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03.01.1921 - Künstlerkarte Marktplatz; Landwirtschaftsschule


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Eine schöne Künstlerkarte vom Marktplatz aus dem Atelier von Eugen Felle (04.09.1869 - 21.03.1934; Isny). Die Federlithografie mit dreifarbigem Unterdruck zeigt eine Ansicht von 1917. In der Platzmitte steht das - heute verschollene - Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Krieges 1870/71, rechts befand sich die Knabenschule (heute: Haus des Gastes). Die Einweihung des neuen Kriegerdenkmales am Basilika-Hang (heute: in der Klostermauer am südlichen Ende des Basilikaparkplatzes) fand erst 1924 statt.

Exkurs: Der Enkel Felles, Dr. Manfred Felle, veröffentlichte die abgebildete Karte 1980 - zusammen mit einem kleinen geschichtlichen Abriss Ottobeurens - in der Reihe „Kleine Kostbarkeiten im Allgäu“ auf Seite 75. Im Vorwort schrieb er über den Werdegang seines Großvaters:
Felles Arbeitsgebiet umfaßte jedoch neben dem Deutschen Reich auch große Gebiete des europäischen Auslandes. Bisher sind etwas über 100 verschiedene Allgäupostkarten von ihm bekannt, die damit nur einen verschwindend kleinen Teil seines Gesamtwerkes ausmachen. Bisher ist es gelungen, über 2000 verschiedene Postkarten von Eugen Felle nachzuweisen. Registraturvermerke auf den einzelnen Entwürfen weisen jedoch Nummern über 8000 aus!
Die vermutlich früheste Ansichtskarte stammt aus dem Jahre 1887 und wurde von dem damals Achtzehnjährigen noch während der Schulzeit entworfen. Zwanzig Jahre später war Eugen Felle einer der bedeutendsten Postkartenproduzenten und Verleger Deutschlands. Um 1910 beschäftigte Eugen Felle bis zu sechs Zeichner, die er zum Teil selbst ausgebildet hatte, um der Fülle der Aufträge Herr zu werden. (...)
Mit dem beginnenden ersten Weltkrieg kam auch für das Atelier Eugen Felle die große Wende. Die Zeichner wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Eugen Felle, der nach kurzem Einsatz in Frankreich wegen seiner Zuckerkrankheit wieder entlassen wurde, versuchte Atelier und Verlag allein über Wasser zu halten, was ihm auch noch einige Zeit gelang. Doch dann wurden die Aufträge immer spärlicher; zahlreiche Verbote schränkten die Arbeit immer mehr ein, an Reisen war nicht mehr zu denken. Die einzige Form von Postkarten, die in dieser Zeit noch in Massen abzusetzen war, vaterländischer Kriegskitsch, stellte keine annehmbare Alternative dar. In dieser düsteren Zeit entstanden die schönsten Aquarelle und Federzeichnungen von Dutzenden Burgen und Schlössern des Allgäus und des Schwäbischen Oberlandes, durch deren Verkauf der Lebensunterhalt während dieser Jahre bestritten wurde. Nach dem Ende des Weltkrieges versuchte Eugen Felle noch einmal ins Postkartengeschäft einzusteigen, was ihm wider Erwarten mit einer neu entworfenen Städteserie auch gelang. Doch nach wenigen Jahren der Hoffnung machte die aufkommende Weltwirtschaftskrise alle seine Erwartungen zunichte.

Quelle: Manfred Felle: Postkarten von Eugen Felle. 1869–1934. Gedanken, Erläuterungen und Betrachtungen zu einem wiederentdeckten Sammelobjekt, Verlag für Heimatpflege, Kempten, 1980, 123 S.

Auch bei Wikipedia gibt es eine Felle-Seite, sie ist allerdings nicht sehr ergiebig. Aus dem Atelier Felle sind im virtuellen Museum bislang sechs Ottobeurer Karten aufgenommen (Suchbegriff „Felle“ eingeben). Der Kartenentwurf stammt laut Dr. Manfred Felle aus dem Jahr 1918 [Anmerkung: die Fotovorlage stammt aus dem Jahr 1917]. Aus den wenigen - und meist auf minderwertigem Papier sowie in schwarz-weiß - in der Nachkriegszeit herausgegebenen Ansichtskarten ragt unsere Karte qualitativ als absolut hochwertig heraus und bildet damit eine große Ausnahme. Mit der Nummer 17742 ist die abgebildete Karte eine der späteren Karten.

An der Karte ist neben dem Motiv auch der Text interessant, da er auf die Landwirtschaftsschule des Klosters (Winterschule) Bezug nimmt. Die Schule bestand zwischen 1919 und 1935 - dann von den Nationalsozialisten mit der Begründung eingestellt, es gebe für sie „keinen Bedarf“ mehr. Die Jahresberichte der Schule liegen vor, sind aber im virtuellen Museum noch nicht alle abrufbar.

Hier die Transkription des Kartentextes:
Hochwürden
P.[ater] Andreas Kuhn
S.J. [Societas Jesu] Professor
Kalksburg (bei Wien)
Jesuitenkollegium.

Lieber Andreas!
Zum neuen Jahre die besten Glück u. Segenswünsche. Deinen Brief habe ich eben erhalten u. danke dir herzlich. Wir wollen das neue Jahr mit Gott anfangen u. ihm treu dienen dann mag kommen was will. Im Kloster hat man auch eine landwirtschaftliche Winterschule mit über 100 Schüler[n]. Der Herr Abt Einsiedler fragte auch nach dir u. wie es dir gehe.
Für dein Gebet ein herzliches Vergeltsgott.
In herzlicher Liebe dein Bruder Martin
u. Schwegerin [?] Marie

Zur Landwirtschaftsschule heißt es in dem Buch „Ottobeuren vor 50 Jahren“:

Im Winter 1933/34 mußte zum ersten Male seit 1919 die Landwirtschaftsschule geschlossen bleiben, weil durch die Auflösung des Bauernvereins und der Regensburger Zentralgenossenschaft keinerlei Zuschüsse mehr flossen. Das nutzten die Nazis sofort, um in die leerstehenden Räume der Schule im Mitteltrakt des Klosters (im heutigen Gästetrakt) ein Stammlager des freiwilligen Arbeitsdienstes zu verlegen.
Abt Joseph [Maria Einsiedler] beugte sich nur unter heftigem Protest und verlangte den Abzug des Arbeitsdienstes bis zum 1. Mai 1934. Trotz der Zusage der Nazis wurde das Arbeitslager nur schleppend geräumt und unter Hinterlassung von Schäden an den Räumen und an der Einrichtung. 1936 endgültige Schließung der Landwirtschaftsschule und 1938 auch der Lateinschule.

Die 30-Pfenig-Briefmarke, Michel-Nr. 123 (sog. „Bayern Abschied“ mit Aufdruck „Deutsches Reich“) erschien am 06.04.1920 und war bis 30.09.1923 gültig.

Jahresberichte der Landwirtschaftsschule gab es in gedruckter Form nur 1919/20, 20/21 und 1925/26 - 1932/33. Exemplarisch sind hier die Jahresberichte 1925/26 und 1932/33 - textdurchsuchbar - abrufbar.
1925/26
1932/33

Karte, Abschrift, Jahresberichte und Transkription, Helmut Scharpf 12/2015.