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1891/97  Die Kneipp-Biographien von Alphons vom Rhein und Justus Verus


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Anlässlich des 70. Geburtstags von Sebastian Kneipps wurden zwei frühe Biographien herausgegeben: von Pater Hermann Mayer und Alphons vom Rhein. Wer sich hinter dem Pseudonym „vom Rhein“ verbirgt, ist noch unklar, er unterzeichnete das Vorwort zur ersten Auflage im April 1891 jedoch in Frankfurt. Was auffällt: Kurz nach dem Tode Kneipps erschien eine Biographie von „Justus Verus“, die hier ebenfalls abrufbar ist. Die Texte sind sehr ähnlich, die Stiche teils identisch. Es liegt nahe, dass es sich um ein und denselben Autor handelte. Prior Bonifaz Reile – wie ab und zu vermutet – steckt aller Voraussicht nach nicht dahinter, denn er war zum Zeitpunkt der ersten Ausgabe 1891 noch gar nicht in Wörishofen. Auf S. 78 dürfte der Autor abgebildet sein!

Die erste Auflage von 5.000 Exemplaren war nach eigenen Angaben nach nur 10 Tagen vergriffen, bereits im Juni 1891 erschien deshalb die zweite Auflage. Drei der schönen Stiche mit Ortsansichten von Stephansried, Grönenbach und Wörishofen wurden fürs virtuelle Museum eigens nachbearbeitet. Der Zufall will es, dass jüngst das Foto eines Vortrags (gehalten neben dem an Pflingsten 1890 eröffneten Männerbad, die Wandelbahn wurde erst Mitte Oktober 1890 fertig) angekauft werden konnte, das für die Biographie von Alphons vom Rhein als Stich abgedruckt wurde. Die „photographische Aufnahme von H. Bischoff in Memmingen und Wörishofen“ wurde demnach voraussichtlich im Sommerhalbjahr 1890 aufgenommen!

Vier besondere Angaben im Buch:
Auf Seite 13 steht: „Am 6. August jenes Jahres [1852] weihte ihn Bischof Peter von Augsburg zu München zum Priester.“ Vielleicht geschah dies im oder im Umfeld des Priesterseminars Georgianum. Bislang haben wir immer angenommen, die Priesterweihe hätte in Augsburg stattgefunden. (In der „Augsburger Postzeitung“ fand sich keinerlei Hinweis; der Grund scheint nun klar.)

Auf Seite 14 ist eine Silhouette des Vaters Xaver Kneipps abgedruckt, die Sohn Sebastian mit einem mit einem Storchenschnabel selbst gezeichnet hatte.

Auf Seite 30 geht es um Kneipps „Meine Wasserkur“: „Die erste Auflage dieses Werkes erschien im Oktober 1886.“ (Bislang gingen wir vom 25.11.1886 aus, siehe „Kalenderblatt“ Bayern 2 vom 25.11.2010.)

Erwähnenswert ist schließlich die tiefe Verneigung vor Sebastian Kneipp, dem „unermüdlichen Samariter“, die der Autor zum Ausdruck bringt. Deutlich angesprochen werden die „Feinde“ Kneipps. Wie ihn seine Gegner beschreiben, wird in der Schmähschrift des Mindelheimer Apothekers Adolf Boneberger von 1898 („Der Kneippkur-Charlatanerismus“) verdeutlicht: Es wird kein gutes Haars an Kneipp oder der Kneippkur gelassen. Man vergleiche exemplarisch die Beschreibung der „Sprechstunde“.

Adolf Boneberger (S. 103f.):
Wie eine Schafherde wurden die vertrauensseligen, von den Kneippbüchern verführten Patienten, durch das pfarrherrliche Sprechzimmer getrieben und oft dutzendweise auf einmal abgefertigt, an manchen Tagen oft 2 bis 300 Hilfesuchende, von welchen die neu ankommenden à Person 3 Mark zu erlegen hatten.
Kein Patient hatte bei dieser sogenannten Sprechstunde Zeit, sich nur in kürzester Form auszusprechen, seinen Krankheitszustand zu schildern, da in der Regel 6 bis 12 Personen gleichzeitig im Sprechzimmer anwesend waren. Herren und Damen, Knechte und Mägde, Erwachsene und Kinder, junge Burschen und Mädchen wurden miteinander absolvirt.
Auch in dieser allgemeinen Sprechstunde war es dem Patienten unmöglich, seine Krankengeschichte vorzutragen. Wurde es versucht, sich etwas genauer auszusprechen, so hieß es sofort: „Ja, das wissen wir schon, wir haben keine Zeit, uns länger mit dem Einzelnen zu beschäftigen u.s.w.“ Wagte es trotzdem ein Patient, welcher vielleicht aus weiter Ferne gekommen war und ein besonderes Vertrauen zur Kneippkur im Herzen trug, sein Leiden etwas genauer zu schildern, so fand es in den meisten Fällen der sich allwissend, allweise und allmächtig stellende Pfarrer oft nicht der Mühe werth, seinen Patienten auch nur flüchtig anzusehen oder kurz anzuhören; er saß gemüthlich in seinem Lehnstuhle, drehte mit den Fingern seine Zigarre im Munde herum, rauchte und diktierte ruhig: „Oberguß, Schenkelguß, Knieguß, Rückenguß, Halbbad etc. etc.

Vom Rhein (S. 21, 24):
Und Kneipp weiß genau, was er spricht. Nichts liegt ihm ferner, als eine Hoffnung in dem Kranken zu erwecken, die sich nicht erfüllen wird. Daher ist ein Trosteswort von ihm fast so werthvoll wie eine kurze Wasserkur. Für Jeden hat der greise Pfarrherr ein freundliches Wort, jeden Kranken hört er mit größter Ruhe an. Da gibt's kein unruhiges Rücken auf dem Sitze, wenn ein Leidender etwas ausführlich ist, kein Blicken nach der Uhr, keine hastige Abfertigung. Kneipp ist die Ruhe und Langmuth selbst, und schon dadurch gewinnen die Kranken diesen seltenen Mann von vornherein lieb und haben Vertrauen zu ihm.
„Um nicht mißverstanden zu werden, trage ich aus meinen Beobachtungen in den Sprechstunden noch nach, daß Kneipp selbstverständlich für solche Leidende, die ihren Zustand nicht vor fremden Ohren schildern können, auch allein zu sprechen ist und zwar am Schlusse der Sprechstunde oder um 6 Uhr Abends im Pfarrhof.“

Die Gegensätze könnte größer nicht sein! Es wird klar, mit welchen „Gegnern“ es Kneipp zeitlebens zu tun hatte. Auf Seite 23 fällt übrigens ein sehr entscheidender Satz: „Er wirkt durch Wasseranwendungen darauf hin, die Natur derart zu kräftigen, daß sie im Stande ist, die Krankheitsstoffe auszuscheiden; mit anderen Worten: Das Heilen überläßt er völlig der Natur.

Literaturzitat:
Vom Rhein, Alphons: Das Buch vom Pfarrer Kneipp. Sein Leben und Wirken als Seelsorger und Arzt. Mit einer Schilderung der Wörishofer Verhältnisse und einem Verzeichnisse einiger interessanter Heilerfolge, Verlag Josef Kösel, Kempten, 1891, 78 S.
Dem edlen Priester und Arzte, dem selbstlosen, unermüdlichen Samariter, dem wahren und hochherzigen Menschenfreund zum 70. Wiegenfeste in dankbarer Verehrung gewidmet

Zunächst hier das Vorwort von 1891:
Wir Deutsche pflegen den siebenzigsten Geburtstag hervorragender Männer unseres Volkes in festlicher Weise zu begehen. Diese schöne Sitte entspringt nicht allein dem Bedürfniß, unsern Geistesheroen den schuldigen Dank öffentlich abzustatten, sondern auch der Erkenntniß, daß es nur den wenigsten Sterblichen vergönnt ist, das achte Lebensjahrzehnt anzutreten. Paart sich hervorragendes Verdienst mit einem gottbegnadeten Alter, so drängt es uns unwillkürlich, einem also ausgezeichneten Manne, mag er Fürst, Gelehrter, Staatsmann, Dichter oder Künstler sein, unsere Huldigung darzubringen. Das ist eine schöne Sitte, die hoffentlich unsere schnelllebige, realistische Zeit niemals wegfegen wird.
Der hochverehrte Mann, dem dieses Buch gewidmet ist, und über den die nachfolgenden Blätter berichten, gehört zwar nicht zu den Kategorien, die ich oben anführte; das hindert aber nicht, daß sein Name einen Klang hat, wie kaum einer der besten Männer unserer Zeit. Tausende blicken dankerfüllten Herzens auf ihn und seine Wirksamkeit; schenkte er ihnen doch das höchste, was wir Menschen kennen, wieder – die Gesundheit! Der greise Pfarrherr von Wörishofen, dessen Selbstlosigkeit, Schlichtheit und Anspruchslosigkeit fast noch mehr Bewunderung verdient als sein großer Scharfblick für die Leiden seiner Mitmenschen, vollendet am 17. Mai dieses Jahres das siebenzigste Lebensjahr. Sein einfacher Sinn und seine große Bescheidenheit lassen zwar eine Feier nicht zu, wie seine Freunde und Verehrer sie wünschen, und wie Vater Kneipp sie mit vollem Recht verdient hat, allein unbeachtet soll der bedeutungsvolle Tag nicht vorübergehen.
Dieses Buch soll eine Festschrift zu Pfarrer Sebastian Kneipp's siebenzigstem Geburtstag sein, eine Festschrift freilich, die, wie ich zu hoffen wage, einen, wenn auch kleinen, so doch dauernden Werth sowohl in den Augen aller derer haben wird, die jemals in Wörishofen waren und den verehrten Pfarrherrn in seiner unermüdlichen Samariter-Thätigkeit sahen, als auch derjenigen, die, ohne ihn gesehen zu haben, durch seinen Rath gesundeten.
Die Verdienste Kneipp's voll und ganz zu würdigen, bin ich ausserstande; aber versuchen will ich wenigstens, ein lebenswahres Bild des verdienten Mannes zu entwerfen, ihn in seiner Thätigkeit als Seelsorger, Arzt und Schriftsteller dem Leser vorzuführen.
Kneipp’s Name wird heute in der ganzen Welt genannt. In Ost und West, in Nord und Süd ist der Name des Pfarrherrn von Wörishofen und sein berühmtes Buch [„Meine Wasserkur“] bekannt, in aller Herren Ländern finden sich seine Verehrer und Freunde.
Daß er auch Gegner hat, wer wollte das bestreiten? Wo aber ist ein hervorragender Mann, der keine Feinde gehabt hätte? „Viel Feind’, viel Ehr'“ sagt das Sprichwort, und wenn dies Wort irgendwo zutrifft, so bei Sebastian Kneipp und seinem menschenfreundlichen, von reinster Nächstenliebe getragenen Wirken. Kneipp’s große Verdienste werden erst voll und ganz gewürdigt und erkannt werden, wenn er nicht mehr unter uns weilt, wenn sein System zwar fortbesteht, aber sein scharfes Auge,
sein Heller, durchdringender Verstand fehlt.
Möge dieser Zeitpunkt noch recht ferne liegen! Möge der rüstige Greis noch viele, viele Jahre zum eigenen Ruhme und zum Wohle der leidenden Menschheit seine segensreiche Thätigkeit entfalten! Das walte Gott!
Frankfurt a/M. im April 1891
Der Verfasser.

Hinweis: Das Digitalisat des Werkes von 1891 enthält einen kleinen Fehler: Die Seiten 2 und 3 sind doppelt gescannt!

Literaturzitat:
Verus, Justus: Vater Kneipp, sein Leben und sein Wirken. Mit einem Anhange über seine letzten Lebenstage, die Beisetzungsfeierlichkeiten und die Zukunft Wörishofens. Größere Ausgabe, Verlag Josef Kösel, Kempten, Juli 1897, 166 S.

Die Fotos und Bücher stammen aus der Sammlung von Helmut Scharpf, die beiden Biographien wurden mit Mitteln des Marktes Ottobeuren digitalisiert.

Weitere Kneipp-Dokumente finden Sie bei einem Klick auf die linken Schaltflächen zu Sebastian Kneipp bzw. zum Thema Kneippkur.
Das bekannte Gemälde von Kneipps Geburtshaus können Sie hier ebenso abrufen wie den Taufeintrag oder zum Brand von Stephansried am 17.05.1841 u.v.m.