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28.11.1923 - 240 Milliarden Mark für einen Eilbrief von Ottobeuren nach Oberfranken


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Frankiert ist der Brief der Buttergroßhandlung von Alois Kudermann nominell mit 60 Milliarden Mark. Die vorliegende Frankatur war vom 20. - 30.11.1923 möglich.

Nachdem die Hyperinflation auch vor der Post nicht halt machte, war seitens der Deutschen Reichspost am 25.11.1923 – wegen der Spekulanten an einem Sonntag – eine neue Regelung bekanntgemacht worden: Ab 26.11. mussten Briefmarken zum Vierfachen ihres Nominalwertes gekauft werden. Wer zu Hause noch Marken vorrätig hatte, hatte Glück. Ein normaler Fernbrief (Empfänger war die Porzellanfabrik in Schönwald in Oberfranken, die 2017 Porzellan für Hotels und Fluggesellschaften herstellt) bis 20 g erforderte ein Porto 80 Milliarden Mark, durch den Express-Zuschlag („per Eilboten“) das Dreifache.

Der vorliegende Briefbeleg – man spricht wegen der durch die Hyperinflation geprägten Besonderheiten von einem sogenannten „Novemberbrief“ (ein Begriff, den der Mentor der Infla-Philatelie, Gustav Kobold, prägte) – zeigt eine Frankatur mit drei Briefmarken á 20 Milliarden Mark, das Gesamtporto betrug allerdings ab dem 26.11. nicht 60 Milliarden, sondern 240 Milliarden.

Der Verkauf der Marken zum vierfachen Nominalwert lag darin begründet, dass mit dieser Maßnahme die Markenbestände in den Postämtern einigermaßen bis zum 30.11. reichen würden. Andernfalls wären ab 28./29.11. in den meisten Postämtern keine Marken mehr verkäuflich gewesen. Die Postkunden hätten dann mit jeder Sendung zum Schalter gehen müssen um sie dort aufzugeben, das Porto zu bezahlen und mit sog. Gebühr-bezahlt-Stempeln versehen zu lassen. Die Folge wären endlose Schlangen in und vor den Postämtern und auf der Gegenseite gering gefüllte Postbriefkästen in den Straßen. Marken der alten Reichsmarkwährung in ausreichender Menge zu drucken war problematisch, denn die durften ab 01.12. nicht mehr an den Postschaltern verkauft werden und außerdem waren die Druckereien mit der Herstellung der Marken und Geldscheine in der neuen Rentenmarkwährung voll ausgelastet.
Ein weiterer Grund für die Beibehaltung der alten Marken war vielleicht auch der enorme Platzbedarf der Postwertzeichen, insb. bei höherem Porto: Es musste so viele Briefmarken aufgeklebt werden, dass dafür kaum der nötige Platz zur Verfügung stand. Oft wurden die Marken deshalb leicht versetzt übereinander geklebt; man spricht dann von einer „Treppenfrankatur“. Briefe bis 20 Marken sind in der Infla-Zeit nicht selten. Briefe mit 20 bis 50 Marken sind Vielfachverwendungen bzw. -frankaturen. Bei über 50 Marken pro Brief spricht man von einer Massenverwendung bzw. -Frankatur.

Nachdem also eine 20-Milliarden-Briefmarke ab dem 26.11.1923 plötzlich 80 Milliarden Reichsmark kostete, entstand vor den Postämtern von Spekulanten ein reger Handel. Vorher gekaufte Marken wurden schwarz zu einem höheren Preis als der aufgedruckte Nominalwert verkauft, für den Käufer war es aber günstiger als im Postamt.

Der vorhandene Beleg ist einer der letzten in der Zeit der alten Reichsmark. Nur drei Tage später wurde die Rentenmark eingeführt und damit auch neue Briefmarken. Die alten durften offiziell noch bis 31.12.1923 verwendet werden, zum Teil auch in Mischfrankaturen beider Währungen.

Der Eintrag zu Alois Kudermann im Landesadressbuch – dem sogenannten „Bayernbuch“  – von 1928/29 lautete:
Kudermann Alois Buttergroßhandlung PM 37058 F 62 HR
Er hatte demnach in München ein Postscheckkonto, hatte die Telefonnummer 62 und war im Handelsregister eingetragen.

Das Gebäude von Kudermann (Ecke Bahnhofstraße / Johann-Michael-Fischer-Straße) ist auf dieser Karte zu sehen. Vor 1933 war Alois Kudermann allerdings in der Bergstraße. In der Bahnhofstraße 87 1/3 (seit 1951 Haus Nr. 64) war vorher Karl Schwingenschlögl (Installation Bahnhofst. 87 1/3 P; 51484 F 7); 1951 wohnte hier noch seine Wittwe, Theresia Schwingenschlögl.

Ein Dank geht an den Spezialisten für Inflationsbelege, Wieland Rasp aus Wunsiedel, der Teile seiner Sammlung am 1. - 3. September 2017 im Rahmen einer Rang 1 - Ausstellung in Memmingen zeigte, damit 85 Punkte erzielte (Gold) und mit seinem Expertenwissen zur Seite stand. Zu den verschiedenen Porto-Perioden gibt es hier Infos.
Der Briefbeleg stammt aus der Sammlung von Helmut Scharpf.