29.09.1912 – Enthüllung des Kneippdenkmals in Wien

Titel

29.09.1912 – Enthüllung des Kneippdenkmals in Wien

Beschreibung

Ein bleibendes Erbe in Erz und Stein – Wien und seine tiefe Verbundenheit mit Sebastian Kneipp

Am Sonntag, den 29. September 1912, wurde im „Kindergarten“ des Wiener Stadtparks ein Monument enthüllt, das weit mehr war als eine bloße Dekoration: Das Kneippdenkmal war ein sichtbares Zeichen der tiefen Dankbarkeit einer Stadt mit damals knapp über zwei Millionen Einwohnern gegenüber dem „Wasserdoktor“ Pfarrer Sebastian Kneipp, Ottobeurens bekanntestem Sohn.

Warum Wien?
Die Begeisterung der Wiener für Kneipp kam nicht von ungefähr: Ein wesentlicher Motor für die Popularität seiner Lehren im Kaiserhaus und beim Volk war Erzherzog Joseph Karl Ludwig von Österreich (1833 - 1905). Als prominenter Kurgast in Wörishofen zu Kneipps Lebzeiten wurde er nicht nur selbst geheilt, sondern entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Förderer Kneipps und der Kneipp-Kur.

Sebastian Kneipp selbst festigte diese Bindung durch eigene Besuche in der Donaumonarchie:
– Am 27. April 1892 hielt er einen vielbeachteten Vortrag im vollbesetzten großen Musikvereinssaal in Wien.
– Im Juli 1892 besuchte er den Erzherzog auf Schloss Alcsút.
– Am 12. Juni 1893 sprach er vor einer großen Zuhörerschaft auf der Margaretheninsel in Budapest. (siehe Kneipps Reisen)

Diese persönliche Präsenz und die Unterstützung durch den Hochadel führten dazu, dass Wien per Stadtratsbeschluss am 8. August 1900 als erste Stadt der Welt eine Straße nach ihm benannte: die Sebastian-Kneipp-Gasse im 2. Bezirk (Leopoldstadt).

Die Enthüllungsfeier am 29. September 1912
Zwölf Jahre nach der Benennung der Gasse folgte nun das Denkmal. Das Festkomitee unter der Leitung von Landesausschuß-Regierungsrat Professor Josef Sturm, kaiserlichem Rat Karl Habenicht und Oberrevisor Slawik begrüßte neben zahlreichen Bürgern und Ehrengästen, darunter Vizebürgermeister Dr. Josef Porzer auch eine Delegation aus Wörishofen mit Prior Bonifaz Reile und Bürgermeister Johann Singer, Fidel Kreuzer als Vertreter des Stamm-Kneipp-Vereins und des Wörishofener Kneipp-Verbandes, und Max Matzberger (Betreiber des „Café Matzberger“). Die Wörishofener wären sicherlich in größerer Zahl vertreten gewesen, wenn die Nachricht von der Einweihung nicht erst drei Tage vorher eingetroffen wäre.

Die Festrede von Regierungsrat Professor Josef Sturm
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir sind heute hieher gekommen, um ein Denkmal in Erz und Stein zu enthüllen, das nicht nur seinen Meister loben, sondern vielmehr auch noch einen selbstlosen schlichten Priester und selten edlen Menschenfreund ehren soll. Lange Jahre sind über den traurigen Tag hinweggezogen, an welchem Sebastian Kneipp sein wohlwollenes und scharfblickendes Auge für immer geschlossen hat. Umbraust von widerwärtigen Kämpfen wie alles Gute, wuchs sein Name als Begründer einer genialen Heilmethode empor zum Lichte der öffentlichen Anerkennung. Seine scharf geprägte Persönlichkeit ließ Klarsehende über die ethische Bedeutung seiner Anschauungen, den unschätzbaren Wert seiner Ratschläge und seiner Lehren nicht in Zweifel seien, und so kamen vorerst einzelne aus allen Ländern der Erde, manche auch zögernd und unschlüssig, bald aber kamen hunderte, ja tausende Hilfesuchende voll Vertrauen zum unermüdlichen Helfer und Ratgeber. Ich selbst war Augenzeuge, welch entsetzliche Kranke, die vergebens nach Hilfe suchten, vor Kneipp erschienen sind. Und er half, half mit den einfachsten Mitteln, die einem jeden leicht zugänglich sind, half mit der so einfachen Methode seiner Wasseranwendungen, ihre Leiden zu heilen oder doch zu lindern.

Seine Methode ist die einfachste der Welt und Kneipp wollte eine solche, damit auch jene, welche irgend einer Beschränkung gegenüberstehen, sei es an Zeit, Geld oder sonstigen Hinternissen, es möglich werde, im bescheidensten Haushalte eine Kur durchzuführen. Sebastian Kneipp wies schließlich mit mächtiger Gebärde auf die Irrtümer unserer Lebensführung hin und rief dem aufhorchenden Volke sein: „So sollt ihr leben“ zu! [...] So reifte dann in uns der Gedanke, diesem seltenen Manne ein Denkmal mitten unter uns zu setzen, unter der jubelnden Kinderschar, für die er so warm empfand, damit alle ihn sehen können und sich von Mund zu Mund zuzurufen: Das war ein Mensch nach dem Herzen Gottes, denn er liebte seine leidenden Nächsten mehr als sich selbst“.

Die Übergabe durch Vizebürgermeister Dr. Josef Porzer
„Der Mann, dessen Andenken durch das Denkmal geehrt wird, hat sich unendliche Verdienste um die leidende Menschheit erworben. Sebastian Kneipp war ein Priester, ein Priester in des Wortes vollstem Sinne, ganz erfüllt von Nächstenliebe und Menschenliebe. Aber während der Priester sonst hauptsächlich dafür besorgt ist, die Seele des Menschen zu retten, hat Pfarrer Kneipp, dem Grundsatz hudigend: „mens sana in corpore sano“ [„Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“] dem leiblichen Wohle der Menschen auch seine Fürsorge zugewendet und durch die einfachsten Mittel große Erfolge erzielt. Die Stadt Wien dankt mit Freuden für das Geschenk, das sie gerne entgegennimmt und ich danke allen, welche dazu beigetragen haben, dieses Werk zu schaffen. Es möge denn die Hülle fallen!“.

Das Denkmal und die Stimme der Kinder
Unter dem Gesang von dreißig weißgekleideten Mädchen der Kinderschutzstation Margareten wurde das Werk des Bildhauers Carl Wollek enthüllt. Es zeigt die monumentale Erz-Büste Kneipps auf einem Felsen, flankiert von Genien, die unnütz gewordene Krücken halten. Zu Füßen Kneipps netzt eine Quelle den Rücken eines lachenden Knaben.

Prior Bonifaz Reile betonte in seiner Ansprache:
„Die Erfolge Kneipps können niemals geleugnet werden, wenn sie auch noch nicht voll zum Durchbruch gelangt sind. Die Tatsache bestehe, und die Mit- und Nachwelt werde Kneipp die Achtung eines großen Mannes, eines Jahrhundertmenschen nicht versagen können. Durch die Errichtung dieses Denkmales habe sich die Stadt Wien selbst geehrt; denn sie ehre das Andenken dessen, von dem für viele Linderung der Not kam“.

Rührend waren die Worte der kleinen Annie Moser, die im Namen der Stadt Wien einen Kranz niederlegte:
„Lieber, guter Vater Kneipp! Du hast in deinem Leben so viel Gutes gewirkt, daß du der größte Wohltäter der Menschheit bist. Alle hast du lieb gehabt, besonders aber die Kinder [...] Sieh’ herab auf uns und nehme diese geringe Gabe der Dankbarkeit, diesen Kranz, gnädig entgegen.“

Porträts einiger beteiligten Akteure
Die Quellen erlauben einen tiefen Einblick in die illustre Gesellschaft dieses Tages:
Prof. Josef Sturm (1858 - 1935): Christlichsozialer Politiker, Wiener Gemeinderat und akademischer Maler. Er war eine Schlüsselfigur der Lueger-Ära.
Dr. Josef Porzer (1847 - 1914): Jurist und Erster Vizebürgermeister Wiens, der das Denkmal offiziell übernahm.
Johann Singer (1847 - 1918): Bürgermeister von Wörishofen (1896 - 1918), der den Ort zum Weltkurort entwickelte und am 3.2.1918 zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Carl Wollek (1862 - 1936): renommierter Bildhauer (u.a. Mozartbrunnen). Er erhielt 1911 den kaiserlichen Staatspreis.
Wenzel Hybler (1847 - 1918): Wiener Stadtgartendirektor, der die künstlerische Einbettung des Denkmals in den Park leitete.
Max von Millenkovich (Pseudonym Max Morold, 1866 - 1945): hoher Beamter im Unterrichtsministerium und Schriftsteller, der das Weihegedicht verfasste.
Rittmeister Fritsch: Ein bekannter Kneipp-Redner, der bereits seit 1892 aktiv war und praktische Badeapparate für Stadtwohnungen erfand.

Zur Sammlung von Spenden für das Denkmal hat lt. „Kneippblätter“ auch Prior Bonifaz Reile bei einem früheren Besuch in Wien beigetragen:
Prior Reile in Wien.
Wir erhalten aus Wien folgende Zuschrift: Herr Prior Reile hielt am 26. Februar [1912] einen Vortrag im großen Konzert-Saale des Hotel Post, welcher bis auf den letzten Platz gefüllt war. Zuerst wurde er vom Obmann des 1. Wiener Kneipp-Vereines begrüßt, indem er ihn als einen der größten Förderer des Wiener Kneippdenkmales rühmte und darauf hinwies, daß er die Mühe nicht scheute, einen Vortrag zugunsten des Denkmales zu halten.
Als der Redner die Bühne bestieg, wurde er von dem Publikum mit enthusiastischen Hochrufen geehrt. Auf der Bühne selbst empfingen ihn 12 weißgekleidete Mädchen mit einer herzlichen Ansprache. Nach Beendigung des Vortrages wurden ihm sehr hübsche Ständchen vom Wiener Frauenbund des 1. Wiener Kneipp-Vereins dargebracht. Zum Schlusse wurde das Kneipplied und der Kneippmarsch vorgetragen.

Der Ablauf der Enthüllungsfeier des Kneippdenkmals in Wien am 29.09.1912 (ab 10.30 Uhr oder 11 Uhr) verlief wie folgt:
1. Chorvortrag durch den der Wiedner Männerchor unter Leitung seines Ehrenchorleiters Max Keßlerdorfer [Wieden ist ein Stadtteil von Wien; er liegt im 4. Wiener Gemeindebezirk und war historisch ein Zentrum des Wiener Chorwesens]
2. Festrede durch den Landesausschuß-Regierungsrat, Professor Josef Sturm
3. Der Wiener Vizebürgermeister Josef Porzer befahl die Enthüllung des Denkmals
4. Während die Hülle fiel sangen dreißig kleine Mädchen – Zöglinge der Kinderschutzstation Margareten – in weißen Kleidern mit Blätterkränzen im Haar und Blumen und Beerenzweigen in den Händen ein Chorstück
5. Der Schauspieler Wilhelm Klitsch trug ein Weihegedicht des Schriftstellers und Sektionsrates Max von Milenkovich (alias Max Morold) vor
6. Ansprache von Pater Bonifaz Reile, Prior des Priorates der Barmherzigen Brüder aus Wörishofen
7. Namens der Stadt Wien legte ein Kind, Annie Moser, einen Kranz mit weiß-roten Schleifen nieder und sprach einige Worte der Dankbarkeit
8. Kranzniederlegungen weiterer Vereine und Institutionen: Bürgermeister Johann Singer im Namen des Kurorts Wörishofen (einen prächtigen Lorbeerkranz); Fräulein Kiel im Namen des ersten Wiener Kneipp-Vereins christlicher Frauen, Dr. Panesch für den allgemeinen österreichischen Naturheilverein, Herr kaiserlicher Rat Karl Habenicht namens des Denkmalsausschusses, Herr Fidel Kreuzer im Auftrage des Stamm-Kneipp-Vereins Wörishofen und des Wörishofener Kneipp-Verbandes, Herr Rittmeister Fritsch im Namen des Kneippbundes.
9. offizieller Schluss der Feier durch ein Chorstück des Wiedener Gesangvereins
10. Es schloss sich ein zwangloses Festmahl an

Hinweis zu den Abbildungen:
Die beigefügten Schwarz-weiß-Fotografien des kaiserlichen Kammerfotografen Martin Fachet wurden für diesen Beitrag aufwendig restauriert und nachträglich koloriert. Um die Authentizität zu bewahren, wurden die Originalaufnahmen zum direkten Vergleich bei ottobeuren-macht-geschichte archiviert.

Scans: Michael Scharpf (Bad Wörishofen)
Nachbearbeitung und Kolorierung (mit KI-Unterstützung): Helmut Scharpf
Artikel / Quellen:
„Centralblatt für das Kneipp’sche Heilverfahren“, 19. Jahrgang, 1912 (Seiten 493 - 496)
„Die Kneipp-Kur“ (Jg. 1912, S. 311 - 314)
„Kneippblätter“ 1912 (S. 328f.)
Dankenswerterweise von Katrin Bartsch vom Sebastian-Kneipp-Museum in Bad Wörishofen zur Verfügung gestellt.
Spannend wären noch die Wiener Zeitungen aus der Zeit der Einweihungsfeier.

Transkriptionen, Recherche und Zusammenfassung: Helmut Scharpf, 06/2026 (selbst am Denkmal im Rahmen der Konzertreise des Chor96 nach Budapest, Bratislava, Sopron und Wien, 25.05. - 02.06.2026)

Urheber

Fotograf Martin Fachet

Quelle

Michael Scharpf, Kneippmuseum

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1912-09-29