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04.06.1940 - Bild der einzigen Bombe, die im 2. Weltkrieg auf Ottobeuren niederging


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Das Loch sieht wenig spektakulär aus. Es zeigt gleichwohl den Krater, den ein Bombenabwurf auf Ottobeuren verursacht hat. Ob es sich um eine Übungsbombe aus Memmingerberg handelte oder um einen Blindgänger, hat sich erst im April 2020 geklärt: Rainer Ehm hat in seiner sehr lesenswerten wissenschaftlichen Arbeit „Bayern, im Speziellen Regensburg, im Fokus der französischen und britischen Luftstreitkräfte 1939 - 1941“ (Link hier) klar dargelegt, dass es ein französischer Flieger (Flugzeugtyp Farman F. 221 oder 222) war, der sich „verfranzt“ hatte.

Die Navigation - zumal bei Nacht, war ein heikles Unterfangen. Ziel war eigentlich München mit den BMW-Flugmotorenwerken, Ausweichziele waren für den Raum Ulm vorgesehen.
Das „Kriegstagebuch des Luftgaukommandos VII“ meldete für den 04.06.1940 „Bombenabwürfe bei Ottobeuren (Gegend Memmingen), Ulm-Söchtingen, Göppingen, Königsbrunn, Straßberg, Gegend bei Riem und München-Allach. Zusammen ungefähr 20 Bomben. 5 Tote, 13 Verletzte, Sachschaden gering. pp. [und so weiter] Militärischer Schaden: Keiner. Zeit zwischen 23.38 bis 3.46.
(Veröffentlicht durch das Auswärtige Amt in Berlin in der Propagandaschrift Weißbuch Nr. 8, 1943)

Es rankten sich verschiedene Theorien und Gerüchte um das Ereignis, das der damalige Chorregent Hermann Köbele (gefallen 11.03.1945), der mit seiner Familie im Ämtergebäude unmittelbar daneben wohnte, hautnah miterlebte. Das Bild ist wie folgt beschriftet: „4.6.1940 früh 1/2 2 h Aufn. Herberger“
Sein Sohn Wolfgang, der das Bild im Mai 2014 scannte, schrieb dazu:

Der Blindgänger ging hinter dem Amtsgebäude, wo früher Holzlegen standen, nieder; irgendein Trumm, weggesprengter Stein o.ä. sei ins Schlafzimmer meiner Eltern geflogen, sonst jedoch kein Schaden verursacht worden. Ob der Blindgänger geborgen wurde oder ob er noch heute dort schlummert, weiß ich natürlich nicht.

Über den Fotografen Herberger ist nichts bekannt, es war allerdings mit Sicherheit lebensgefährlich, das Bild zu machen. Es galt vermutlich Geheimhaltung: Der Allgäuer Beobachter berichtete nicht über den Vorfall. Gleichwohl kann auch Ludwig Rembold (*28.02.1931, †12.08.2017) noch im Juni 2014 die Stelle zeigen, an der die Bombe einschlug. Schon eine Woche nach dem Vorfall war der Trichter verfüllt. Die beiden Frauen auf dem Bild sind Martha Köbele (*28.07.1928) und Inge Fischer.

Pater Rupert Prusinovsky hatte die Theorie, dass es sich um einen gegen das Kloster gerichteten Denkzettel gehandelt haben könnte. Die Propaganda des Auswärtigen Amtes bezichtigte im „Weißbuch 8“ 1943 die Briten als Urheber, obwohl es dem Entschärfungskommando klar gewesen sein musste, dass es sich um eine französische Fliegerbombe handelte. Dass französische Flugzeuge im Juni 1940 so tief in den süddeutschen Luftraum eingedrungen wären, schien bis zur Kenntnisnahme des Ausarbeitung von Herrn Ehm unwahrscheinlich: Am 14.05.1940 kapitulierten die Niederlande, am 28. Mai Belgien. Der „Westfeldzug“ war Anfang Juni bereits tief nach Frankreich vorangekommen, am 14.06. zogen Wehrmachtsverbände kampflos in Paris ein. Dennoch haben französische Flugzeuge Anfang Juni mehrfach Ziele bei Augsburg und München angegriffen - und trafen irrtümlich auch Ottobeuren und Woringen.

Am 18.04.2020 meldete sich Gerd Nattenmiller aus Woringen, der im „Spiegelschwab“ (Ausgabe 05/1988) einen Artikel über die letzten Kriegstage in Woringen geschrieben hat. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1940 wäre von einem französischen Flugzeug über dem „Woringer Schättele“ eine Bombe abgeworfen worden. Der Bombenkrater sei in Folge auch von Memminger Schulklassen besichtigt worden, ein Foto der Stelle sei im Bilderbuch „Memmingen im Krieg“ abgebildet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zwischen den beiden Vorfällen in Woringen und Ottobeuren einen Zusammenhang gibt! Herrn Nattenmiller ist auch der Hinweis auf den Artikel von Rainer Ehm zu verdanken.

Gegen Kriegsende gab es einen Fliegerangriff auf die Memminger Straße, bei der einige Schafe getötet wurden, die Amerikaner schossen nach dem Einmarsch mit ihrer Artillerie von der Maibaumwiese (damals noch an die Karl-Riepp-Straße angrenzend) aus über die Basilika (!) in Richtung Guggenberg, wo sich SS-Einheiten aufhielten. Dabei geriet ein Bauernhof in Brand.
Mehrere Tote waren bei Ottobeuren durch unmittelbare Kampfhandlungen zu beklagen, so z.B. Oskar Bosch bei Ölbrechts oder Margarete Kazmierzak (geb. Egger).

Wolfgang Köbele und seinen Schwestern Irmgard und Martha sei für die Zurverfügungstellung des einmaligen Zeitdokuments herzlich gedankt!