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20.04.1945 - Schwerer Luftangriff auf Memmingen - Einsatz für den Ottobeurer Volkssturm


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Sechs Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner führten am 20.04.1945 Luftangriffe auf Memmingen zu schweren Verwüstungen. Auf vier Schautafeln des Stadtarchivs Memmingen („Memmingen 1945“) wird bilanziert: 630 Memmingerinnen und Memminger verloren ihr Leben, 635 Häuser wurden ganz oder zum Großteil zerstört, 300 Wohnungen wurden vollständig zerstört, 975 schwer beschädigt. Der Reichshain wurde durch die Bomben mehrerer Wellen buchstäblich umgepflügt und war nur noch ein Kraterfeld. Von den dorthin geflüchteten Soldaten des im Bahnhof stehenden Militärzuges fanden 90 Mann den Tod [Karl Schnieringer spricht gar von 500 toten Soldaten; s. unten]. Der Ottobeurer Volkssturm wurde zum Aufräumen nach Memmingen beordert, etliche ausgebombte Memminger fanden in Ottobeuren eine Bleibe.

Die hier gezeigten Fotos wurden dem virtuellen Museum von Gerhard Möstl (geboren in Memmingen, aufgewachsen in der Kempter Straße, wohnte sieben Jahre in der Hirschgasse 10, arbeitete bei Magnet Schultz, heute in Ottobeuren wohnhaft) zur Verfügung gestellt. Sie kamen ursprünglich von einem Herrn Deng (ehemals Sportgeschäft am Memminger Roßmarkt, heute Café Martin), dessen Vater sie entweder selbst gemacht hat oder der Beziehungen zu einem von der NS-Kreisleitung autorisierten Fotografen hatte. Herr Deng gab die Fotos einem Abteilungsleiter bei Magnet Schultz, Alfred Güthler, der einen Mitarbeiter (einen Herrn Schiebl, der einen betriebsinternen Fotoclub leitete) bat, diese abzufotografieren und für 10 Interessenten, die in den von den ehemals zerstörten Bereichen wohnten, zu reproduzieren, darunter Herr Möstl. 40 Jahre danach – Anfang August 2018 – übergab er die Bilder nun dem virtuellen Museum. Gerhard Möstl hatte bereits vorher auch dem Stadtarchiv Memmingen einen Satz zukommen lassen, die teils auf den oben erwähnten Tafeln abgebildet sind.

Die Fotos zeigen u.a. den tatsächlich „umgepflügten“ Reichshain, die Maximilianstraße, die Waldhornstraße, das zerstörte Gebäude von Josef Eisele (danach Kaufhaus Bilka, heute: Sportgeschäft Reischmann), die ausgebrannte Frauenmühle, das Siebendächerhaus an der Lindentorstraße, die zerstörte Firma Pfeffer am Güterbahnhof (heute: Gelatinefabrik gegenüber dem Biomarkt Denn's), die Salzstraße, den Schmiedplatz sowie zerstörte Bahnanlagen.
Alle Fotos wurden aufwändig nachbearbeitet; dadurch lassen sich bei vergrößerter Darstellung viele Details entdecken, z.B. Feuerwehrleute, Helfer mit Stahlhelmen, Uniformierte, Schaulustige. In den meisten Fällen wurden die Schwarz-weiß-Bilder mit einem Hauch Farbe versehen.

Von dem Bombardement liegen dem virtuellen Museum zwei Zeitzeugenberichte vor: Franz Schalk (*16.03.1893 - ?) aus Stephansried beschrieb in seinen Aufzeichnungen „Tagebuch über 20 böse Jahre, 1940 - 1960“, Loseblatt im Ringbinder, 350 S. (gezählt ohne Leerseiten, Schuber 18 x 23,5 cm, Seiten 21 x 14,5 cm) auf den Seiten 33 - S. 78 (Kapitel „Der Krieg in der Heimat“) die Geschehnisse vom 19. April bis zur Übergabe von Stephansried an die Amerikaner am 27. April 1945.
Hier sollen vor allem die Ereignisse rund um die Angriffe auf Memmingen (20.04.1945) und den folgenden Einsatz des Volkssturmes Stephansried (21.04.1945) wiedergegeben werden (S. 33 - 56). Den zweiten Zeitzeugenbericht - von Karl Schnieringer - finden Sie weiter unten!

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Der Krieg in der Heimat.

Die moderne Technik, in diesem Falle die Flugzeuge, haben den Krieg weit vor die eigentliche Kampffront vorverlegt. Hunderte von Kilometer tragen die Flugzeuge ihre Tod und Verderben bringende Last ins Land. Aufgrund dessen wurde unsere engere Heimat gar bald in das Kriegsgeschehen mit einbezogen. Wenn ich an die Fliegerangriffe auf die Stadt Memmingen und auf den Fliegerhorst während des Sommers denke, so erhielt man eine kleine Vorstellung davon, wie sich so ein Angriff auswirkt: Die Toten in der Stadt und im Horst gaben davon Zeugnis, wie fruchtbar so ein Angriff auf die wehrlose Bevölkerung ist.
Während des Herbstes [1944] konnten wir von unserem Dorf aus in südlicher Richtung eine Luftschlacht beobachten, die sich so dramatisch abspielte, dass man meine konnte, die Hölle sei auf die Erde verlegt worden. Es war von unserem Standpunkt aus genau zu beobachten, wie sich die feindlichen mit den deutschen Maschinen zu einem Knäuel verwickelten, von dem einzelne frei wurden, andere brennend abstürzten. Das Getöse der Schlacht war gut zu hören und ebenso gut zu sehen. Es war dies eine der größten Luftschlachten, die in unserem Raum stattgefunden haben. Nach dem OWK-Bericht dauerte dieser Masseneinsatz von Flugzeugen zwei Stunden, es wurden 120 feindliche Maschinen abgeschossen. Was bei uns zu Verlust ging, wurde nicht gemeldet, aber wir konnten unsere abgestürzten Flugzeuge sehen. Diese Luftschlacht entwickelte sich im Bereiche des Starnberger Sees und zog sich zwei Stunden lang hin: über Landsberg, Schongau, Obergünzburg, Dietmannsried, Leutkirch. Das nächstliegende abgeschlossene deutsche Flugzeug lag am Hang beim Bühlerhof, Gemeinde Haitzen. So mehrten sich die Einflüge Tag für Tag und man war schon nirgends mehr sicher vor den Tieffliegern. Bei hellem Tag zogen große Pulks – so ca. 70 - 80 schwere Maschinen, von Jägern (Spitfire) begleitet – in Richtung München. Nach einigen Minuten kam der nächste Pulk, genau in gleicher Höhe und gleicher Stärke, rollend und würgend, und flog in die gleiche Richtung. Der weiße Kondensstreifen,

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der hinter den Flugzeugen noch lange am Himmel zu sehen war, zeigt auch uns den Weg, woher sie kamen und wohin sie ihre tödliche Last trugen. Als die Flugzeuge schon längst nicht mehr zu sehen und zu hören waren, regnete es – je nach Windrichtung – Aluminiumstreifen vom Himmel, die zur Störung unserer Radargeräte abgeworfen worden waren. Die Luftschutzsirenen machten schon 10 Minuten vor dem Anflug Meldung und viele werden diesem Warndienst ihr Leben verdanken. In der Anfangszeit der Einflüge München - Berchtesgaden und nach Osten ging es während der Feldarbeit ziemlich ruhig her, später aber kam es des Öfteren vor, dass sich aus so einem hochfliegenden Pulk absetzten und direkt auf Menschenjagd gingen. Verschiedene Leute aus der näheren und weiteren Umgebung büßten dabei ihr Leben ein. Diese Jäger wussten doch ganz genau, dass es sich hier um Zivilisten handelt, aber anscheinend gelten nicht überall die gleichen Menschenrechte.
Dieses verwerfliche Verfahren der feindlichen Flieger hat sich bald herumgesprochen und jeder suchte nun bei einer solchen Situation – besser gesagt, bei einem solchen Überfall – volle Deckung. Die Nachteinflüge waren auch nicht besser. Wir konnten schon bevor unsere Luftschutzsirene aufheulte die Flak aus Friedrichshafen hören und sehen, dann mussten wir damit rechnen, dass sie in sechs bis acht Minuten über uns sind. Manchmal blieben wir im Bett liegen und ließen das ungeheuerliche Brausen und Kratzen über uns ergehen. Waren sie nach München geflogen, so kamen sie in etwa einer Stunde wieder zurück. Die Nacht verging ohne Schlaf, in der Frühe musste alles wieder an die Arbeit. Von uns aus konnten wir die großen Explosionen und Brände in München sehen. Bei günstiger Witterung war der Himmel rot und gelb – ein schauerlicher Anblick. Wie ist es der Stadt München wieder ergangen, dachte man.
Bei den Tageinflügen konnte man oft beobachten, wie ein deutscher Jäger so einen Pulk angriff und manchmal musste ein Bomber deshalb aus seinem Verband ausscheren. Meist ließ es dann seine Bomben fallen, wo es gerade ging. Die Maschine zerschellte am Boden und wenn der Pilot Glück hatte, kam er noch bis in die Schweiz. In unserer Gemeinde [Stephansried bei Ottobeuren] ließ

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einmal so ein großer Bomber seine Last fallen und zwar bei Gumpratsried. Zu Schaden ist niemand gekommen, auch nicht, als die Maschine bei Sontheim am Boden zerschellte. Eine andere beschädigte Maschine ließ ihre Last bei Günz fallen. Es war abends 11 Uhr als auf einmal das ganze Haus wackelte und ein gewaltiger Luftzug spürbar war. Auch diesmal kam – außer der Besatzung – niemand zu Schaden.
Nachdem ein andermal ein schwerer Bomber in der Höhe von Frechenrieden von einem deutschen Jäger angeschossen worden war, stieg die Besatzung in einer Höhe von 1000 Metern aus. Wir konnten genau verfolgen, wie sie einzeln abgesprungen sind. Sie waren dabei schon in der Nähe von Eggisried, der Ostwind trug sie bis nach Hawangen - Moosbach. Die Maschine machte sich selbständig und flog bis nach Memmingen – in ein Bauernhaus neben der Augsburger Straße. Das Anwesen ging sofort in Flammen auf, der Besitzer konnte nur das nackte Leben retten.
Ein andermal wollte ein deutscher Düsenjäger vom Lechfeld kommend auf dem Fliegerhorst in Memmingerberg landen. Aus klarem Himmel kamen fünf Spitfire und nahmen ihn in die Zange. Da er schon zur Landung angesetzt und die Geschwindigkeit verringert hatte, waren sie ihm weit überlegen. Wir saßen beim Mittagessen und auf einmal brach ein Höllenlärm los. Auf der Straße flogen die Steine umher und wir verließen fluchtartig die Küche. Ich begab mich hinter das Haus. Da konnte ich sehen, wie die fünf Jäger hinter der deutschen Maschine herstoben und aus allen Rohren feuerten. Die leeren Hülsen fielen in rauen Mengen zur Erde und auch die Einschläge am Boden waren gut zu sehen. Ich konnte feststellen, dass der deutsche Flieger schwer getroffen wurde, er wackelte im Schrägflug hin und her und stürzte dann in Richtung Schwaighausen - Niederrieden ab.

Somit kam der Krieg immer näher. Nachdem der Feind am 2.3.45 Trier eingenommen hatte, folgten am 6.3. Köln, am 7.3. Remagen, am 22.3. Main, am 29.3. Mannheim, am 5.4. Karlsruhe, am 20.4. Stuttgart. Nun unternahm der Feind alle Anstrengungen, die restlichen Teile unserer Wehrmacht zu zerschlagen. Den ganzen Tag hatte man Acht zu geben, dass man nicht von einem Tiefflieger abgeknallt wird. Doch die Feldarbeit muss gemacht werden, leben

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wird man müssen, auch wenn alles in Scherben geht. Bis vormittags um neun haben wir auf unserem Acker oberhalb der Glashütte Kartoffeln gelegt, bis dahin ging es gut. Dann aber brach der Teufel los, anscheinend waren all die Amis aufgewacht. Dutzende Male mussten wir vom Felde weg, um im nahen Wald Schutz vor den Tieffliegern zu suchen. Am schlimmsten war es mir dem Gespann. Wohin in so einem Augenblick mit den Pferden? Noch schlimmer mit den störrischen Ochsen.

Manchmal war der Spuk bald wieder vorbei, aber manchmal überraschte uns so ein Tiefflieger und wir legten uns einfach ins Feld und stellten uns tot. Als dann alles wieder vorüber war, standen wir uns alle gegenüber und konnten nur lachen: Die Großmutter hatte das Gesicht voller Erde, denn sie hatte es tief in den Ackerboden gedrückt. Weil ich das gock - gock gehört habe, meinte ich, sie schießen auf mich. Das Maschinengewehrfeuer der Tiefflieger hatten allen heillose Angst eingejagt. Schon als unser Serbe Branco die erste Sirene gehört hatte, lief er sofort in den Wald und kam den ganzen Vormittag nicht wieder. Es war dies an einem Donnerstag, man schrieb den 19. April 1945. Den ganzen Tag ging es so weiter. Wir konnten von unserem Feld aus sehen, dass zwei große Transportzüge durch den Bahnhof Sontheim in Richtung Memmingen fuhren. Wir hatten wegen der Tiefflieger große Sorge um die Züge; sie kamen unbeschadet nach Memmingen.
Gegen 4 Uhr verließen wir alle das Feld, denn nun wurde es uns auf einmal zu bunt: Ringsum waren die Flieger am Himmel und daheim hatten wir wieder unseren Schutz im Hause. Die Arbeit für heute war getan und wieder hatten wir einen Tag ohne Schaden zu nehmen durchgebracht. Auch die Nacht wurde ein paarmal durch Fliegeralarm gestört, aber wir waren alle so müde und blieben im Bett liegen.

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20. April 1945.
Großangriff auf Memmingen.

Nachdem die Arbeit im Hause fertiggemacht war, gingen wir wieder zusammen auf das Kartoffelfeld, um auch den restlichen Teil noch einlagern zu können. Dazu war der Morgen bisher immer die günstigste Zeit, denn die Tiefflieger kamen erst ab acht oder neun Uhr aufs Land. Seit wir nun auf dem Feld die Kartoffeln setzten, hörten wir den Kanonendonner aus Richtung Nordwesten und überall stiegen große Rauchwolken zum Himmel empor. Schon nach einer halben Stunde kam der erste Fliegeralarm und man konnte das Brummen und Bohren der großen Bomberverbände gut hören. Es war weit im Westen, besser gesagt im Nordwesten und diesmal kamen wir unbeschadet davon. Die ganzen Nachbarn waren auf dem Felde und alle hatten große Eile, ihre Kartoffeln unter die Erde zu bringen. Kaum jemand nahm sich die Zeit, in die Höhe zu schauen, denn es halt, die Zeit der Ruhe zu nutzen. Die bösen Tiefflieger von gestern saßen uns noch immer in den Knochen. Branco ist nach dem ersten Fliegeralarm wieder aus dem Wald zurückgekommen. Er war der Ansicht: Schnell arbeit, kommt Flieger, dann sollten fertig sein und wir gehen in Barack. Wir alle lachten über Brancos gute Idee. Er sagte: Viel Ernst haben, Flieger kommen bald. Er schaute ständig in den Himmel. Dabei sagte ich ihm: Ja Branco, so bringen wir die Kartoffeln nicht in die Erde, wenn du immer in die Höhe schaust. Du musst dich schon bücken. Von selber gehen die ja nicht hinein!“ Kurz entschlossen sagte er: Dann du nicht gucken brauchen, wenn Branco tut guck!

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Man konnte ihm nicht böse sein und er hatte schon recht. Die Tiefflieger waren die letzten Tage dazu übergegangen, im Tiefflug über die Felder hinwegzurasen, da konnte niemand mehr in den Wald kommen.
Inzwischen war es bereits neun Uhr geworden. Wir waren beinahe fertig, da ertönte wieder Fliegeralarm, zuerst aus Memmingen, gleich darnach aus Ottobeuren. Anschließend kam Vollalarm. Wir konnten schon von Weitem Flugzeuge hören und fragten uns, ob es Tiefflieger oder Bomberverbände wären. Die Antwort auf die Frage ließ nicht lange auf sich warten. Ganze Gruppen der gefürchteten Tiefflieger waren am westlichen Horizont zu hören und zu sehen, schon bald waren sie über uns. Wir fragten uns, was sie suchten, warum sie in einem hin und her flogen.
Die meisten Leute sind nun von den Feldern verschwunden, die Gespanne wurden zum Teil nach Hause, teils in den Wald gebracht. Ich persönlich schlich mich zum Heustadel, von wo aus ich den ganzen westlichen Horizont gut beobachten konnte. Es wurden immer mehr der feindlichen Flieger. Sie kurvten im Raume Memmingen - Ungerhausen - Hawangen; manchmal konnte man das Maschinengewehrfeuer aus der Luft hören. Immer größer zogen die Flieger ihre Runden und nun waren sie auch schon über uns. Das Maschinengewehrfeuer gab jedem zu denken, fluchtartig verließen die letzten das Feld. Auch die Gespanne waren ganz verschwunden.
Nun war ich im Heustadel und fragte mich, wie ich ungesehen nach Hause komme. Als kein Flieger mehr über mir zu sehen war, schlich ich heimlich und leise am Zaun entlang, bis das Haus Nr. 1 erreicht war. Von hier aus ging ich Sprung um Sprung, bis ich mein Haus erreicht hatte. Überall schauten beängstigte Menschen heraus und daheim war alles froh, dass nun die Familie wieder unbeschadet nach Hause gekommen ist.

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Kaum waren wir in der Küche zusammengekommen, um das Vesperbrot einzunehmen, war wieder Fliegeralarm. Es wird gegen 1/2 11 Uhr gewesen sein, als wir die Bomberverbände in der Luft hörten. Kaum sprachen wir davon, schon hörten wir das Donnern und Bersten aus Richtung Memmingen. Ich begab mich sofort zum Schlossberg hinüber, denn von dort konnte ich gut nach Memmingen hineinsehen. Unter einer Buche, gut getarnt, konnte ich die Bomberverbände genau verfolgen. Sie kamen alle von südlicher Richtung. In der Höhe von Dickenreis [Dickenreishausen] löste der erste ein Rauchzeichen aus und ließ der erste seine Bomben fallen. Diese Ungetüme, sahen mit Fernglas aus wie Zuckerhüte – viele kopfüber. Bis zu 10 Stück kamen aus einem Flugzeug und richteten sich die Spitze nach unten. Dann konnte man sie nicht mehr sehen.
Die Explosionen, Brände und Staubwolken zeigten mir, wohin sie gefallen waren. Ich konnte genau feststellen, dass das Bahnhofsgelände, die Umgebung der Frauenkirche, das Getreidesilo sowie ein Teil der Stadtmitte getroffen wurden. Auch eine Tankstelle in der Nähe vom Baugeschäft Hebel muss getroffen worden sein, denn alle Augenblick flog ein Feuerball in die Luft; ich hielt es für brennende Benzinfässer. Ich konnte genau sehen, wie ein Volltreffer auf dem Getreidesilo landete; das Dach schaute noch aus dem Rauch und Staub heraus.
Immer neue Verbände kamen, immer wieder von Süden, und warfen ihre Last über Memmingen ab. Bei dem herrschenden ziemlichen Westwind zogen die dichten Rauchschwaden alle nach dem Westen ab. Erst jetzt konnte ich sehen, was die Bomber angerichtet hatten: überall Brände und zerbombte Häuser. Von meinem Versteck aus konnte ich beobachten, wie – nach meiner Ansicht – tausende Tauben am Himmel umherschwirrten. Was wird mit den Transportzügen geschehen sein: Waren die noch im Bahnhof oder hatten sie das Glück und kamen vor dem Angriff weg?
Ich konnte auch feststellen, dass die Feuerwehr in Tätigkeit war; bei der Frauenkirche konnte ich die Wasserstrahlen gut erkennen. So ging der 20. April für uns zu Ende.

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Für Memmingen war der Freitag, der 20. April 1945, ein Tag des Schreckens und des Grauens. Hier ein Auszug aus einer Memminger Alarmliste, geführt vom 21.3.45 bis 26.4.45. Ohne die zahlreichen Luftwarnungen sind im ganzen sind 72 Alarme vermerkt:
Sonntag, den 15. April den ganzen Tag und Nacht.
Montag, den 16.4., mittags und abends.
Dienstag, den 17.4., von 11.30 bis 12.45 Uhr, von 15 bis 16.30 Uhr, von 18.30- 20.30 Uhr.
Mittwoch, den 18.4., von 1 bis 2 Uhr, von 4 bis 6 Uhr, von 8.30 - 10 Uhr, von 10.30 bis 15.30 Uhr.
Donnerstag, den 19.4., von 3 bis 5 Uhr.
Freitag, den 20.4., schwerer Terrorangriff 10.30 - 12 Uhr, Memmingen schwer getroffen! Südosten der Stadt: Krankenhaus, Frauenkirche, Frauenmühle, evangelisches Pfarrhaus, Gerberviertel mit Siebendächerhaus, Waldhornstraße, Kuttelgasse, Bahnhof mit Güterbahnhof, Lammgasse, Salzstadel, Krautgasse. Menschenleben sind zu beklagen.
Als zweites eine Abschrift eines Telegramms vom 20.4.45, 16.45 Uhr, vom Bahnamt Memmingen an die Reichsbahndirektion Augsburg: Terrorangriff auf den Bahnhof Memmingen. Erster Verband 10.45 Uhr, sechs Wellen, zweiter Verband 11.07 Uhr, sechs Wellen, dritter Verband 11.20 Uhr, fünf Wellen, vierter Verband 11.37 Uhr, eine Welle – alle von Süden nach Norden. Im Bahnhof stehender Militärzug zerstört, tote und verwundete Soldaten, Verluste unter den Bahnhofbediensteten noch nicht festgestellt. Gleisanlagen im Güterbahnhof stark beschädigt. Verkehr von Ulm und Buchloe in kurzen Zügen möglich. Zufuhr zur Lok-Behandlungsanlage unmöglich. Verkehr von Kempten, Leutkirch, Legau bis zu den zerstörten Gleisen möglich. Zum Umspannen Gestellung einer Lok von Buchloe nach Memmingen nötig. Fernmeldeleitungen nach Kempten, Leutkirch, Legau unterbrochen. In den zerstörten Wagen des Transportzuges befinden sich solche mit Munition, die fortwährend explodieren.
Unterschrift B. A.

S. 43 - 44
(Abbildung eines Luftbildes französischer Aufklärer vom Fliegerhorst)
S. 45 - 46
Zeitungsbilder der Zerstörungen in Memmingen (Memminger Zeitung)
S. 47 - 48
Karte „Die letzten 100 Tage“, vermutlich ein von den Amerikanern abgeworfenes Flugblatt von Hanno Engler; Untertitel: „Das Deutsche Reich ist am Ende. Nur Hitler will es nicht zugeben.“

S. 49
21. April 1945.
Wehrmachtsbericht (...)

Der Volkssturm wurde aufgerufen.
Noch während der Nacht wurde der Volkssturm aufgerufen, das zerbombte Bahnhofsgelände in Memmingen wieder in Ordnung zu bringen. Als Führer der Guggenberger Gruppe erhielt ich folgenden Befehl:
Die Gruppe Guggenberg hat sich am Morgen, den 21.4., früh 3 Uhr, geschlossen, ausgerüstet mit Pickel und Schaufel, auf der Straße, vor der Kirche, der Ottobeurer Gruppe anzuschließen. Weitere Befehle erhalten die Gruppenführer während des Marsches nach Memmingen.

Ich hatte meine Leute noch während der Nacht verständigt und zeitgemäß waren wir mit 25 Mann an dem bestimmten Platz. Zusammengefasst waren die Trupps Ottobeuren, Betzisried, Haitzen und Guggenberg. Das ganze leitete Herr Karl Schurrer, Lehrer aus Ottobeuren. Als sich die Mannschaften zusammengefunden hatten, wurde abmarschiert und sogleich die Truppführer nach vorne gebeten, um den Einsatz zu besprechen. Dabei erhielten wir ein Bild darüber, was die feindlichen Flieger angerichtet hatten. In Benningen schloss sich auch diese Gruppe uns an. Die Benninger erfuhren schon am Vorabend, was die Flieger angerichtet hatten. Es dauerte aber nicht mehr lang und wir konnten uns selbst überzeugen, denn bei der Bahnschranke war ein Mordsloch in den Kanal gerissen worden. Der Bahnhof sah ähnlich aus wie die Straße: Trümmer von Eisenbahnwagen, Achsen, Türen, Balken, Ziegelsteine und Granatlöcher. Ein Bahnbeamter nahm uns nun in Empfang und begleitete uns bis an das Stellwerk an der Gleisgabelung Kempten - Leutkirch. Hier sollten wir die Granatlöcher auffüllen.

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Der Volkssturm war vom ganzen Landratsbezirk [der gesamt Altlandkreis Memmingen] zusammengezogen worden; es wimmelte nur so von Leuten. Es wurde inzwischen heller und wir sahen brennende Eisenbahnwagen und standen auf dem Bahnkörper, Granatloch um Loch, halbe Waggone lagen umher, die Schienenstränge waren abgerissen und ragten in die Höhe, zerfetzte Kabel schauten aus den Granatlöchern heraus. Alles war eine einzige Stätte der Zerstörung.
Ich hatte mit meinen 25 Mann ein Granatloch aufzufüllen, es war vier Meter tief und mindestens 10 m breit. Das Granatloch könnte bald aufgefüllt werden, aber woher das Material nehmen? Ich suchte deshalb nach der Bahnaufsicht, um diese Sachlage zu besprechen. Somit kam ich an den Soldatentransportzug heran. Was ich da sehen konnte, war eine Stätte des Grauens. Einzelne Soldaten suchten in den völlig zerstörten Wagen nach noch brauchbaren Einzelteilen, denn sie hatten alles verloren. Sie erklärten mir: „Der Alarm war früh genug, aber der Hauptmann ließ uns nicht aus den Wagen. Bis die Trümmer flogen, und dann war er zu spät.“ Sie konnten nicht sagen, wieviele Tote es gegeben hat, alles sei auseinander und durcheinander gekommen.
Während ich mich mit den Soldaten unterhalte, kam schon der erste Fliegeralarm; ich eilte zu meinen Leuten. Alles ging in volle Deckung, niemand konnte etwas sehen oder hören. Aber schon im nächsten Augenblick prasselte Maschinengewehrfeuer auf das Bahnhofsgelände. Ich hatte unter einem umgefallenen Eisenbahnwagen Schutz gesucht. Als ich in nächster Nähe Einschläge hörte, eilte ich in die nahe gelegene Pfefferfabrik. Nach einigen Minuten war der ganze Spuk wieder vorüber: Bald kam die Entwarnung und wir versammelten uns wieder am Arbeitsplatz. Nun machte ich meine Kameraden gleich darauf aufmerksam, dass wenn es nochmals zum Alarm komme, alle ihr Werkzeug mitnehmen und in die Pfefferfabrik flüchten sollten.
Die Uhr zeigte noch nicht sieben Uhr; es lag nun eine Nervosität in den Leuten, denn die meisten schauten mit gewissen Ängsten in den Himmel. Seit nun meine Gruppe wieder aufgefüllt hat, suchte

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ich wieder nach der Oberaufsicht. Kameraden aus anderen Gemeinden sagten mir, der Mann sei bis im Bahnhofsgelände unten und unter den hunderten von Leuten eh nicht zu finden. „Mache es wie wir, fülle auf, solange Material vorhanden ist und dann kommt das nächste Loch dran!“ So habe ich es auch für richtig gehalten. Der Weg zu meinem Trupp führte mich wieder an dem ausgebrannten, zerstörten Transportzug vorbei und noch immer waren Soldaten dabei, ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen. Sie jammerten, dass man sie solange im Zuge festgehalten habe, bis alles zu spät war. Viele Kameraden hätten in letzter Not Unterschlupf unter den Baumlagern der naheliegenden Säge gesucht. Davon waren die meisten tot. Das Baumlager wurde selbst getroffen und bot keinen Splitterschutz. Wie es in dem Baumlager aussah, kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben. Wo man hinschaute, war alles eine Zerstörung. Ich ging an den vielen Arbeitstrupps vorbei. Alles schimpften über den Transportführer, der die Mannschaft nicht in Deckung gehen ließ. (Vielleicht wird es später einmal bekannt, wie viele Soldaten und Zivilisten bei dem Luftangriff umgekommen sind.)
So ging ich wieder weiter, vorbei an den vielen Granatlöchern, an aufgestellten Eisenbahnschienen, und kam wieder zurück an meine Arbeitsstelle. Von da aus konnten wir das ganze Bahnhofsgelände übersehen. Wir stellten dabei fest, dass Hunderte zusammengezogen worden waren, um den Schäden zu Leibe zu rücken. Es sah ungefähr so aus wie in einem Ameisenhaufen; die Arbeit ging flott von statten.
Wir hatten gerade ein ganz großes Granatloch eben eingefüllt, da kam schon wieder Voralarm; es war ungefähr 9 Uhr vormittags. Nun stand alles da und schaute dem Westen zu, ob wohl die Luft rein sei. Ich gab meinem Trupp bekannt: „Wenn jetzt nochmal Vollalarm gegeben wird, hauen wir alle mit Werkzeug ab, sonst kommen wir nicht mehr lebendig heraus. Im Falle treffen wir uns auf dem Höhenzug am Dickenreiser Weg. Jeder ist auf sich selbst gestellt, wenn es Ernst wird.“
Kaum hatte ich meinen Kameraden erklärt, wir wir es handhaben, da war der Vollalarm auch schon da.

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Ich wies noch allen den kürzesten Weg und blieb als letzter am Platz; ich wollte sehen, was die anderen auf dem ganzen Bahnkörper entlang wohl machen. Aber war und gab ein Durcheinander und im Augenblick war alles leergefegt. Nun eilte auch ich an dem Leutkircher Bahndamm entlang; bei der Straßenüberfahrt nach Kempten lief ich durch den Hof der Häuteverwertung auf die Anhöhe am Dickenreiser Weg. Die anderen warteten schon auf mich; da ruhten wir uns nun aus. Von Weitem hörten wir das Würgen und Rollen der schweren Bomber weil es aber ein bisschen neblig war, konnten wir nichts sehen. Auf einmal donnerten fünf Tiefflieger über uns hinweg; erst am Flugplatz eröffneten sie das Feuer. Wir standen da und schauten einander an und sagten, sie hätten uns leicht abknallen können. Nun wurde uns der Boden zu heiß. Wir drückten uns in das Waldstück, westlich der Straße. Gar bald konnten wir feststellen, dass die Bomber weitergeflogen sind; sonst hätte es längst gekracht. In dem Waldstück trafen wir Soldaten aus dem verunglückten Transportzug. Sie hatten ihre geretteten Pferde bei sich und sagten, sie würden nicht in der Stadt bleiben. Auch sie erzählten von dem Hauptmann, der erst dann erlaubt hatte in Deckung zu gehen, als schon die ersten Bomben gefallen waren. Sie waren alle böse – bitter böse – über ihren Vorgesetzten, der die Schuld an den vielen toten Kameraden trage. Als man die ersten Bomber gesehen hat, wäre noch Zeit gewesen, aber leider fielen schon die ersten Granaten in den Bahnhof und das Unglück war geschehen.
Als sich der Lärm der Bomber verzogen hatte, sammelte ich meine Mannschaft und wir schlichen alle aus dem Wald bis zur Straße vor, weil man von hier aus gut in das Bahnhofsgelände sehen kann. Niemand war im ganzen Raum zu sehen, einige guckten hinter den Stadeln und Häusern hervor und fragten sich, was nun jetzt kommen soll. Auf einmal konnte ich auf der Hochstraße sehen, dass ziemlich große Arbeitstrupps querfeldein nach Süden liefen. Sofort gingen wir bis zur Wirtschaft Dickenreis vor und wollten uns dort erkundigen. Von der Wirtschaft konnten wir nichts erfahren, nicht einmal Zigaretten haben wir bekommen.

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Die schon zügellos umhertreibenden Ausländer, vermischt mit deutschen Soldaten, hatten alles Rauchbare schon aufgekauft. Wir alle sahen nun ein, dass es für uns ein großes Risiko wäre, nochmals zum Arbeitsplatz zurückzugehen, wir einigten uns deshalb darauf, möglichst weit von der Stadt wegzugehen und weiter nach Herbishofen zu laufen. An jedem Stadel, an dem wir vorbeigingen, standen Ausländer, darunter geflüchtete deutsche Soldaten, und man konnte sehen, dass niemand mehr mitmachen wollte. Wir schlichen uns weiter südlich, am Benninger Ried vorbei, vorbei an Herbishofen und kamen nach Moosbach. Dort erfuhren wir, dass der Arbeitsdienst-Volkssturm Lachen gleich nach dem zweiten Alarm abmarschiert ist; die Tiefflieger hatten den ganzen Arbeitseinsatz gestört. In Moosbach löste ich meinen schon zusammengeschmolzenen Arbeitstrupp auf; jeder konnte nach seinem Gutdünken nachhause gehen.
Wir hielten es für richtig, weil man ja noch die SS-Leute und die Feldgendarmen zu fürchten hatte. Wie wir schon gehört haben, sitzt bei denen die Kugel recht locker im Lauf. Hawangen ließen wir links liegen und gingen querfeldein Klosterwald zu. Endlich waren wir aus dem Hauptunruhefeld gekommen und konnten uns etwas verschnaufen. Als wir den Stephansrieder Berg hinaufstiegen, hörten wir ganz deutlich Kanonendonner aus Richtung Ulm-Stuttgart. Rings umher waren Brände zu sehen und tiefschwarze Wolken standen am Himmel. Das Stimmungsbarometer ist überall auf den Nullpunkt gesunken, schon konnte man hören: „Wir sind nicht Schuld. Uns machen die Amerikaner nichts. Die Nazis sind an dem Krieg schuld.“
Wir waren froh, alle heil aus dieser Situation entkommen zu sein und konnten in aller Gemütsruhe zuhause Brotzeit machen. Der Abend verlief dann ziemlich ruhig, bis auf einige Soldaten, die sich abgesetzt hatten und um ein Nachtquartier baten. Doch des nachts war wieder der Teufel los. Große Bomberverbände flogen in Richtung München. Schon nach zehn Minuten konnten wir die Explosionen

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der schweren Luftminen sehen, der Himmel wurde taghell. Ganz Stephansried war auf den Beinen, denn die Bomber flogen so niedrig, dass es ein Höllenlärm war und niemand schlafen konnte. Die ersten Bomber kamen schon wieder zurück, überflogen wieder unsere Gegend und noch immer kamen neue Verbände, die nach Osten flogen. Die Maschinen flogen so niedrig, dass das Auspufffeuer zu sehen war und vor lauter Lärm die Kühe im Stall zu brüllen anfingen. Niemand konnte im Bett sein, denn wir wussten nicht, was alles passiert, was denen alles einfällt. Der Abendbericht lautete, der Feind stehe vor Ulm. Die westlichen Sender sind schon alle in Feindeshand. Da meldet sich schon der Amerikaner mit dem Leitspruch: „Wir kommen als Befreier!“ Für alle, die schon längst auf den Einmarsch der Feindtruppen gewartet haben, war dies Wasser auf ihre Mühle, und mit zynischem Lächeln erklärten sie: Uns geschieht nichts!

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22.04.1945
(Wehrmachtsbericht: Die Rote Armee erreicht den inneren Verteidigungsring Berlins. Zusammenbruch Hitlers: er wolle in Berlin bleiben und sich im letzten Augenblick erschießen.)

Während der ganzen Nacht konnte man nicht zur Ruhe kommen, es war ein Fahren und Lärmen auf der Straße. Es waren dies Gruppen von sich zurückziehenden Soldaten, zum Teil mit Pferden, mit verschiedenen Fahrzeugen, die meisten zu Fuß. Verschiedene wollten nur ein kurzes Nachtquartier haben, um einige Stunden ausruhen zu können. Bei diesem gehetzten Rückmarsch waren sie mit allem zufrieden, sogar auf dem blanken Boden konnte man sie liegen sehen. Zum Teil verlangten sie einige Verpflegung, doch die meisten Fahrzeuge waren noch gut mit Fressalien ausgerüstet. Man konnte ihnen anmerken, sie waren sauber durchgedreht, standen zum Teil unter keiner Führung mehr und sagten alle übereinstimmend, nicht in französische Kriegsgefangenschaft zu wollen. Wenn, dann lieben zu den Amerikanern.

Ich musste ja immer auch besorgt sein, dass die Soldaten noch vor dem Tagesgrauen den Ort wieder verließen, denn wir hatten die Ortschaften um Klosterwald (Stephansried und Eggisried) zum Sperrgebiet erklärt, um das Lazarett Klosterwald aus den Kampfhandlungen herauszuhalten. Deshalb durfte bei Tag ja kein Soldat von den Aufklärungsflugzeugen gesehen werden. Vor Tagesanbruch musste ich nach dem Rechten sehen und die Leute immer wieder auf die Sperrgebietsvorschriften aufmerksam zu machen. Zum Teil wollten sie es mir übel nehmen, aber nach einiger Aufklärung brachte jeder das nötige Verständnis aus.
Nachdem es Sonntag war, gingen zum Teil einige noch nach Ottobeuren und immer brachten dann die Leute keine guten Nachrichten mit nachhause. Der Krieg kannte keinen Sonntag, denn schon vormittags ging es wieder mit den Tief- und Aufklärungsfliegern an. Im nahegelegenen Fliegerhorst

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krachte es unaufhörlich. Die Flak machte dabei einen Mordsradau und die Splitter stoben bis zu uns herauf. Wiederholt konnte man in nächster Nähe Einschläge hören.
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Die Angriffe auf Memmingen beschreibt auch der Ottobeurer Lehrer Karl Schnieringer in seiner „Chronik vom Untergang“, aus der wir hier die Tage vom 18. - 21. April 1945 herausnehmen.

Mittwoch, den 18. April 45: Heute den ganzen Tag im Wechsel: Voralarm – Kleinalarm – Vollalarm – akute Luftgefahr! Unterricht fiel ganz aus. Auch in der Nacht ist es ebenso unruhig. Nachmittags überflogen bei 200 Bomber in NS-Kurs unser Gebiet. Im Flecken [= in Ottobeuren] und Kasernenhof geht es wie im Tollhaus zu. Auto folgt auf Auto – selbst in Friedenszeit sah ich nie so viele Autos. Die Opelwerke laden hier Material ab – niemand weiß was, aber alles schimpft. Selbst Büroräume haben sie eingerichtet in der Kaserne und den Schulsaal darin haben sie für sich genommen. Drunten im Markt stehen reihenweise die Rotkreuzautos. Das Generalkommando des Deutschen Roten Kreuzes soll im Hirschlazarett seinen Sitz genommen haben. Man hat die Schwerverwundeten aus dem 3. Stock heraus und die Herren Offiziere hineingelegt. Das ist Barras. Es sind hier nun folgende Lazarette und Krankenhäuser: Klosterwald (Mittelschule), Hotel Hirschwirt am Marktplatz, Gasthaus zur Sonne, daneben Knabenschule, Mädchenschule, das Bezirkskrankenhaus. – Gestern kam zu mir ein Mann und besprach mit mir die Lage, falls der Feind kommt – und er wird kommen. Es ist alles bereit und so gerichtet, dass der Ort unter keinen Umständen verteidigt werden kann, wenigstens was die örtlichen Leiter betrifft. Auch das erwähnte Lager im Kloster wird in Schach gehalten. Von gewisser Seite, die ich kenne, sind auch Beziehungen zur amerik. Gesandtschaft in der Schweiz aufgenommen – bestimmte Kennworte mit ihr vereinbart und die Behandlung des Ortes von allen Seiten her besprochen. – Das beruhigt! – Gefährlich werden allen diesen Plänen die umliegenden Truppen. Es würden Verbindungen aufgenommen zum Landesamt für Denkmalspflege (für Basilika und Kloster) – zum schwäbischen Heimatdienst – zu Gauleiter Wahl und zu einem maßgebenden General. Es soll auch verhindert werden, dass halb Deutschland hier in Ottobeuren Zuflucht sucht. Einst seien sie vor den Klöstern geflüchtet – jetzt suchen sie Zuflucht darin. – Jemand kommt vom Bodenseegebiet. Es sei unglaublich, was man auf den Anfahrtsstrecken PKW fahren sehe nach Lindau,

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Oberstdorf, Walsertal – ein Asyl für verkleidete „Braunauer“. Sie suchten mit gefälschten Pässen als entlassene Parteigänger, als Flüchtlinge von KZ, als verfolgte Offiziere die Grenze zu überschreiten. Immer mehr wird jetzt bekannt, was in den KZ vor sich gegangen ist. Ein Schandfleck für ein Kulturvolk. – Über 2 Millionen Kriegsgefangene haben die Engländer seit der Invasion gemacht – ihnen ist wenigstens das Leben geblieben. – Seit dem 20. Juli 44 klappt es bei den Offizieren nicht mehr. Wenn man mit Generälen so umgeht und sie an Fleischerhaken aufhängt, macht man sich keine Freunde! Die Generäle haben doch einen anderen Ehrbegriff wie die Goldfasanen. – Der Kampf wird nur noch unter dem Druck der Standgerichte fortgeführt. Abends hatte ich Singprobe – Vorbereitung zum Heldengottesdienst – Requiem für Chorregent Köbele. Die Männer führten arge Klage über die Lage und das unvernünftige sture Verhalten der Partei und der SS. Gestern Abend wurde von 17 Tieffliegern der Memminger Marktplatz beschossen. Das ist natürlich auch Terror. Wie der Teufel fegten sie über den Erdboden hinweg und schossen was raus ging bis Ottobeuren.
[Am 18.04.1945 erschien zum letzten Male der „Allgäuer Beobachter“.]

19. April 45: Abermals Tieffliegerangriffe auf Memmingen von 4 Flugzeugen. Am Nachmittag begleiteten sie einen größeren Verband nach München. Auf dem Rückflug umkreisten sie den Memminger Flugplatz, setzten dann südlich davon zum Angriff an; ich konnte sie beobachten. Es folgte eine wilde Schießerei, auch von der dortigen Flak. Beim 2. Anflug vom Bannwald her pfiff eine Kugel dicht an meinem Kopf vorbei – die Garbe zerfetzte Teile des westlichen Klostertrakts. Auch andere Gebäude bekamen Treffer ab. Zweck? Eine Maschine flog einen Angriff auf Ottobeuren, wahrscheinlich um die zahlreichen Lastautos in der Klosterallee und am Marktplatz zu treffen. Ein Jäger sei von der Flak abgeschossen worden. – Abends sprach Dr. Goebbels zu „Führers“ Geburtstag – im allgem. nichts Neues als vom Durchhalten und man würde siegen. Man spricht darüber nicht mehr! Leerlauf der Propaganda.
20. April 1945 – also Führers Geburtstag. Einst war alles beflaggt, Aufmärsche mit Musik, große Reden – auch er selbst ließ sich nicht hören. – Heute Nachmittag [korrekt: später Vormittag] schwerer Luftangriff auf Memmingen von 17 Verbänden zu je 6-10 Flugzeugen. Sie kamen von Süden, direkt über Ottobeuren in geringer Höhe. Es hat bös gekracht! Eine mächtige Rauchsäule stieg auf, blieb über der Stadt. Gaskessel? Über unserem Hause am Grottenweg ein Luftkampf. Turbinenjäger hängten sich an den letzten Verband.

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Auch der Verband gibt Feuer. Aus einem Bomber fährt ein mächtiger Feuerstrahl – ich denke, jetzt brennt er gleich; jedoch er flog langsam weiter. Feindliche Jäger verfolgten die 3 deutschen, konnten aber deren Tempo nicht erreichen. Die Turbos griffen immer wieder an und störten so den Bomberverband an seinem Angriffsplan – sicher wollten sie den Bahnhof treffen – ging fast alles daneben. Am Abend wusste mans besser: Total zerstört war der Güterbahnhof, die Gasanstalt, die Dreikönigs- und Frauenmühle, der Getreidesilo, das Kaufhaus Eisele, Café Rieger u. a. mehr. Hauptsächlich das Gebiet links der Bahnlinie war betroffen bis zum Marktplatz hinunter. Auf dem Güterbahnhof sei ein Truppentransportzug gestanden, der schon auf der Fahrt nach Memmingen von feindlichen Jägern verfolgt worden sei. Der Transportführer habe die Mannschaft nicht aussteigen lassen. Der Zug wurde auf dem Bahnhof zertrümmert. Man spricht von 500 toten Soldaten und vielen Schwerverletzten, die nun nach Ottobeuren ins Mädchenschulhaus kommen sollen. Auch die Familie Eisele sei getötet worden. Abends kamen ausgebombte Memminger mit ihrer letzten Habe nach hier, um Unterkunft zu suchen. Den ganzen Tag über standen dichte, graue Rauchwolken über der Stadt. – Gestern war den ganzen Tag über Alarm. Als ich um 23 Uhr ins Bett wollte, kam wieder Vollalarm. Kurz darauf schrillte die Hausglocke. Der ganze [Ottobeurer] Volkssturm wurde alarmiert zum Katastropheneinsatz nach Memmingen. Um ½ 4 Uhr hieß es antreten mit Pickel und Schaufel, Fahrrad, 1 Tag Verpflegung sei mitzunehmen. Bei den Luftkämpfen wurden wieder verschiedene Hausdächer beschädigt. – Nachmittag traf ich meinen Kollegen [Hauptlehrer] Otto Wiedemann [17.09.1895 - 07.01.1968], der als Hauptmann u. Major schon jahrelang in Finnland, zuletzt in Nordnorwegen war. Er kam mit größten Schwierigkeiten über den einzig offenen Weg von Norden nach Süden. Seit gestern verkehren auf den Fernstrecken bei Tage keine Züge mehr. Wiedemann erzählte von schrecklichen Erlebnissen – das Vorgehen der Russen sei furchtbar – sie hätten den Norwegern die Kinder verschleppt und mit Kanonen in die Schutzräume der Bevölkerung geschossen. Er berichtet aber auch über die pol. und militärischen Fehler, die auf unserer Seite gemacht würden. Er hat sogar noch etwas Hoffnung über einen günstigen Ausgang – was ich bei ihm nie erwartet hätte. Grund: Im Osten seien so starke deutsche Truppenmassen konzentriert, dass man in der Lage sei, in die Offensive hineinzustoßen. Auch in der Tschechei sei alles voller Truppen, weshalb es dort auch keinen Aufstand gebe. Dass wir gegen die fdl. Luftflotte nicht mehr ankämpfen können, gab er zu. – Panzervorstöße bereits gegen Ingolstadt – Richtung München – Berchtesgaden – im Norden auf Hamburg und Bremen. Unsere letzten Kriegsschiffe schwer beschädigt – versenkt.

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Die Feindsender melden von Meuterei an der Marne, von 2 Mill. deutschen Gefangenen, Zusammenbruch jeder geordneten Führung. Die fdl. Luftflotte lässt der Bevölkerung Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Viele gute Generale sind gefangen, erhängt, erschossen, vergiftet! Alles flieht ins Allgäu. Hier in Ottobeuren bewegen sich Menschen wie in einer Stadt. Unsere Basilika ist wohl der einzige, unbeschädigte Tempel des Herrn im zerfallenden „Großdeutschen Reiche“ Adolf Hitlers.
Den 21. April 1945: Heute war kein Unterricht möglich – Daueralarm! Die überrege Fliegertätigkeit und die Angriffe schneller Kampfverbände bereiten wahrscheinlich dem von Nürnberg her anrückenden Amerikanern das Feld im Donautal – und dann kommt er zu uns. Die Donaustädte und ihr Verkehrsnetz seien arg mitgenommen. Augsburg meldet eben wieder Tieffliegerangriffe. Über unser Haus fliegt ein angeschossenes Flugzeug – hat nur noch einen Motor. Frau Höfelmayer von Wolfertschwenden erzählt mir, dass auch zwischen Ittelsburg und Wolfertschwenden Bomben im Notwurf gefallen seien. Ein fdl. Bomber stürzte bei Haitzen ab (Zell). – Die Hauptstraße Memmingen – Kempten sei voll von fliehenden Bonzen. Man ist darüber sehr erbost – kann aber auch ihre „Angst der guten Taten“ begreifen. – Hier erzählt man sich, dass sich das einst so gute Einvernehmen zwischen Bürgermeister und dem Batl.-F. verschlechtert habe. Rückzugstaktik?
In Memmingen schaut es schrecklich aus. 3000 Volkssturmmänner waren auf dem vollkommen zerfetzten Güterbahnhof eingesetzt. Man vermutet eine neue Bombenart. Man sieht Bombentrichter mit 15 m Durchmesser. Ungezählte Tote, zerfetzt, verstümmelt. Alles sei in großer Aufregung und Wut gegen die Urheber des Krieges, die ihn nun nicht beenden wollten.
Sonntag, den 22.4.45: Witterungsumschlag – kalt – raue Winde – Regen – Aprilwetter. Wie werden die Neger frieren! – Tieffliegerangriff in aller Frühe auf den Memminger Flugplatz – angeblich auf den noch unzerstörten Bahnhof. Ein Teil des hiesigen VS arbeitet noch in Memmingen – mussten in volle Deckung gehen. Viele seien weggelaufen! Tiefflieger lassen nicht arbeiten. (...)

Weiterführende Infos sowie die oben angesprochenen Tafeln finden Sie auf den Seiten des Stadtarchivs Memmingen.

Über das Schicksal, das den 17-jährigen Soldaten Oskar Bosch bei Ölbrechts ereilte, können Sie hier nachlesen.

Scans, Repros, Recherche, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 08/2018