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Ca. 1902 – neue Glocken aus der Glockengießerei Georg Wolfart (Lauingen) oder gar Abschied im 1. Wk. ca. 1917?


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Bei diesem wunderschönen großformatigen Foto (22,5 x 29 cm) ist zwar der Anlass – der Transport von vier Kirchenglocken – eindeutig erkennbar, mangels Beschriftung ist jedoch unklar, wann und warum. Zur 1100-Jahrfeier 1864 wurden zwar neue Glocken angeschafft, da gab es den Typ Fahrrad aber noch nicht, geschweige denn Karbidlampen, die an Fahrrädern erst ab 1896 eingeführt wurden. Der Draht zweier Gleichstromleitungen verweist auf die Zeit nach 1901. Für die Glockenweihe 1926 ist die Szene vor dem Ratskeller, damals das „Wein-Restaurant“ von Adolf oder Johann Fergg (mit Blick auf Knabenschule und Hirsch sowie links auf das heutige „Little Italy“), hingegen deutlich zu alt.
Zwischen zwei Frauen vorne links könnte ein Geistlicher stehen, vermutlich aber nicht Pater Augustin Krimm.

Die Recherche konzentriert sich seit 11.9.2020 auf die 1955 aufgegebene Glockengießerei Wolfart-Kuhn (vormals Georg Wolfart) in Lauingen. Auf der großen Glocke rechts ist die Aufschrift der ersten beiden Zeilen erkennbar als:
Gg. Wolfart in Lauingen

Ca. 1910 wurde bei Auer in Donauwörth ein Buch mit 53 Seiten herausgegeben, das vermutlich von der Glockengießerei selbst herausgegeben wurde und mit etwas Glück den Anlass in Ottobeuren beschreibt. Die  Universitätsbibliothek Augsburg hält es vor. Es wäre möglich, dass die Glocken (nach Oktober 1900) per Zug nach Ottobeuren kamen, hier geweiht wurden, dann aber in eine Nachbarpfarrei (Hawangen oder Böhen; nicht jedoch Ollarzried) gingen.

Eine genauerer Eingrenzung wird möglich, wenn das Jahr der Herstellung des Neubaues in der Rupertstraße 2 („Little Italy“) bekannt ist; zu sehen ist hier noch der Vorgängerbau. Auf der hier verlinkten Ansichtskarte (vor dem 1. Weltkrieg) ist der Neubau samt Aufgang bereits abgebildet. Und noch ein kleines Detail: Auf unserem Foto ist rechts ein Bohlen-Steg zu sehen, der über den noch offenen Mühlbach führt, um zu einer Holzlege zu gelangen. Dieser Steg ist auf einer Aufnahme von Otto Aufleger von 1891 bei einem Blick zwischen den beiden im Vordergrund stehenden Häusern deutlich zu erkennen. Nur der Zaun zur Straßenbegrenzung ist noch etwas einfacher gehalten und auf „unserem Foto“ etwas verstärkt.

Denkbar ist außerdem ein eher unerfreulicher Anlass: die Abfuhr der Glocken zum Einschmelzen im Ersten Weltkrieg; Soldaten sind jedoch keine zu sehen. In Stephansried war im Juli 1917 sogar die Kneipp-Glocke abgehängt worden. (Sobald das genauere Datum der Glocken-Abhängung in Ottobeuren feststeht, kann in den Zeitungen der Zeit nachgelesen werden; vielleicht sind die Umstände dort näher beschrieben.)

Nett: die Wäsche, die über dem Zaun hängt sowie die Betten, die zum Auslüften aus dem Fenster hängen.
Die Bretter vorne rechts könnten auf Baumaßnahmen am – ggf. noch offenen – Mühlgraben hinweisen. Man beachte auch die drei Kinderwägen!

Wer zum vorliegenden Foto etwas weiß, bitte melden!

Das spektakuläre Bild wurde Mitte 2020 auf dem Wertstoffhof Gott sei Dank rechtzeitig vor der Vernichtung  gerettet!