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14.03.2021 – Ausstellung „Pfarrer Kneipp & seine Bienen“ / das „Bienen-Büchlein“ von 1873


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Franz Xaver Kneipp schenkte 1833 seinem damals 12-jährigen Sohn Sebastian einen Bienenstock. Wie er es mit vielen anderen Dingen in der Natur tat, beobachtete der aufgeweckte „Weber-Baschtl“ auch die Honigbienen. In seinen Lebenserinnerungen („Aus meinem Leben“) berichtete Kneipp, wie er „hundertmal zählte, wie viele Höschen sie in einer Viertelstunde eintragen“, d.h. wie viele Pollen die Bienen in den Stock eintragen – in der Fachsprache der Imker „Höseln“ genannt. Er beließ es nicht bei der Beobachtung, sondern versuchte sich erfolgreich am Flechten eines Bienenkorbes. Sebastian Kneipp sammelte Erfahrungen, die er in seinem späteren Leben in Vorträgen und Büchern weitergab.
Eine wunderbare Ausstellung in St. Ulrich (Bad Wörishofen-Gartenstadt) ist noch bis 30.10.2021 taglich zwischen 9 und 18 Uhr zu sehen. Im virtuellen Museum sind einige der 15 Tafeln und der liebevollen Dekoration zu sehen. Die Kneippexpertin Paola Rauscher hat sich „mit dieser Facette des Wasserdoktors vertraut gemacht“, hieß es in der April-Ausgabe der Bad Wörishofer Gästezeitung vom April 2021 (S. 16). Mehr darüber weiter unten.

Dr. Alfred Baumgarten erwähnte in der 1898 vom ihm verfassten Kneipp-Biographie („Biographische Studien“, S. 263) mehrere Vorträge Kneipps in Pforzen (zwischen Wörishofen und Kaufbeuren gelegen), die er zwischen 1868 und 77 hielt, z.B.:
21.11.1872:
Wie sind die Bienen im ersten Frühjahr zu behandeln, wenn sie nicht volksarm werden sollen! Wie können die Stöcke gegen Wachsmotten und Räuber (Raubbienen) geschützt werden?
15.10.1874:
Msgr. Kneipp sprach vor mehr als 100 Bienenzüchtern aus dem südlichen Schwaben und Oberbayern über „den rationellen Betrieb der Bienenzucht im Strohkorb“, der mit vielem Beifall aufgenommen wurde.
18.09.1877:
ber die Ursachen des geringen Erträgnisses der Bienenzucht in diesem Jahre und der Weisellosigkeit vieler Völker. Wie kann die Kaninchenzucht mit Vorteil getrieben werden? Die besten Düngungsmittel für Wiesen.

1873 erschien die erste Auflage seines „Bienen-Büchleins“ (2. Auflage 1883, 3. 188?, 4. Auflage 07.08.1892, 5. Auflage 1896; 6. Auflage 1905, ggf. noch weitere Auflagen).
Literaturzitat:
Kneipp, Sebastian: Bienen-Büchlein. Eine einfache Anleitung zur Verbesserung der Bienenzucht in Körben und Kästen, besonders für Anfänger, Druck und Verlag von Friedrich Feuerlein, Kempten, 1873, 165 S.
(Der obige Link füht zum Ditgitalisat der ersten Auflage bei der Bayer. Staatsbibliothek München.)

In der Einleitung erläuterte Kneipp: „Es gibt wenig Leute, welche die Bienenzucht nicht hochschätzten, wenn sie selbe einmal kennen gelernt haben. Suche dir vorzüglich Eingang zu verschaffen bei den Hausvätern auf dem Lande und berede sie, jedem ihrer Söhne einen Bienenstock anzuschaffen, denn die Bienen gewähren die beste Unterhaltung, halten die Jugend von vielem Schlimmen ab und sind derselben immer ein Beispiel des Fleißes.
Dein Verfasser hat auch schon als Knabe von seinem nun seligen Vater einen Bienenstock erhalten und sich seiner Bienenfamilie reicher gehalten als mancher Bauer mit seinem Bauerngute. Und wo der Schatz ist, da ist auch das Herz! Hätte jeder Knabe einen Bienenstock und eine Anleitung zur Pflege desselben, die Jugendzeit würde viel edler benützt werden.
Treffen dich aber auf deinen Wanderungen Mißgeschicke, so ist auch an dir nur die Wahrheit erfüllt:  „Es ist nichts Vollkommenes unter der Sonne!“ Wo du hinkommst, bringe auch einen freundlichen Gruß von deinem Verfasser mit!

Die Vorrede zur vierten Auflage vom 7.8.1892 endete Kneipp ähnlich, würzte sie aber mit einer Prise Humor: „Zum Schlusse nimmst noch einen Postbotenranzen voll Grüße mit an alle Bienenliebhaber von deinem Verfasser. Und wer kein Bienenliebhaber ist, dem darfst eine kräftig gute Besserung wünschen.

Zur Ausstellung in St. Ulrich sei allen Kneippvereinen in Nah und Fern zur Ausleihe ab 2022 wärmstens empfohlen! Der Altarbereich wurde als Blickfang mit einem riesigen Wabengehäuse ausgestattet („Kirche wird zum Bienenhaus“). Schon im sogenannten „Paradies“, dem Vorhof der Kirche, „schwirren Bienenschwärme durch die Luft“. Auch im Kirchenraum selbst finden sich Bienen: 2500 Papierbienen, gruppiert um Sonnenblumen. Sie gehen auf eine Ausstellung in der „offenen Stadtkirche St. Nikolaus“ in Friedrichshafen zurück, in der Gemeindemitglieder mit der Ausstellung „Himmelsschwärmer“ 2018 ein Zeichen gegen den dramatischen Rückgang der Bienen und anderen Insekten setzten wollte. Die von der Künstlerin Felicia Glidden in Zusammenarbeit mit vielen Helfer:innen errichtete Kunstinstallation konnte im Kneipp-Jubiläumsjahr 2021 von dort ausgeliehen werden.

Paola Rauscher war für die am 14.03.2021 eröffnete Ausstellung in Bad Wörishofen die maßgeblich treibende Kraft, vorbereitet und beteiligt haben sich außerdem:
Pfarrgemeinderat und Kirchenverwaltung St. Ulrich Bad Wörishofen, Bäuerinnenchor unter der Leiung von Sanni Risch, Franz Bucher, Elisabeth Nett, Philip Heger, Autor Dr. Karl-Georg Michel, Kurverwaltung Bad Wörishofen, Kneipparzt Dr. Anton Meier, Bezirksverband der schwäbischen Imker e.V., Manfred Gittel, Helmut und Michael Scharpf, Franz Egger, Stadt Bad Wörishofen, Layouter Simon Ledermann, Ortsgruppe BUND Naturschutz Bad Wörishofen, Stadtgärtner Andreas Honner mit Team, Marlene Agricola sowie unzählige Bienen:Freundinnen, die etwas gebastelt haben.
Zur Ausstellung ist eine 24-seitige Begleitbroschüre erschienen, die von der Katholischen Kirchenstiftung St. Ulrich, vertreten durch Pfarrer Andreas Hartmann, herausgegeben wurde.

Thematisch eingebunden sind nicht nur Aussagen Kneipps, sondern auch mahnende Worte zur Bewahrung der Schöpfung (insb. der Papst-Enzyklika „Laudato si“). Während die Ausstellung über den „schwäbischen Bienenvater“ ohne wesentliche Einschränkungen besucht werden kann, durfte die Parallel-Ausstellung „Pfarrer Kneipp & seine Berufung“ in der Unterkirche von St. Justina corona-bedingt bislang noch nicht eröffnen.

Die Fotos sind während eines Ausstellungsbesuchs am 16.04.2021 entstanden.
Helmut Scharpf, 04/2021