc.). Das Bild vom St. Mangplatz in Kempten („Schreckensnacht an der Iller“) vom 15.06.1910 steht stellvertretend für die Ereignisse.

Auswirkungen hatte die Verheerungen noch lange. Neben staatlicher Hilfe organisierte man auch Spendensammlungen, die allerdings nicht die erhofften Summen einbrachten. Es wurde Klage darüber geführt, dass aus dem Ausland „kein Pfennig nach Deutschland geflossen“ sei; wobei nicht erwähnt wird, ob denn Deutschland in Frankreich, Belgien oder Serbien geholfen hat. Und gleichzeitig sammelte und spendete man für ein „König Ludwig II.-Denkmal“.
Betroffene Orte wurden von den jährlich stattfindenden Militärmanövern freigestellt, an etlichen Stellen halfen Soldaten bei der Beseitigung der Schäden. Am 3. November 1910 schließlich wurde mit Josef Jehle ein Ottobeurer Soldat für seine Verdienste aufgezeichnet. Und schon drei Tage später wurde wiederum ein Günz-Hochwasser gemeldet, das aber anscheinden glimpflich ausging.

Die Meldungen, die im Zusammenhang mit den diversen Hochwasser-Ereignissen stehen, wurden durch einige weitere Zeitungsartikel ergänzt – einfach weil sie interessant („die Einführung der Weltsprache Esperanto“), kurios („Studentenkrawall in München“ / das „Aufsatzthema bei der Abschlussprüfung der Realschule Kaufbeuren“ / „Protestversammlung gegen den Pflasterzollunfug“) oder auch schockierend („die Judenausweisungen aus Rußland“ ) sind und ein Gesamtbild der Zeit ergeben.

Hier geht es zu einem der vermutlich schlimmsten Hochwasser-Ereignisse in Ottobeuren (29./30. Juli 1789). Und passend zum Thema wurde am 01.03.2018 mit den baulichen Vorbereitungen zum Bau des Hochwasserdammes südlich von Eldern begonnen.

Ottobeurer Volksblatt vom 16.06.1910, S.2 (pdf 316)
Lokales und aus dem Kreise.
Ottobeuren, 15. Juni 1910.
Das Hochwasser unserer Günz hat die Holzbrücke unterhalb dem Sägewerk des Herrn Schaber heute vormittag weggeschwemmt als gerade ein Fuhrwerk darüber fuhr. Nur mit großer Mühe gelang es den vorbei gehenden Passanten das Fahrzeug den hochgehenden Wellen zu entreißen. Mögen unsere Fluren vor gemeldeten, ähnlichen Überschwemmungen bewahrt bleiben!
[Auf dem Ortsplan von 1876 ist am Mühlberg noch keine Günzbrücke eingezeichnet.]

Die Einführung der Weltsprache Esperanto hat in Deutschland, wie uns von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, auch in den ersten vier Monaten ds. Js. bedeutende Fortschritte gemacht. Es würden nicht nur eine Anzahl neuer Esperanto-Vereine gegründet und in fast allen bedeutenden Orten Esp.-Unterrichts- und Übungskurse begonnen, sondern es war auch die Aufnahme des Esperanto in das Lehrprogramm zahlreicher Schulen, (…)  

Kempten, 15. Juni. Die vergangene Nacht war für die Bewohner an der Iller eine Schreckensnacht. Gestern mittags 3 Uhr zeigte der Pegel 2 Meter 50 Zentimeter, abends 6 Uhr 2 Meter 80 Zentimeter und heute früh 7 Uhr 4 Meter 10 Zentimeter über 0, eine Höhe die das Wasser seit 1901 nicht mehr erreicht hat. Der Betrieb in der Schachenmayerschen Papierfabrik mußte vollständig eingestellt werden. Die an der Iller liegenden Häuser Y 1 und 2 mußten auf Anordnung der Polizei von den Einwohnern verlassen werden und wurden zum Teile ausgeräumt. Die Kaufbeurer- und Füssener-Straße sind teilweise unter Wasser und der Verkehr dortselbst ist bedeutend gehemmt. Die Keller, der in der Brennergasse, sowie auch der Füssenerstraße liegenden Häuser sind voll Wasser und mußten ausgeräumt werden. Die Felder, welche an der Iller liegen, sind mit Wasser überschwemmt und von den dortselbst aufgesteckten Heinzen sieht man nur noch den oberen Teil. Großen Schaden hat auch der Sägewerkbesitzer unterhalb der Militärschwimmschule, Herr Seit, erlitten, indem ihm der untere Teil der Säge weggerissen wurde. Der Weg zur Brennergasse ist voll Wasser angeschwemmt. Von früh 3 Uhr an sind Fuhrwerke auf dem Wege, um den Mehlvorrat, welchen die Bäckermeister in der Brennergasse in den Kellern haben, fortzuschaffen. Die wilden Fluten der Iller, die anf der ganzen Linie aus den Ufern ausgetreten sind, führen Langholz, Bauholz, Brückenteile, Gesträuche usw. mit sich. Auch die in die Iller mündenden Flüsse und Bäche sind über die Ufer getreten und richten viel Schaden an. Auch die in Weidach liegenden Häuser mußten ausgeräumt werden. Das Wasser steigt rapid fort und da der Himmel voller Regen, ist mit einem Fallen des Wassers vorerst nicht zu rechnen. Hunderte von Personen waren heute früh Augenzeugen von diesem so traurigen Schauspiel.

Immenstadt, 15. Juni. Der Regen dauert an. Der Zugsverkehr nach Kempten und Sonthofen, sowie zwischen Sonthofen und Oberstdorf wurde eingestellt. Die Iller bei Sonthofen, Immenstadt und Seifen gleicht einem See. Das Wasser überflutet die Brücke.

Oberstdorf, 15. Juni. Furchtbar haben wir unter dem anhaltenden Regenwetter zu leiden. Die Wasserleitung ist vollständig zerstört, so daß wir zum Trinken und Kochen Regenwasser benützen müssen. Alle Brücken in und um Oberstdorf sind weggerissen, nicht eine einzige steht mehr. In der Breitachklamm steht das Wasser 4  Meter hoch über der Weganlage. Der Materialschaden ist bedeutend. Das Regenwetter hält an.

Der landwirtschaftiliche Bezirksverein Babenhausen richtete eine Eingabe an die vorgesetzte Behörde um Regelung der Heuernteferien in den Landschulen. Dieses Gesuch hatte insoferne Erfolg, als die Königliche Regierung erklärte: „In Notfällen will auch keine Erinnerung erhoben werden, wenn während der Heuernte an einzelnen Tagen der Schulunterricht ausgesetzt und an den Wochenvakanztagen nachgeholt wird.“ Damit ist ein lange gehegter Wunsch der Landbevölkerung erfüllt.

S. 3
Oberammergau, 14. Juni. Heute Nacht sind im Ammerwald- und Linderhofgebiet mehrere gewaltige Wolkenbrüche niedergegangen, welche ein kolossales Anschwellen aller Wasserläufe zur Folge hatten. Die Ammer erhielt von den riesig angeschwollenen Gebirgsbächen enormen Zufluß und trat in Oberammergau vollständig aus den Ufern. Heute früh 9 Uhr standen die Straßen über einen halben Meter hoch unter Wasser, besonders die Bahnhofstraße wurde arg betroffen, der etwas höher liegende Bahnhof selbst aber wurde vom Wasser nicht erreicht. In Unterammergau und Altenau stehen die Straßen und Wiesen einen halben Meter unter Wasser. Der Bahnverkehr zwischen Eschenlohe und Garmisch ist gesperrt, ebenso der Verkehr mit Oberau infolge eines Dammrutsches zwischen Altenau und Oberammergau. Seit mittags regnet es wieder in Strömen, heftiger wie in den Morgenstunden.

Boun [korrekt: Bonn], 14. Juni. Die Zahl der bei der Überschwemmung im Ahrtal ertrunkenen Personen wird auf 150 angegeben. 37 Leichen wurden bereits gelandet.

Köln, 14. Juni. In einzelnen Eifeldörfern wurde durch einen Wolkenbruch derartige Verwüstung angerichtet, daß die betreffende Bevölkerung, deren Hab und Gut vernichtet wurde, auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Das Unwetter erstreckte sich auch auf einen Teil des Hundsrück, wo in einem Orte durch Blitzschlag 10 Häuser in Asche gelegt und 4 Personen gelähmt wurden. 20 Stück Vieh fanden den Flammentod. Der Fernsprechverkehr mit dem Überschwemmungsgebiet ist ebenso wie der Telegraphenverkehr vollständig gestört, die Eisenbahn verkehrt im Ahrgebiet nicht mehr.

Pola [das kroatische Pula], 14. Juni. In der Ortschaft Zaierze wurde der Kirchendiener, als er bei einem hereinbrechenden Unwetter die Wetterglocke läutete, von einem Blitzschlag getroffen und getötet.
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In der Folgeausgabe (Ottobeurer Volksblatt vom 18.06.1910, S. 1; pdf 319) erschien wegen der Schäden ein Aufruf zur Hochwasserspende:

Spende des Prinz-Regenten für die Hochwasserbeschädigten.
München, 16. Juni. Se. Kgl. Hoheit der Prinz-Regent hat heute den Staatsminister des Innern von Brettreich zur Berichterstattung über die Hochwasserschäden empfangen und zur Linderung der Notlage eine Spende von 20,0000 Mark angewiesen. Das Handschreiben an den Staatsminister des Innern lautet: „In inniger Teilnahme an dem Geschick der von so schwerer Hochwasserkatastrophe heimgesuchten Gemeinen des bayerischen Hochgebirges, stelle ich zur Minderung der momentanen Notlage hiermit die Summe von 20,000 Mark zur Verfügung. Die Kgl. Hofkasse ist angewiesen, wegen der Auszahlung das Weitere zu veranlassen.
München, 16. Juni 1910. gez. Luitpold, Prinz von Bayern.  

Hilfe für die durch das Hochwasser Geschädigten.
München, 16. Juni. Das Amtsblatt der kgl. Staatsministerien des Äußern und des Innern veröffentlicht nachstehende Entschließung des kgl. Staatsministeriums des Innern vom heutigen:
Seine Kgl. Hoheit Prinz Luitpold, des Königreichs Bayern Verweser, haben allergnädigst zu genehmigen geruht, daß zu Gunsten der durch das jüngste Hochwasser Geschädigten in den sämtlichen Gemeinden des Königreichs Bayern eine Sammlung durch die Gemeindebehörde von Haus zu Haus vorgenommen werde.

Im Vollzuge dieser Allerhöchsten Entschließung werden die Gemeindebehörden beauftragt, die Sammlung sofort zu eröffnen und durchzuführen. Von der Durchführung der Sammlung von Haus zu Haus kann in denjenigen Gemeinden abgesehen werden, wo freiwillige Hilfskomitees eine umfangreichere Sammeltätigkeit eröffnen.
Die eingegangenen Sammelgelder sind von den unmittelbaren Magistraten an die Kgl. Regierungen, Kammern des Innern, von den übrigen Gemeindebehörden an die K. Bezirksämter und von diesen an die vorgesetzte Regierung einzusenden. Die Sendungen können mit dem Vermerk „Frei durch Ablösung“ kostenlos befördert werden.
Die Kgl. Regierungen, Kammern des Innern, haben erstmals bis 1. Juli l. J. [laufenden Jahres], sodann in Fristen von je 14 Tagen zu berichten, welche Mittel durch die Sammlungen ihnen zur Verfügung stehen. Über die Verwendung dieser Gelder wird dann jeweils vom Kgl. Staatsministerium des Innern Verfügung getroffen werden.
Angesichts der schweren Notlage, in die viele Familien durch Beschädigung und Durchfeuchtung ihrer Wohnstätten sowie durch Wegschwemmung oder Entwertung ihrer beweglichen Habe und insbesondere der Futtervorräte infolge der Hochwasserkatastrophe geraten sind, darf auch in diesem Falle auf den oft bewährten Wohltätigkeitssinn der Bevölkerung und die allseitige Förderung des Sammelwerks gerechnet werden.
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Ergänzend auf S. 2 zum Hochwasser in Köln und Neuburg an der Donau (Oberndorf):

Köln, 17. Juni. Vorgestern und gestern wurden weitere Opfer der Ahrkatastrophe geborgen. Einige Leichen wurden auch aus dem Rhein geländet. Gestern ist ein größerer Transport Särge eingetroffen, da heute die Bestattung von Verunglückten erfolgen soll.  Von 2 Kantinen sind allein 114 Mann verschollen. Fortwährend werden noch Leichen aus den Trümmern oder aus den Schlammassen gezogen.

Neuburg a. D., 17. Juni. Das Hochwasser des Lech setzte gestern fast das ganze Dorf Oberndorf bei Genderkingen unter Wasser. Die Eisenbahnbrücke, die sich 100 Meter außerhalb der Station Rain befindet, stürzte ein und wurde vollständig zerstört, sodaß der Eisenbahnverkehr unterbrochen wurde. Die niedergelegenen Häuser von Rain wurden durch Feuerwehr und Sanitätskolonne größtenteils geräumt. In Münster stehen ebenfalls viele Häuser unter Wasser. Die Bewohner können sich nicht retten und schreien von den Dächern um Hilfe.

Eine menschliche Katastrophe anderer Art wird aufderselben Seite beschrieben:
Die Judenausweisungen aus Rußland nehmen einen größeren Umfang an und werden mit unerbittlicher Strenge durchgeführt. Aus Kiew wird gemeldet: Erbarmungslos sind die Massenausweisungen von Juden aus Kiew zu Ende geführt worden. Mit dem 1. Juni 1910 (a. St.) lief auch für die kinderreichsten Familien der Betroffenen die Aufschubfrist ab, und so wurden insgesamt Tausende, zumeist altangesessene Bürger, trotz aller Gesuche und Verwendungen aus der „heiligen Stadt“ ins Elend gejagt. Wer von den Ausgewiesenen zu dem ihm bestimmten Termin nicht freiwillig die Stadt verließ, wurde gewaltsam hinausbefördert. Während des ganzen Ausweisungsmonats wurde die Proskriptionsliste durch immer neue ahnungslose Opfer ergänzt. Infolge dieser Erlebnisse verfiel ein ausgewiesenes Mädchen dem Wahnsinn und stürzte sich aus dem Eisenbahnzug heraus. Fortgesetzt wütet die Polizei noch weiter in der Umgegend von Kiew, wo sie wilde Razzias vornimmt und viele Juden aus den Villenorten verjagt. In dem bei Kiew gelegenen Villenort Darnitza mußten die Heilung oder Erholung suchenden Juden, die sich dort wie alljährlich in größerer Zahl niedergelassen hatten, sich schriftlich verpflichten, den Ort im Laufe von vier Tagen zu verlassen.
 
Auf S. 3 dann nochmals das Thema Hochwasser (in Ungarn):
Furchtbare Katastrophe.
Budapest, 17. Juni. In dem Komitate Krassö-Szöröny [Komitat Krassó-Szörény] ging ein Wolkenbruch nieder. Mehrere Orte wurden von der Flut buchstäblich fortgeschwemmt. In zahlreichen Ortschaften stürzten die meisten Häuser ein. Bisher wurden 259 Tote gefunden. In Berzaszka und Also-Synokora allein über 100 Straßen, Brücken, Telegraf und Telefon sind zerstört. Die Saaten und Wiesen haben den größten Schaden erlitten. Der größte Teil der Bevölkerung ist dem Elende preisgegeben.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 69 vom 21.06.1910, S. 3 (pdf 327) „Stimmungsbild über das Hochwasser“
(pdf 323 Annonce Georg Mayer Fahrräder)

Stimmungsbild über das Hochwasser.
„Denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand!“ Schlimmer noch als Feuer ist das Wasser. Wie hat es in diesen Tagen sich aufgelehnt gegen des Menschen Herrschaft. Es ist, als wollte es protestieren gegen die Ausnützung seiner Kräfte, die sich der unermüdliche Menschengeift dienstbar macht. Wild aufbäumt sich das Element, um die Menschenmacht zu verhöhnen, der es fronen muß. Wie lang verhaltene Gärung sich urplötzlich mit erschreckender Gewalt Luft zu machen versucht, so das Wasser. Die Wolken öffnen sich, von den Bergen schießt es herab und nimmt mit, was ihm in den Weg kommt. Der Fluß bläht sich auf bei der Ankunft dieser Hilfsboten, reckt sich und dehnt sich, bis er den Damm zerreißt und die Fluten überströmen. Er verläßt sein Bett und wälzt sich breitspurig über Wiesen und Felder, und zerstört alles, was Menschenfleiß geschaffen hat. Eine ganze Ernte rafft er an sich und treibt sie davon. Dann stürmt er schäumend in fanatischer Zerstörungswut über Wiesen und Felder hinweg, gräbt Pflanzen und Sträucher aus, zerknickt starke Bäume wie Streichhölzer und wirft sie in seine Fluten.
Durch Straßen, über Plätze jagt er, bricht in Häuser ein, legt die Betriebe der ihm feindlichen Industrie still, stiehlt ganze Lager von Holz und bricht Hütten ab, um sie aus seinen Fluten tanzen zu lehren. Er kennt keine Pietät; rastlos eilt er weiter. Und der Mensch steht da, beschämt in seinem Wissens- und Machtdünkel, ratlos, hilflos. Er erschrickt vor den ewigen Gewalten in ihrer Zerstörungsraserei, bis ihn eine stumme Resignation erfaßt. Ein schauerlich – schönes Bild – der Strom in seiner ungezähmten Kraft! Aber gibt es denn keine Möglichkeit, daß der Menscheugeist sieghaft werde? Die Resignation weicht dem Tatendrang, und der Menschengeist wird sinnen und arbeiten . .
Wie lange . . . Nicht alle Menschen machen sich diese Gedanken. Mancherlei Gefühle werden wach. Die einen haben ihre Habe verloren – sie beschleicht stumme Trauer oder ohnmächtiger Groll, daß ihnen eine einzige Stunde raubte, was sie in jahrelanger Arbeit erwarben. Arbeitslose erwarten die Verdienstgelegenheit, die sich ihnen bieten wird.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 71 vom 25.05.1910, S. 2, pdf (334)
Immenstadt, 23. Juni. Staubwolken bei der Heuernte. Viele Ökonomen [Vielen Bauern] ist der derzeitige Regen sehr erwünscht; er ist das beste Mittel, die staubigen Halme und Gräser abzuwaschen und die Futterkräuter von Schlamm zu säubern. Bei Sonthofen konnte gestern das Einführen von Futter, das letzte Woche inmitten der Überschwemmnng gestanden hatte, beobachtet werden. Staubwolken hüllten die Ladearbeit verrichtenden Personen ein.

Aus der Hohenfelser Gegend, 23. Juni.
Während im südlichen Bayern heftige Regengüsse großen Schäden anrichten, herrscht in

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unserem Bezirk andauernde Trockenheit. Das Sommergetreide konnte einen ausgiebigen Regen wohl brauchen, ebenso die Wiesen und Kleefelder. Kraut und Dorschen können nicht gepflanzt werden wegen der Trockenheit. Diese Nacht hatten wir einen starken Reif. Es ist das wohl eine Folge der in anderen Gegenden niedergegangenen Hagelwetter. Hoffentlich beschert der Himmel auch uns bald einen ausgiebigen Regen.

Nochmals zurück auf S. 3:
Aus aller Welt.
Ein Krawall.
München, 23. Juni. Der Polizeibericht meldet: Vergangene Nacht kamen 150 bis 200 Studenten im Couleur mit der Eisenbahn von Großhesselohe. Während der Fahrt benahmen sie sich höchst ungebührlich. Ein Studiosus kletterte auf die Lokomotive und machte sich an dem Stellhebel zu schaffen und setzte wiederholt die Dampfpfeife in Tätigkeit. Die Beamten hatten Mühe, den Eisenbahnzug ordnungsmäßig zu fahren. Auf dem Münchner Hauptbahnhof, wo der betreffende Studiosus durch einen Schutzmann angehalten werden sollte, versuchten die anderen Studenten, seine Festnahme zu verhindern. Die Ruhe konnte erst durch das Eingreifen weiterer Schutzleute wiederhergestellt werden, wobei eine große Anzahl von Studenten zur Personalfeststellung verhaftet wurde.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 70, vom 23.06.1910, S. 1  (pdf 329)
München, 21. Juni. Die Abgeordnetenkammer hat heute das Berggesetz mit 83 gegen 15 Stimmen angenommen und die von der Regierung und Reichsratskammer bekämpften bezw. Gestrichenen Bestimmungen zu gunsten des Achtstundentages der Bergarbeiter wieder ausgenommen. Bei der dann beginnenden Beratung des Militäretats sprachen die Redner aller Parteien den Soldaten für ihre außerordentlich mutige und wackere Haltung bei den Hilfs-, Rettungs- und Schutzarbeiten während des Hochwassers die wärmste Anerkennung aus. Der Kriegsminister sagte dem Wunsche, die Überschwemmungsgebiete heuer möglichst von Militäreinquartierungen zu verschonen, Berücksichtigung zu.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 70, vom 23.06.1910, S. 2  (pdf 330)
Kaufbeuren, 18. Juni. An der hiesigen Realschule begann gestern die schriftliche Prüfung. Das heute gestellte Aufsatzthema lautet: „Dich hat der Herr gesegnet, mein liebes Bayernland.“ Am hiesigen Progymnasium beginnt die schriftliche Prüfung am 27. Juni.

Kaufbeuren, 18. Juni. Wohltätigkeitsveranstaltung. Der hiesige Zweigverein des Frauenvereins vom „Roten Kreuz“ für die Kolonien veranstaltete gestern abends aus Veranlassung seiner rührigen Vorstandsdame, Frau Dr. Zimmermann ein trefflich gelungenes Konzert wozu die Münchener Künstlerkapelle Lagrange gewonnen worden war.
Das Erträgnis floß zum Teil für den Vereinszweck, zum Teil aber soll es zur Unterstützung der durch die jüngste Hochwasserkatastrophe heimgesuchten Landsleute verwendet werden. Der Besuch war ein recht guter. Es ist deshalb zu erwarten, daß eine namhafte Summe dem edlen Zwecke zugeführt werben kann. Recht zahlreich beteiligten sich an der Veranstaltung die gegenwärtig hier einquartierten Offiziere und Fähnriche der Kriegsschule.

Donauwörth, 21. Juni. Nun hat sich das Wasser verlaufen. In Oberndorf hat das Militär 64 Häuser ausgeräumt. Besondere Schwierigkeiten bot die Bergung des Viehes, das durch das Wasser gezogen werden mußte. Das Militär kehrte in die Garnisonen zurück. Jetzt erst bekommt man einannäherndes Bild von dem angerichteten Schaden. Zahlreiche Häuser haben stark gelitten. Die Felder sind versandet zum Teil mit fortgerissen, die Ernte völlig vernichtet.
Die Distriktsstraße ist sehr beschädigt. Ähnlich wie in Oberndorf wütete das Hochwasser in Meitingen, Westendorf, in Ellgau, Flein, Münster und Genderkingen.

Neuburg, 20. Juni. Ertrunken. Am 18. ds. Mts. abends zwischen 6 und 7 Uhr ist das 4  Monate alte Söhnchen der Maurerseheleute Roskopf von Seiboldsdorf in dem nahe an dem Anwesen vorbeiziehenden Straßengraben, der infolge heftiger Regengüsse vollgelaufen war, ertrunken.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 71, vom 25.06.1910, S. 1 (pdf 333)
München, 22. Juni. In der bayerischen Abgeordnetenkammer sind heute die Interpellationen über die letzte Hochwasserkatastrophe in Bayern zur Sprache gekommen. Minister v. Brettreich berichtete über den Umfang der Katastrophe und die Mittel und Wege, die man bereits ergriffen habe bezw. noch ergreifen werde, um den durch das Hochwasser verursachten großen Schäden zu steuern. Staatliche Hilfe und private Wohltätigkeit müßten zusammengehen. Aus staatlichen Mitteln sei zunächst ein Betrag von 147 000 Mark zur Verfügung gestellt worden. Daraus würden den Betroffenen nach dem Vorgang der Überschwemmung vom Februar 1909 gering verzinsliche oder unverzinsliche Darlehen gewährt werden.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 71, vom 25.06.1910, S. 2 (pdf 334)
Ottobeuren, 25. Juni 1910
Im Saale des Gasthofes z. „Mohren“ hat eine Münchner Firma einen erstklassigen Kinematographen aufgestellt und bieten die neuesten, vorzüglichen mit vollständig flimmerfreien Bilder die angenehmste Unterhaltung. Leider finden hier nur noch 3 Vorstellungen statt. Samstag abends und Sonntag nachmittag und abends. Wir können dem Unternehmen, dem ein sehr guter Ruf vorausgeht, nur einer recht kräftigen Unterstützung von Seiten des Publikums wünschen, umsomehr, als der Firma erst vor kurzem in Mindelhcim Objektive und Kondenserlinsen im Gesamtwerte von 340 Mark abhanden gekommen sind. Im übrigen verweisen wir auf unser heutiges Inserat.
Annonce auf Seite 6 der Ausgabe (pdf 338):
Münchner Kinematograph „Elektra“. Nur noch 3 Vorstellungen! Samstag abends vortrefflich zusammengestelltes Familienprogramm. Um recht zahlreichen Besuch bittet die Direktion.
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Ottobeurer Wochenblatt Nr. 72, vom 28.06.1910, S. 3 (pdf 341)
München, 23. Juni. Das Hydrotechnische Bureau ersucht alle diejenigen, welche über den Höchststand des Hochwassers sichere Marken an Häusern, Brücken, Zäunen etc. anbringen können, dies sofort in haltbarer Weise zu tun und ihm durch Korrespondenzkarte Mitteilung über diese Markierung zu machen. Außerdem wurden Angaben über sonstige, während der Flut gemachten Beobachtungen von großem Werte sein, insbesondere über die in der Woche vor dem 13. Juni beobachteten Schneeverhältnisse im Gebirge. Wiederholt ersucht es auch um Zusendung von guten photographischen Aufnahmen des Hochwassers mit Angabe der Zeit und des Orts der Ausnahme.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 73, vom 30.06.1910, S. 3 (pdf 345)
Augsburg, 28. Juni. Der ständige Landsratsausschuß von Schwaben und Neuburg hat 50 000 Mark für die Hilfsaktion anläßlich der jüngsten Hochwasserkatastrophe in Schwaben, insbesondere zur Hilfeleistung in besonders dringenden Fällen bewilligt. — Dem Herrn Oberbürgermeister Hofrat Wolfram ist von einem ungenannt sein wollenden Bürger der Stadt der Betrag von 5000 Mark zugegangen.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 76, vom 07.07.1910, S. 2 (pdf 358)
Schongau, 5. Juli. Hochwasserbauten. Hier sind unter dem Kommando eines Offiziers 46 Pioniere eingetroffen, die beim Lechwehr sofort mit den Arbeiten für die Ufersicherung begannen, die durch das letzte Hochwasser schwer beschädigt worden sind.

Ottobeurer Wochenblatt Nr. 77, vom 09.07.1910, S. 2 (pdf 362)
Landsberg, 8. Juli. Gestern Früh riß der Lech ein ungefähr 5 – 6 Meter breites Stück des schon beim letzten Hochwasser stark beschädigten Wehres mit fort. Sollte das Wasser steigen, steht zu befürchten, daß vom Wehr noch mehr weggerissen wird. Dadurch ist dann auch die Karolinenbrücke gefährdet, da dieselbe vollständig unterspült wird. — Der bekannte Mutterturm ist vom Lech bedroht. Militär ist damit beschäftigt, durch Legen von Faschinen die Gefahr zu beseitigen.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 78 vom 12.07.1910, S. 1 (pdf 367):
München, 10. Juli. Bei der Beratung des Militäretats für 1910 stellte Abg. Loibl, unterstützt von anderen Zentrumsabgeordneten, an die Militärverwaltung das Ersuchen, daß jene Gegenden, welche unter dem Hochwasser gelitten haben, von Manövern und Einquartierungen für heuer verschont bleiben möchten. Die Militärverwaltung sagte Berücksichtigung dieses Wunsches zu. Wie verlautet, ist bereits vom Kriegsministerium an die Generalkommandos des 3. Armeekorps ein Erlaß hinausgegeben worden dahingehend, daß die Gegenden, welche durch Hochwasser unmittelbar beschädigt wurden, aus den Übungsräumen für die heurigen Manöver ausgeschaltet und die geschädigten Ortschaften auch für die Unterkunft nicht in Anspruch genommen werden.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 78 vom 12.07.1910, S. 2 (pdf 368):
Sonthofen, 9. Juli. Das Hochwasser vom 15. Juni und die folgenden Tage hat durch Beschädigung an Grundstücken, Wehren, Früchten usw., soweit solche von den Geschädigten zur Anmeldung gebracht wurden, einen Schaden von rund 60 000 M., an gemeinnützigen Anlagen und Einrichtungen, wie Wege, Brücken und Stege einen solchen von etwa 5000 M., sohin einen Gesamtschaden von etwa 65 000 M. verursacht. In diese Summe sind aber die Kosten für die Wieder-Instandsetzung der abgerissenen oberen Ostrachbrücke gegen Berghofen nicht einbegriffen.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 78 vom 12.07.1910, S. 3 (pdf 369):
Woher kommt das schlechte Wetter?
Für die Ursachen des schlechten Wetters, das jetzt in der Zeit der großen Ferien so viele Erholungsbedürftige doppelt schwer trifft und an den kalten, völlig verregneten Juli des vergangenen Jahres gemahnt, gibt Camille Flammarion im New-York Herald eine interessante Erklärung. Er weist auf die außerordentlichen Regenmengen hin, die im Juni und Juli des Jahres 1909 niedergingen und die eine für diese Sommermonate ungewöhnlich niedere Temperatur mit sich brachten. Bemerkenswert ist, daß diesen kühlen Hochsommermonaten in den letzten Jahren fast immer ein schöner, warmer September und Oktober folgte. Das Publikum sucht nach Erklärungen für diese ungewöhnliche Erscheinung, und die verschiedenartigsten Gründe werden angegeben, um das Phänomen zu deuten. Man denkt vielfach an den Kometen, aber man vergißt dabei gewöhnlich, daß alle Weltteile, Afrika und Amerika ebenso gut wie Europa, verwandte Witterungserscheinungen aufweisen müßten, wenn der Komet auf die Wolkenbildung und auf den Regen überhaupt einen Einfluß hätte. Auch die Sonnenflecken werden erwähnt, aber darauf ist zu erwidern, daß an den Sonnenflecken in diesem Jahr überhaupt nichts Bemerkenswertes zu beobachten ist. Aber die verstimmten Gemüter finden immer neue Möglichkeiten, um den Sommer des Mißvergnügens zu erklären, phantastische Zusammenhänge werden geknüpft, man verbindet die Witterungslage mit dem Polareis, mit den Hertzschen Wellen, mit der drahtlosen Telegraphie. In Wirklichkeit ist das Problem viel einfacher zu lösen. In den Vereinigten Staaten, insbesondere in den östlichen Staaten hat man unter schweren Hitzwellen zu leiden gehabt. Die Temperatur ist bis zu 122 Grad F. [Fahrenheit = 50° Celsius] im Schatten gestiegen. Und das gleiche wird aus Tunis berichtet. Nun haben wir seit den letzten zwei Monaten sehr starke westliche Winde zu verzeichnen. Die Hitzwelle aus Amerika bildet große Dampfmengen, die durch die Winde über den Atlantischen Ozean nach Osten geführt werden. Wenn diese Dämpfe dann an der Grenze des europäischen Kontinents, sei es an der französischen Küste oder an den englischen Inseln, ankommen, stoßen sie auf eine kühle neblige Atmosphäre. Jeder Sonnenschein befördert die Verdampfung der Erde, es entstehen Wolken, die zu Regen werden. Die westlichen Winde beschleunigen und verstärken nun diesen Prozeß und lassen überden europäischen Kontinent die angesammelten Regenmengen niedergehen. Das kann sich nur ändern, wenn in Amerika die Hitze verschwindet oder die Richtung des Windes umschlägt. Dann wird auch die Sonne in unseren Breiten wieder ihre Macht erlangen.
Es ist bemerkenswert, daß kühles, feuchtes Wetter in Mitteleuropa im allgemeinen mit einer heißen, trockenen Temperatur in Amerika zusammenfällt. Nun hat die Erde in unseren Breitengraden bereits große Feuchtigkeitsmengen aufgenommen; diese müssen erst wieder verdunsten, und das kann nur geschehen, wenn wir längere Zeit starke, heiße Sonne haben. Wenn dies nicht eintritt, so wird voraussichtlich auch der Herbst regnerisch sein, wie dies auch im Jahre 1651 beobachtet wurde, nach den großen Überschwemmungen von 1649. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Hitzwelle [Hitzewelle] in Amerika nicht fortdauern wird. Uns bleibt die Hoffnung, daß der Wind wechselt und daß dann die Wetterhähne ihren alten Ruf wieder rechtfertigen. Wenn erst der Wetterhahn wieder nach Osten zeigt, wenn östliche Winde den aus Amerika herüberströmenden Feuchtigkeitsmengen entgegen treten, dann wird bei uns alles gut werden und die Sonne wird über den Regen siegen.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 79 vom 14.07.1910, S. 1 (pdf 371):
Neueste Nachrichten.
Erdbeben.
Ottobeuren, 14. Juli. Gestern den 13. Juli fand hier ein Ereignis statt, dessen sich nicht nur selbst die ältesten Leute bei uns  nicht erinnern können, sondern von dem auch die alten Chronisten Ottobeurens nur einmal berichten. Wir haben nämlich ein wirkliches Erdbeben erlebt. Um 9 Uhr 34 Minuten vormittags wurde hier in vielen Häusern ein sehr kräftiger Erdstoß wahrgenommen. Er schien von Westen nach Osten zu kommen. Es dauerte eine Sekunde. Einige Leute wollen auch zwei Stöße, einen leichteren und einen gleich darauffolgenden heftigen Stoß verspürt haben. Mit dem Stoße war in den Häusern ein eigentümliches Geräusch zu vernehmen, ein dumpfes Prasseln oder ein Sausen wie bei einem heftigen Sturme, aber nur ganz kurz. Der Zimmerboden zitterte und schwankte etwas unter den Füßen. Aufeinanderliegendes Geschirr und vielfach auch die Fenster klirrten. Zimmeröfen schwankten, schwere Möbelstücke und Bilder an den Wänden bewegten sich. Jemand, der gerade schrieb, machte infolge des Stoßes einen Fahrer mit der Hand. Sitzende Personen oder im Bett liegende Kranke verspürten einen plötzlichen Ruck. Die Leute blickten sich im ersten Augenblick erschrocken an, was das sei. Man sah im Hause nach, lief auf den Dachboden, um zu sehen, ob nicht ein schwerer Gegenstand umgefallen oder ein Balken gebrochen sei. Bald kam man, besonders da in den meisten Häusern dasselbe und zu derselben Zeit verspürt worden war, zur Überzeugung, daß man ein Erdbeben erlebt hatte. Risse an den Häusern überhaupt Beschädigungen sind bis jetzt nirgends wahrgenommen worden. Ebenso konnte bis jetzt nicht in Erfahrung gebracht werden, daß Uhren stehen blieben. Auch in Eldern wurde der Erdstoß verspürt. Ob auch anderswo, darüber fehlen die Nachrichten.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 91 vom 11.08.1910, S. 1 (pdf 427):
München, 4. August. Im Finanzausschuß erklärte am Donnerstag Minister v. Brettreich, daß die Sammlungen für die durch das Hochwasser Geschädigten nur 653,000 Mk. ergeben hätten. Für beschädigte staatliche Wasserbauten seien bis jetzt allein 3.1 Mill. angemeldet. Leider sei es ganz unmöglich, den entstandenen Schaden in den Jahren 1910/11 auszubessern, es fehlt überall an Arbeitskräften; die Bauverwaltung befindet sich in einer peinlichen Lage. Verschiedene Notbauten können ohne Hilfe des Militärs überhaupt nicht gemacht werden. Aus dem Ausland sei kein Pfennig nach Deutschland geflossen (!!), dagegen kleine Spenden aus deutschen Bundesstaaten.
München, 6. August. Für das Denkmal König Ludwig II. überwies der „Bayer. Veteranen- und Kriegerbund“ die gewiß schöne Summe von 23 398.57 Mark.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 125 vom 03.11.1910, S. 3 (pdf 589):
Auszeichnung. Von Se. K. Hoheit dem Prinz-Regenten erhielt der Soldat Josef Jehle des 3. Pionierbataillon (von Ottobeuren) für die Hilfeleistung bei dem heurigen Hochwasser die bronzene Medaille des Verdienstordens vom hl. Michael. Unsere besten Wünsche zu dieser hohen Auszeichnung.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 127 vom 08.11.1910, S. 2 (pdf 598):
Ottobeuren, 8. November 1910.
Infolge des heftigen anhaltenden Regens hat die Günz seit heute Hochwasser. Sie ist an verschiedenen Stellen ausgetreten und hat angrenzende Wiesen überschwemmt. Der orkanartige Sturm der letzten Tage hat allenthalben in den Waldungen Schaden verursacht.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 128 vom 10.11.1910, S. 2 (pdf 602):
Erkheim, 8. November. Der Soldat Johann Scheller des 2. Pionier-Bataillon, beheimatet in Erkheim erhielt von dem Prinzregenten als Auszeichnung für Hilfeleistung bei der heurigen Hochwassernot die bronzene Medaille des Verdienstordens vom hl. Michael verliehen.

Ottobeurer Volksblatt Nr. 132 vom 19.11.1910, S. 2 (pdf 620):
Dillingen, 14. November. Gutes Hasenrevier. Im Dillinger Donauried wurden am Samstag 103 Hasen erlegt. Dieses Resultat ist bei der heuer im Ried eingetretenen zweimaligen Hochwasser-Katastrophe und dem äußerst naßkalten Sommer ein sehr günstiges zn nennen.

Gegen den Automobil-Pflasterzoll in Bayern.
Schon lange war es ein äußerst störendes Moment für den Automobilverkehr in Bayern, daß die Pflasterzoll erhebenden Orte seit ca. 2 Jahren in einem Maße an Zahl zunahmen, daß gegenwärtig ganz Bayern mit einem Netz von Pflasterzollorten (am 10. November 1910: 179)  überzogen ist. Die Deutsche Motorfahrer-Vereinigung, E.V., München (D.M.V.), die größte motorsportliche Vereinigung Deutschlands mit über 16 000 Mitgliedern, hat es bisher versucht, durch Vorstellungen beim Ministerium sowohl, als auch durch Bearbeitung der einzelnen Pflasterzollorte selbst diesem Übel zu steuern. Nachdem jedoch alle diese Versuche nur negative Resultate ergeben haben, berief die D. M. V. aus ihrem Gau Südbayern heraus am Samstag, den 12. November eine Protestversammlung gegen den Pflasterzollunfug nach einem pflasterzollfreien Ort in Bayern, nach Kaufering a/L.
Die Versammlung war trotz der ungünstigen Witterung äußerst zahlreich besucht, nicht nur von Angehörigen der D. M. V., sondern auch von solchen fast sämtlicher übriger maßgebender Sportverbände Deutschlands, so waren Vertreter des Deutschen Radfahrerbundes, der Allgemeinen Radfahrer-Union, des Touring-Clubs, des Kartells Europäischer Rad- und Automobilisten-Verbände, des Verbandes zur Wahrung der Interessen Bayerischer Rad- und Motorfahrer unb der Autotechnischen Gesellschaft anwesend und überbrachten im Laufe des Abends die Grüße und Beifallskundgebungen ihrer Korporationen. Aus der Stimmung der vom Präsidenten der D. M. V. persönlich geleiteten Versammlung und den äußerst zahlreich eingelaufenen Zustimmungstelegrammen und Schreiben aus allen Teilen Deutschlands sprach die ungeteilte Entrüstung über das verkehrsfeindliche und rückständige Pflasterzollwesen in Bayern in ziemlich deutlichen Worten und war es daher nicht Wunder zn nehmen, daß die Versammlung mit der entgültigen Annahme einer sehr scharfen Resolution schloß, welche die D. M. V. beauftragte, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Pflasterzollfrage nun in der Öffentlichkeit zu bekämpfen und selbst vor einem internationalen Boykott ganz Bayerns mit all seinen Konsequenzen, zu dessen Durchführung sämtliche automobilistische und sportliche Verbände der Welt, so vor allem die Ligue internationale des associations touristes mit ihren über 800 000 Mitgliedern, welcher auch die D. M. V. angehört, aufzufordern seien. Auch die gesetzgebenden Körperschaften des Königreichs sollen für die Pflasterzollfrage interessiert werden.
Das Präsidium der D. M. V. ist infolgedessen fest entschlossen, nach einem nochmaligen letzten gütlichen Versuch bei den zuständigen Behörden die Auto-Pflasterzollfrage in der ihm von der Versammlung vorgezeichneten Marschrichtung unentwegt und mit aller Schärfe zu verfolgen.
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Abschriften und Ansichtskarte: Helmut Scharpf, 03/2018