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17.10.1954 – Mit dem „Karlsbad“ wird das zweite Ottobeurer Kneippkurheim eröffnet


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Das Jahr 1954 brachte die Kneippkur in Ottobeuren entscheidende Schritte voran: Der Eröffnung des „Kurheims am Bannwald“ am 7. August 1954 sowie der ersten Wassertretanlage (am „Motzabächle“ im Bannwald) folgte am 17. Oktober 1954 das „Kurheim Karlsbad“ von Dr. Karl und Anita Hofmann.

Das Eingangsfoto zeigt Gelände und Haus an der Ecke Guggenberger Straße / Uhlandstraße – mit damals noch unverstelltem Blick nach Süden, der bis zur Aussegnungshalle auf dem Friedhof bzw. zur Sebastianskapelle sowie zum Schelmenheider Wald reichte.
Das gedruckte Tagesprogramm begann mit den Worten: „Familie Dr. Karl O. Hofmann erlaubt sich ergebenst Euer Hochwohlgeboren zu der am Sonntag, den 17. Oktober 1954 stattfindenden FESTLICHEN ERÖFFNUNG des „KNEIPP-KURHEIMES Dr. HOFMANN“ in Ottobeuren herzlich einzuladen.“    

Beim Richtfest für das „Karlsbad“ Ende Juni hieß es noch, das Haus mit rund 100 Betten und einem Trakt für die Wasser- und Bäderanwendungen aller Art solle bis Ende August 1954 eröffnet werden. Die ersten 50 Anmeldungen – darunter aus Holland – lagen bereits vor. Die Gäste wurden bis dahin zum Teil auch in Hotels und Gaststätten vor Ort untergebracht. Im ersten Bauabschnitt – von insg. drei – wurden die Praxisräume, Bäder, Wickelräume, ein Tagesraum (Halle) und eine Wassertretanlage eingebaut. Fachpersonal war bereits verpflichtet worden, um eine individuelle Behandlung der Patienten und Erholungssuchenden zu gewährleisten. Erst Mitte Oktober konnte tatsächlich eröffnet werden. Allen Wünschen sollte durch eine „neuzeitliche Einrichtung“ Rechnung getragen werden. Mit dem „Kneippianeum“ – gemeint ist das „Kurheim am Bannwald“ – sollte laut Dr. Hofmann eng zusammengearbeitet werden.

Er und der dortige, seit 1. August 1954 tätige Kneipparzt, Dr. Gustav Ahne, waren beide Schüler des „Kneipp-Papstes“ Dr. med. Josef Kaiser (*1906, † ?), der 1976 Ehrenbürger von Bad Wörishofen werden sollte und nach dem dort sogar ein Weg benannt wurde: der „Sanitätsrat-Dr.-Kaiser-Weg“. Kaiser war bereits seit seinem Medizinstudium mit der Kneipp-Bewegung verbunden und hat sich in mehr als 50 Jahren außerordentliche Verdienste um die Kneipp-Therapie erworben. Dr. med. Kaiser* war bereits vor Fertigstellung des Kurheims zweimal in Ottobeuren gewesen und hatte dabei festgestellt, dass der Ort „wirklich ideale Voraussetzungen“ besitze. Von der Lage, dem Klima, dem religiösen und kulturellen Leben sei Ottobeuren sehr geeignet, sich als weiterer Kneipport im günstigen Voralpenland zu etablieren. Er glaubte fest daran, dass bei guter Zusammenarbeit aller Kreise „die Kneippsache in Ottobeuren einen raschen Aufschwung“ nehme, zudem der Landkreis „mit dem herrlichen Heim am Bannwald einen sicheren Grundstock gelegt“ habe.
Auch zur Eröffnung des Karlsbades war Dr. Josef Kaiser wieder in Ottobeuren: um am Abend des 17. Oktober im vollbesetzten „Hirsch-Saal“ vor 500 Besuchern einen Festvortrag („Kneipp in unserer Zeit“) zu halten (s. Ankündigung).

Dr. Karl O. Hofmann (1915 - 1991) stammte aus Karlsbad (Karlovy Vary) im Westen des heutigen Tschechien, einem der berühmtesten und traditionsreichsten Kurorte der Welt, und praktizierte dort als Allgemeinarzt. Karlsbad war im Mai 1945 von den Amerikanern eingenommen und am 11. Mai 45 an die Russen übergeben worden. Noch vor der Übergabe an die Rote Armee floh er mit seiner Frau Anita (1922 - 2010) und kam – auch wenn er kein Chirurg war – mit einem Rucksack voller wertvoller chirurgischer Bestecke aus dem Karlsbades Krankenhaus nach Ottobeuren. Er praktizierte in der „Hafner-Villa“ zunächst weiter als Allgemeinarzt, bevor er zu einem günstigen Preis das Grundstück des zukünftigen Kurheimes erwerben konnte. (In seiner Freizeit ging er seiner Leidenschaft als passionierter Jäger nach, bei der Jagd verbrachte er teils ganze Nächte; seine Jagdhütte zwischen Stephansried und Attenhausen steht heute noch.)

Hofmann sah seine Anstalt als eine „ideale Ergänzung“ und beabsichtigte eine Zusammenarbeit mit dem „Kneippianeum“ am Bannwald. In Ottobeuren erkannte er durch seine ruhige Lage, die waldreiche und schöne Umgebung und die Möglichkeit der seelischen Therapie „wichtige Faktoren für Erholung und Heilung, für Kranke und gehetzte Menschen unserer Zeit“.
Der Bauplan für die Kureinrichtung stammte von dem Architekten und Regierungsbaumeister Wilhelm Hornung (27.04.1908 - 31.08.1980), die ausführende Baufirma war Johann Mayer & Söhne, Ottobeuren.

Das moderne Heim war mit seinem ersten Bauabschnitt nun vollendet und bereits besetzt, der weitere Bettentrakt sollte Ende 1954 im Rohbau entstehen. Die kirchliche Weihe gab den Anlass zu einigen öffentlichen Feiern, mit der Weihe des Hauses beging auch der Kneippverein Ottobeuren einen großen Tag, hatten doch seine leitenden Männer, voran der einstige Bürgermeister Adolf Fergg (*06.05.1877, † 02.12.1945), der diesen Tag nicht mehr erleben konnte, und Ehrenvorsitzender Robert Herz seit drei Jahrzehnten dieses Ziel verfolgt und wertvolle Pionierarbeit geleistet.

Der feierliche Akt der Einweihung wurde am 17. Oktober 1954 – einem Sonntag – um 11 Uhr mit einem halbstündigen Standkonzert der Blasmusikgesellschaft Ottobeuren vor dem Kurheim eingeleitet.
Zum Foto mit der ganzer Blasmusik hier eine kurze Aufzählung einiger Beteiligter: In der vorderen Reihe der Instrumentalisten stehen (v.l.): Herr Wagner (an der Flöte, Bruder von Alfons Wagner), Josef Zick (stammt aus dem oberen Markt, hat als Bauer nach Attenhausen geheiratet), Herr Holderieder (Wagnerei, an der Nordostecke zum heutigen Fenebergparkplatz), der Dirigent hieß ev. Rothach (war bei der Bundesbahn), rechts neben ihm Ulrich Batscheider (Trompete; stellte Spielwaren her; war mit Reinald Scheule in der Schule). (Der Trompeter ganz rechts ist bislang noch nicht bekannt.)
Bei dem Posaunist auf dem Foto mit den drei sichtbaren Instrumenten handelt es sich Uhrmachermeister Max Mahler sen.

Im Anschluss sang der Männergesangverein (Ltg. Chorregent Hans Braun; 1909 - 1991) zur kirchlichen Einsegnung, die der Ortspfarrer, Pater Maurus Zech (OSB), vornahm. Durch Herrn Pfarrer A. Reinel war auch die evangelische Kirche vertreten. Nach einem Begrüßungsgedicht, vorgetragen von zwei kleinen Mädchen, begrüßte der Bauherr Gäste und Bevölkerung. Der Bundesvorsitzende der deutschen Kneippvereine, Carl Geyer – Augsburg, der Ortsvorsitzende des Kneippvereins Ottobeuren, Alfons Wagner, Bürgermeister Josef Hasel und Landrat Dr. Karl Lenz hielten kurze Ansprachen. Im Anschluss stand das Haus zuerst für die Ehrengäste, unter denen die beiden Vorsitzenden des Deutschen Kneippärztebundes, Dr. Christian Fey – Bad Wörishofen, und Dr. Josef Kaiser – Boppard, weilten, zur Besichtigung offen, dann für die gesamte Bevölkerung von Ottobeuren und Umgebung.

Bei der gemeinsamen Mittagstafel im nahe gelegenen Gasthaus „Stern“ sagte Frau Mahler aus Ottobeuren, eine nahe Verwandte Kneipps, ein köstliches Begrüßungsgedicht aus ihrer Schulzeit auf, das sie bei einem Besuch Kneipps in seiner Heimat vor rund 50 Jahren vorgetragen hatte.

Um 16 Uhr warteten vor dem Kneipp-Kurheim Dr. Hofmann Omnibusse, um die Ehrengäste und auch die interessierte Bevölkerung und Kneippfreunde nach Stephansried zum Kneippdenkmal zu fahren, an dem Ottobeuren seinem Pfarrkind in Dankbarkeit huldigte. Die gärtnerische Anlage war von Gärtnermeister Ludwig Plersch in den letzten Tagen sorgfältig hergerichtet worden. Eine Fahne wurde aufgezogen und ein Bläserquartett leitete den Akt mit einem Choral ein.
Der Bundesvorsitzende der Kneippvereine, Carl Geyer aus Augsburg, hielt eine Gedenkrede. Er schilderte in seiner Gedenkrede das Leben des „genialen Wohltäters der Menschheit“. Ergreifend legte er dar, wie an dieser historischen Stelle ein Feuer den Besitz der armen Weberfamilie vernichtete und der junge Mann lernte, die irdischen Dinge in ihrer Vergänglichkeit richtig einzuschätzen. Die Grundlagen seiner weltweiten Lehre habe er in seiner Heimat gefunden. Amerika habe Kneipp anläßlich einer Rundfrage auf den 5. Platz unter den Weltberühmtheiten gestellt, so weit wäre seine naturgemäße Heil- und Lebensweise bereits durchgedrungen.
Dann schmückte der Ehrenvorsitzende des Ottobeurer Kneippvereins, Robert Herz, der noch Kneipps Ministrant bei seinen Besuchen in der vielgeliebten Basilika war, mit einem Blumengebinde der Kneippfreunde das Denkmal, während der feierliche Choral „Die Himmel rühmen“ von Beethoven durch die Bläser in die sonnige Herbstnatur hinaushallte.
Etwa 200 Kneippfreunde waren mit Omnibussen und zu Fuß zum Denkmal in Stephansried gekommen.

Der Tag wurde durch einen festlichen Abend gekrönt, den der Kneippverein Ottobeuren um 20 Uhr im „Hirschsaal“ für die Öffentlichkeit des Stadt- und Landkreises veranstaltete. Das Streichquartett Hans Braun stimmte musikalisch auf die Veranstaltung ein. Chefarzt Dr. Friedrich Kuhn eröffnete den Abend mit einer kurzen Ansprache. Dann folgt der Festvortrag von Dr. med. Josef Kaiser. Der bekannte Kneipparzt sprach über „Kneipp in unserer Zeit“ und ging vor allem auch auf die Bedeutung der Geburtsheimat Kneipps ein.
Rund 500 Menschen kamen zu dem Festvortrag von Dr. med. Josef Kaiser – Boppard, in den „Hirschsaal“. Dr. Freidrich Kuhn betonte, daß nach jahrzehntelangen vergeblichen Versuchen nun schon der 2. Startschuss für den Aufstieg Ottobeurens als Kneipport innerhalb weniger Monate gefallen sei. Der starke Besuch sei ein Bekenntnis zur Mitarbeit an dem Ziel, Ottobeuren nach dem Willen des Priesterarztes Kneipp „zu einer Insel des Friedens und der Gesundheit“ auszubauen. Sein besonderer Gruß galt dem prominenten Kneipparzt Dr. Kaiser, der dann rhetorisch glänzend über das Thema „Kneipp in unserer Zeit“ sprach.

Zunächst überbrachte Dr. Kaiser in seiner Eigenschaft als 2. Vorsitzender die Glückwünsche des Deutschen Kneippärztebundes an Dr. Hofmann und die Geburtsheimat Kneipps. Dann skizzierte er, wer Kneipp war und wodurch er berühmt wurde. Über seine Persönlichkeit hinaus habe er eine Lehre hinterlassen, deren Genialität erst jetzt auch von der Wissenschaft erkannt werde. Nicht bloß seine Wasseranwendungen seien wichtig, sondern auch seine Auffassungen über Ernährung, Lebensreize und Seelentherapie. Der wichtigste Grundzug seiner Lehre sei die Erkenntnis, daß der Mensch immer eine unteilbare Einheit von Leib und Seele sei. Der Redner wies nach, welche Umwälzung diese Auffassung in der Medizin gebracht habe. „Das Wasser ist nur das königliche System des Trainings“ erklärte der Vortragende. Die bewußte Methode der Durchblutung schuf Kneipp. An Beispielen über einige Krankheiten erläuterte Dr. Kaiser die Auswirkungen der Lehre, aber auch die zivilisatorischen Schäden unserer raschlebigen Zeit. Die Allgemeinheit solle sich die Definition Kneipps zu eigen machen, der gesagt hat: „Gesund ist, wer mit sich und der Welt fertig werden kann.“ Dr. Kaiser freute sich, daß sich seine zwei Schüler – Dr. Ahne und Dr. Hofmann –  einen neuen Wirkungskreis im Dienste Kneipps geschaffen haben und an der Verbreitung der Lehre Kneipps mitwirken.

Der Schriftführer des Ottobeurer Kneippvereins, Martin Eberding, dankte dem Vortragenden und hob hervor, „dass Ottobeurens Kneippärzte die Garanten dafür seien, die Kneippsache in der Geburtsheimat des Genius vorbildlich zu verankern“. Abschließend dankte Dr. Hofmann in seinem Schlusswort aufrichtig allen Beteiligten für die Gestaltung des Tages und der Weihe seines Hauses.   
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Tipp: Wenn Sie mit der Mouse über die Vorschaufotos streichen, erhalten Sie jeweils Zusatzinfos!
18 Fotos – aus der Chronik des Kneippvereins Ottobeuren – sind im Original lediglich 3,5 x 2,5 cm groß, vier hatten eine Größe von zumindest 9 x 6,5 cm. Sie wurden hochauflösend gescannt und aufwändig nachbearbeitet. Es hat sich gelohnt, stellt das Ereignis doch einen Meilenstein der Entwicklung Ottobeurens dar, nicht nur als Kurort.
Das Prädikat „Kneippkurort“ wurde Ottobeuren übrigens 1957 verliehen, schon vor dem Krieg war mit dem Begriff „Luftkurort“ geworben worden. Der Vollständigkeit halber sind hier auch drei Fotos von der Einweihung des „Kurheims am Bannwald“ vom 7.8.54 eingestellt; das Thema wird zu gegebener Zeit in einem eigenen Beitrag verarbeitet werden!

1971 listete die Kurverwaltung in einem eigenen Fremdenverkehrsprospekt („Kneippkurort Ottobeuren, Allgäu/660-700m. Ganzjähriger Kurbetrieb“) eine Fülle von Kuranwendungen auf, es wurde die „Kurabgabe“ beziffert (von 10 bis 50 Pfennig/Tag), das 40 km lange Netz an Spazierwegen (Ende der 1950er waren es erst 20 km) sowie die „ärztlich geleiteten Kurheime“, als da waren:

Kneippkurheim am Bannwald, Bannwaldweg 11
(Dr. med. Gustav Ahne / Dr. med. L. Brückner)
Besitzer: Landkreis Memmingen (Zweckverband)

Kneippkurheim Dr. E. Büsse, Mozartstraße 22
(Dr. med. L. Brückner)

Kneippkurheim Helenenbad, Am Sonnenbühl 9
(Dr. med. Georg Epple; aus Bad Grönenbach)
Besitzer: Familie Heiss

Kneippkurheim Dr. Hofmann (Karlsbad), Guggenberger Straße 10
(Dr. med. Karl Hofmann)
Besitzer: Dr. Karl und Anita Hofmann

Kneippkurheim Marienbad, Am Sonnenbühl 19
(Dr. med. Josef Briegel)
Besitzer: Hans Beltle

Kneippkurheim am Park (Ämtergebäude), Seb.-Kneipp-Str. 2
(Dr. med. Rolf Kuhn und Dr. Gustav Ahne)
Besitzer: Landkreis Memmingen (Zweckverband)

Kneippkurheim St. Ulrich, Bannwaldweg 10
(Dr. med. L. Brückner)
Besitzer: Familie Fürholzer

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Recherche, Abschriften, Repros und Bildbearbeitung sowie Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 06/2021
Nach diesern ersten vier Fotos werden im Laufe der nächsten Tage noch weitere Fotos eingepflegt!

* Vgl. den Abschnitt „Personalia“ in: Deutsches Ärzteblatt Nr. 35 vom 27.08.1981, in dem es heißt:
Sanitätsrat Dr. med. Josef H. Kaiser, Bad Wörishofen/Boppard, feiert am 1. September [1981] seinen 75. Geburtstag. Der Jubilar ist bereits seit seinem Medizinstudium mit der Kneipp-Bewegung verbunden. Er hat sich in mehr als 50 Jahren außerordentliche Verdienste um die Kneipp-Therapie erworben. Jahrzehntelang war Dr. Kaiser im engeren Vorstand der Ärztlichen Gesellschaft für Physiotherapie, des Kneipp-Ärztebundes, tätig, dessen Ehrenvorsitzender er heute ist. Auf seine Initiative hin wurde 1962 die Internationale Kneipp-Föderation gegründet. Darüber hinaus engagierte sich Dr. Kaiser in vielen anderen Gremien und Fachverbänden, insbesondere dem Deutschen Bäderverband. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt Dr. Kaiser u. a. 1967 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 1975 ernannte ihn die Landesregierung Rheinland-Pfalz zum Sanitätsrat, 1976 wurde er Ehrenbürger der Stadt Bad Wörishofen.