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29.07.1817 – Der erste „Fruchtwagen“ markiert ein vorläufiges Ende der Hungersnot in Ottobeuren


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1816 – das Jahr ohne Sommer – 1817 mit besonderem Erntedank.

Ein Ereignis in Indonesien verursachte in Ottobeuren bittere Armut und Hunger („... drei Theile sind hier an den Bettelstab gebracht“). Gerade erst waren die napoleonischen Kriege zu Ende gegangen, bei denen auch eine Reihe Ottobeurer und Ollarzrieder umkamen, da brach im April 1815 in Südostasien der Vulkan Tambora aus. Die Explosion war „die größte in geschichtlicher Zeit beobachtete Eruption“, sie war über 2600 km weit zu hören, hatte „die vierfache Energie des Ausbruchs des Krakatau von 1883“ und vernichtete in näherem und weiterem Umfeld nicht nur alles Leben, sondern bewirkte auch einen Tsunami. Alles in allem kamen schätzungsweise mindestens 71.000 Menschen ums Leben. Die ausgeworfenen Partikel verteilten sich weltweit und führten im Folgejahr insb. auf der Nordhalbkugel zu verheerenden Überschwemmungen und Hagelschauern, dazu kam eine große Kälte. In den USA wurde für das Jahr 1816 der Begriff „Eighteen hundred and froze to death“ geprägt.

1816 konnte kein Heu gemacht, Vieh und Pferde mussten notgeschlachtet werden, die Bauern griffen sogar auf ihr Saatgut für 1817 zurück und verschuldeten sich. Kälte, Regen und Schnee ließen die Saat nicht aufgehen. Die daraus resultierende größte Hungersnot des 19. Jahrhunderts führte zu verstärkter Auswanderung (v.a. nach Russland, das nicht so stark betroffen war, und nach Amerika). Spekulanten nutzten die Situation schamlos aus, horteten Getreide und trieben die Preise weiter nach oben. Das Königreich Bayern versagte zunächst in der Beschaffung von Getreide aus Ländern mit besserer Ernte. Im Zuge der Säkularisation waren nicht nur die Klöster, sondern auch kirchliche Fürsorgeeinrichtungen aufgelöst worden. Simone Zehnpfennig-Wörle schrieb in ihrem „Allgäuer-Alpenblog“: Jahrhundertelang stützen sie die Armen und fehlten nun. Schließlich reagierte König Max I. Joseph von Bayern: Kommunen wurden gesetzlich verpflichtet, Arme zu unterstützen, erste „Suppenanstalten“ wurden gegründet. König Max I. Joseph von Bayern lässt in Russland Getreide kaufen und bietet es unter anderem auch im Allgäu verbilligt zum Kauf an.

Die bayerische Regierung ging nicht gegen die zahlreichen Spekulanten vor, die nach der schlechten Ernte massiv Korn aufkauften. „Diese Unfähigkeit entsprechend zu reagieren, war mit ursächlich für die Absetzung des Ministers Maximilian von Montgelas“, so Ursula Stetter, die die Ereignisse im „Spiegelschwab“ (Ausgabe Nr. 4 vom 21.10.2017, S. 3) für Memmingen so zusammenfasste:
„Anfang Dezember 1816 brachen wegen der Teuerung offene Unruhen aus; mehrere hundert Bürger besetzten die Tore und brachten mehrere Wagen mit Korn, die ein Schweizer Getreidehändler zu jedem Preis in der Memminger Schranne aufgekauft hatte, am Hühnerberg mit Gewalt zurück. Die Bäcker wurden gezwungen, unentgeltlich Brot zu backen und einige Kornhändler verprügelt.“ In Frankreich und England kam es zu Aufständen, die Schweiz rief den Notstand aus.
Als Folge von Krise und Spekulation vervierfachten sich an der Memminger Schranne die Preise (für die Ottobeurer Schranne liegen die Preise erst ab März 1820 vor). Denjenigen, die dafür das Geld nicht hatten, blieb um zu übeleben nur das Betteln oder der Diebstahl des Ernteguts. Die Felder mussten deshalb teilweise bewacht werden, um zu verhindern, dass die Armen das noch unreife Korn stahlen. Bittgottesdienste um eine gute Ernte wurden in diesem Jahr sogar vom Staat angeordnet.
Über Ottobeuren schreibt Pater Basilius Miller: „Man kann billig annehmen, daß in hiesigem Flecken die Anzahl des armen Leute zwey Drittheil ausmachen; besonders da alle Gewerbe stocket und aller Verdienst so viel als ganz aufgehört hat.“ Arme Ottobeurer gingen auf Streifzüge bis nach Niederrieden, zum „Ähren“, also Abstreifen der Ähren von den Getreidehalmen. Miller: „... es sind deshalb einige Wachthütten errichtet worden.“ Er zeigte dabei sogar ein gewisses Verständnis: „Leider hört man aber einige aus der Armen-Klasse jammern, daß sie die sechs Kreuzer nicht haben und auch nicht verdienen können! Und erst die kleinen Kinder! Bald würden die Einbrüche in die königlichen Korn-Kästen zu entschuldigen gewesen seyn.“

Im Memmingerberger Kirchenbuch steht zu lesen: „Dieses Jahr [1817] hat sich durch außerordentliche Theuerung und daraus entstandene große Not ausgezeichnet. Alle Lebensbedürfnisse kosteten einen enormen Preis und dadurch wurden die Armen genötigt, zu unnatürlichen Nahrungsmitteln, zu Blut, Nachmehl, Grisch und vielem mehr Zuflucht zu nehmen.“

Damals waren die Menschen der Natur noch viel schonungsloser ausgesetzt, aber auch heute müssen wir unsere eigene Begrenztheit erleben (vgl. das Tsunami-Ereignis 2004, den Vulkanausbruch auf Island 2010 mit wochenlanger Beeinträchtigung des europäischen Flugverkehrs oder die Corona-Krise). Der Ottobeurer Konventuale Basilius Miller hielt die Auswirkungen auf Ottobeuren sowie in Schwaben in den „Ottobeurischen Tagsschriften“ fest. Am Rande sei erwähnt: Das Text des bekannten Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde von Josef Mohr 1816 gedichtet und sollte den Menschen in dieser besonders schweren Zeit Trost spenden. (Gesungen wurde es erstmals am 24.12.1818.)

Erklärung hatte man für die Wetterkapriolen keine, man betrachtete sie deshalb als „Strafe Gottes für sündhaftes Verhalten“. Der Legauer Vikar Wendelin Rid beschrieb die Lage in seinen Aufzeichnungen mit den Worten: „Der Himmel entzog der Erde seinen Segen.“ Basil Miller schreibt von der „strafenden Hand des Allmächtigen“, er benennt mit äußerst scharfen Worten jedoch auch Spekulanten („Furien der Noth und Theurung“ /„Abgesandte der Hölle“), die die wirtschaftliche Not ausnutzten, ein Kartell bildeten, Getreide zurückhielten und sich bereicherten.

Man kann sich vorstellen, wie groß die Verzweiflung gewesen sein muss. Basilius Miller zitiert dramatische Beispiele aus Neuburg (damals hieß der heutige Regierungsbezirk Schwaben noch „Schwaben und Neuburg“), wenn ein Vater gar seine vier Kinder tötet („entleibet“), weil er deren Hunger nicht mehr mitansehen kann. Das Einfahren der ersten Erntewagen („Fruchtwagen“) war allerorten ein umso segensreicheres Ereignis, das die Menschen entsprechend feierten. Unter dem Datum 30. Juli 1817: schreibt Basilius Miller:
„Einem Berichte in der Augsburger Post-Zeitung zufolge wurde unlängst zu Frankfurt das erste Fuder Feldfrüchten feyerlich und mit Jubel eingeführt, wobey der Geistliche zunächst bei einer Kirche eine passende Anrede hielt. Der hiesige Pfarrer [in Ottobeuren] suchte bey einer gleichen Glgheit (= Gelegenheit?) und in der noch währenden bittern Theurung, die nämlichen Gefühle des Dankes gegen Gott zu erregen, da gestern hier ebenfalls das erste Fuder Roggen von dem hiesigen Maurermeister Petrich (jüngere) eingeführt und dies Hr. Pfarrer gemeldet wurde. Er ließ sohin etwelche dreisig Schulkinder Abends 5 Uhr sammeln, sie mit den 2. HH. Kaplanen und den übrigen Schulleuten auf den Platz der Fuderladung hingehen, dann den Wagen, der durch den Flecken gezogen wurden, unter langsammer Absingung des Aernteliedes:
Bleib, o Gott! mit Wohlgefallen“ hinbegleiten zur Wohnung des Eigenthümers. Es machte dieses neue Schauspiel bey den meisten Zuschauern einen so tiefen Eindruck, daß manche Thräne geweint wurde. Nämlich man versteht besser die Worte: Vater! Gieb uns unser tägliches Brot !!

Der Memmingerberger Pfarrer Claus wohnte in Memmingen und erlebte persönlich den Einzug des ersten Kornfuhrwerks durch das Westertor. Der Einzug wurde von der ganzen Stadt gefeiert. Claus vermerkte im Kirchenbuch. „1817, den 1. August wurde das erste Fuder Korn in Memmingen eingeführt. Der Wagen war festlich geschmückt, Schnitter und Schnitterinnen festlich geputzt gingen vor dem Wagen und neben den Pferden, an der Seite gingen die Schulen, die Municipalität, als Repräsentanten der Bürger, begleiteten ihn: von allen Seiten strömte eine ungeheure Menge herbei mit Musik und Gesang, und das Geläute aller Glocken verherrlichten den Zug. Auf dem großen Markt hielt man. Zwey der obersten Schüler drückten in Reden die Empfindungen des Tages aus, und dann stimmte von Musik begleitet die ganze Volksmenge an: Nun danket alle Gott: es flossen dabei auf allen Seiten Tränen der Rührung und der Freude, und um den Eindruck, den diese ganze Feierlichkeit hatte, zu schildern ist die Sprache zu arm. Abends um lk 6 Uhr wurde in der St. Martins und Maximilianskirche feyerliche Betstunden gehalten, daran eine außerordentliche Menge Menschen beywohnte. Abends wurden auf dem Holzmarkt unter dem freien Himmel mehr als 200 arme Kinder gespeist, nur trat der unangenehme Umstand ein, daß ein starker Regen die armen Kinder, als soeben die Speisung angefangen hatte, auseinander jagte, doch wurde die Speisung auf der Kramerzunft beendet. So schloß nun der Tag mit einem Feste, das seiner ganzen Anordnung nach dazu geeignet war, das Herz mit innigen religiösen Empfindungen zu erfüllen, u. gleichsam wie in einem Gemählde den Übergang von Noth und Mangel zur Fülle und zur Sättigung darzustellen. Man glaubte daher, dieses Festes, das so viele Umwohner herbey lockte, auch hier gedenken zu müssen, wenn es schon unmittelbar die Gemeinde zu Berg [Memmingerberg] nicht berührte.“ (Transkription vermutlich Frau Stetter)

In Form eines Obelisken steht südlich von Kronburg noch immer ein kleines Denkmal, das – hundert Jahre später errichtet – 1917 an die vergangene Notzeit erinnerte. Als Erinnerungsstücke wurde außerdem sogenannte „Hungertaler“ gedruckt. Einen solchen „Taler“ (das Foto zeigt einen geöffneten Hungertaler als „Dosenmedaille mit innenliegendem Leporello“) zeigte Prof. Dr. Manfred Thierer (von der „Heimatpflege Leutkirch“) bei einem Vortrag des „Heimatdienstes Illertal“ am 30.09.2017 in Kronburg (s. Eingangsfoto). Viele Menschen hatten damals das Bedürfnis, den überstandenen Schrecken für die Nachwelt festzuhalten. Es entstanden Erinnerungsstücke wie eben der Hungertaler, wie Schraubtaler und Hungertafeln, die die Erinnerung daran wachhielten, dass das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist. In Kempten, Memmingen oder Augsburg entstanden außerdem Darstellungen der Feiern, die die Einbringung der ersten Erntewägen darstellten. (Das virtuelle Museum bemüht sich gerade um einer Zurverfügungstellung der Abbildungen.)

Zur Erinnerung an die Notzeit vor 200 Jahren beging man in Kronburg 2017 einen besonderen Erntedank, der an einer Weggabelung südlich des Ortes begann, wo noch heute das kleine Denkmal mit der Aufschrift „Gib uns heute unser tägliches Brot 1817 - 1917“ steht (s. Fotos vom 30.10.2017). Die Illerwinkler Vereine – allen voran der „Heimatdienst Illertal“ (Ltg. Simone Zehnpfennig-Wörle) und die Pfarreiengemeinschaft – hatten eine besondere Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt, an der über 100 Menschen teilnahmen. Der Andacht am Denkmal, folgte eine Prozession zur Kirche. Mit dabei waren die „D´Hiatabuaba“ und die Musikkapelle Kronburg-Illerbeuren mit Erntedankwagen sowie Ministranten und Pfarrer Anton Rollinger. In der Kirche wurde ein Gottesdienst gefeiert. Im vollbesetzten Saal der Brauereiwirtschaft Kronburg referierte Prof. Dr. Manfred Thierer über die damaligen Ereignisse, Simone Zehnpfennig-Wörle hatte „Hungerbrötchen“ gebacken, die das aus der Not geborene Größenverhältnis der Backware zeigten – und gleichzeitig den Ursprung der heutigen Semmeln belegten.In ihrem Blog erklärt Frau Zehnpfennig-Wörle dazu:
Anstelle 240 Gramm wog eine Semmel nur noch 35 Gramm.  Um aber überhaupt auf das Gewicht zu kommen, wurde das Mehl mit Kleie, Sägemehl, Knochenmehl und ähnlichem gestreckt. Auch wenn der Nährwert und Geschmack deutlich litt, der Magen wurde gefüllt. Im Museum für Brotkultur in Ulm ist so ein „2 Kreuzer-Wecken“ zu sehen der 1817 gebacken wurde und nur 35 Gramm wog.

Erst mit der Rekordernte 1818 war die Krise endgültig bewältigt.

Der Ottobeurer Benediktinerpater Basilius Miller, der nach der Säkularisation zum letzten verbliebenen Konventualen werden und der als Chronist in die Fußstapfen von Pater Maurus Feyerabend treten sollte, lässt in seinen „Ottobeurischen Tagsschriften“ deutlich werden, wie sich die Wetterverhältnisse auch 1817 und selbst 1818 noch auf die Versorgung der Menschen auswirkten. Ursächlich war nach damaliger Lesart nicht das Wettergeschehen oder eben der Vulkanausbruch, sondern das sündige Verhalten der Menschen verantwortlich. Auch das Günz-Hochwasser 1789 wurde als Strafe Gottes gesehen. Hier nun die Transkription der Originaltexte:

14. Juli 1817:
Von den für die hiesige Gemeinde, und Districts-Armen bewilligten 24 Schaff Roggen ist unter Aufsicht der hiesigen königlichen Behörde Brod gebacken, und der Laib, drei Vierling schwer, zu 6 Kreuzer, der grössere mit sechs Vierling, um zwölf Kreuzer verkauft worden. Leider hört man aber einige aus der Armen-Klasse jammern, daß sie die sechs Kreuzer nicht haben und auch nicht verdienen können! Und erst die kleinen Kinder!
Bald würden die Einbrüche in die königlichen Korn-Kästen zu entschuldigen gewesen seyn.

27. Juli 1817:
Das Brod, welches für die hiesigen Armen* von drey Bäckern, die es übernehmen, gebacken wird, ist, weil die Laibe das erforderliche Gewicht nicht hatten, von 9. Kreuzer auf 7. heruntergesetzt worden. Die Armen bekommen um Geld ein rauhes Brot, das nebenbey vielfältig mit den im Haber vermischten Knillen Berauschungen verursacht, wenn viel davon genossen, und das Trinken unterlassen wird.
* Man kann billig annehmen, daß in hiesigem Flecken die Anzahl des armen Leute zwey Drittheil ausmachen; besonders da alle Gewerbe stocket und aller Verdienst so viel als ganz aufgehört hat. Man fühlt und erkennt die strafende Hand des Allmächtigen!

30. Juli 1817:
Einem Berichte in der Augsburger Post-Zeitung zufolge wurde unlängst zu Frankfurt das erste Fuder Feldfrüchten feyerlich und mit Jubel eingeführt, wobey der Geistliche zunächst bei einer Kirche eine passende Anrede hielt. Der hiesige Pfarrer [in Ottobeuren, vermutl. Pater Theodor Clarer, Pfarrer von 1805-1820] suchte bey einer gleichen Glgheit (= Gelegenheit?) und in der noch währenden bittern Theurung, die nämlichen Gefühle des Dankes gegen Gott zu erregen, da gestern hier ebenfalls das erste Fuder Roggen von dem hiesigen Maurermeister Petrich (jüngere) eingeführt und dies Hr. Pfarrer gemeldet wurde. Er ließ sohin etwelche dreisig Schulkinder Abends 5 Uhr sammeln, sie mit den 2. HH. Kaplanen und den übrigen Schulleuten auf den Platz der Fuderladung hingehen, dann den Wagen, der durch den Flecken gezogen wurden, unter langsammer Absingung des Aernteliedes:
„Bleib, o Gott! mit Wohlgefallen“ hinbegleiten zur Wohnung des Eigenthümers. Es machte dieses neue Schauspiel* bey den meisten Zuschauern einen so tiefen Eindruck, daß manche Thräne geweint wurde. Nämlich man versteht besser die Worte: Vater! Gieb uns unser tägliches Brot !!
*Das nemliche, doch mit mehr Feyerlichkeit geschah durch Veranstaltung des Hr. Landrichters zu Riedenburg. Augsburger Post-Zeitung vom 26. Juli 1817. Und in Augsburg selbst ebend. Feyerlichkeit in der Zeitung vom 31. Juli 1817. Ferner in Neuburg an der Donau ward der 1te mit dem Segen Gottes beladene Wagen am 22ten Juli 1817. feyerlich v. Der Stadt empfangen, wobey der Stadtpfarrer Josef Gräzl [Grätzl] eine Rede von der Abhängikeit des Menschen von Gott hielt.

Andenken an die große Theurung in Europa im Jahre 1817.
Aus einer Rede bey d. feyerlichen Einführung des ersten Fruchtwagens in Neuburg, den 22. July 1817.
Schrecklich zu hören, wenn ein Vater aus Verzweiflung, wie uns die Zeitungen berichten, seine Kinder abschlachtet, um sich so auf einmal des unerträglichen Anblickes zu entledigen, nemlich seine Kinder des Hungers sterben zu sehen. Wie mancher Vater entleibte sich, und überließ so seine verwaisten Kinder der christlichen Großmuth. O, wie würde ich an ein Ende kommen, wenn ich alles Uebel, alles Unheil und alles Unglück nahmhaft machen, welches über die Menschheit wie rasend hereinfiel; wenn ich den Wunden alle erwähnen wollte, welche der Menschheit in wissenschaftlicher, sittlicher, religiöser und ästhetischer Hinsicht geschlagen

wurden. Das ganze große Triebrad der Welt mit allen ihren Triebfedern kam ins Stocken; das Leben und Weben ist aus der Menschheit gleichsam verschwunden; die ganze Menschheit gleicht einer Leiche, ohne Kraft, ohne Leben, ohne Regbarkeit. Der allgewaltige Mars, der mit seinem eisernen Zepter mehrere Jahre herrschte, alles aus seinen Fugen dadurch riß, daß die Musensitze in Waffenplätze umwandelt, die Tempel des Herrn entweihet, der Sinn für Mein und Dein in der menschlichen Gesellschaft auf alle Art und Weise geschwächt, auch alle menschlichen und christlichen Bande gelöst wurden, war der Vorläufer dieses verhängnißvollen Jahres, welches alle ihre Schwestern, sogar die Kriegsjahre am Anfang, an Stärke und Dauer übertraf; denn ganz Teutschland war v. den Furien der Noth und Theurung geplagt.

Dieses verhängnißvolle Jahr wurde, Schande für Menschen; aber Elyre (?) der gesammten Menschheit noch mehr aber Schande für Christen: von erzbösen Menschen auf eine eigene methodische Art herbeygeführt. – Judas Geist war in sie gefahren. Sie bildeten daher untereinander einen

[einen] Bund, vermöge welchem sie das Getreid-Monopol an sich risten und die ganze Menschheit zu ihrem Galeerendienste verdammten, welcher mit der gewöhnlichen gar nicht zu vergleichen ist. Ja es hatte den Schein, als wären auf der lieben Gottes Erde Abgesandte der Hölle, welche nur zur Quaal u. Peyn der Menschheit da wären, ganz entstellend und verläugnend das schöne Ebenbild Gottes, nach welchem sie geschaffen sind. Ja, welch ein Frevel! welch himmelschreyende Sünde von diesen Teufeln!, leider in die schönen Menschenform gehüllet, daß sie den lieben Seegen Gottes in einen Fluch Gottes verwandelten; denn mit Gott dürfen wir wahrlich nicht rechten. Mehr als hinlängl. gab er uns – wenn eben nicht in größter Menge und bester Qualität . – Die Beweise liefern zu Genüge die Schrannenzettel, ohne darüber nur noch ein Wort zu verlieren, und die Zeitungen, indem man in einem Landgerichte vor etwa 6 Wochen durch eine durchgreifende Untersuchung noch 15,000 Schäffel aufgespeichert fand.“
Aus der Rede des Hr. Stadtpfarrers Josef Gräzl [Grätzl*], gehalten in Gegenwart Ihr. Kön. Hoheit des verwitt. Fr. Herzogin v. Zweybrücken, Amalie
des hohen Adels, des ganzen Officircorps und aller öffentl. Authoritaeten.

*Stadtpfarrkirche Hl. Geist (*25.XII.1770 in Straubing, †9.VII.1824, ab 1816 in Neuburg)

14. August 1817.
Die Diebereyen [Diebstähle] bei dem sogenannten Aehren [dem Absammeln der Getreideähren], welches unter den Armen einige Streitigkeiten absetzte, wie auch in den Cartoffelfeldern nehmen der Noth halber, stark überhand; es sind deshalb einige Wachthütten errichtet worden. – Man kann annehmen, daß der halbe Ort Ottobeuren wohl bis nach Niederrieden zum Aehren gehe; weil drei Theile hier an den Bettelstab gebracht sind.*
* Ihr Freunde der Population, sehet ihr den dummen Streich ein, den ihr gemacht habet? Und ihr Freymauer [Freimaurer?] mit eurem Zuruf: „Huret brav!“ Wer soll euch nicht den Galgen wünschen?

Der abgebildete Hungertaler war nicht auf einen bestimmten Ort zugeschnitten und wurde – nachdem er bei verschiedenen Auktionen und in Museen zu finden ist – wohl in größerere Zahl hergestellt. Hier die beiden Texte:
1816 – Fürchterlich waren die Verheerungen, welche im Jahr 1816 der Hagelschlag verbreitete. Jammernd standen Tausende, wie hier der Landmann mit seinem Weibe und seinem Knaben, vor den zerschlagenen Saaten, und vor den, durch den wilden Sturm, zerschmetterten Bäumen.

Furchtbar rollte der Donner über den Häuptern der Menschen; fast jede Wolke erzeugte vernichtende Blitze; auch hier nimmt er seinen Lauf auf eine friedliche Hütte, und angstvoll fliehen Menschen und Vieh ob des gewaltigen Donners.
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Literaturhinweis: Josef Heckelsmiller (Schriftführer vom Heimatdienst Legau) hat in den „Heimat-Blättern“ (Beilage zum Kirchenanzeiger Legau), Ausgabe Nr. 13, vom September 2017 einen umfangreichen Beitrag verfasst („Die verheerende Hungersnot und Teuerung im Jahre 1817“).

Eine andere Art von Erntedank gab es im Dritten Reich, die Motivation war freilich eine andere.

Transkription der „Ottobeurischen Tagsschriften“, Fotos, Recherche, Abschriften und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 01/2021, das Foto mit Pfarrer Anton Rollinger stammt von Werner Brüchle.