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21.07.1954 – Im Bannwald wird am „Motzabächle“ die erste Ottobeurer Wassertretstelle eröffnet


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Haltet Euch zu Opfern bereit für den Ausbau des Ortes, tragt die Kneippsache im Herzen und wisst allezeit, dass die Menschheit an so stillen Fleckchen wie Ottobeuren Genesung suchen und finden kann, dann ist der Aufstieg Ottobeurens sicher!
Große Worte, die Bürgermeister Josef Hasel bei der Eröffnung der ersten Ottobeurer Wassertretanlage, an die Besucher*innen richtete. Auch wenn es sich lediglich um eine kleine bauliche Anlage handelte, markierte sie doch sichtbar den Umbruch, in dem sich Ottobeuren 1954 befand: Nach ersten Ideen 1890 und 1927 wurde nun Wirklichkeit, was sich für die Geburtsheimat Sebastian Kneipps schon immer angeboten hatte: Ottobeuren war auf dem besten Weg zum Kneippkurort.

Das Prädikat wurde uns 1957 zuerkannt, die Weichen dafür wurden einige Jahre zuvor gestellt. Zu den Meilensteinen dieser Entwicklung gehörten die Wiedergründung des Kneippvereins Ottobeuren am 27.03.1953 sowie die Eröffnung der ersten beiden Kureinrichtungen: das landkreiseigene „Kurheim am Bannwald“ (7. August 1954) und das „Karlsbad (17. Oktober 1954) von Dr. Karl Hofmann und seiner Frau Anita (1922 - 2010). Es setzte eine rasante Entwicklung ein, deren erstes sichtbares Zeichen die neue Tretanlage im Bannwald sein sollte.

Ottobeuren am Scheideweg!“, lautete ein geflügeltes Wort in der vorausgehenden Bürgerversammlung. Da es bislang nicht gelungen war, im Günztal größere Industriebetriebe anzusiedeln (Alois Berger kam erst 1957), hatte man sich dazu entschlossen, „das ursprüngliche Wollen des genialen Sohnes der Pfarrei Ottobeuren zu verwirklichen“, und Ottobeuren wegen seiner günstigen Lage, seines vorteilhaften Reizklimas und seiner Eignung für seelische Therapien organisch zum Erholungs- und Kurort aufzubauen. Die Eröffnung der Wassertretstelle im Bannwald wurde gleichsam zum Auftakt des zukünftigen Ortsausbaus.

Die Ottobeurer nahmen den Appell des Bürgermeisters ernst und kamen seit der Eröffnung der Wassertretanlage „am Morgen und vor allem am Abend in hellen Scharen zu dieser idyllisch gelegenen Stätte der Erholung und Gesundung“. Von den Arm- und Fußbädern wurde reichlich Gebrauch gemacht.
Über die Eröffnung hieß es einem damaligen Zeitungsbericht:
Wer die Ottostraße hinaufgeht und den parkartigen Mischwald mit seinen seltenen Bäumen betritt, wird durch sauber geschnitzte Wegweiser (Herr Strobel) zu dem wenige Meter von der Straße entfernten Platz geleitet. An einer stillen, idyllischen und romantischen Stelle am plätschernden Bach wurde eine Blockhütte errichtet. Das „Motzabächle“ ist ein wenig gestaut worden und ergießt sich in ein ausgebautes und mit Natursteinen umrahmtes Becken, zu dem zwei Stufen hinunterführen. Ein Armbecken fängt das quellfrische Wasser aus der Reserve auf und ermöglicht so auch diese Kneippsche Anwendung. Die saubere und gediegene Anlage entwarf Architekt, Regierungsbaumeister Willy Hornung kostenlos.

Hunderte Ottobeurer kamen zur abendlichen Eröffnung am 21. Juli 1954, die von der Blasmusikkapelle musikalisch umrahmt wurde. Unter den Gästen waren außerdem: der 2. Bürgermeister Dr. Josef Briegel, Oberforstmeister Albert Schmidt, zahlreiche Gemeinderäte und sämtliche Ottobeurer Ärzte.
Als erster wandte sich Bürgermeister Josef Hasel (16.05.1897 - 06.01.1985) an die Anwesenden und wies einleitend auf „die vielen lieben Erinnerungen hin, die alle Ottobeurer mit dem Bannwald und dem Motzabächle verbinden würden. Er dankte allen Helfern am Aufbauwerk, Ottobeuren zu einer Stätte der Erholung und Genesung für Gesunde und Leidende werden zu lassen. Fleißige Hände hätten die Tretanlage geschaffen: Architekt Willy Hornung, Oberforstmeister Albert Schmidt (ihm ist im Bannwald sogar ein Brunnen gewidmet), die Gemeindearbeiter – allen voran J. Rinniger – verdienten Dank und Anerkennung, trotz der „vielen Güsse von oben“ die Bauten vollendet zu haben. Die Übergabe an die Öffentlichkeit falle auch mit dem Beginn der Tätigkeit des Bade- und Kurarztes Dr. Ahne (1908 - 2007) zusammen, der mit seiner Frau Gertha Ahne (geb. Nitsche, 1904 - 1984) Aulendorf zugunsten Ottobeurens verlassen hatte. Hasel bedankte sich bei Landrat Dr. Karl Lenz, für den Bau des „Kneippianeums“ – so eine von mehreren Begrifflichkeiten für das neue Kurheim am Bannwald – sowie für die Verpflichtung des bekannten Kneipparztes, Dr. med. Gustav Ahne aus Aulendorf, ans Kurheim des Landkreises. Dr. Ahne war vom Landrat mit Wirkung vom 1. August 1954 nach Ottobeuren verpflichtet worden. Nicht ganz unschuldig war hierbei der Kneippverein, der Ahne schon am 7.11.1953 einen Brief geschrieben und dabei in höchsten Tönen die Vorzüge Ottobeurens gepriesen hatte.

Der Vorsitzende des Kneippvereins, Alfons Wagner, betonte, dass schon bei der Gründung des Vereins der Wille bestanden habe, das Programm auf den Werdegang Ottobeurens als Kneipport auszurichten. „Keine Vereinsmeierei, vielmehr den Kneippgedanken auch in Ottobeuren zu pflegen, das war das Ziel!“, rief er aus und freute sich, dass schon in so kurzer Zeit das Werk so erfolgversprechend begonnen werden konnte. Dass der Verein wirklich anpackte und auch eine Vielzahl von öffentlichen Vorträgen anbot, spiegelte sich in der Mitgliederentwicklung wieder: Vom April 1953 bis zur Generalversammlung am 28.04.1955 hatte sich die Zahl der Mitglieder versiebenfacht.
Wagner dankte Landrat Dr. Lenz, den Bürgermeistern J. Hasel und Dr. Briegel, den Kneippärzten Dr. Gustav Ahne und Dr. Karl O. Hofmann, Oberforstmeister Albert Schmidt, Architekt Willy Hornung und den Gemeindearbeitern für ihre Initative und Arbeit. Das Bannwaldlied Ottobeurens „Nationalhymne“ – wurde gesungen.

Dann sprach der neue Bade- und Kurarzt Dr. med. Gustav Ahne. Die Eröffnung der herrlichen Tretanlage sei sicher eine Kleinigkeit, meinte er; aber damit beginne nun der Kneippbetrieb in Ottobeuren. Von ganzem Herzen beglückwünschte er den Markt zu seinem Entschluss, den schönen Ort in dieser Richtung zu entwickeln, für die er mit reichen Gaben vom Schöpfer ausgestattet worden sei. Er freue sich, in die Geburtsheimat Pfarrer Kneipps berufen worden zu sein. Dem Ruf sei er gern gefolgt. „Wir werden auch in bewusster Nachfolge des großen Sohnes der Pfarrgemeinde Ottobeuren das Schlichte, Einfache, Naturverbundene und Gottesnahe seiner Lehre pflegen und besonders eine vorbeugende Gesundheitspflege lehren“, sagte er. Er forderte die Ottobeurer auf, die Kneippanwendungen aktiv zu betreiben und auch eine innere echte Nachfolge Kneipps anzutreten. Nur gemeinsame Arbeit könne das Werk gelingen lassen.

Unter den Klängen der Musik fand abschließend die „Polonaise der Prominenten“ statt, die sich im Wassertretbecken tummelten (s. Eingangsfoto). Links von Bürgermeister Hasel ist Louis Zuchtriegel (1913 - 1974) zu sehen, hinter diesem läuft ein komplett verdeckter Mann, hinter diesem wiederum ist Dr. Ahne zu erkennen. Wer ist der Mann ganz im Hintergrund des Tretbeckens? Dr. Josef Briegel?

Trotz einer weitgehend leeren Gemeindekasse mussten zur Entwicklung der Kneippkur weitere Angebote an die Kurgäste geschaffen werden: von der Ausgestaltung des Kurviertels bis hin zum Ausbau des Wanderwegenetzes bzw. der „therapeutischen Spazierwege“. In besagter Versammlung 1955 berichtete der Landrat davon, er habe eine Gartenarchitektin mit der Planung einer „barocken Anlage“ beauftragt, „vor Basilika, Kloster, Amtsgebäude bis hinauf zum Kurheim“.
Im Mai 25. Mai 1956 kam eine Fachkommission nach Ottobeuren, um zu untersuchen, ob man schon jetzt den Status eines Kneippkurorts zuerkennen könne.

Die Wassertretanlage im Bannwald blieb einige Zeit die einzige. Auf der Vorstandssitzung des Kneippvereins am 8. Mai 1955 bat Bürgermeister den Verein um Unterstützung beim Bau einer Tretanlage am „Karlsbad“. Dr. Hofmann (1915 - 1991) sei an ihn herangetreten, da die Kosten für ihn als Betreiber zur Zeit zu hoch wären. Die Benützung sollte allen Bürgern offenstehen. Schriftführer Martin Eberding schlug deshalb vor, „in freiwilligen Arbeitsstunden vom Kneippverein die Erdarbeiten – zum Teil oder ganz – ausführen zu lassen“. Dieser Vorschlag fand allgemein Zustimmung. Trotzdem hieß es im Protokoll über die Ausschuss-Sitzung vom 16. April 1955, dass „die Wassertretanlage bei Dr. Hofmann (Schelmer Heide) nun baldigst in Angriff genommen werde".

Wann diese Anlage von wem fertiggestellt wurde, ist noch nicht klar, am 25. Juli 1956 jedenfalls wurde eine weitere Wassertretanlage eröffnet – in einem Feldgehölz im Hang westlich von Guggenberg. Im Zeitungsbericht hieß es, der neue Kurausschuss hätte mit der raschen Umsetzung dieses lange geplanten Projekts eine Visitenkarte abgegeben. Die beiden Kurheime Karlsbad und Depprich, die im Osten des Marktes liegen, haben schon lange gewartet, bis ihre Tretanlage eröffnet wird.
Der Guggenberger Bürgermeister Mayer freute sich, dass „der Kneipp-Gedanke damit auch in seiner hochgelegenen, idyllischen Gemeinde eingekehrt" sei. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Anlage nicht nur von Kurgästen genutzt würde, sondern auch die Ottobeurer und Guggenberger „fleißig wassertreten" kommen würden, um sich abzuhärten und so ihrer Gesundheit zu dienen.
Bürgermeister Hasel dankte der Familie Laubacher vom „Gasthaus zur schönen Aussicht, die den Grund zur Verfügung gestellt hatte sowie dem Kloster Ottobeuren, über dessen Wiese man nun zur Wassertretanlage gelangen könne. Sein Dank galt außerdem dem Kneippverein (Alfons Wagner / Eugen Glöggler und Martin Eberding), dessen Vorstände – nach Feierabend – die Erdarbeiten vorgenommen hatten sowie Mitarbeitern des Bauhofes, allen voran Meister Rinninger, für die Ausführung des Bauwerks.

Wie bereits 1954 im Bannwald, sprach Bürgermeister Hasel 1956 wiederum ausführlich das Vandalismus-Problem an und appellierte vor allem an die Jugend und die „Halbstarken, ihre Zerstörungswut nicht an solchen Kureinrichtungen auszutoben, die für das Leben eines werdenden Kurortes von entscheidender Bedeutung seien. Mutwillige Beschädigungen seien auch eine Belastung des gemeindlichen Haushalts.
Wie bei einer Olympiade sprach Hasel abschließend die Eröffnungsworte: „Dem Schutze der Öffentlichkeit empfehle ich die Tretanlage, die jetzt offiziell benützt werden kann!

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2021 wurde die Wassertretanlage im Kaltenbrunn erneuert. Die ganze Vielfalt in der Gestaltung von Wassertretstellen lässt sich auf der Internt-Seite „Wassertreten.com von Stefan Seidl ersehen; manch schöne Anlage sei zur Nachahmung empfohlen!

Das Foto aus dem Kneipp-aktiv-Park mit einem Chor aus Polen (Cantata aus Niepolomice) wurde am 21.05.2018 gemacht. Ein weiteres Foto von dieser Anlage zeigt den Zustand vermutlich in den 1960er Jahren.

Wer auf den Bildern von 1954 Personen erkennt, bitte melden!

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Recherche, Abschriften, Repros und Fotos: Helmut Scharpf, 06/2021